Zweite deutsche Islamkonferenz "ohne Ergebnis" Was nun?

Ein kritischer Kommentar

von Christine Schirrmacher [ 1 ]


Innenminister Wolfgang Schäuble eröffnete am 2. Mai 2007 das zweite Plenartreffen der "Deutschen Islamkonferenz". 15 muslimische Vertreter unterschiedlicher Couleur sowie 15 Vertreter deutscher Behörden traten zusammen, um über die rechtliche Stellung der muslimischen Minderheit zu beraten. Am Abend des 2. Mai hieß es, das Treffen sei ein "Erfolg" gewesen, weil es stattgefunden habe. Ein konkretes Ergebnis aber gäbe es nicht, zumindest nicht sofort.


War ein Ergebnis zu erwarten? Eigentlich nicht.

Ein Grund liegt darin, dass viel Versäumtes nachzuholen ist. Derartige Gespräche hätten längst geführt werden müssen, waren aber in Zeiten der Realitätsverweigerung nicht angesagt, sonst hätte man Deutschland schon vor langer Zeit als Einwanderungsland erkennen müssen, in dem im Schatten von Multi-Kulti, Ignoranz und Gleichgültigkeit politische Gruppen ihre Netzwerke errichteten.

Zum zweiten konnte die Islamkonferenz auch aufgrund der höher gespannten Erwartungen von muslimischer Seite schwerlich direkte Ergebnisse erbringen. Bereits im Vorfeld, Ende März, war der KRM, der "Koordinationsrat für Muslime" von vier muslimischen Dachverbänden gegründet worden und hatte sich mit zahlreichen Forderungen an den deutschen Staat gewandt. Bedenklich schien nicht nur der türkischstämmigen Soziologin Necla Kelek ("Die verkaufte Braut", "Die verlorenen Söhne"), dass sich für den KRM die Vertreterin des laizistischen Staatsislam, DITIB, mit den als orthodox-konservativ bis islamistisch beurteilten Gruppen "Islamrat" (IR), "Zentralrat" (ZMD) und "Verband islamischer Kulturzentren" (VIKZ) verbündet hatte, für die die Scharia vor westlichen Menschenrechten geht. Dieser KRM beansprucht nun nun mit seinen allenfalls 300.000 Mitgliedern (10% aller Muslime in Deutschland) nachdrücklich, für "die Muslime" zu sprechen.


Unterschiedliche Erwartungen

Zum dritten sind auch deshalb keine schnellen Ergebnisse zu erwarten, weil sich die Ziele der Gesprächspartner selbstverständlich erheblich voneinander unterscheiden. Der Bundesregierung geht es darum, radikalen Vertretern der muslimischen Gemeinschaft das Wasser abzugraben, indem sich führende Muslime selbst mäßigend und integrationsfördernd äußern, so dass es zu einer gemeinsamen "Verteidigungslinie" der Dachorganisationen und des deutschen Staates gegen die Radikalen kommen könnte.

Die muslimischen Dachverbände erhoffen sich dagegen vor allem mehr Anerkennung und Mitspracherecht, am liebsten sofort die Gleichstellung mit den christlichen Kirchen und die Anerkennung als KdöR. Diesen hohen Erwartungen entsprechend wird natürlich Druck aufgebaut (O-Ton des Vorsitzenden des ZMD, A. Köhler: "So kann es nicht weitergehen, dass man ziellos debattiert") und dosiert Vorwürfe erhoben (so hat A. Mayzek, Generalsekreär des ZMD den Eindruck "dass man sich vor der Anerkennungsfrage fürchtet wie der Teufel das Weihwasser"). Dies wird, vom Hintergrund der nahöstlichen Kultur betrachtet, auch so lange der Fall sein, bis von der anderen Seite klare Grenzen formuliert werden.


Fazit

Gut, dass Vertreter des Staates und verschiedene muslimische Gruppen miteinander am Verhandlungstisch sitzen. Gut, dass sich der politische Islam mit seinen Kritikern auseinandersetzen muss. Auch eine solche, vor den Augen der Öffentlichkeit auf höchster Ebene geführte Diskussion kann der Definition von Problemen und deren Klärung dienen. Sie demonstriert zudem die Gesprächs- und Verhandlungskultur dieses Landes ein indirekte Absage an Gewalt und Drohungen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen die unausweichlichen Konflikte mit Vertretern des organisierten Islam mutig und unerschrocken in Angriff nehmen, indem sie unaufgebbare Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und des christlichen Abendlandes als "status sine qua non" formulieren. Die Bundesregierung ist Initiator und Gastgeber der Konferenz, sie hat die Minderheiten zum Gespräch eingeladen, nicht umgekehrt. Man sollte daher nicht warten, bis eloquente Vertreter muslimischer Organisationen neue Forderungskataloge erheben oder Sinn und Ziel der Konferenz definieren, sondern eigene Erwartungen klar vermitteln:

  • a) Eine Verurteilung der Befürwortung von Gewalt und Terror durch muslimische Prediger und Meinungsführer, nicht nur eine allgemeine Absage an Terror und Gewalt

  • b) Eine eigene Begründung der rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau, der Freiheitsrechte für Frauen und nicht nur die Anerkennung ihrer "gleichen Würde"

  • c) Ein begründendes Eintreten für Grundgesetz und Demokratie anstatt Abgrenzung und Verurteilung der deutschen Gesellschaft als "Ungläubige" und

  • d) ein Entgegenwirken der Verfolgung von Konvertiten.

Der Islam stellt Europa immer nachdrücklicher die Frage nach seiner Identität und Werteordnung und wie lautet unsere Antwort?


[ 1 ] Dr. Christine Schirrmacher studierte Islamwissenschaft, Geschichte und Religionswissenschaft in Giessen und Bonn und promovierte 1991 mit einer Arbeit zur christlich-islamischen Kontroverse im 19. und 20. Jahrhundert. Sie unterrichtet Islamkunde an der Freien Theologischen Akademie Giessen und im Martin Bucer Seminar Bonn und Hamburg. Sie ist wissenschaftliche Leiterin des "Instituts für Islamfragen (IfI) der Deutschen Evangelischen Allianz" (www.islaminstitut.de) und veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema Islam, darunter "Der Islam Geschichte, Lehre, Unterschiede zum Christentum", 2 Bde., Hänssler: Holzgerlingen 1994/2003.



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Ins Netz gesetzt am 07.06.2007; letzte Änderung: 06.05.2016

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