Kommentar zur Orientierungshilfe der EKD

"Mit Spannungen leben”

Hans-Jürgen Peters

Am 26.2.1996 wurde die Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema "Homosexualität und Kirche” (EKD-Texte 57) der Öffentlichkeit übergeben. Wie alle EKD-Papiere hat auch diese Orientierungshilfe keine lehrmäßig verbindliche oder kirchenrechtliche Bedeutung, so daß Verantwortliche in Theologie und Kirche nicht auf sie behaftet werden können. Andererseits muß man sich jedoch vor Augen halten, daß es so etwas wie ein "verbindliches kirchliches Lehramt” aller evangelischen Kirchen nicht gibt, so daß Texte dieser Art doch so etwas wie einen quasi-offiziellen Charakter bekommen. An die Stelle einer verbindlichen Lehrentscheidung ist weithin der "tragfähige Konsens” getreten. Und es ist durchaus der Wunsch und die Hoffnung des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Dr. KLAUS ENGELHARDT, daß sich das vorliegende Ergebnis in der kirchlichen wie auch in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit "als Basis für einen tragfähigen Konsens erweisen” werde (Vorwort. S.4). Die EKD-Orientierungshilfe hat bereits jetzt - trotz mancherlei Kritik von vielen Seiten - eine große Öffentlichkeitswirksamkeit und wird vermutlich einen festen Orientierungspunkt in den kommenden Debatten und Veröffentlichungen der kirchlichen und theologischen Landschaft bilden.

Der folgende Kommentar geht der Orientierungshilfe entlang. Dabei wird nicht der gesamte - durchaus lesenswerte - Text kommentiert, sondern es werden einige als relevant erscheinende Aussagen herausgegriffen, um an ihnen sowohl die positive Bedeutung des Textes als auch seine neuralgischen Punkte deutlich zu machen. Der Kommentar versteht sich nicht als Beitrag zu allen wichtigen Aspekten der gegenwärtig geführten Diskussion, sondern als "Lese- und Beurteilungshilfe” für die eigene kritische Auseinandersetzung mit dieser Orientierungshilfe. Es werden daher im folgenden bisweilen nur kurze Hinweise gegeben bzw. Fragen zum weiteren Nachdenken gestellt.

Um den Textbezug möglichst eindeutig herzustellen, ohne ausführlich zitieren zu müssen, nenne ich an erster Stelle den Gliederungspunkt, an zweiter Stelle die Nummer des Absatzes unter diesem Gliederungspunkt und an dritter Stelle die Seitenzahl des Originals (EKD-Texte 57).
2.2/3/16 bezeichnet z.B. den 3. Absatz des Abschnitts 2.2 auf Seite 16. 


1.1/1/6

Der erste Abschnitt beinhaltet ein Schuldeingeständnis. Es ist sicherlich angemessen, zu Anfang das geistige Klima zu benennen, von dem die gegenwärtige Diskussion (mit) geprägt ist. Es gehört jedoch zu den hervorstechenden Kennzeichen der tiefgreifenden geistigen und theologischen Umwälzungen (insbes. nach dem 2. Weltkrieg), daß sie mit einem schlechten Gewissen bzw. mit einem (kollektiven) Schuldbekenntnis eingeleitet werden. Durch Schuldeingeständnisse scheint sich die Kirche in einer Lage zunehmender Entkirchlichung das Recht zu erwerben, weiterhin an der öffentlichen Diskussion teilzunehmen und in ihr gehört zu werden. Abgesehen von der Frage, ob ein solches Schuldeingeständnis (teilweise) berechtigt ist oder nicht, begegnen wir an dieser Stelle einem ernst zu nehmenden Hinweis auf eine Veränderung des geistigen Klimas im Thema "Homosexualität und Kirche”. 


1.1/3/7

Bei der Aufzählung der gegensätzlichen Positionen zur Homosexualität fällt auf, daß die Ablehnung der Homosexualität durch den wertenden Hinweis ergänzt wird, sie könne "mit einem ungeklärten Verhältnis zur eigenen Sexualität zu tun haben”. Man wird nicht in Frage stellen wollen, daß das möglich ist. Man fragt sich jedoch umgekehrt: Steht hinter der "verstärkten Akzeptanz homosexueller Menschen” in unserer Gesellschaft nicht möglicherweise auch ein ungeklärtes Verhältnis zur eigenen Sexualität? Sind die zu beobachtende zunehmende Einebnung der Geschlechtsunterschiede (z.B. "Unisex” in Kleidung und Haartracht, Travestie als unterhaltsamer "Karneval der Geschlechter”) und die anwachsende Rollenunsicherheit nicht möglicherweise Zeichen dafür, daß es heute schwerer geworden ist, die eigene geschlechtliche Identität im Gegenüber zum anderen Geschlecht zu finden? Und sind davon nicht vor allem manche Männer betroffen, die sich gegenüber dem stärker und z.T. übermächtig gewordenen anderen Geschlecht der Frauen oft kaum noch behaupten können? Welche Auswirkungen auf die geschlechtliche Identitätsfindung hat die Tatsache, daß wir (u.a. durch häufigere Scheidungen) immer mehr auf eine "vaterlose Gesellschaft” zugehen?
Diese und andere Fragen werden in der Orientierungshilfe nicht fruchtbar aufgenommen. Andererseits wird an dieser Stelle - wenn auch nur in einem Nebensatz - suggestiv die Möglichkeit nahegelegt, eine Ablehnung der Homosexualität könne der Ausdruck für ein ungeklärtes Verhältnis zur eigenen Sexualität sein. 


1.1/4/7

Noch ein kleiner sprachlicher Hinweis: Es heißt, daß das gelegentlich in schrillen Formen erfolgende "coming-out” von Homosexuellen Vorurteile verstärkt und neue Hürden aufbaut. Es wäre ja auch die Formulierung denkbar gewesen, daß ein solches Verhalten negative Reaktionen hervorruft und Menschen mit einer ablehnenden Haltung zur öffentlichen Artikulation herausfordert. Das Wort "Vorurteil” legt nahe, daß eine ablehnende Haltung (möglicherweise? vermutlich? wahrscheinlich?) überhaupt nicht begründet ist. 


1.2/8/9

Den Autoren der Orientierungshilfe liegt viel daran, daß das Thema "Homosexualität und Kirche” entdramatisiert wird und in dieser Frage nicht etwa der status confessionis ausgerufen wird. Das Thema scheint für sie überstrapaziert zu werden, wenn es so diskutiert wird, daß darin die Frage der Kircheneinheit auf dem Spiel steht. Das aber ist momentan durchaus der Fall. Die Kirchenleitungen wissen das sehr gut und schlagen in der Regel zur Zeit vorsichtigere Töne an. Der status confessionis kann mitunter an scheinbar kleinen Äußerlichkeiten zum Tragen kommen, an denen aber wichtige dogmatische Grundentscheidungen zum Ausdruck kommen. In der Argumentation wird hier im Grunde ein Schritt ausgelassen: nicht die Frage der Homosexualität ist der sog. "status confessionis” (immerhin geht es aber auch hier um eine Frage der Seligkeit! - I Kor 6,9-11), sondern der Umgang mit der Heiligen Schrift. Es geht nicht nur um die Frage, wie christliche Gemeinden im Einzelfall mit homosexuellen Menschen bzw. Mitarbeitern in der Gemeinde umgeht. Es geht auch nicht nur darum, wie sich einzelne Theologen, Pfarrer oder Bischöfe zu diesem Thema äußern. Es geht vielmehr um die Frage, ob sich eine Kirche insgesamt und auf allen relevanten Gebieten (Synodenbeschlüsse, Pfarrerdienstrecht, Lebensordnung, Gottesdienstordnung etc.) gegen eindeutige Aussagen der Heiligen Schrift stellt oder nicht. Die Stellung zur Bibel ist keine Randfrage, die mit hermeneutischen Vorüberlegungen entschärft werden könnte. An ihr entscheidet sich, ob Kirche Kirche ist oder nicht. Für Kirchen, die sich - wie die reformatorischen Kirchen - mit starkem Nachdruck (allein) an die Schrift gebunden hat, ist die Frage nach der Stellung zur Schrift insbesondere eine Frage, die den status confessionis betrifft. An dieser Stelle wäre die von den Autoren gewünschte "Entdramatisierung” des Problems ein Indiz für eine höchst dramatische Entwicklung. Im übrigen würde die erhoffte Entdramatisierung in einer Frage, die im Grunde den status confessionis betrifft, sich nicht "in dem Maße einstellen, wie die an der Auseinandersetzung beteiligten Gruppen den Eindruck gewinnen, daß ihre theologisch berechtigten Anliegen ... seitens der Kirchenleitungen bei ihrer Urteilsbildung und ihren Entscheidungen anerkannt und ernstgenommen werden”. In einer solchen Frage geht es nicht um das Gefühl, gehört und ernstgenommen zu sein, auch nicht um die Suche nach einem tragfähigen Konsens, sondern um eine Entscheidung, die das Fundament des christlichen Glaubens und damit das Wesen der Kirche betrifft. 


