Paradiesvorstellungen im IslamAuf was hoffen die frommen Muslime im Jenseits?1. Der Paradiesgarten
0. EinleitungDer Koran beschäftigt sich an vielen Stellen mit dem Lohn bzw. der Strafe im Jenseits. Der Ort der Glückseligkeit ist das Paradies. Es ist für die Gläubigen bestimmt und viele sinnliche Freuden warten dort auf den frommen Muslim. Die Hölle dagegen ist der Ort der allergrößten Pein und Strafe. Gegner des Islam, Scheinheilige oder Halbherzige werden vor den furchtbaren Qualen der Hölle gewarnt. Bis heute lassen sich junge Selbstmord-Attentäter und gewaltbereite Kämpfer mit bestimmten Paradieserwartungen locken, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Werden sich ihre Hoffnungen erfüllen? 1. Der Paradies-GartenDer arabische Begriff für Paradies im Koran ist 'janna' und bedeutet "Garten". Das verwandte türkische Wort 'cennet' steht auch für Paradies; es ist auch ein veraltetes Wort für Garten. Das Paradies besteht aus mehreren Gärten (55,46ff.) und wird von Wärtern bewacht (39,73). Schon vor dem Eintritt ins Paradies werden den Gläubigen Häuser oder Gemächer versprochen (39,20; 29,58). Sie werden dort ewig leben und ewig vor dem Höllenfeuer verschont bleiben (44,56; vgl. 56,10-26; 43,68-73). In den Traditionsschriften wird die unvorstellbare Größe des Paradieses bildhaft beschrieben (Sahih Muslim 40,6784) :
2. Wer darf ins Paradies hinein?Am Tag der Auferstehung oder des Gerichts dürfen diejenigen, die "umkehren und glauben und tun, was recht ist" (2,25), "die Gottesfürchtigen" (52,17), "gläubige Männer und Frauen, die von ihrem Licht geleitet" (57,12) für ewig in das Paradies oder die "Gärten der Wonne" (56,26) eingehen. Das Bild von der Waage spielt für die Beurteilung des menschlichen Lebens eine wichtige Rolle. "Wer (aufgrund seiner guten Werke) schwere Waagschalen hat" (101,6ff.) dem wird in Aussicht gestellt, dem lodernden Feuer zu entgehen. Der Gehorsam Allah und Mohammed gegenüber ist eine wichtige Voraussetzung zum Eingang ins Paradies. "Diejenigen, die Allah und dem Gesandten gehorchen, sind dereinst im Paradies zusammen mit den Propheten, den Wahrhaftigen, den Zeugen und den Rechtschaffenen, denen allen Allah höchste Gnade erwiesen hat. Welche gutes Gefährten! Die wahren Gläubigen dürfen für ewig in das Paradies, in die "Gärten der Wonne" (56,12) oder in die "Gärten von Eden" (19,61) eingehen. Bevor man in das Paradies emporgehoben wird, muß zuerst jeder Muslim unweigerlich in die Hölle geworfen werden. Durch Allahs Barmherzigkeit werden aber dann diejenigen, die gottesfürchtig waren, aus ihr errettet werden (19,71-72), die Frevler jedoch bleiben auf ihren Knien liegend in der Hölle zurück. 3. Wie sieht es im Paradies aus?In den "Gärten von Eden" (19,61) liegen die Geretteten im Schatten, genießen Früchte (55,68) und Fleisch. "Es wird lebensfrohe Gesichter geben, die mit dem Eifer, den sie bei ihren guten Werken gezeigt haben, zufrieden sind und sich in einem hochgelegenen Garten befinden, in dem sie kein leeres Gerede hören, und in dem es eine ständig fließende Quelle gibt, und dick gepolsterte Ruhebetten, bereitgestellte Humpen, Kissen eines neben dem andern, und Teppiche, die da und dort auf dem Boden ausgelegt sind" (88,8-16). Im Paradies fließen "Ströme von Wasser, Milch, Wein und Honig" (47,15) . Die Gläubigen tragen schöne Gewänder aus Brokat und Seide (35,33) und sind mit Goldschmuck geschmückt (18,31; 76,21) Sie haben "Armringe aus Gold" und "sind mit Perlen geschmückt" (35,33) Sure 56 schildert anschaulich das dortige Leben: "Auf golddurchwirkten Ruhebetten liegen die, die Gott nahe stehen, einander gegenüber, während ewig junge Knaben unter ihnen die Runde machen mit Humpen und Kannen (voll Wein?) und einem Becher (voll) von Quellwasser (zum Beimischen?), von dem sie weder Kopfweh bekommen noch betrunken werden und mit allerlei Früchten, was immer sie wünschen, und