Deutschland braucht Liebe

Zuwenig Ehen, zu viele Scheidungen, keine Treue - staatliche Familienpolitik wird das Problem der Kinderlosigkeit nicht lösen, sagt der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg



DIE WELT: Herr Birg, Deutschland hat eine Geburtenrate von 1,3 Kindern pro Frau. Warum bekommen wir so wenige Kinder?

Herwig Birg: Die Gründe dafür sind in unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu finden. Die Marktwirtschaft verlangt von der Gesellschaft hohe Anpassungsfähigkeit, Mobilität und Flexibilität. Nur dann können wir mit einer hohen Produktivität und hohen Einkommen rechnen. Dadurch fehlt vielen aber die Möglichkeit, die mobilitätshemmenden Entscheidungen zu treffen: Eine frühe und vor allem lange Bindung an einen Partner und frühe Elternschaft. Diese Umstände führen dazu, daß wir nicht nur eine der weltweit niedrigsten Geburtenraten, sondern auch eine der niedrigsten Eheschließungsraten und höchsten Scheidungsraten haben.

DIE WELT: Ist die Ökonomie also verantwortlich?

Birg: Die Erwerbswelt hat immer Priorität. Sie können nicht einfach sagen, jetzt setze ich mal für fünf Jahre aus, um meine Kinder zu erziehen. Das wäre ein Ausstieg für immer und folglich eine Bedrohung der eigenen Existenz.

DIE WELT: Spielt die Liebe nur noch eine untergeordnete Rolle?

Birg: Offensichtlich hat diese Gesellschaft die Ideale vergessen, die man früher selbstverständlich mit dem Lebenslauf verknüpft hat: die lebenslange Treue und Liebe. Das wird nicht mehr in Erwägung gezogen, weil sich die Durchsetzung dieses Ideals als utopisch erwiesen hat. Die Überlegungen haben heute vielmehr mit oberflächlichen Effizienzkriterien zu tun. Nichts als Kosten und Nutzen werden bilanziert. Familien lohnen sich für Unternehmen - das ist inzwischen das Hauptargument für Familie geworden. Warum sollte diese Absurdität jemanden dazu veranlassen, ein Kind in die Welt zu setzen?

DIE WELT: Die These, daß sich Familie im wirtschaftlichen Sinne lohne und deshalb zu fördern sei, vertritt der amerikanische Ökonom Gary S. Becker. Dafür hat er den Nobelpreis erhalten.

Birg: Herr Becker betrachtet doch die Liebe nur unter dem Gesichtspunkt von Kosten und Nutzen. Liebe sei letztlich ökonomisches Kalkül, rechnet er vor. Nach Beckers Auffassung handeln wir als nutzenmaximierende Individuen und als sonst gar nichts. Zu früheren Zeiten hätte man einen solchen Denkansatz als inhuman bezeichnet.

DIE WELT: Frankreich hat eine Geburtenrate von 1,9 und viel bessere Betreuungsmöglichkeiten für Kinder. Es scheint also, daß Beruf und Familie dort besser vereinbar sind.

Birg: Die französischen Mütter, die ihre Kinder in staatliche Betreuungseinrichtungen abgeben, sind doch keineswegs alle erwerbstätig. Ihre Erwerbstätigenquote entspricht bei weitem nicht der der Männer, obwohl es so sein könnte, da die Betreuung ja gesichert ist.

DIE WELT: Die Politiker sagen, daß sich die Geburtenrate automatisch erhöht, wenn Beruf und Familie vereinbar sind.

Birg: Tatsächlich hat die Familienministerin eine falsche Botschaft verbreitet. Sie äußerte, es gebe Länder mit hoher Erwerbsquote und gleichzeitig hoher Geburtenrate. Daraus schloß sie, daß dies in Deutschland gleichfalls zu realisieren sei. Das aber ist eine Scheinkorrelation und daher Unsinn. Denn überall dort, wo in Deutschland die Geburtenrate hoch ist, ist die Frauenerwerbsquote niedrig.

DIE WELT: Kann eine staatliche Familienpolitik dann überhaupt wirksam sein?

Birg: Familienpolitik wirkt, aber nur sehr schwach. In allen Ländern der Erde, die versucht haben, die Geburtenrate durch staatliche Maßnahmen zu erhöhen, kann man feststellen, daß die Geburtenrate zwar anstieg, aber doch nach vier bis fünf Jahren wieder zurückging. In Deutschland beispielsweise hat die Einführung des Mutterschaftsurlaubs nur einen kleinen Effekt gehabt, der bald wieder verbraucht war. Die staatlichen Anreize wirken, aber eben nicht nachhaltig. Das liegt auch daran, daß sich die Menschen sehr rasch auf neue Verhältnisse einstellen und dann neue Anreize verlangen.

DIE WELT: Aus diesem Befund wäre zu schließen, daß auch die Bereitstellung von mehr Betreuungsplätzen für Kinder auf lange Frist keinen großen Effekt hat.

Birg: Das wird sehr wenig bringen. Nach Schätzungen hat die Summe aller familienpolitischen Maßnahmen in Frankreich die Geburtenrate nur um etwa 0,2 Kinder pro Frau erhöht. Ohne Familienpolitik hätte Frankreich daher eine nur geringfügig schlechtere Rate. Aber über Jahrzehnte summieren sich auch die mäßigen Erfolge: Frankreich hat zwar 20 Millionen weniger Einwohner, aber inzwischen mehr Geburten als Deutschland.

DIE WELT: Trotzdem läge nach Ihren Ausführungen die OECD falsch, die vor wenigen Wochen die ostdeutschen Betreuungsverhältnisse zum Maßstab erhoben hat.

Birg: Die Geburtenrate hat sich in den neuen Ländern trotz des hohen Betreuungsniveaus nach 1989 auf weniger als die Hälfte verringert. Das war auch nicht anders zu erwarten, denn die Risiken langfristiger Festlegungen sind durch die Wiedervereinigung dramatisch gestiegen. Eine Frau, die in dem neuen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem Kinder bekam, versperrte sich den Zugang zu einem - gemessen am DDR-Staat - wesentlich höheren Lebenseinkommen. Von 0,7 hat sich die Geburtenrate nun auf 1,2 erholt. Dabei wird sie jedoch stehenbleiben, denn im Osten gibt es nicht so viele Zuwanderer wie im Westen der Republik, die das Niveau anheben.

DIE WELT: Der Blick in die deutsche Geschichte zeigt, daß die Geburtenrate stets nach Kriegen und Krisen stark gestiegen ist . .

Birg: Der Nachkriegsbabyboom hat wahrscheinlich seine Ursache in einer Mentalität, deren Grundlagen vor dem Zweiten Weltkrieg gelegt worden sind. Das heißt: Die Menschen, die den Boom auslösten, wurden noch vor dem Krieg sozialisiert. Die damals vermittelten familienbezogenen Tugenden und Werte wurden später dann durch die 68er Kulturrevolution abgewertet. Insgesamt läßt sich jedoch feststellen, daß die Erholung der Geburtenrate nach einer Krise nicht zwingend ist. Denn das Geburtenniveau hat im langfristigen Durchschnitt abgenommen - seit dem Ende des 19. Jahrhunderts geht in Deutschland die Geburtenrate kontinuierlich zurück.

Mit Herwig Birg sprach Joachim Peter

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Copyright WELT.de 2005. Der Artikel erschienen am 31. Januar 2005
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