1.3.1/8/10

Homosexualität wurde aus dem Handbuch der WHO (World Health Organization) als Krankheit gestrichen mit dem Argument, daß sich keinerlei Anomalie - weder in genetischer noch in hormoneller Hinsicht - gegenüber den heterosexuellen Menschen feststellen lasse. Die Auffassung, daß Homosexualität nicht therapiert werden müsse oder sich sogar nicht therapieren lasse, wird also mit einem Argument begründet, daß eher dafür spricht, daß es sich bei der homosexuellen Orientierung nicht um eine genetische oder hormonelle Festlegung und auch nicht einmal um eine Disposition dieser Art handelt. Die Entscheidung der WHO wird von Vertretern homosexueller Organisationen in der Regel begrüßt. Andererseits wird aber - oft von denselben Leuten - gerne der Hinweis auf eine genetische Festlegung von Homosexualität gegeben als Argument für die Unveränderbarkeit und "Natürlichkeit” der homosexuellen Orientierung. Die Argumente scheinen auf diesem Gebiet fast austauschbar zu sein. Was sich deutlich geändert hat - und darin ist der Orientierungshilfe zuzustimmen - ist die allgemeine gesellschaftliche Stimmung in diesen Fragen. Untersuchungen und Überlegungen zur psychosozialen Verursachung von Homosexualität liegen momentan nicht im Trend. Die Streichung von Homosexualität aus der Krankenliste der WHO ist eher ein Indiz für den vollzogenen gesellschaftlichen Wandel in der Beurteilung von Homosexualität als ein Indiz für neuere wissenschaftliche Erkenntnisse auf diesem Gebiet. 


2.1/1/14

Von der Bibel wird gesagt, daß sie vom Geist Gottes bestimmt und durchdrungen ist. Es wird also nicht der - weithin üblich gewordene - Versuch gemacht, die Texte der Bibel als menschliche Rede in ihrer historischen Bedingtheit und Relativität zu qualifizieren. Dennoch: man muß hier genau lesen. Die Bibel wird nicht verstanden als das Wort Gottes (der Grund, auf dem wir stehen, ist Jesus Christus), sondern sie ist vom Geist Gottes bestimmt und durchdrungen. Was als die Willenskundgabe Gottes für uns gilt, liegt nicht in der Bibel vor, sondern muß in ihr gesucht werden. Diese Sicht stellt vor die Aufgabe, zwischen Mitte und Rand, Zentrum und Peripherie zu unterscheiden. 


2.1/2/14

Die Berufung auf Luthers Rede von der "Mitte der Schrift” und auf sein - hier nicht ausdrücklich erwähntes, aber gemeintes - Kriterium dessen, "was Christum treibet”, geschieht zu Unrecht. In seiner Vorrede etwa zum Jakobusbrief unterscheidet Luther zwischen solchen Schriften, die mit Recht kanonisch sind, also zum festen Bestand der Heiligen Schrift gehören und solchen, bei denen er sich nicht sicher ist. Von der Mitte der Schrift her gewichtet er nicht deren Ränder, sondern beurteilt die für ihn nicht geklärte Frage, welche Schriften (der traditionellen lateinischen Bibel seiner Zeit) zum Kanon gehören und welche nicht. Dieser Hinweis ist insofern bedeutsam, als wir es bei Luther an dieser Stelle nicht mit einem Wertmaßstab zu tun haben, mit dessen Hilfe innerhalb der Schrift gewertet wird. Das Kriterium "Mitte der Schrift” oder "was Christum treibet” ist für ihn ein Unterscheidungsmerkmal, mit dessen Hilfe die Grenzen des Kanons festgelegt werden. Innerhalb der Grenzen des Kanons der Heiligen Schriften hat er eine solche Beurteilung und Unterscheidung, wie sie in diesem Papier - unter Berufung auf Luther - als "sachgemäß” vorausgesetzt wird, nicht vorgenommen. Luther rechnet nicht - wie die Autoren der Orientierungshilfe - mit der Möglichkeit, biblische (d.h. kanonische) Texte von der Mitte der Schrift aus zu tadeln, sondern lediglich mit der Möglichkeit, außerkanonische Schriften von der Mitte der Schrift aus zu "tadeln”. Die von Luther durchgeführte Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium hat nichts mit der Unterscheidung zwischen "zentralen” und "weniger zentralen” Aussagen in der Heiligen Schrift zu tun, sondern ordnet verschiedene Schriftaussagen in einer bestimmten Aussage aufeinander zu. Das Gesetz ist nicht weniger wichtig als das Evangelium. Es von anderer Qualität bzw. hat eine andere Funktion. Die abweisenden Aussagen der Schrift zur Homosexualität gehören zum Gesetz, sind aber als solche nicht unwichtig, sondern gerade zur Geltung zu bringen. 


2.2/3/16

Es ist zu begrüßen, daß hier vom anthropologischen Gesamtzeugnis der Heiligen Schrift her die falsche und vernebelnde Rede von der homosexuellen Orientierung als einer "Schöpfungsvariante” abgewiesen wird. Allerdings beschreiben demgegenüber die beiden Begriffe "Begrenzungen” und "Einschränkungen” nur unzureichend das, was die Bibel über Homosexualität sagt. Homosexualität wird eindeutig abgelehnt und nicht in seiner Begrenzung und Einschränkung lediglich relativiert. 


2.3/6/17

Es ist von großer Bedeutung für das künftige Gespräch, daß von der Orientierungshilfe zwei wichtige Argumente, die in der gegenwärtigen Diskussion immer wieder eine wichtige Rolle bei der Relativierung oder Neutralisierung der biblischen Aussagen zur Homosexualität gespielt haben, deutlich relativiert bzw. abgewiesen werden. 


