Wie führe ich eine glückliche Ehe?

- Das Geheimnis einer glücklichen Ehe -

von Joachim Lask


Hochzeit. Ein Tag, den wir uns etwas kosten lassen. Er gehört zu den wichtigsten Tagen in unserem Leben. Bis dahin muß aber auch einiges geleistet werden: gute Schulausbildung, Lehre/Studium, ein gesichertes Einkommen. Am besten einige Bausparverträge oder Lebensversicherungen, die für das Eigenheim schon angespart werden. Ach ja, Kinder sollen auch dazukommen. Der richtige Zeitpunkt muß aber noch abgewartet werden, klar - wegen der beruflichen Laufbahn und des Auslandsaufenthaltes, der einfach gut im Lebenslauf aussieht. Partnerschaft und Familie sind aber auch ein "Muß". Sie bieten einem erst das rechte Gefühl, zu Hause zu sein. Ohne einen Partner durchs Leben zu gehen, nein, da fehlt etwas Entscheidendes.

"Glücklicher zu zweit", so bringt es der Spiegel auf den Punkt (23. Okt. 00) und beschreibt, wie das Pendel zwischen Freiheit und Bindung entgegen der letzten Jahrzehnte, die im Zeichen von Selbstverwirklichung und Egoismus standen, in Richtung Sehnsucht nach Bindung ausschlägt. Und hierfür gibt es mehr als Indizien:

Wußten Sie, daß

  • in Untersuchungen über 90 % der Befragten eine langfristige, in der Regel lebenslange intime Beziehung zu einem Partner wünschen?


  • Partnerschaft und eine harmonische Familie als die wichtigsten Lebensziele genannt werden und deren Wert über den von Beruf, finanzieller Sicherheit und Freizeit eingeschätzt wird?


  • 87 % der Bundesbürger Ehe und Familie als zentralen Faktor für Lebensqualität ansehen?


  • nationale und internationale Forscherteams fieberhaft nach Ehestabilisatoren suchen und Programme zur Prävention von Beziehungsstörungen testen?

In der Tat besteht eine Sehnsucht nach Bindung, nach stabiler Zweisamkeit, die möglicherweise eine Reaktion ist auf Tempo, Kälte, Mobilität und Internet.

Wußten Sie auch, daß ...

  • die Scheidungsquote seit 1962 kontinuierlich ansteigt und derzeit bei über 37% [ 1 ] liegt?


  • die meisten Ehen im 5. Ehejahr auseinandergehen und die Scheidungshäufigkeit einen Verlauf mit drei Gipfeln im 3., 5. und 19. Ehejahr hat?


  • nach Schätzungen in der Stadt jede 2. Ehe von Scheidung betroffen ist?


  • im Jahr mehr als 148.000 Kinder als Scheidungswaisen hinzukommen?


  • Ehescheidungen zu den belastendsten Ereignissen im menschlichen Leben gehören?


  • 75 - 80 % der Geschiedenen erneut heiraten (trotz des Scheidungstraumas), die meisten innerhalb von 3 Jahren nach der Scheidung, und die Scheidungsquote der Wiederverheirateten über 60 % liegt?


  • Ehepartner aus geschiedenen Elternhäusern eine bis zu 2 1/2 mal höhere Scheidungsquote haben?


  • mit einer Scheidung in der Regel kein Abschluß der Probleme erfolgt und nur 20 % von einer "Erleichterung" berichten?

"Verliebt, verlobt verheiratet, geschieden...", so fängt ein Reim an, den unsere Kinder beim Seilhüpfen im Kindergarten aufsagten. Und in der Tat: Scheidung ist auch im Kindergarten zur Normalität geworden. Nach einer Auseinandersetzung zwischen meiner Frau und mir fragte eine unserer Töchter: "Laßt ihr euch jetzt scheiden?"

Mir scheint es manchmal so, als ob uns die oben genannten Daten gar nicht mehr berühren. Zu sehr haben wir uns an das Leid von Geschiedenen und Scheidungskindern gewöhnt. Es trifft uns erst, wenn die Ehe von Freunden ins Wanken gerät oder gar unsere eigene in Frage gestellt wird. Erschütternd dabei ist, daß viele Paare und Eltern in Konfliktsituationen keine Hilfe aufsuchen, auch dann nicht, wenn die Ehe auseinanderzubrechen droht.

