Und wie ist es mit Enthaltsamkeit?

von Robert Layton

Ich hielt eine Einladung der Schule meines 13jährigen Sohnes in den Händen. Darin wurde ein Abend angekündigt, an dem das neue Fach Sexualkunde näher vorgestellt werden sollte. Den Eltern sollte so die Möglichkeit gegeben werden, sich ein Bild von den geplanten Lehrinhalten zu machen und an einer Unterrichtsstunde teilzunehmen, die exakt so ablaufen sollte wie es auch später vor den Schülern der Fall sein würde.

Als ich an dem besagten Abend in der Schule ankam, war ich zunächst einmal überrascht, dass nur etwa ein Dutzend Eltern gekommen waren. Während wir auf die Präsentation warteten, durchblätterte ich Seite für Seite die Anweisungen zur Verhinderung einer ungewollten Schwangerschaft oder einer Geschlechtskrankheit. Ich stellte fest, dass Enthaltsamkeit nur nebenbei erwähnt wurde.

Als der Lehrer ankam, fragte er, ob es noch irgendwelche Fragen zu den Unterlagen gäbe. Ich fragte, weshalb Enthaltsamkeit keinen merklichen Raum in dem Material einnahm. Was daraufhin geschah, war schockierend.

Es gab eine ganze Menge Gelächter und jemand schlug vor, wenn ich doch der Meinung sei, dass Enthaltsamkeit von irgendeinem Nutzen sei, sollte ich doch weiterhin den Kopf in den Sand stecken. Der Lehrer sagte nichts dazu, während ich in einem Meer von Betretenheit versank. In meinem Kopf war alles leer und mir fiel nichts mehr ein, was ich hätte sagen können. Der Lehrer erklärte mir, es sei die Aufgabe der Schule, die "Fakten" zu lehren, für das Moralische seien die Eltern zu Hause verantwortlich. Die nächsten zwanzig Minuten lang saß ich still da und hörte zu, als der Lehrplan erläutert wurde. Die anderen Eltern schienen dem Material ihre unqualifizierte Unterstützung zu geben.

"Im Foyer gibt es Donuts", kündigte der Lehrer während der Pause an. "Und ich möchte Sie bitten, die Namensschildchen anzustecken, die wir vorbereitet haben. Sie liegen direkt neben den Donuts. Und dann tauschen Sie sich doch bitte mit den anderen Eltern aus." Alle standen auf und gingen ins Foyer. Ich sah zu, wie sie sich die Namensschildchen ansteckten, sich begrüßten und unterhielten. Währenddessen saß ich tief in meine Gedanken versunken da. Ich schämte mich, dass ich es nicht geschafft hatte, sie davon zu überzeugen, eine ernsthafte Diskussion des Themas Enthaltsamkeit in das Material einzubeziehen. Ich betete leise um Gottes Führung.

Meine Gedanken wurden durch die Hand des Lehrers auf meiner Schulter unterbrochen. "Möchten Sie sich nicht zu den anderen gesellen, Herr Layton?" Er lächelte mich freundlich an. "Die Donuts sind sehr gut!" "Nein, danke", erwiderte ich. "Nun, wie wäre es dann mit einem Namensschildchen? Ich bin sicher, die anderen würden sich gerne mit Ihnen austauschen." "Irgendwie bezweifle ich das" antwortete ich. "Möchten Sie nicht bitte zu ihnen gehen?" versuchte er mich zu überreden. Da hörte ich eine leise, innere Stimme flüstern: "Geh' nicht." Die Anweisung war unmissverständlich: "Geh' nicht!" - "Ich werde einfach hier warten", sagte ich.

Nachdem der zweite Teil des Abends begonnen hatte und alle wieder auf ihren Plätzen saßen, dankte der Lehrer allen dafür, dass sie die Namensschildchen angesteckt hatten. Mich ignorierte er. Dann sagte er: "Nun werden Sie dieselbe Lektion miterleben, die wir Ihre Kinder lehren werden. Nehmen Sie doch bitte alle Ihre Namensschildchen ab." Ich schaute still zu, wie alle taten, um was sie gebeten worden waren. "Nun, auf die Rückseite eines der Schildchen habe ich eine kleine Blume gemalt. Wer hat diese Blume auf seinem Schildchen?" Ein Mann, der schräg vor mir saß, hielt sein Schildchen hoch: "Hier ist sie!" "Okay", sagte der Lehrer. "Diese Blume repräsentiert eine Geschlechtskrankheit. Können Sie sich noch daran erinnern, wem Sie die Hand geschüttelt haben?" Der Mann deutete auf zwei Leute. "Sehr gut", erwiderte der Lehrer. "Das Händeschütteln steht in diesem Fall für Intimitäten. Die beiden Leute, mit denen Sie Kontakt hatten, haben jetzt also auch diese Krankheit."

Es gab Gelächter und ein paar Witzeleien unter den Eltern. Der Lehrer fuhr fort: "Und wem haben SIE BEIDE die Hand geschüttelt?" Die Botschaft war angekommen und der Lehrer erklärte, dass diese Lektion den Schülern demonstrieren sollte, wie schnell sich solch eine Krankheit ausbreitet. "Da wir uns alle gegenseitig die Hände geschüttelt haben, haben wir nun alle die Krankheit."

Da hörte ich die kleine, leise Stimme wieder. "Sprich' jetzt", sagte sie, "aber sei demütig dabei." Ich erhob mich von meinem Stuhl und entschuldigte mich für jede Störung, die ich zuvor verursacht haben könnte. Ich gratulierte dem Lehrer für eine ausgezeichnete Lektion, die die jungen Leute bestimmt beeindrucken würde. Dann schloss ich indem ich sagte, ich würde nur gerne noch auf einen kleinen Punkt hinweisen: "Nicht alle von uns haben sich angesteckt", sagte ich. "Einer von uns hat Enthaltsamkeit geübt."


Quelle: Kurzgeschichten


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Ins Netz gesetzt am 06.02.2018; letzte Änderung: 06.02.2018

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