2.3/10/19

Der wichtige Gedanke der "Vertauschung” wird in dankenswerter Klarheit herausgearbeitet: "Die Vertauschung von Schöpfer und Geschöpf zieht (als eine Folge) die Vertauschung der Geschlechter nach sich ... der Mensch, der sich von Gott als seinem Schöpfer abwendet, um seinesgleichen zu vergötzen und anzubeten”, ist möglicherweise "auch in sexueller Hinsicht auf seinesgleichen ausgerichtet” und verliert "die Ausrichtung auf das andere Geschlecht”. Diese wichtige Einsicht wird jedoch im folgenden wieder ein Stück weit relativiert durch den sachlich nicht zum Thema gehörenden Hinweis darauf, daß die Verschlossenheit gegenüber dem Nächsten noch schwerer wiegt als die Verschlossenheit gegenüber dem anderen Geschlecht. Dieser Gedanke mag zu Recht eine selbstgerechte Verurteilung homosexueller Verhaltensweisen abwehren, suggeriert aber zugleich, daß die Vertauschung der Geschlechter nicht gar so schlimm ist,- als wenn eine Sünde durch eine noch schlimmere relativiert werden könnte. Die Verstricktheit in Sünde ist doch in beiden Fällen die entscheidende Pointe, auf die es Paulus ankommt, worauf im folgenden Satz des Papiers ebenfalls hingewiesen wird.
Es wird also etwas Richtiges gesagt, und doch geht die Intention des Abschnitts 2.3 dahin, die eindeutigen Aussagen der Bibel über Homosexualität einzuschränken (und dadurch im Grunde abzuschwächen) durch die beiden Hinweise, daß 1. im biblischen Zeugnis zwar von der homosexuellen Praxis, nicht aber von der ethisch verantworteten Gestaltung einer homosexuellen Beziehung die Rede sei und 2. heterosexuelle Menschen ebenso - und vielleicht sogar noch mehr - sündigen (können) wie homosexuelle Menschen. Das ist zweifellos richtig. Aber welche Funktion hat im Argumentationszusammenhang dieser Hinweis, der sich - für sich genommen - geradezu von selbst versteht und unbestritten ist? Er verlagert unter der Hand das Thema von der biblischen Beurteilung der Homosexualität auf eine Gesprächsebene, auf der möglicherweise Menschen mit heterosexueller Grundorientierung homosexuell empfindende Menschen selbstgerecht deren Orientierung als Sünde vorwerfen, ohne ihrer eigenen Sünden eingedenk zu sein. Er beantwortet die Frage, ob homosexuelle Menschen mehr sündigen als heterosexuelle. Diese Frage ist jedoch von der Sache her so überhaupt nicht gestellt.
Es ist auch nicht die Frage, ob heterosexuelle Beziehungen an sich dem Willen Gottes entsprechen. Denn natürlich ist ein Mensch nicht dadurch "in Ordnung”, daß er heterosexuell orientiert ist. Auch heterosexuelle Beziehungen können dem Willen Gottes widersprechen: durch Begierden, Unzucht, wechselnde Partnerschaften, grundsätzlichen Verzicht auf Kinder, Ehebruch etc. Obwohl in den Abschnitten davor die biblische Sicht deutlich zur Sprache kommt, wird an dieser Stelle verschleiert oder verschwiegen, daß es wohl eine Beziehung zwischen Mann und Frau geben kann, die dem Willen Gottes entspricht, daß es aber nicht gleichermaßen eine homosexuelle Beziehung gibt, die dem Willen Gottes ebenso entspricht. Ethisch verantwortliches Handeln fragt jedoch nach der Übereinstimmung mit dem Willen Gottes.
Die an einigen Stellen zu Tage tretenden Spannungen in der Argumentation des vorliegenden Textes sind vermutlich der Ausdruck für ihren Charakter als "Kompromißdokument”, das die Aufgabe hatte, unterschiedliche und an manchen Stellen gegensätzliche Positionen zu einer "Orientierungshilfe” zusammenzubinden. Das kommt - wie beim vorliegenden Beispiel - darin zum Tragen, daß zunächst klar formulierte Aussagen in einem zweiten Schritt wieder abgeschwächt werden. Da dies aber nicht (immer) ausdrücklich als Gegensatz formuliert wird, bleiben Spannungen bestehen, die wiederum die Spannungen widerspiegeln, die in der Diskussion dieses Themas auftauchen und die der Orientierungshilfe u.a. ihren Namen gegeben haben. 


2.3/18/22

Die Unterscheidung zwischen Homosexualität, die dem Willen Gottes widerspricht, und der Frage nach der ethisch verantwortlichen Gestaltung einer homosexuellen Beziehung ist eine der Nahtstellen des EKD-Textes. Die Unterscheidung macht es möglich, einerseits an den eindeutigen Aussagen der Bibel zum Thema festzuhalten, ohne sie im Interesse einer gewünschten neuen Sichtweise zu relativieren. Andererseits ermöglicht sie den Autoren, darüber hinaus nach einer ethisch verantwortlichen Gestaltung von homosexuellen Partnerschaften zu fragen, über die in der Bibel nichts gesagt wird und über die folglich erst noch ein ethisches Urteil gefunden werden muß. Obwohl nach dem Zeugnis der Bibel Homosexualität dem Willen Gottes widerspricht, wird in dem Papier also darüber nachgedacht, wie eine ethisch verantwortliche Gestaltung einer homosexuellen Beziehung aussehen könnte. Dahinter steht der doppelte Gedanke: a) Homosexualität entspricht zwar nicht dem Willen Gottes; b) aber wenn Menschen schon homosexuell zusammenleben, dann sollen sie dies ethisch verantwortlich tun, also z.B. in einer verläßlichen Partnerschaft, die den anderen auch im Leid nicht aufgibt oder z.B. in einer festen Partnerschaft, in der es keine wechselnden Partner gibt. Wie beim "Scheidebrief” (Mt 19,8) wird nach einer verantwortlichen Gestaltung einer Situation gefragt, die ursprünglich nicht nach dem Willen Gottes ist. Jenseits der biblischen Ablehnung von Homosexualität beginnt folglich nicht das Chaos, sondern Homosexualität kann so oder so gelebt werden, und das macht - je nachdem - einen großen Unterschied. Es ist also besser, eine homosexuelle Partnerschaft ethisch verantwortlich als ethisch unverantwortlich zu leben.
Das Anliegen ist so weit verständlich. Wie kann aber etwas ethisch verantwortlich gestaltet werden, das dem Willen Gottes ausdrücklich widerspricht? Die Autoren sehen hier ein unausgeglichenes Nebeneinander von deutlicher Zurückweisung von Homosexualität und dem Doppelgebot der Liebe, das für die Autoren die Frage nach einer ethisch verantworteten Gestaltung homosexueller Partnerschaften eröffnet.
Das Papier baut hier jedoch eine Spannung auf, die in den biblischen Texten selber nicht enthalten ist und deshalb auch nicht "ausgehalten” werden muß. Wenn das Doppelgebot der Liebe wirklich die Zusammenfassung des guten und heilsamen Willens Gottes ist, dann ist dieses Doppelgebot nicht gegen die anderen Willenskundgebungen Gottes (etwa in seinem Gesetz) und nicht an ihnen vorbei auszulegen,- eben weil das Doppelgebot der Liebe nicht ein Gebot unter anderen ist, sondern deren Konzentrierung (und Verschärfung).
Wenn das Gesetz Gottes die Sünde des Menschen aufdeckt, dann kann es nicht die Aufgabe einer christlichen Ethik sein, nach einem ethisch verantwortlichen Umgang mit dem sündigen Tun zu fragen. Natürlich ist es notwendig, danach zu fragen, wie ein Mensch mit seinen - möglicherweise nicht einfach veränderbaren - homosexuellen Neigungen ethisch verantwortlich lebt. Das ist aber eine andere Frage als die, wie eine ethisch verantwortbare homosexuelle Beziehung aussehen könnte. Denn um eine solche "pervertierte” (die von Gott geschaffene polare Beziehung zwischen den Geschlechtern vertauschende) Beziehung kann es in der Verantwortung vor Gott aufgrund der Willenskundgabe Gottes gerade nicht gehen. Wenn die Autoren sagen, daß es für eine homosexuelle Beziehung entscheidend ist, ob sie in Liebe zu Gott und Menschen gelebt wird, so ist demgegenüber darauf hinzuweisen, daß, wer Gott liebt, auch seine Gebote hält (Jh 14,15.21; 15,10; I Jh 2,3f; 3,22-24; 5,2f). 


