Der "Codex Vaticanus" - ("B")


Einleitung

 Der Kodex besteht aus 759 Pergamentblättern (von ursprünglich insgesamt etwa 820) von sehr guter Qualität in den Maßen 27x27 cm. Der Text ist in je drei Spalten pro Seite angeordnet (mit Ausnahmen).

Fotos: © www.musar.com

In der Vatikanischen Bibliothek in Rom (Vat. gr. 1209) befindet sich einer der wertvollsten biblischen Kodices. Es ist ein Manuskript, das vom Anfang des 4. Jh.s. stammt. Der Text enthält beide Testamente, doch ist im Neuen Testament alles hinter Hebr. 9,14 einschließlich der Pastoralbriefe, der Apokalypse und der nichtkanonischen Bücher, die vielleicht am Ende standen, verlorengegangen.

Der Kodex besteht aus 759 Pergamentblättern (von ursprünglich insgesamt etwa 820) von sehr guter Qualität in den Maßen 27x27 cm, die in Lagen von je 10 Blättern angeordnet waren mit je drei Spalten auf der Seite, - eine ungewöhnliche Anordnung, von der man auf die Papyrus-Rolle schließen könnte, wenn nicht die Tatsache dagegen spräche, daß mit gutem Grund angenommen werden muß, daß das Neue Testament von Anfang an (oder doch jedenfalls sehr bald nach den Anfängen des Christentums in Ägypten) in Kodexform verbreitet wurde.

Im Neuen Testament sind 142 Blätter von ursprünglich insgesamt 162 erhalten. Verzierungen und groß ausgeführte Initialen sind nicht vorhanden. Akzente und Spiritus fehlen, ebenso auch praktisch jede Punktion. Die Handschrift ist klein und zierlich, aber ihr Aussehen hat unter einem späteren Schreiber gelitten, der fand, daß die Tinte verblaßt war und der deshalb alle Buchstaben nachzog mit Ausnahme derjenigen, die er für falsch hielt. So zeigen nur wenige Abschnitte die ursprüngliche Schrift. Anscheinend haben zwei Schreiber am Alten und ein weiterer am Neuen Testament gearbeitet, ferner zwei Korrektoren, von denen einer (B2) mit den Schreibern ungefähr gleichzeitig ist.

Die Sektionen des Eusebius kommen nicht vor, was auf eine Zeit hinweist, in der diese noch nicht allgemein bekannt waren; doch haben wir eine andere Zählung in den Evangelien, die sich außerdem nur noch in einer Handschrift findet, und zwei völlig selbstständige Zählungen in der Apostelgeschichte und den Briefen.


Enstehungszeit und Entstehungsort

  Die Vatikanische Bibliothek ist der stolze Besitzer einer der ältesten Bibel-kodices.

Der Codex Vaticanus - eine Vollbibel - stammt vom Anfang des 4. Jh.s. und ist vermutlich seit 1475 im Vatikan nach-weisbar.

Fotos: Internet http://www.hesperian.co.uk

Was die Entstehungszeit und den Entstehungsort betrifft, so weist die außerordentliche Einfachheit der Schrift und die Anordnung in drei Spalten der Handschrift einen sehr frühen Platz in der Reihe der Pergamentunzialen zu, man nimmt allgemein die erste Hälfte des 4. Jh.s an. Über den Ort gehen die Meinungen stärker auseinander; Hort hält Rom, andere Süditalien oder Cäsarea für wahrscheinlich; doch legt das Zusammengehen des Textes mit den koptischen Übersetzungen und Origenes und der Stil der Schrift (die koptischen Formen finden sich in einigen Titeln) eher Ägypten und Alexandria nahe.

Die Handschrift war anscheinend die erste von den großen Unzialen, die nach Europa kam, doch war sie die letzte, die in vollem Umfange bekannt wurde. Sie war 1481 sicher in der Vatikanischen Bibliothek, da der Katalog dieses Jahres eine "Biblia in tribus columnis ex membranis in rubeo" erwähnt; vielleicht ist damit dasselbe gemeint wie mit der "Biblia ex membranis in rubeo", die 1475 im Katalog unter den griechischen Handschriften auftaucht. Sicherlich aber war die Handschrift 1481 in der Bibliothek. Carafa benutzte sie ausgiebig zur Herstellung der Septuaginta des Papstes Sixtus V. im Jahre 1587, aber im Neuen Testament war ihr Schicksal weniger glücklich. Vergleichungen wurden 1669, 1720 und 1780 von verschiedenen Gelehrten angestellt, aber keine dieser Arbeiten wurde veröffentlicht, so daß ihre Ergebnisse der gelehrten Welt nicht bekannt werden konnten.