Im Alltag erleben wir, wie Hoffnung und Träume für eine glückliche Ehe mit den unausweichlichen Realitäten zusammentreffen. Das wirft viele Fragen auf, z. B.:

  1. Was wissen wir zu den Themen Ehestabilität und Ehezufriedenheit?
  2. Was wissen wir über Risikofaktoren für die Ehe?
  3. Was ist zu tun, wenn Paare ihre Ehe vorbereiten bzw. Ehepaare ihre Beziehung pflegen wollen?


Ergebnisse aus der Paar- und Familienforschung

Angesichts der ansteigenden Scheidungszahlen hatte die Bundesregierung im Jahr 1997 in Heidelberg das Symposium zum Thema "Prävention von Beziehungsstörung" organisiert. Internationale Forscher stellten ihre Ergebnisse vor und diskutierten, was zu Ehezufriedenheit und Ehestabilität führt und mit welchen Maßnahmen Ehepaare gefördert werden können.

Endlich wurde der schleichenden Resignation vor dem wachsenden Ehefriedhof und den stets zunehmenden Scheidungswaisen etwas entgegengesetzt. Bei aller Wertschätzung der Berater und Therapeuten, die sich zur Aufgabe gemacht haben, Paaren zu helfen, sich nicht in Krisen zu verfangen, der Ansatz der Prävention, also der Vorsorge war längst überfällig. Wir wissen inzwischen sehr gut, was krank ist oder auch was Störungen erzeugt. Völlig unterbelichtet ist jedoch unser Kenntnisstand, was den Menschen gesund erhält. Endlich ist es auch soweit, daß Prävention in christlichen Seelsorgekonzepten nicht nur als Anhängsel auftaucht. Sie gehört zum zentralen Bestandteil von Seelsorge.

Was ist nun das Geheimnis glücklicher Ehen?

Wenn ich "glückliche Ehen" als zufriedene und stabile Partnerschaften definiere, gibt es aus der Paar- und Präventionsforschung zumindest fünf Antworten:



  1. Paare sollen miteinander reden können
  2. Das klingt einfach - ist es aber nicht. Schon bei der harmlosesten Übung, seinem Partner etwas Angenehmes von sich zu berichten, straucheln die meisten Paare. Für das schlichte Gespräch "Wie geht es dir, wie geht es mir" bleibt keine Zeit. Daß es mir gut geht, wird erst gar nicht berichtet und daß mir am anderen etwas gefällt, fällt mir schon nicht mehr auf. In meiner Ausbildung in Ehe- und Familientherapie hatten wir eine Aufgabe, unserem Partner eine konkrete Wertschätzung zu geben nach dem Muster "Ich schätze an dir ..., weil... ." Nichts einfacher als das - dachte ich! Die Männer waren zuerst dran. Meiner Frau gegenübersitzend, begann ich meinen Satz, und nach vier Worten schaute ich verzweifelt meinen Nachbarn an, der bereits zu mir schaute... Versuchen Sie es selbst einmal.

    Kommunikation ist das Nervensystem einer Ehe. Und ob es gesund ist, läßt sich sehr schnell feststellen z.B. an den Fragen, ob sich die Partner Gedanken und Gefühle offen mitteilen können, sie gemeinsame Zukunftspläne schmieden, sich bemühen, die Wünsche des anderen zu erkennen und sie auch zu erfüllen, ob sie sich entschuldigen können oder einander nach Alltagserfahrungen fragen. Dabei geht es um drei Fähigkeiten des Sprechens und Zuhörens.

    r Ich-Botschaften drücken die Betroffenheit besser aus als Du-Botschaften: statt "Das war gut", besser "Ich finde gut, was du tust", oder statt "Du bist so spät", besser "Ich habe auf dich gewartet".

    r Konkrete Situationen und Verhalten ansprechen verhindert Verallgemeinerungen: statt "Du hast schon wieder das ganze Geld ausgegeben", besser "Gestern habe ich Geld abgehoben, und heute hast du es bereits ausgegeben".

    r Beim Thema bleiben ist vor allem dann angesagt, wenn die Gefühle intensiv werden. Wenn schon einmal das Thema angesprochen ist, leiten uns die Gefühle zu passenden weiteren Erinnerungen. Und unter der Rubrik "Und außerdem, was ich dir noch sagen wollte ..." häufen sich dann Anschuldigungen, die den anderen fertigmachen.