3.1.2/7/25

Der Hinweise auf die Bekenntnisschriften soll der Forderung Rechnung tragen, daß sich Leben und Handeln der evangelischen Kirche und der evangelischen Christen auf Schrift und Bekenntnis gründen müssen. Gleichzeitig eröffnet den Autoren der Hinweis auf die Aussagen der Bekenntnisschriften zur Ehelosigkeit die Möglichkeit, über Lebensformen außerhalb von Ehe und Familie nachzudenken. Für die Bekenntnisschriften wie für die Bibel gibt es nur die Alternative Ehe oder Ehelosigkeit, wobei Ehelosigkeit immer mit sexueller Enthaltsamkeit verbunden ist. Gleichzeitig werden aber Ehelosigkeit und die damit verbundene sexuelle Enthaltsamkeit frei gewählt. Hier scheint nun für die Autoren eine "Lücke” zu entstehen, die sie im folgenden für ihre Argumentation nutzen: Was ist mit denen, die eine sexuelle Enthaltsamkeit für sich nicht gewählt haben, weil sie dafür nicht "berufen” sind, also kein "Charisma” dazu haben, andererseits aber auch nicht zur Ehe tauglich sind, wie das bei homosexuell orientierten Menschen der Fall ist? Es wird hier im Grunde die - der Bibel und den Bekenntnisschriften fremde - Frage nach einer Form der Ehelosigkeit gestellt, in der die sexuelle Enthaltsamkeit nicht frei gewählt ist. Die Alternative "Ehe oder Ehelosigkeit” wird so zu Gunsten einer dritten Möglichkeit aufgegeben, die möglicherweise einen Ausweg aus dem Dilemma eröffnet. 


3.3/5/31

In der Orientierungshilfe wird an dem Leitbild von Ehe und Familie ausdrücklich festgehalten und damit die These von der "Gleichrangigkeit aller Formen des Zusammenlebens” begründet aufgegeben (3.2.2/9/30). Das zentrale Kriterium ist dabei "die Lebensdienlichkeit im Blick auf die nachwachsenden Genrationen sowie im Blick auf Alte, Kranke und Behinderte” - ein Kriterium, das in manchen evangelischen Verlautbarungen zur Sexualität in der Vergangenheit eine eher nachgeordnete Rolle gespielt hat. 


3.5/5/35

Abgesehen von der Frage, ob es "eindeutig und unveränderbar homosexuell geprägte Menschen” gibt, stellt sich die Frage: Woher und wann weiß ein homosexuell empfindender Mensch, daß er dies eindeutig und unveränderbar ist? Wie ist diese Frage insbesondere in einer Zeit zu beantworten, in der junge Menschen früher beginnen, sich sexuell zu betätigen, gleichzeitig aber offensichtlich länger brauchen, ihre personale und geschlechtliche Identität als Mann/Frau, Vater/Mutter zu finden und sie zu akzeptieren? Bei den heute zu beobachtenden fließenden Übergängen zwischen den Geschlechtern ist es die seelsorgerliche Aufgabe der Kirche, homosexuell empfindenden Menschen Mut zu machen, ihre dem Willen Gottes widersprechende Orientierung nicht als unveränderliches Schicksal festzuschreiben bzw. festschreiben zu lassen. Der "Eindeutigkeit” der Sünde ist die freimachende Botschaft von der Veränderung und Neuorientierung in Jesus Christus entgegenzustellen. Auch wenn der Weg zu einer Veränderung der sexuellen Grundorientierung nicht gangbar erscheint, kann im Evangelium ein Weg gewiesen werden, der zu einem geduldigen Tragen der inneren Spannung einlädt.
In diesem Zusammenhang muß auch die Frage gestellt werden, inwieweit die als unveränderbar erfahrene homosexuelle Orientierung eine Folge der Sünden der Väter und Mütter ist, die manchmal geheilt wird, manchmal aber auch geduldig im Glauben an Christus und in der Hoffnung auf die endgültige Erlösung getragen werden muß. [Auch von bisexuell empfindenden Menschen oder von solchen, die sich eine sexuelle Erfüllung nur im Zusammenhang mit wechselnden Partnern, mit mehreren Partnern gleichzeitig, mit Minderjährigen, mit Tieren oder unter Verwendung sado-masochistischer Praktiken vorstellen können, erwarten wir zu Recht, daß sie auf das Ausleben ihrer sexuellen Orientierung, die sie ebenfalls als unveränderbar empfinden mögen, verzichten. Wir würden dann aber von ihnen "Enthaltsamkeit” in den für sie stimulierenden und Erfüllung bringenden sexuellen Praktiken - innerhalb wie ausserhalb einer möglichen Ehe - erwarten.]
Neben der Enthaltsamkeit aufgrund einer ausdrücklichen Berufung (Charisma) gibt es auch andere Formen der Enthaltsamkeit, die nicht "freiwillig” gewählt sind und doch getragen werden müssen (Untauglichkeit zur Ehe, Tod des Ehepartners, Fehlen des "richtigen” Partners bei der Partnersuche, psychische Krankheit etc.). Es gibt so etwas wie eine Enthaltsamkeit im Leiden. Die "Forderung” nach Enthaltsamkeit wird dabei nicht von Menschen anderen Menschen gegenüber erhoben; sie ist durch die jeweilige Lebenssituation gestellt. In diese "Spannungen” sind Menschen immer wieder gestellt worden. Keiner darf sie dazu drängen, keiner es von ihnen fordern, und doch kann diese Situation für Menschen eintreten, in der sie nur in der Spannung der Enthaltsamkeit in der Verantwortung vor Gott leben können. Es ist nicht klar, warum dies gerade homosexuell empfindenden Menschen nicht "zugemutet” werden kann. Wie gesagt: diese "Zumutung” wird nicht von Menschen an sie herangetragen, sondern ergibt sich aus der Lebenssituation, aus der Alternative "Ehe oder Ehelosigkeit”. Ein dritter Weg ist weder in der Bibel noch in den Bekenntnisschriften, auf die sich die Autoren berufen, in Sicht.
Seelsorge muß darum bemüht sein, Menschen, die in solchen Situationen leben, darin so zu begleiten, daß sie in dieser Spannung und trotz ihrer inneren Spannungen aus der "Freude in Jesus Christus” leben können. Um der Wahrheit und um der Liebe willen ist zu diesem Weg - trotz des veränderten Grundkonsenses in Gesellschaft und Kirche - zu raten. "Mit Spannungen leben” bedeutet dann, daß Menschen, denen unfreiwillig der Weg zur Ehe verschlossen bleibt, in dieser Spannung verantwortlich leben. Dazu sind sie in der Gemeinde eingeladen, und die Gemeinde wird diese Spannung mit ihnen tragen wollen. "In Spannungen leben” bedeutet nicht, einen dritten Weg zu finden, der die Gemeinden und Kirchen in ungeheure Zerreißproben stellt, weil sie auf ihm in Spannung geraten zur Heiligen Schrift, zur Tradition der eigenen kirchlichen Bekenntnisse, zu anderen Kirchen in der Welt und zueinander. Die Spannungen, in die das Phänomen homosexueller Orientierungen Christen und Gemeinden stellt, werden durch eine solche "Lösung” nicht geringer; sie werden lediglich verlagert und vermutlich noch verschärft, auch wenn es an einzelnen Punkten scheinbare "Entlastungen” für den einzelnen geben mag. 