Hug machte auf ihre Bedeutung aufmerksam, als sie von Napoleon nach Paris gebracht wurde; aber nach ihrer Rückkehr nach Italien planten die vatikanischen Behörden selbst eine Herausgabe und verweigerten fremden Gelehrten den Zutritt; freilich wartete man auf diese Ausgabe vergebens. Tatsächlich führte Kardinal Mai, der mit der Arbeit betraut worden war, sie so unvollkommen aus, daß man sie bis zum Ende seines Lebens zurückhielt, und die beiden Ausgaben, die nach seinem Tode 1857 und 1859 herauskamen, wichen so sehr voneinander ab, daß man sich auf sie nicht verlassen konnte.

Im Jahre 1866 erhielt Tischendorf für zweiundvierzig Stunden Zutritt und notierte in aller Eile seine Vergleichungen; als er jedoch zwanzig Seiten vollkommen abschrieb und dadurch seinen Vertrag verletzte, entzog man die Handschrift seiner Benutzung. Gleichwohl konnte er 1867 eine Ausgabe veröffentlichen, die die Kenntnis der Handschrift ganz beträchtlich erweiterte, und schließlich wurde 1868 das Neue Testament von Vercellone und Cozza herausgegeben, dem 1881 dann auch das Alte Testament folgte. Ein volles photographisches Faksimile erschien 1889-90, ein späteres von Hoepli (Mailand 1904), die beide den Gelehrten eine eingehende Kenntnis dieser so überaus wichtigen Handschrift vermittelten.


Der Textcharakter

Der Codex Vaticanus ist der wichtigste Vertreter jenes Texttypus, den die Forscher mit Alexandria verbinden und von dem Westcott und Hort eine so hohe Meinung hatten, daß sie ihn zum "neutralen" erhoben und ihn zur letzten Instanz ihrer Ausgabe machten. Und sicher haben wir es hier angesichts so mächtiger weiterer Zeugen wie den Codex Sinaiticus, einer ganzen Reihe früher Majuskelfragmente, mehrerer Minuskeln, der koptischen Übersetzungen, der meisten Origeneszitate und des Hieronymus selbst in seiner Revision des lateinischen Neuen Testaments mit einem Texttypus von hohem Alter zu tun, dessen Eigenart besondere Aufmerksamkeit gebührt.

  Die Überschriften sind sich alle sehr ähnlich. Einige Verzierungen sind angebracht, und zwar in grüner Farbe, die hin und wieder mit einem roten Rahmen versehen sind.

Im Brief an die Epheser (linke Grafik) ist am rechten Textrand deutlich der Nachtrag "en epheso" erkennbar.

Fotos: Wieland Willker


Literatur

Kurt Aland / Barbara Aland, Der Text des Neuen Testaments, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 1989, 2. ergänzte und erweiterte Auflage

Frederic G. Kenyon, Der Text der griechischen Bibel, Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht, 1961, 2. Auflage überarbeitet und ergänzt von A.W. Adams

Bruce M. Metzger, Der Text des Neuen Testaments, Einführung in die neutestamentliche Textkritik, Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag, 1966


Abbildung:

Grafik des Codex Vaticanus s/w www.earlham.edu
[JPG] Codex Vaticanus farbig (741x869) Uni Essen
[JPG] Codex Vaticanus farbig (741x869) Wiland Willker
Codex Vaticanus Bible Researcher Mit einer Reihe von schönen Grafiken
Codex Vaticanus ohne Pericope Adulterae Bible Researcher
Codex Vaticanus ohne den langen Markusschluß Bible Researcher
Codex Vaticanus Text Headings © Wieland Willker farbig
Spalten aus dem Codex Vaticanus: The Gospel of John farbig



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Ins Netz gesetzt am 20.06.2006; letzte Änderung: 30.06.2006
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