    Auch das gute Zuhören läßt sich in drei Regeln fassen:

    r Gesten des Zuhörens erleichtern dem anderen, das Gespräch überhaupt fortzusetzen. Es sind die kleinen Signale, das "Hm, Hm!", "Ah!" oder das Kopfnicken, die dem anderen zeigen "Ich höre zu". Versuchen Sie in einem Telefonat für nur 20 Sekunden auf solche Signale zu verzichten, indem Sie das Mikrophon zuhalten. "Hallo - bist du noch da?" wird der Gesprächspartner irritiert rufen.

    r Das Zusammenfassen des Gehörten verhindert sehr effektiv die vielen Mißverständnisse zwischen Paaren. Sicherlich ließen sich mehr als 50 % der Streitereien verhindern, wenn wir uns nur bemühten, unserem Partner zu sagen, wie und was wir von ihm verstanden haben. Nicht umsonst hat uns Gott zwei Ohren und nur einen Mund gegeben, damit wir doppelt so lange zuhören statt sprechen.

    r Durch interessiertes Nachfragen zeigt der Zuhörer dem Partner sein Bemühen, dessen Welt tatsächlich erkunden zu wollen. Dabei macht der Ton hier die Musik. Die Frage der Ehefrau "Warum hast du nicht angerufen?", kann dem Ehemann die Gelegenheit bieten, seine Situation des Zuspätkommens zu erklären. Hat die Frage jedoch einen süffisanten Unterton, könnte sie folgendes bedeuten: "Du Blödmann, du hättest doch anrufen können; noch nicht einmal das bekommst du hin; so wenig bin ich dir wert; da sehen wir es wieder mal!!"

  3. Paare sollen einander unterstützen
  4. Auch das klingt zunächst problemlos. Die Streßforschung hat gezeigt, daß jeder Partner in seiner Art auf Streß reagiert: Der eine wird ruhig und starr, der andere reagiert mit körperlichen Symptomen, wird hektisch in seinem Verhalten und seiner Stimme. Hinzu kommt: die Bewältigung von Streß managed jeder Partner ebenfalls auf seine Weise. So sucht der eine im Kontakt zu anderen seinen Ausgleich und geht in die Gemeinde, ruft einen Bekannten an oder trifft sich zum Spieleabend. Für den anderen kann genau das zusätzlichen Streß bedeuten. Er will viel lieber in Ruhe ein Buch lesen, Singen und Beten oder sich einfach in die Badewanne legen. Das Geheimnis glücklicher Ehepaare liegt also darin, daß ich weiß, was mein Partner zur Unterstützung braucht, statt ihm meine eigenen Lösungsansätze überzustülpen.

    Anforderungen und Belastungen treten insbesondere in Zeiten von Veränderungen auf z.B. Familiengründung, berufliche Entwicklung (Fortbildung, Karriere, Umzug), Pflege der (Schwieger)Eltern. Gerade dann ist die gegenseitige Unterstützung als Ehepaar wichtig. Dies geschieht etwa, wenn Partner sich in heiklen Situationen auf Terminabsprachen verlassen können, finanzielle Angelegenheiten gemeinsam regeln, von der Stabilität der Partnerschaft überzeugt sind, um die Ehrlichkeit des anderen wissen, gemeinsame Lebensziele verfolgen, einen gemeinsamen Freundeskreis pflegen, Beratung und Seelsorge aufsuchen oder einander vergeben können.

  5. Paare sollen ihre Intimität pflegen und fördern
  6. In der Intimität erleben Ehepaare eine der intensivsten Formen des Zueinandergehörens. Deshalb kommt es für sie darauf an, diesen Bereich zu pflegen, sich Wünsche und Vorlieben mitzuteilen, Intimität nicht nur auf Sexualität zu reduzieren, sondern auch der Zärtlichkeit in der Beziehung Raum zu geben.

