Der "Codex Sinaiticus" (À)Zur Geschichte der Entdeckung einer der berühmtesten Handschriften des Neuen Testaments aus dem 4. Jh.EinleitungAn erster Stelle im Verzeichnis der neutestamentlichen Handschriften wird gewöhnlich der "Codex Sinaiticus" (À) aufgeführt. Er stammt aus dem 4. Jahrhundert und wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts von Konstantin von Tischendorf im St. Katharinenkloster am Sinai entdeckt wurde.
Die Abbildung zeigt den Text aus Hoheslied 1,1-4.
Einst enthielt der Codex die ganze Bibel in einer sorgfältigen Handschrift, die aus ca. 720 Blättern bestanden haben muß. Der Text ist in vier Kolumnen zu je 48 Zeilen pro Seite angeordnet, im Format etwa 38 x 34,3 cm, wobei jede Seite 43 x 38 cm groß ist. Das Material besteht aus feinem Pergament.
Geschichte der Entdeckung
Foto: www.sinaiticus.de Die Geschichte seiner Entdeckung ist geradezu fesselnd und verdient es, daß man sie etwas ausführlicher berichtet.
1853 besuchte Tischendorf wiederum das Katharinenkloster, aber die Erregung, die er bei seinem ersten Besuch über seine Entdeckung gezeigt hatte, hatte die Mönche vorsichtig gemacht, und so konnte er nichts weiter über die Handschrift erfahren.
Am nächsten Morgen versuchte Tischendorf, die Handschrift zu kaufen - ohne Erfolg. Dann bat er um die Erlaubnis, sie nach Kairo zur Untersuchung mitzunehmen, aber der Mönch, der für den Altar verantwortlich war, erhob Einspruch und so mußte er ohne sie abreisen. Später in Kairo, wo die Mönche vom Sinai auch ein kleines Kloster haben, bat Tischendorf den Abt des Katharinenklosters, der zufällig gerade in Kairo war, dringend, die Schrift holen zu lassen. Daraufhin wurden schnelle Beduinenboten abgeschickt, um die Handschrift nach Kairo zu holen, und man war damit einverstanden, daß Tischendorf sie lagenweise, also jeweils acht Blätter zum Kopieren haben durfte. Zwei Deutsche, die zufällig in Kairo waren und etwas Griechisch konnten, ein Apotheker und ein Buchhändler, halfen ihm beim Abschreiben der Handschrift, und Tischendorf revidierte sorgfältig, was sie abgeschrieben hatten. In zwei Monaten übertrugen sie 110.000 Zeilen Text. Das nächste Stadium der Verhandlung schloß das ein, was man euphemistisch als "kirchliche Diplomatie" bezeichnen möchte. Zu jener Zeit war die höchste kirchliche Würde unter den Mönchen am Sinai vakant. Tischendorf gab den Mönchen zu verstehen, daß es zu ihrem Vorteil wäre, wenn sie dem Zaren von Rußland ein Geschenk machten, dessen Einfluß als Schirmherr der griechischen Kirche sie im Zusammenhang mit der Wahl des neuen Abtes (der zugleich den Titel Erzbischof führt) wünschten - und was wäre geeigneter gewesen als diese griechische Handschrift! Nach langwierigen Verhandlungen wurde der wertvolle Codex Tischendorf zur Veröffentlichung in Leipzig und zur Überreichung an den Zaren überlassen. Im Orient verlangt ein Geschenk eine Gegengabe (vgl. Gn 23, wo Ephron dem Abraham ein Feld für eine Grabstätte "schenkt", Abraham ihm aber den Gegenwert von 400 Schekel Silber bezahlt). Als Gegengabe für die Handschrift schenkte der Zar den Mönchen einen Silberschrein für die St- Katharinen-Kirche sowie 7000 Rubel für die Bibliothek am Sinai und 2000 Rubel für die Mönche in Kairo, schließlich verlieh er den Klosteroberen eine Reihe von russischen Orden. 1862 erschien anläßlich der 1000-Jahr-Feier der Gründung des russischen Reiches der Text der Handschrift in vier Foliobänden in einer großartigen Ausgabe auf Kosten des Zaren; gedruckt wurde er in Leipzig mit Typen, die eigens für diesen Zweck gegossen wurden und den Buchstaben der Handschrift ähneln sollten, die Zeile für Zeile mit größtmöglicher Genauigkeit wiedergegeben sind.
Das Katharinenkloster im Sinai wurde um 557 n.Chr. zum Schutz der Mönche erbaut. Es birgt reiche Kunstschätze und mehr als 3000 Manuskripte.