3.5/6/35

Der Abschnitt 3.5 nimmt das bei der Behandlung der Bekenntnisschriften (3.1.2) angedeutete Vorhaben auf, nach etwas Drittem zu suchen, nach einer Form des Zusammenlebens, die neben der Alternative "Ehe oder Ehelosigkeit” bestehen kann. Es wird gefragt nach einer Möglichkeit für Menschen, die zu den "Wenigen” gehören, die nicht zur Ehe "geschaffen” sind, sich aber nicht der sexuellen Enthaltsamkeit verpflichtet fühlen. Diesen dritten Weg sehen die Autoren in einer "ethisch verantworteten gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft”. Dem Einwand, daß damit ja auch alle anderen Formen nichtehelicher Beziehungen gerechtfertigt werden könnten, begegnen die Autoren mit dem Argument, daß heterosexuell empfindenden Mensch jederzeit der Weg in die Ehe offen stehe, dieser "Ausweg” aber den homosexuell empfindenden Menschen versagt ist.
Dabei gehen die Autoren an dieser Stelle - entgegen früheren Relativierungen (1.3.1 u. 1.3.2) - selbstverständlich davon aus, daß es Menschen gibt, die "eindeutig und unveränderbar homosexuell geprägt sind” bzw. ihre homosexuelle Orientierung "aufgrund ihrer Lebensgeschichte und Selbstwahrnehmung ... als unveränderbar annehmen müssen und/oder wollen”. Und daraus leiten sie dann Konsequenzen für die ethische Urteilsbildung ab,- selbst für diejenigen, die - wie eingeräumt wird - ihre Situation aufgrund ihrer Selbstwahrnehmung nur als unveränderbar annehmen wollen (sich aber möglicherweise darin täuschen). Müßte nicht von einer Orientierungshilfe erwartet werden, daß sie Hilfen dafür bietet, diese Selbstwahrnehmung - die ja immer auch die Selbstwahrnehmung und Selbstbeurteilung eines Sünders ist - im Licht des Wortes Gottes zu beurteilen und - wenn nötig - zu korrigieren, anstatt sie zum Ausgangspunkt für Überlegungen zu alternativen Lebensformen zu machen, die in der Kirchengeschichte völlig neu sind? 


4.1/4/37

In Analogie zum vorangehenden Abschnitt wäre zu ergänzen: Festlegungsversuche behindern oder verhindern die notwendige Veränderung und Umorientierung, die zur Annahme des Willens Gottes für das eigene Leben führt. 


4.1/6/38

Der Verzicht auf unnötige Schärfe und ein "Mehr” an Sachlichkeit wären sicherlich ein Ausdruck der Liebe in der gebotenen Diskussion. Es ist aber nicht auszuschließen, daß eine gewisse "Schärfe” der Tragweite des Themas "sachlich” angemessen ist. Auf den um der Wahrheit willen notwendigen Streit - bei dem auch der menschliche Konsens der Kirchenmitglieder nicht der oberste Wert sein kann - zu verzichten, wäre dann durchaus "unsachlich”. 


4.1/9/39

Es wäre wichtig, daß homosexuell empfindenden Menschen Hilfen dafür geboten werden, ihre Selbstwahrnehmung und Selbstbeurteilung im Licht des Wortes Gottes zu beurteilen und - wenn nötig - korrigieren zu lassen. Statt dessen treten die Autoren dieser Orientierungshilfe dafür ein, daß deren Selbstwahrnehmung als "Gewissensentscheidung” akzeptiert und geschützt wird. Aber geht es hier eigentlich um die Freiheit von Gewissensentscheidungen? Ist nicht vielmehr die Frage nach der Gewissensbindung vordringlich? Wie kann das Gewissen recht entscheiden, wenn es nicht mehr eindeutig an Gottes Gebote und Ordnungen gebunden ist? Wie können Gewissen durch den Geist Gottes geschärft werden, wenn eine "Orientierungshilfe” ein Denkmodell lehrt, nach dem es möglich ist, trotz erkannter eindeutig negativer Wertung der Homosexualität in der Heiligen Schrift nach einem Weg zu fragen, wie homosexuelle Lebensgemeinschaften ethisch verantwortlich gelebt werden können? Der gegenwärtige Streit um die Beurteilung des Problems "Homosexuelle und Kirche” ist nicht so sehr ein Streit um unterschiedliche Gewissensentscheidungen, sondern ein Streit um unterschiedliche Gewissensbindungen. Nicht die Freiheit der Gewissen steht zur Zeit in Frage, sondern die Bindung der Kirche an die Heilige Schrift. 


5.1/4/41

Es wird zu Recht festgestellt: "die Lebensführung jedes Amtsträgers bleibt in irgendeiner Form hinter dem zurück, was als Wille Gottes zu verkündigen ist”. Das "Zurückbleiben hinter dem Willen Gottes” wird in der Bibel "Sünde” genannt. Jeder Mensch ist Sünder. Es kommt aber darauf an, daß sich ein Christ - und so auch der Amtsträger - darüber im klaren ist, daß er in dem, wo er hinter dem Willen Gottes zurückbleibt, in der Sünde lebt und daß er dazu bereit ist, sich mit Worten (Sündenbekenntnis) und Taten (Heiligung) davon zu distanzieren. Er wird nicht etwas "ethisch verantwortlich” leben können, das die Bibel Sünde nennt. Nicht die Frage, ob jemand sündigt, sondern die Frage, ob er sein Tun als Sünde beurteilt, entscheidet darüber, ob er als Christ glaubwürdig bleibt oder nicht. Wie kann ein Christ durch eine bewußte und bejahende Entscheidung eine homosexuelle Beziehung leben und gleichzeitig vertreten, daß er darin - wie jeder - hinter dem Willen Gottes zurückbleibt, also sündigt? Ist die vorliegende "Orientierungshilfe” so zu verstehen, daß sie homosexuelle Amtsträger dazu ermutigt, mit dem Instrumentarium ihrer Unterscheidungen dieses "Kunststück” zu vollbringen? 