    Sind die eigenen Erfahrungen mit der Sexualität positiv, gelingt Intimität besser. Jedoch steht auch fest, daß nahezu alle Ehepaare von kleinen oder größeren Störungen in der Sexualität berichten können. Gerade in der Intimität gilt: heimliche Wünsche werden unheimlich selten erfüllt. Daher braucht es immer wieder Mut, Angst und Scham zu überwinden. Tip: Lesen Sie sich gegenseitig ein Buch zur Sexualität vor. Dies kann ein guter Einstieg in das Gespräch sein.

    Hier eine kurze Bemerkung zum vorehelichen Geschlechtsverkehr. Heute (und sicherlich auch früher) ist es eine Herausforderung, mit jungen Paaren über "vorehelichen Geschlechtsverkehr" zu sprechen, insbesondere wenn man sexuelle Intimität als exklusives Gut der Ehe versteht. Der Zeitgeist nicht nur diverser Jugendzeitschriften oder Teenie-TVsendungen hämmert es uns ins Bewußtsein, daß Geschlechtsverkehr vor der Ehe ausprobiert werden müsse. Kürzlich sagte mir ein Kollege aus der stationären Jugendarbeit, daß seine Jungen Angst hätten schwul zu sein, weil sie mit 13 Jahren noch nicht mit einem Mädchen geschlafen hätten. Spannend finde ich in diesem Zusammenhang die Untersuchungsergebnisse z.B. der Shell-Jugendstudie 2000, die zeigen, daß es insbesondere junge Menschen sind, die sich den einen Partner für das Leben wünschen. Eine weitere Untersuchung von der Uni Chemnitz (1999) ergab, daß die relative sexuelle Unerfahrenheit beider Partner vor der Heirat ein Ehestabilisator ist. Meines Erachtens müssen wir uns neu auf den Weg machen, um weitere plausible Argumente zu finden, die sexuelle Intimität als exklusives Gut der Ehe zu beschreiben, statt moralische Knüppelungen vorzunehmen.

  7. Paare brauchen Unterstützung für Ihre Elternschaft
  8. Häufig werden Ehepaare nach kurzer Zeit zu Eltern oder bringen bereits ihre Kinder zur Hochzeit mit. Alle Eltern wissen, wie beglückend es ist, Kinder zu haben, Elternschaft aber nicht immer einfach ist. Oft kann die Erziehung von Kindern auch anstrengend sein. Die persönlichen und partnerschaftlichen Bedürfnisse werden z.T. aufs äußerste frustriert. In vielen Untersuchungen wurde immer wieder nachgewiesen, wie die Ehezufriedenheit mit der Familienbildung abnimmt. Das heißt, für die Ehebeziehung bleibt häufig zu wenig Zeit übrig, statt dessen wird sie für die Erziehung und berufliche Entwicklung verbraucht. Und Erziehung muß genauso wie Partnerschaft gelernt werden.

    Inzwischen gibt es verschiedene Elterntrainings, die auf ihre Effektivität hin erforscht wurden. Hier werden Eltern Fähigkeiten vermittelt, zum Kind eine positive Beziehung aufzubauen, erwünschtes Verhalten zu fördern oder unerwünschtes zu reduzieren. Dazu gehört z.B., regelmäßig während des Tages kurze Zeitspannen - und seien es nur ein oder zwei Minuten - mit dem Kind zu verbringen. Es ist für Kinder wichtiger, daß Eltern sich oft für kurze Zeit mit ihnen beschäftigen, als sich nur einmal am Tag eine ganze Stunde Zeit zu nehmen.

  9. Paare sollen den Sinn für die Partnerschaft immer neu finden

Bisherige Effektstudien haben ergeben, daß Ehevorbereitungsseminare, die sich auf die Aspekte Kommunikation und Streßbewältigung beziehen, nachweislich vorbeugende (also präventive) Wirkung auf Beziehungsstörungen haben, vergleicht man diese Trainingsgruppe mit einer Kontrollgruppe. Jüngste Forschungsergebnisse lassen jedoch auch den Schluß zu, daß nach ca. fünf Jahren dieser Präventionseffekt deutlich bis ganz nachläßt. "Immerhin - besser als nichts" könnte man sagen. Auf dem Heidelberger Symposium zur Prävention von Beziehungsstörung fragte man sich, ob es darüber hinaus noch weitere Fähigkeiten für Ehepaare gibt, die langfristig Ehestabilität und Ehezufriedenheit fördern.