Fleisch von Geflügel, wonach sie Lust haben. Und großäugige Houris haben sie zu ihrer Verfügung, in ihrer Schönheit wohlverwahrten Perlen zu vergleichen" (56,15-23). In diesen Zitaten wird deutlich, dass Allah eine Fülle an bestem Essen und Trinken für seine Gläubigen verspricht. Die Qualität der Schalen und Becher spielt dabei auch eine Rolle: Silber (76,15-16) bzw. Gold (43,71). Neben dieser fürstlichen Bewirtung verheißt der Koran den rechtgläubigen Männern im Paradies wunderschöne Frauen. Es sind großäugige und vollbrüstigen "Houris", die ihnen als jungfräuliche Gattinnen zur Verfügung stehen werden (52,17-24). "Wir geben ihnen großäugige Houris als Gattinnen" (52,20). "Darinnen befinden sich auch. die Augen sittsam niedergeschlagen, weibliche Wesen, die vor ihnen weder Mensch noch Dschinn entjungfert hat." (55,56). "Sie sind so strahlend schön, wie wenn sie aus Hyazinth und Korallen wären" (55,57) "Houris, in den Zelten abgesperrt ... die vor ihnen weder Mensch noch Dschinn entjungfert hat." (55:72.74) "Die Gottesfürchtigen dagegen haben große Glück zu erwarten, Gärten und Weinstöcke, gleichaltrige Houris mit schwellenden Brüsten ..." (78,31-33) "Houri" ist von dem arabischen Begriff "hûr" abgeleitet und bedeutet: "diejenigen, in deren Augen das Weiße und das Schwarze stark hervortreten" (Vermutung von Horovitz). Mit diesem Ausdruck wird auf die besondere Schönheit dieser Frauen hingewiesen. Diese paradiesische Frauen werden keinen anderen Mann anblicken als ihren Gemahl und sie werden in ihren Zelten zurückgezogen leben. In einem Hadith ist weiteres über die "Houris" zu lesen (Sahih al-Bukhari Hadith Band 4, Buch 54, Nr. 476 vgl. auch Sahih Muslim, englische Übersetzung, Hadith Nr. 6793; Nr. 6795, Nr. 6797): "Im Paradies wird jeder zwei so wunderschöne Frauen haben, von so zarter Haut, daß sie wie durchscheinend sein wird, und kein Mann wird im Paradies ohne eine Frau sein." Nach der Überlieferung von Abu Musa sollen den Muslim im Paradies 72 Jungfrauen erwarten ("Lexikon des Islam", Fourier Verlag, Wiesbaden, vgl. auch Mishkat 3. Kapitel): "... er wird 72 Frauen haben." Siebzig Mädchen sind eigens erschaffene und zwei sind menschliche Mädchen (Ibn Kathir [gest. 1373 n.Chr.], Korankommentar (Tafsir): Kommentar zur Sure 78,33 bzw. 55,72). Dass es sich nicht um die Ehefrauen handelt, deuten verschiedene Aspekte an: "Wir haben sie regelrecht geschaffen und sie zu Jungfrauen gemacht ... heiß liebend und gleichaltrig" (56,35-37), "mit schwellenden Brüsten" (78,33), "Hyazinthen und Korallen vergleichbar" (55,58), "die vor ihnen weder Mensch noch Dschinn (Geister) entjungfert haben" (55,56). Die Beschreibungen der "Houris" gelten als wörtlich zu nehmen, und die Beziehungen zwischen Männern und ihren "Houris" sind physischer Art, nicht nur geistiger, wie in dem folgende Hadith, welchen der Verfasser des Mishkat al-Masabih zeigt (Mischkat al-Masabih, arabisch-englische Übersetzung, Buch IV, Kapitel XLII, Paradies und Hölle, Hadith Nr. 2535; zitiert in Newton/Haqq, Frauen im Islam, S. 111): "Der heilige Prophet sagte: "Der Gläubige wird im Paradies solch eine Kraft empfangen für die geschlechtliche Vereinigung". Man fragte: "Oh Prophet Allahs! Kann er das tun?" Er antwortete: "Er wird die Kraft von hundert Männer empfangen."" Ibn Kathar betont in seinem Kommentar die buchstäbliche, physische Natur des Geschlechtslebens im Paradies, dargestellt in einem anderen Hadith (sein Kommentar zur Koransure 56,35-37; zitiert in Newton/Haqq, Frauen im Islam, S. 112): "Man fragte den Propheten: "Werden wir im Paradies dieses geschlechtliche Freuden erleben?" Er antwortete: "Ja, bei dem, der meine Seele in seiner Hand hält, und es wird heftiger und aufregender Verkehr sein. Und hinterher wird sie wieder rein und jungfräulich werden, wie zuvor."" Daß diese sinnlichen Paradieserwartung auch heute noch eine Rolle spielt, zeigt