5.1/10/42

Die Selbstthematisierungstendenz homosexuell lebender Menschen - vor allem durch die Organisationen, in denen sie z.T. vertreten sind - ist sicher auch auf dem Hintergrund von gesellschaftlichen Diffamierungen und Ausgrenzungen zu sehen. Aber sind diese Ausgrenzungen der eigentliche Grund für die z.Z. stattfindende Offensive? Und ist die gesellschaftliche Ablehnung von Homosexualität die eigentliche Ursache für die inneren Spannungen, die Homosexuelle in sich empfinden? Es wäre m.E. nötig, an dieser Stelle weitere Faktoren zu nennen und stärker zu differenzieren. Wird sich darüber hinaus das vorhandene Problem normalisieren, wenn auf Ausgrenzungen, d.h. auch auf negative Wertungen jeglicher Art, verzichtet wird?
Wir begegnen hier einer Ansicht, die vor allem in den rechtspolitischen Debatten der letzten Jahre immer wieder aufgetaucht ist: Wenn man auf Ausgrenzungen und Kriminalisierungen von Randgruppen oder Problemfeldern verzichtet, wird sich die Lage in Kürze normalisieren und verbessern. Dadurch, daß unliebsame Folgen eines Problems gelöst werden, erhofft man sich eine Lösung des Problems selbst. [Bsp.: Wird die Abtreibung legalisiert und die Abtreibungsproblematik offen diskutiert, werden die Abtreibungen abnehmen und den Frauen wird geholfen werden; verzichtet man auf die Kriminalisierung kleinerer Diebstahldelikte, wird die Anzahl der Verbrechen abnehmen; verzichtet man auf die Kriminalisierung von Drogenkonsumenten, wird die Problematik des Drogenkonsums und seiner Folgen geringer.]
Das Problem von Homosexuellen mit ihrer Orientierung wird als verkrampfte Einstellung zur eigenen Sexualität bezeichnet. Eine Aufhebung der Abgrenzungen würde zu einer "unverkrampften, 'normalen' Einstellung zur eigenen Sexualität” führen. Das mag auch richtig sein; aber es wird zugleich suggeriert, daß die innere Spannung, in der sich homosexuell empfindende Menschen befinden (insbesondere solche, die sich der christlichen Tradition verpflichtet fühlen), die Folge einer verkrampften Einstellung zu ihrer Sexualität ist und diese wiederum eine Folge gesellschaftlicher Unterdrückungen. Würde sich die Gesellschaft ändern, insbesondere die kirchliche Gesellschaft, dann würden - so meint man - die Probleme der Homosexuellen und ihre inneren Spannungen geringer werden. Wenn aber Homosexualität dem Willen Gottes widerspricht, wovon das vorliegende Papier mit dankenswerter Klarheit ausgeht, würde das bedeuten: eine Sünde läßt sich problemloser leben, wenn sie gesellschaftlich und vor allem kirchlich akzeptiert ist. Dann müßte aber zurückgefragt werden: Ist die verwirrende Spannung in der Ahnung, daß die eigene homosexuelle Orientierung nicht "normal” - d.h. von Gott gewollt - ist, nicht eine heilsame Spannung? Regt sich in der Scheu, die homosexuelle Orientierung vollständig als Ausdruck der eigenen Sexualität anzunehmen, nicht gerade das Gewissen, das zu schützen sich die Autoren an anderer Stelle (S.39) zur Aufgabe gemacht haben?
Es ist durchaus möglich, daß sich hinter der Selbstthematisierungstendenz der Homosexuellen und hinter ihrer Anklage an Kirche und Gesellschaft, sie nicht genügend zu akzeptieren, das Motiv verbirgt, das eigene schlechte Gewissen der Gesellschaft anzulasten und auf sie zu übertragen, so daß nun die "anderen” das schlechte Gewissen haben müssen. Daß darin auch berechtigte Empörung gegenüber Diffamierungen durch die Umwelt steckt, soll dadurch nicht geleugnet werden. Aber es ist keinem homosexuell Empfindenden damit gedient, wenn das Problem der Sünde woanders geortet wird als dort, wo es sitzt: im eigenen Herzen. 


5.1/11/43

In der Strategie einiger nicht-kirchlicher Interessengruppen von Homosexuellen wird die evangelische Kirche als der Ort angesehen, an dem zur Zeit die gewünschten Veränderungen am ehesten erzielt werden können. Obendrein würden von dort dann auch die intendierten gesellschaftlichen Veränderungen unaufhaltsam folgen. Wenn selbst die Kirchen in dieser Frage kein Veto mehr einlegen,- welche gesellschaftliche Gruppierungen sollte es dann tun? Angesichts der abnehmenden gesellschaftlichen Akzeptanz der Autorität der Kirchen wird von den Kirchen an dieser Stelle eine erstaunliche Katalysatorwirkung erwartet. 


5.2.1/3/44

Man kann ahnen, welch unseligen Verhören durch den Satz, daß niemand einen Anspruch darauf hat, "über das Sexualleben eines Amtsinhabers Auskunft zu verlangen oder dies auszuforschen”, ein Riegel vorgeschoben werden soll. Bewerbungsgespräche dürfen nicht dazu mißbraucht werden, im Privatleben von Pastoren herumzuschnüffeln. [Nebenbei: wie könnte man diese Einsicht für die gruppendynamischen Gesprächseinheiten in Predigerseminaren oder praktisch-theologischen Seminaren fruchtbar werden lassen?]
Andererseits muß aber ein Unterschied gemacht werden zwischen dem persönlichen Sexualleben, das niemanden etwas angeht, und einer gelebten Partnerschaft, die in der Öffentlichkeit sichtbar wird. Dasselbe gilt auch für Pfarrer, die in einer heterosexuellen Beziehung leben. Im Klartext: Was sich zwischen dem Pfarrer und seiner Frau im Schlafzimmer abspielt, geht keinen etwas an. Wenn er aber mit seiner Sekretärin ein Verhältnis hat und dies bekannt wird, haben sich z.B. der Kirchenvorstand oder die Kirchenleitung sehr wohl damit zu befassen, auch wenn damit intime Dinge berührt werden müssen. So ist auch das Leben in einer homosexuellen Beziehung eine öffentliche Angelegenheit,- selbst wenn dies nicht in der Öffentlichkeit ausdrücklich propagiert wird.
Eine Gemeinde, insbesondere der Kirchenvorstand hat durchaus das Recht, vorher zu erfahren, ob ihr zukünftiger Pfarrer in einer solchen Beziehung lebt und ob sie daher mit dieser Frage konfrontiert werden. Umgekehrt wird ein solcher Pfarrer auch von sich aus wissen mögen, ob seine Lebensorientierung von den Verantwortlichen seiner künftigen Gemeinde akzeptiert wird. Die Frage ist allein deshalb schon nicht auszuklammern, als von ihr das sonst so wichtige "gedeihliche Miteinander” des Pfarrers mit seiner Gemeinde in entscheidender Weise abhängt. Oder will man die Gemeinden dazu erziehen, sich in Zukunft zu dieser Frage nicht mehr nachdrücklich zu Wort zu melden? 


5.2.2/3/45

In großer Eindeutigkeit wird in dem Papier an der "Leitbildfunktion von Ehe und Familie” festgehalten. Das ist zu begrüßen. In diesem Zusammenhang wird auch entschieden die Euphorie des Aufbruchs homosexueller Organisationen gebremst. Homosexuelle Pfarrer sollen die "Begrenztheit” ihrer Form der sexuellen Beziehungen erkennen und sich öffentlich für das Leitbild Ehe und Familie einsetzen. Außerdem wird von ihnen erwartet, daß sie die Bekenntnis- und Lehrgrundlagen ihrer Kirche anerkennen und öffentlich für sie eintreten.
Darüber hinaus sollte es ihnen gelingen, "ihre eigene homosexuelle Form des Zusammenlebens mit der normativen Autorität der Bibel in Einklang” zu "bringen”. Die geforderte "Vereinbarkeit mit Bekenntnis und Lehre” (5.2.2) erweist sich hier als die Kunst einer Bibelauslegung (Hermeneutik), die in der Lage ist, das, was die Bibel eindeutig ablehnt, mit ihr selbst in Einklang zu bringen. Von den betreffenden Pfarrern wird also eine biblisch Begründung für ihr Verhalten gefordert. Wenn sie dazu in der Lage sind, gibt es keinen Einwand mehr. Die vorliegende "Orientierungshilfe” bietet für dieses Kunststück das hermeneutische und argumentative Instrumentarium. 


5.2.3/3/46

Alle beteiligten Gremien sollen einmütig ihre Entscheidung fällen. Man will also zur Zeit von Seiten der Kirchenleitungen keine Veränderungen über's Knie brechen. Es wird auf das Gewissen der Zögerlichen oder Andersdenkenden Rücksicht genommen. Andererseits wird deutlich, daß es in diesen Entscheidungen für die Autoren des EKD-Papiers nicht mehr um Lehrfragen geht, sondern um Fragen der (sich ändernden) Akzeptanz in den Gemeinden und in den entsprechenden Gremien. Es wird pragmatisch entschieden. Denn Lehrentscheidungen kommen in der Regel nicht durch Mehrheitsbeschlüsse - und seien sie einmütig - zustande. 