Hier verweisen Paarforscher auf Untersuchungen des amerikanisch-israelischen Mediziners Aron Antonovski[ 2 ], der zeigen konnte, daß Menschen insbesondere dann gesund bleiben, wenn sie für ihr Leben das Gefühl von Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit und Sinnhaftigkeit entwickeln können. Daher wird vermutet, daß das Gefühl von Sinnhaftigkeit auch in der Ehe ein weiterer wichtiger Faktor für Stabilität und Zufriedenheit ist.

Den Sinn der Ehe immer wieder neu zu finden könnte die Kunst des Ehepaares sein, in den einzelnen Lebensphasen jeweils neue Visionen und hilfreiche Ziele für das Miteinander zu entdecken. Diese gemeinsame Sicht von der Zukunft stellt eine starke Ressource dar, durch die es dem Paar leichter wird, das Wichtige vom Unwichtigen, das Große vom Kleinen zu unterscheiden. Alltagskonflikte können so überzeugender in die Schranken gewiesen werden und müssen sich nicht zu unüberwindbaren Hindernissen auftürmen. Sinnfragen haben zumeist auch etwas mit der religiösen Orientierung des einzelnen und des Paares zu tun.



Risikofaktoren für die Ehe

Inzwischen hat die Scheidungsforschung Risikofaktoren gefunden, die Ehestabilität verringern. Hier möchte ich drei ausgewählte Ergebnisse vorstellen:

  1. Ausgedehnte Partnersuche wirkt wie ein Filter für unpassende Partnerschaften

    "Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht doch was Besseres findet" - so eine alte Weisheit, die Eltern gerne nennen, um die Partnerwahl ihrer Kinder aufzubessern. Eine Untersuchung aus der Uni Köln korrigiert diese Weisheit: Die ausgedehnte Partnersuche erhöht die Wahrscheinlichkeit, den "falschen Partner" zu wählen. Immer häufiger wird die Ehe im gemeinsamen Haushalt ohne Trauschein geprobt. Paßt die Verbindung, so wird die Ehe nachgeholt; scheitert die Partnerschaft, endet sie in einer Trennung vor einer Eheschließung.

    Von aufgelösten vorehelichen Partnerschaften wird die Vorstellung von einem geeigneten Partner geschärft. Eigentlich sollte erwartet werden, daß durch solche vorehelichen Erfahrungen der Sucherfolg erhöht wird und damit auch die Ehestabilität. Es zeigt sich aber, daß die Barrieren einer Scheidung durch voreheliche Trennungserfahrungen gesenkt werden; denn die Auflösung einer Lebensgemeinschaft stellt einen Mißerfolg dar, da die Suche nach einem geeigneten Partner ergebnislos blieb. Demgegenüber bedeutet die Trennung von Partnerschaft ohne gemeinsamen Haushalt zwar eine Enttäuschung, sie wird aber nicht als Mißerfolg empfunden. Daher hat sie auch keinen starken negativen Effekt auf die Stabilität einer Ehe.


  2. Wird Scheidung vererbt?

    Kinder aus Scheidungsfamilien leiden am meisten unter den Konflikten vor und nach einer Scheidung. Folglich wäre anzunehmen, daß diese gebrannten Kinder aus dem Schaden klug werden. Forscher der Uni Chemnitz sind der Frage nachgegangen, ob in Deutschland die Wahrscheinlichkeit, geschieden zu werden, von den Eltern auf die Kinder übertragen wird ("Soziale-Vererbung").

    Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, daß Kinder geschiedener Eltern tatsächlich später häufiger selbst geschieden werden als Kinder nicht geschiedener Eltern, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Ehen, in denen einer der Partner geschiedene Eltern hat, werden rund anderthalbmal häufiger geschieden als Ehen zwischen Partnern mit nicht geschiedenen Eltern. Haben beide Partner geschiedene Eltern, ist die Scheidungsrate gar zweieinhalbmal höher. Insbesondere diesen Risikopaaren wird geraten, zur Ehevorbereitung Trainingsseminare zu besuchen. Die positive Effektivität solcher Maßnahmen konnte in Untersuchungen belegt werden.