folgende Ansprache eines Mullah: "Oh, Brüder im Glauben, wir empfinden keinen Verlust. Der Märtyrer, wenn er Allah trifft, erreicht Vergebung mit dem ersten Tropfen Blut. Er wird errettet von den Qualen des Grabes und sieht seinen Platz im Paradies. Er wird vom großen Schrecken (dem Jüngsten Gericht) errettet. Er erhält 72 schwarzäugige Frauen, 70 seiner Familie kommen durch ihn in den Himmel, er wird gekrönt mit der Krone des Ruhmes, dessen Edelstein besser als die ganze Welt ist und besser als all das, was darinnen ist." (Auszug aus der Predigt Sheich Isma'il Aal Ghadwan, die er in der Sheik 'Ijlin Moschee in Gaza hielt [Fernsehübertragung der palästinensischen Autonomiebehörde am 17.8.2001]. Die Übersetzung, die diesem Text zugrunde liegt, befindet sich auf www.memri.org.) Im Paradies warten geistige Freuden auf den Gerechten: sie werden weder Geschwätz noch Lüge mehr hören (78,35); keine Anklage der Sünde wirde sie mehr beunruhigen, sondern sie werden nur noch rufen hören: »Heil! Heil!«. (19,62; 56,24-25) Je nach ihren Verdiensten leben die Auserwählten in ihren Wohnungen näher oder weiter weg von Allah. Muqatil b. Sulaiman (gest. 767 n.chr) beschreibt die Wohnungen der Auserwählten: "Jedermann besitzt im Paradies einen Palast, in dem sich siebzig weitere Paläste befinden, jeder davon ausgestattet mit siebzig Wohnungen, gebaut aus hohlen Perlen. Die Länge jeder Perle und ihre Breite mißt 12.000 Ellen, und man betritt sie durch 4.000 goldene Portale. Im Inneren jeder Wohnung steht ein Diwan, reich geschmückt mit Bändern aus Perlen und Hyazinth, umgeben von 40.000 goldenen Sesseln mit Beinen aus Amethyst. Jeder Diwan ist bedeckt von siebzig Teppichen in vielfältigen Farben." 4. Ein ausgesprochenes 'Männerparadies'?"Allah lässt keinen ins Paradies eingehen, ohne ihn mit 72 Partnerinnen zu verheiraten" (Hadith). Aufgrund dieser und ähnlicher Paradies-Zitate bekommt der Leser den Eindruck, dass alle menschlichen Wünsche der Männer in Erfüllung gehen werden. In wenigen Suren wird auch von muslimischen Frauen gesprochen, denen der Zugang zum Paradies in Aussicht gestellt wird. Sure 16,97: "Und wenn einer tut, was recht ist, gleichviel ob männlich oder weiblich, und dabei gläubig ist, werden wir dereinst bestimmt zu einem guten Leben wiedererwecken." Sure 33,35: "Was muslimische Männer und Frauen sind, Männer und Frauen, die gläubig, die Allah demütig ergeben, die wahrhaftig, die geduldig, die bescheiden sind, die Almosen geben, die fasten, die darauf achten, daß ihre Scham bedeckt ist und die Allahs ohne Unterlaß gedenken, - für sie alle hat Allah Vergebung und gewaltigen Lohn bereit." Sure 57,12: "Am Tag des Gerichts, da du siehst, wie den gläubigen Männern und Frauen ihr Licht vor ihnen und ihre Rechten dahineilt und ihnen zugerufen wird: Euch wird heute frohe Botschaft zuteil: Gärten, in deren Niederungen Bäche fließen, und in denen ihr ewig weilen werdet! Das ist das große Glück!" In Sure 43,70 werden Männer geradezu aufgefordert, "geht mit euren Gattinnen ins Paradies ein und ergötzt euch darin". Auch ihre frommen Nachkommen (Kinder) werden mit dem Paradies belohnt werden (13,23; 40,8). Josef Horovitz sieht eine geschichtliche Entwicklung: In der Frühzeit des Islam betonte Mohammed stärker die materiellen Genüsse des Paradieses – vielleicht in Anlehnung an die Schilderungen arabischer Dichter. Zu dieser Zeit machte er über den Verbleib der gläubigen Frauen noch keine Angaben. In späteren Paradiesschilderungen sprach Mohammed von Frauen und Kindern im Paradies und ließ die rein materiellen Genüsse etwas in den Hintergrund treten. Diese Aussagen stehen in Spannung zu anderen Überlieferungen, denen zufolge die meisten Frauen in der Hölle landen werden. Aus al-Bukharis Feder stammen folgende Worte von Mohammed (Hadith 301; zitiert in Newton/Haqq, Frauen im Islam, S. 126): "Oh ihr Frauen! Gebt fleißig Almosen, denn untern den Bewohnern des Höllenfeuers erblickte ich in der Mehrzahl euch (ihr Frauen)." Und Muslim schrieb (Sahih Muslim 36,6600; zitiert in Newton/Haqq, Frauen im Islam, S. 126): "Bei den Bewohnern des Paradieses bilden die Frauen die Minderheit." 