5.3/5/48

Das Papier der Kommission spricht sich eindeutig "gegen eine Zulassung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften in Pfarrhäusern aus. Soll man sagen: noch? Denn das Argument für die nächste Stufe in der bevorstehenden Entwicklung ist bereits in das Papier aufgenommen: "eine verantwortlich gestaltete gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft im Pfarrhaus” würde "vermutlich eine positive Funktion für homosexuell geprägte Menschen haben”. Noch hebt das die vorgebrachten Bedenken und Einwände nicht auf, die vor allem die (im Abnehmen begriffene) Vorbildfunktion des Pfarrhauses sowie die Befürchtungen von Gemeindegliedern gegenüber einer möglichen "Verführung zur Homosexualität” zum Gegenstand haben. Wenn aber einmal die allgemeine Akzeptanz gegenüber homosexuellen Partnerschaften größer geworden sein wird und wenn einmal solche Beziehungen von Seiten des Staates in vieler Hinsicht einer Ehe gleichgestellt worden sein werden (womit in absehbarer Zeit durchaus zu rechnen ist), werden Bedenken dieser Art nicht mehr aufrechterhalten werden können.
Die eindeutige Ablehnung homosexueller Lebensgemeinschaften in Pfarrhäusern bei gleichzeitiger Akzeptanz einer solchen Lebensgemeinschaft, wenn sie von Pfarrern außerhalb des Pfarrhauses praktiziert wird, wird sich ohnehin auf die Dauer so nicht leben lassen. Homosexuelle Pfarrer werden diese "Lösung” als unbefriedigend empfinden, wenn nicht sogar als Rückfall in eine doppelte Moral und in eine geduldete Heimlichkeit (vergleichbar der geduldeten Heimlichkeit von "Priesterehen”). Denn: wie soll man auf die Dauer aus dem Pfarrhaus fernhalten können, was sich aus dem Leben der betroffenen Pfarrer nicht fernhalten läßt?
Es kann nicht anders sein als daß man einer solchen Entscheidung in wenigen Jahren Halbherzigkeit vorwerfen wird. Dann wird die Zeit kommen für ein neues "Schuldbekenntnis” der Kirchen. Man hört schon förmlich den Anfang der nächsten EKD-Studie zum Thema: "Wir bekennen, daß wir nicht nicht deutlicher gesprochen und uns nicht konsequenter für die Belange derer eingesetzt haben, die in ihrer persönlichen Existenz unsäglich gelitten haben unter der doppelten Moral unserer Gesellschaft, zu der auch unsere Kirchen beigetragen haben. Wir bekennen, daß wir aus falscher Rücksichtnahme nicht genügend Mut gehabt haben, öffentlich zu dem zu stehen, was wir prinzipiell schon geduldet und akzeptiert hatten.” Der vorgeschlagene Kompromiß - homosexuelle Beziehungen von Pfarrern: ja, aber nicht im Pfarrhaus - wird auf die Dauer nicht lebbar sein und ist als solcher ein Phänomen des Übergangs, in dem wir stehen. 


6.3/7/54

Die Verfasser der Orientierungshilfe bemühen sich darum, deutlich zu machen, daß das biblische Leitbild von Ehe und Familie in keinem Fall - auch nicht durch Segenshandlungen an Homosexuellen - aufgegeben oder in Frage gestellt werden darf. Es darf unter keinen Umständen der Eindruck entstehen, als wäre eine homosexuelle Beziehung in irgendeiner Form der Ehe gleichzustellen. Daher wird auch jede Form einer öffentlichen Segnung, insbesondere im Rahmen eines Gottesdienstes abgelehnt. Den Wünschen, die in dieser Richtung von Organisationen homosexueller Menschen immer wieder vorgebracht wurden, ist nicht entsprochen worden. Wer sich durch eine Segnung seiner homosexuellen Beziehung eine öffentliche kirchliche Akzeptanz seiner Lebensform erhoffte, wird diese Bestätigung nach dem Vorschlag der Kommission nicht erhalten können.
Dabei wird eine wichtige Unterscheidung vorgenommen: homosexuelle Partnerschaften können nicht gesegnet werden; es können aber homosexuelle Menschen gesegnet werden. Der Ort dafür ist die Seelsorge und nicht der Gottesdienst. Doch was bedeutet es, homosexuelle Menschen in ihrer besonderen Situation zu segnen? In welcher Situation entsteht der Wunsch eines homosexuellen Menschen, sich segnen zu lassen? Wo haben wir in unseren evangelischen Kirchen sonst den Brauch, außerhalb des Gottesdienstes Menschen zu segnen?
Natürlich können auch homosexuell empfindende Menschen gesegnet werden,- wie alle anderen Menschen auch. Sollen wir nicht selbst unsere Feinde - und homosexuelle Menschen sind nicht unsere Feinde! - segnen? In diesem allgemeinen Sinne ist also Segnung selbstverständlich möglich. Jemand segnen bedeutet darüber hinaus (auch darin ist den Autoren zuzustimmen): jemanden in seiner konkreten Situation segnen, ihm den Zuspruch und Anspruch Gottes nahebringen, ihm die Annahme durch den barmherzigen Gott bezeugen, ihm den Zuspruch des Beistands Gottes geben, für ihn beten um Gottes Schutz und Geleit.
Einen homosexuellen Menschen segnen bedeutet, ihn in seiner besonderen Lebenssituation geistlich zu begleiten. Dazu gehört jedoch auch, ihm die Vergebung seiner Sünden zuzusprechen, was ein vorheriges Bekenntnis der Schuld voraussetzt. Dieser Aspekt taucht in dem Papier nicht ausdrücklich auf. Es kann dazu helfen, daß ein Mensch den Willen Gottes für sein Leben besser erkennt und die Kraft erhält, nach diesem Willen zu leben.
Es ist daher gut, wenn die Mitglieder der Kommission dafür plädieren, daß eine kirchliche Segenshandlung nicht den Eindruck erwecken darf, als sei eine gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes. Die Kommission hält aber eine - nicht öffentliche - Segnung dann für möglich, wenn es deutlich genug ist, daß sie sich auf die ethisch verantwortliche Gestaltung einer solchen Partnerschaft bezieht. Es bleibt undeutlich, ob sie dabei an eine gemeinsame Segnung beider homosexueller Partner denkt oder lediglich an die Segnung einzelner Personen in ihrer jeweiligen Lebenssituation.
Wird die gemeinsame - wenn auch nicht öffentliche - Segnung nicht ausdrücklich ausgeschlossen, wird man kaum ausschließen können, daß dies von den Betreffenden als "Ja” der Kirche und als "Ja” Gottes zu ihrem Weg verstanden wird. Dieses Mißverständnis ist letztlich nur dann auszuschließen, wenn in der Seelsorge deutlich zur Sprache kommt, daß eine gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft nicht dem Willen Gottes entspricht und daher für einen solchen gemeinsamen Weg auch nicht der Segen Gottes erbeten werden kann. Die Kirche wird dem nur darin entsprechen, wenn sie nicht segnet, was Gott nicht segnet, es vielmehr ausdrücklich ablehnt. Summa: homosexuelle Menschen können gesegnet werden wie andere auch, die darum bitten. In Bezug auf eine gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft, in der sie leben, ist jedoch nicht der Segen, sondern die Ermahnung und Zurechtbringung die angemessene Entsprechung. Darüber aber wird in dem Papier geschwiegen.


Abschließende Würdigung

 Die Orientierungshilfe der EKD ist ein bedeutsamer Beitrag in der gegenwärtigen Diskussion um das Thema "Homosexualität und Kirche”. Sie ist - zum Ärger vieler, die sich weitergehendere Veränderungen erhoffen - relativ konservativ und zurückhaltend in ihren Reformvorschlägen. Sie unterstreicht unmißverständlich, daß Homosexualität nicht nach dem Willen Gottes ist. Sie vermeidet diejenigen kurzschlüssigen Argumentationen, mit deren Hilfe man sonst die biblischen Aussagen gerne relativieren oder für unsere gegenwärtige Situation als nicht relevant erscheinen lassen möchte. Sie hält am biblischen Leitbild von Ehe und Familie fest, demgegenüber Homosexualität in ihrer deutlichen Begrenzung und Einschränkung erkennbar wird. Sie verwirft die These von der Gleichwertigkeit aller Lebens- und Partnerschaftsformen und lehnt eine öffentliche Segnung homosexueller Partnerschaften ab.