  3. Der Übergang zur Elternschaft kann zum Stolperstein der Ehe werden

    Der Übergang von der Partnerschaft zur Elternschaft stellt, wie schon oben beschrieben, oft eine schwierige Zeit für die Ehe dar. In den Monaten und Jahren nach der Geburt des ersten Kindes zeigt sich ein genereller Trend, sich in der Ehe unglücklicher und belasteter zu fühlen und vermehrt Konflikten ausgesetzt zu sein.

    Dennoch erleben nicht alle Paare diese Zunahme an Belastungen und Konflikten, und nicht alle Paare, die diese negativen Veränderungen durchmachen, lassen sich scheiden. Dies scheint (so zeigen neueste Untersuchungen) von der Qualität der Beziehungen, die Personen in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben, abhängig zu sein. Das heißt, daß Personen, die zu ihren eigenen Eltern eine sichere Beziehung erlebt haben oder eine schwierige Beziehung überwinden konnten, weniger gefährdet sind, in konfliktreichen Übergangszeiten die Bindung an die Ehe zu verlieren.

Diese Ergebnisse aus der Paar- und Risikoforschung fordern Kirche und Gesellschaft heraus, verlobten Paaren und Ehepaaren Hilfen für gelingende Partnerschaft anzubieten. Wir sind davon überzeugt, daß Gott die Ehe in seiner Schöpfung gestiftet hat als ergänzende Gemeinschaft zwischen Mann und Frau und sich zum Gegenüber. Wir sind davon überzeugt, daß Ehe und Familie die Urzelle der menschlichen Gemeinschaft und Gesellschaft sind. Aber wie gehen wir damit um? Wie pflegen wir unsere Ehen und Familien? Selbstverständlich ist, daß wir unser Auto alle 10.000 km zur Inspektion bringen, für einen teuren Kopierer einen Wartungsvertrag abschließen und für Versicherungen aller Art sehr aufgeschlossen sind.

Was passiert aber, wenn sich ein Paar zu einem Eheseminar anmeldet? Frotzeleien wie "Habt ihr das nötig?" bleiben nicht aus. Machen Sie doch selbst einen Assoziationstest und stellen sich einmal vor, der Bundeskanzler oder Ministerpräsident Ihres Landes meldete sich zu einem Eheseminar an...

Man muß sich fragen, ob es zunehmend zur Verantwortung von Schwestern und Brüdern in den Gemeinden gehört, ihr seelsorgerliches Hirtenamt mit dem Schwerpunkt auf Vorbeugung (Prävention) wahrzunehmen. Ein erster Schritt könnte sein, wenn sie selbst mit gutem Beispiel vorangehen würden, um den Weg für präventive Seminare freizumachen.


Was können Verlobte und Verheiratete tun?

Meines Erachtens sind zwei Dinge wichtig:

  1. Als Verlobte oder Verheiratete brauchen wir ein Bewußtsein, daß Prävention eine Form von Verantwortung für die Beziehung ist. Keiner von uns würde in seinem Haus auf Brandschutzmaßnahmen verzichten, auch wenn das Haus niemals abbrennen wird. Prävention heißt also nicht, das Schlimmste zu verhindern, sondern für das Gute zu sorgen.


  2. Wir brauchen effektive Seminare und Trainingsprogramme, die sich auf die Vermittlung von Fähigkeiten beziehen. Obwohl von verschiedenen Institutionen und Organisationen die Notwendigkeit von Ehe-Kursen oder Ehe-Investitionsmaßnahmen gesehen wird, vermisse ich das konkrete Training der einzelnen Fähigkeiten bzw. die Begleitung der Ehepaare bei der Umsetzung der Seminarinhalte in den Ehealltag. Die Frustration, Gutes gelernt zu haben, aber nichts davon im Ehealltag zu tun, ist dann hoch. Ich bin der Überzeugung, Eheseminare hätten einen doppelt so positiven Effekt, wenn das Verhältnis von Vortrag und Training eins zu drei betragen würde. Und Paare könnten mehr profitieren, wenn jedem Seminar eine 3-6wöchige telefonische Unterstützung durch die Seminarleitung folgen würde. Erfahrungen aus dem Seminar, erworbene Einsichten und Fähigkeiten könnten so in den Ehealltag umgesetzt werden.

Hier liste ich einige Beispiele von Programmen auf, die nach ähnlichen Prinzipien, wie ich sie eben aufgeführt habe, arbeiten.