5. Welche Rolle spielt Allah im Paradies?Zum Paradies gehören auch die Nähe und "das Wohlgefallen Allahs", was der Koran selbst als höher bewertet als alle materiellen Genüsse (3,15; 9,72). Doch solche Zitate muss man neben allen anderen Aussagen fast mit der Lupe suchen. Daß die Gläubigen Allah sehen werden, könnte in Sure 75,22-23 vermutet werden: "es wird strahlende Gesichter geben, die auf ihren Herrn schauen". Die Theologen sind unterschiedlicher Ansicht, ob damit tatsächlich das Anschauen Allahs gemeint ist oder nur bildlich das Erkennen Allahs. Ein Hadith (al-Bukhari und Muslim) besagt: "Der Prophet sagte: 'Ihr werdet euren Herrn genauso sehen' (wie ihr den Vollmond sehen könnt)". Unumstritten ist, dass sich Allah auf irgendeine Weise den Gläubigen zu erkennen geben wird. In Traditionsschriften wird deutlicher davon gesprochen: "Wünscht ihr euch, dass ich euch noch mehr gebe? Da zieht er den Vorhang weg. Siehe, ihnen ist nichts geschenkt worden, was ihnen lieber wäre als das Hinschauen zu ihrem Herrn" (Muslim). Oder: "Der Herr erscheint über ihnen von oben. Er sagt: 'Friede sei über euch, ihr Leute des Paradieses!' Er schaut zu ihnen, und sie schauen zu ihm ... bis er ihnen verhüllt wird" (Ibn Madja). Offenbar wird sich Allah auch im Jenseits willkürlich verhalten und selbst bestimmen, wem er sich zeigen wird und für wie viele Augenblicke. 6. Die Heilsungewißheit in IslamKann ein frommer und gottesfürchtiger Muslim mit Gewißheit sagen, daß er am Ende seines Lebens in das Paradies eingehen wird? Nein, das kann er nicht. Denn selbst von Mohammed ist nicht mit letzter Gewißheit zu sagen, daß er das Paradies erlangt habe. "Allahs Friede sein mit ihm" das wünscht jeder Muslim dem Propheten, wenn Mohammeds Name genannt wird. In anderen Worten: "Allah möge Mohammed Heil und Frieden schenken" – denn ob Mohammed "Heil und Frieden" erlangen wird, das steht allein in Allahs Hand. Die Heilsungewißheit im Islam ist eng mit dem Gottesverständnis eng verknüpft. Die Allmacht und die unumschränkte Entscheidungs- und Handlungsgewalt Allahs machen es unmöglich, daß das Handeln Allahs - und auch seine Entscheidungen im Jüngsten Gericht - für den Menschen vorhersagbar wären. Da Muslime davon ausgehen, daß Allah allmächtig ist und niemand je sein Wesen erfaßt und erkannt hat, kann niemand mit Gewißheit sagen, ob Allahs Barmherzigkeit, seine Güte und Gnade, von der der Koran fortwährend spricht, beim Einzelnen auch tatsächlich zur Anwendung kommen, oder ob Allah ihm am Ende der Tage doch zürnen wird. Darüber wird der Mensch erst nach seinem Tod die letzte Gewißheit erlangen können, vorher nicht. Allahs Verhalten ist niemals vorhersagbar, sonst würde er sich ja auf eine menschliche Ebene begeben und in menschliche Vorstellungen hineinpressen lassen. Und nicht zuletzt ist Allah, wie der Koran ihn beschreibt, auch ein listiger Gott: Er schmiedet die besten Ränke und ersinnt Listen: "Allah ist voller Tücke" (13,13). Die Ungläubigen "schmieden Ränke. Aber auch Allah schmiedet Ränke. Er kann es "am besten" (8,30). Allahs Handeln entzieht sich also menschlicher Erkenntnis, und niemand hat je das Wesen dieses listenreichen Gottes erfaßt. Niemand kann ihm mit seinen schlechten Taten etwas Böses zufügen, und niemand kann mit seinen guten Taten an ihn heranreichen, denn Gott ist im Islam absolut transzendent und von der Schöpfung getrennt: "O ihr Menschen! Ihr seid es, die arm und auf Allah angewiesen sind. Allah aber ist es, der auf niemand angewiesen und des Lobes würdig ist" (35,15). Quellen: http://www.orientdienst.de
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