Und dennoch macht sich die Orientierungshilfe auf den Weg, trotz allem nach einer ethisch verantwortlichen Form einer homosexuellen Partnerschaft zu suchen. Dabei bemüht man sich im Vergleich zu anderen Veröffentlichungen zum Thema nicht darum, homosexuelle Partnerschaften notfalls auch gegen das Schriftzeugnis zu rechtfertigen. Hier wird erstmals der Versuch unternommen, ein - unter vielen Vorbehalten stehendes - "Ja” zu einer "verantwortlich gelebten homosexuellen Partnerschaft” auf dem Boden von Schrift und Bekenntnis zu begründen. Eine klare Ablehnung der Homosexualität in der Schrift bildet dafür offenbar keinen ernsthaften Hinderungsgrund.

Damit aber wird ein Argumentationsmuster und ein Umgang mit der Heiligen Schrift eingeübt, der weitreichende Folgen haben könnte. Wenn sich diese Art zu denken und zu argumentieren durchsetzt, wird es in Zukunft möglich sein, auch in anderen Fragen, mit denen die Kirche konfrontiert ist, trotz eindeutiger Verbote und Weisungen in der Heiligen Schrift nach einer Möglichkeit zu suchen, verantwortlich mit dem umzugehen, was die Bibel als Sünde bezeichnet.

Das Neue an dieser Hermeneutik ist nicht, daß die Kirche in die Lage versetzt wird, biblische Gebote und Ordnungen Gottes zu übergehen bzw. Verständnis und Toleranz denen gegenüber walten zu lassen, die dem Willen Gottes entgegenstehen. Das Neue ist, daß es mit Hilfe des vorliegenden Argumentationsmusters möglich ist, diese Haltung in scheinbarer "Übereinstimmung mit Schrift und Bekenntnis” zu begründen. Damit wäre einer möglichen Infragestellung solcher Verhaltensweisen durch die Frage, ob sie sich mit Schrift und Bekenntnis vereinbaren lassen, von vornherein der Wind aus den Segeln genommen.

Genau dieses "Kunststück” wird künftig von Pfarrern erwartet, die in homosexuellen Partnerschaften leben. Sie sollen dazu in der Lage sein, eine Lebensweise, von der sie wissen, daß sie von der Bibel ausdrücklich als Sünde bezeichnet wird, so zu begründen, daß dabei weder die Autorität der Schrift noch die der Bekenntnisse in Frage gestellt ist. Die Autoren fordern von solchen Pfarrern oder Pfarrerinnen geradezu die Übereinstimmung mit Schrift und Bekenntnis. So sehr das Anliegen der Autoren zu begrüßen ist, Schrift und Bekenntnisse ernst zu nehmen, so sehr ist doch zu fragen, ob im Rahmen einer so gestalteten Argumentation Schrift und Bekenntnis überhaupt noch die Möglichkeit gegeben wird, sich durchzusetzen und in Geltung zu bringen. Welche verheerende Logik steckt dahinter, in der es möglich ist, eine Handlungsweise, die von der Schrift eindeutig abgelehnt wird, so zu gestalten, daß sie in Übereinstimmung mit derselben Schrift zu stehen scheint? Sollte es in Zukunft generell möglich sein, nach einer christlich-ethischen Gestaltung von Dingen zu fragen, von denen man weiß, daß sie nicht nach dem Willen Gottes sind?

Man kann verstehen, wenn das manchen als "schizophren” vorkommt. Man kann auch verstehen, wenn sich nicht jeder homosexuelle Pfarrer dazu in der Lage sieht, eine solche "verwinkelte” Argumentation zu führen. Vermutlich wird die Hauptwirkung der "Orientierungshilfe” darin bestehen, als Lehrstück für Argumentationsmuster dieser Art zu dienen. Bislang waren sich Theologen, die für eine Anerkennung homosexueller Partnerschaften in der Kirche eintraten, darüber im klaren, daß sie damit in einen offenen Gegensatz mit einigen Schriftaussagen geraten. Ein Teil ihrer Argumentation bestand deshalb darin, die entsprechenden Schriftaussagen in ihrer zeitlichen Bedingtheit zu relativieren oder aber sie offen zu kritisieren. Es war ihnen dabei auch bewußt, daß sie sich damit nicht mehr in Übereinstimmung mit der ganzen Schrift befanden. Die gegenwärtige Situation hatte dann oft mehr Gewicht und Autorität als die Schrift bzw. einzelne Schriftaussagen.

Mit Hilfe der vorliegenden "Orientierungshilfe” wird es nun möglich sein, einerseits an den klaren, abwertenden Schriftaussagen festzuhalten, sie weder zu relativieren noch zu kritisieren. Andererseits ist aber der Weg dazu geöffnet, darüber hinaus nach einem ethisch verantwortbaren Umgang mit den von der Schrift negativ bewerteten Verhaltensweisen zu fragen. Man relativiert die Heilige Schrift nicht - man fragt über sie hinaus. Man kritisiert einzelne Schriftaussagen nicht - man stellt sie in einen größeren Kontext. Man leugnet den Widerspruch nicht - man läßt ihn in einer höheren Ordnung aufgehen. Man versucht nicht, die Bindung an Schrift und Bekenntnis (wenigstens an einigen Punkten) zu lockern - man begründet die eigene Sichtweise bzw. Verhaltensweise so, daß sie in Übereinstimmung mit dem Fundament der Kirche erscheint, was diese Position dann im kirchlichen Kontext nicht nur unangreifbar macht, sondern obendrein die anderen Kirchenmitglieder dazu nötigt, diese Sicht- oder Verhaltensweise - wenn sie denn mit Schrift und Bekenntnis in Übereinstimmung steht - zunächst zu akzeptieren, dann aber auch lehrmäßig zu vertreten. Damit bliebe die Einheit der Kirche gewahrt und zugleich wäre damit diejenige Gruppe zufriedengestellt, die zur Zeit noch - unter Berufung auf Schrift und Bekenntnis - dieser neuen "Einheit” am meisten Widerstände entgegenbringt.

Obwohl die Orientierungshilfe "konservativer” und in ihrem Reformwillen zurückhaltender ausgefallen ist, als manche erwartet bzw. befürchtet haben, offenbart sie doch auf ihre Weise die Spannung, in der sich die evangelische Kirche zur Zeit befindet: die Spannung zwischen ihrem eigenen Fundament, das in Schrift und Bekenntnissen besteht, und der Entwicklung ihrer Lehre und des Lebensvollzugs ihrer Mitglieder, die sich immer weiter von eben diesen Grundlagen entfernen. Daß die evangelische Kirche - bei aller Wachheit gegenüber den vielfältigen Spannungen in unserer Zeit - gerade diese Spannung nicht wahrhaben will und vielmehr ganz neu ihre völlige Übereinstimmung mit Schrift und Bekenntnis behauptet, zeugt von einem Defizit geistlich-theologischer Wahrnehmung, das durchaus zur Sorge Anlaß gibt. Dieses Defizit hält sich auch auf hohem Reflektionsniveau, wie die vorliegende "Orientierungshilfe” zeigt, die - trotz vieler ausgezeichneter Ausführungen im einzelnen - im Grunde keine ausreichende Orientierung zu geben vermag.
 
 


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Ins Netz gesetzt am 28.11.2002; letzte Änderung: am 23.11.2022

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