  • EPL: in "Ein Partnerschaftliches Lernprogramm" werden vor allem Fähigkeiten zur Kommunikation und zum Streitverhalten mit intensiven Übungseinheiten vorgestellt.[ 3 ]


  • KISS: das Seminar zur Ehevorbereitung nimmt Inhalte von EPL auf, berücksichtigt jedoch die Ergebnisse der Streßforschung und akzentuiert "Spiritualität und Glaubenserleben" deutlich als Teil der Ehe-Identität. KISS steht für Kommunikation, Intimität, Identität, Spiritualität und Glaubenserleben, Streßbewältigung.


  • "Damit die Liebe bleibt - Integration von Ehe, Familie und Beruf" richtet sich an Paare, die schon längere Zeit verheiratet sind, setzt an Ressourcen des Paares an und konzentriert sich auf die Faktoren Kommunikation, gegenseitige Unterstützung, Intimität und eheliche Sinnfindung. Es folgt eine 4wöchige telefonische Begleitung.


  • Triple P: Erziehungstraining für Eltern mit Kindern zwischen 2-12 Jahren. Telefonische Begleitung bei der Umsetzung in den Erziehungsalltag.


  • THOP: Dieses Elterntraining wendet sich im speziellen an Eltern mit hyperaktiven Kindern.[ 4 ]

Die dargestellten Programme sind im wesentlichen Trainingsseminare und berücksichtigen die vorangestellten Ergebnisse der Paar- und Präventionsforschung. Unter Fachanleitung werden den Verlobten, Ehepaaren oder Eltern in kleinen Übungsgruppen (4-6 Paare) die entsprechenden Fähigkeiten vermittelt. Bei "Triple P" und "Damit die Liebe bleibt" schließt sich dem Training eine 4wöchige Begleitung per Telefon an.

Jedes Paar erhält einen Begleiter, der bei der Umsetzung des Gelernten im Ehealltag hilfreich zur Seite steht. Diese Telefonkontakte bieten dem Ehepaar die Möglichkeit, alles anzusprechen, was ihm in der Umsetzung noch Schwierigkeiten bereitet. Teilnehmer, die diese Unterstützung erfahren haben, berichten, daß erst hierdurch die Seminarinhalte im Alltag wirksam geworden sind.

Das Geheimnis glücklicher Ehen finden die Paare, die Glück und Stabilität ihrer Partnerschaft auch über die Hochzeit hinweg hegen und pflegen. Die Liebe bleibt, weil sie miteinander reden, einander unterstützen, sich um Intimität kümmern, Erziehung gemeinsam verantworten und den Sinn für ihre Ehe immer wieder neu finden.


Fussnoten

[ 1 ] Die Scheidungsquoten sind in der Regel Schätzungen. Die hier angegebenen 37 % bedeuten, daß, bezogen auf einen Ehejahrgang, nach 25 Jahren ca. 37 % der geschlossenen Ehen wieder geschieden sind. Ingesamt geben die Schätzungen an, daß mehr als jede 3. Ehe geschieden wird.

[ 2 ] Antonovsky, A. (1987): The salutogenic perspective: Toward a new view of health and illness. Advances 4:47 55.

[ 3 ] Hahlweg, K. u.a. (1998): Prävention von Beziehungsstörungen in der Bundesrepublik Deutschland. In: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Schriftenreihe Band 151.

[ 4 ] Döpfner, M. u.a. (1997): Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten THOP. Beltz Psychologie Verlags Union.



© 2002 Joachim Lask. Alle Rechte vorbehalten.

Autor: Joachim Lask, Jg. 62, verh., 4 Kinder; Diplom-Psychologe, approbierter Psychotherapeut (Ehe- und Familientherapie); Mitarbeiter der Bildungsinitiative für Prävention, Seelsorge und Beratung; Herausgeber der Zeitschrift NEWSLETTER-EHESEELSORGE.NET http://eheseelsorge.net

Dieser Artikel ist mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift "Weisses Kreuz" Zeitschrift für Lebensfragen entnommen. Sie können gerne diese Zeitschrift auf Spendenbasie abonnieren.

Siehe auch unser Dokument Ehepflege - Treutest für die Ehe



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Ins Netz gesetzt am 12.08.2013; letzte Änderung: 12.08.2013

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