Die endgültige Veröffentlichung des Codex erfolgte erst im 20. Jahrhundert, als die Oxford University Press ein Faksimile nach Photographien von Professor K. Lake herausgab (NT 1911, AT 1922).
Der Text des Codex Sinaiticus´Der vom Sinaiticus bezeugte Text gehört im großen und ganzen zum alexandrinischen Text, bietet aber auch eine ganze Reihe westlicher Lesarten.
Die Lesarten sind im allgemeinen "schwieriger" als die Lesarten anderer Texttypen. Dieser Texttypus wurde aber auch durch spätere Schreiben korrigiert.
Foto: http://www.ernancy.org Ehe die Handschrift das Skriptorium verließ, wurde sie von mehreren Schreibern überprüft, die die Arbeit eines Korrektors verrichteten. Lesarten, für die sie verantwortlich sind, sind in kritischen Apparaten mit dem Siglum Àa gekennzeichnet. In späterer Zeit (möglicherweise im 6.-7. Jhdt) brachten mehrere Korrektoren, die in Caesarea arbeiteten, eine große Auswahl von Änderungen sowohl im Alten als im Neuen Testament an. Diese Änderungen, (À)ca oder Àcb gekennzeichnet, stellen einen Versuch dar, durchgehend den ganzen Text nach einem anderen Vorbild zu korrigieren, das, nach einem Kolophon am Schluß der Bücher Esra und Esther, "eine sehr alte Handschrift" war, "die von dem heiligen Märtyrer Pamphilus korrigiert worden war". Nach Tischendorf, dem Lake hierin gefolgt ist, waren vier Schreiber an der Arbeit beteiligt, doch hat eine eingehende Untersuchung durch H. J. M. Milne und T. C. Skeat (Scribes and Correctors of the Codex Sinaiticus, 1938) gezeigt, daß es in Wahrheit nur drei waren. Von diesen schrieb einer fast das gesamte Neue Testament und den Barnabasbrief; ein anderer (dessen Orthographie bei weitem die beste ist) schrieb sechs Seiten des Neuen Testaments noch einmal, wo der erste Schreiber anscheinend grobe Fehler gemacht hatte; der gleiche ist auch für die Eingangsverse der Offenbarung (1,1-5) verantwortlich. Der Codex Sinaiticus enthält zahlreiche Singulärlesarten (und Flüchtigkeiten) und wurde von Tischendorf stark überschätzt. Er steht im Wert hinter dem des Codex Vaticanus (B; 4. Jh.) deutlich zurück. Der Codex Sinaiticus ist mit dem Codex Vaticanus eng verwandt und diese beiden Handschriften des 4. Jh.s bilden den wesentlichen Bestandteil einer Gruppe, die nach der Meinung von Westcott und Hort (1881) den am meisten authentischen Text des Neuen Testaments bietet (der sogenannte "alexandrinische" Texttypus). Das soll an ein paar Beispielen erläutert werden:
beide lassen Matth. 16,2.3 (Zeichenforderung der Pharisäer) und 17,21 ("Diese Art aber fährt nicht aus außer durch Gebet und Fasten") aus beide haben das "noch der Sohn" in Matth. 24,36 und den Zusatz von der Öffnung der Seite Jesu in Matth. 27,49; sie übergehen Mark. 9,44.46 ("wo ihr Wurm nicht stirbt ...) und das Ende von 49 ("und jedes Schlachtopfer ..."; sie lassen die letzten Verse von Markus 16 aus (d.h. die Verse 9-20), und sie haben die kürzere Fassung des Vaterunsers in Luk. 11,2-4; sie erwähnen beide die Bewegung des Wassers und den Engel in Joh. 5,3.4 nicht. Auf der anderen Seite weicht der Sinaiticus vom Vaticanus ab, indem er die Geschichte von dem blutigen Schweiß (Luk. 22,43. 44) und das Kreuzeswort ("Vater, vergib ihnen" usw.) in Luk. 23,34 berichtet; dies sind beides westliche Lesarten. Lesarten dieses Typs finden sich sonst in Sinaiticus, vornehmlich bei Johannes. In der Apostelgeschichte und den Briefen befindet sich die Handschrift gewöhnlich in Übereinstimmung mit dem Alexandrinus und dem Vaticanus, obwohl auch hier Abweichungen nicht fehlen. EntstehungsortAuch der Entstehungsort der Handschrift kann nicht mit voller Sicherheit festgestellt werden. Man hat Gründe für Cäsarea, Rom und Süditalien vorgebracht, doch dürfte das Schwergewicht der Meinungen zugunsten Ägyptens sein. Jede Einzelheit des Textes findet ihre Parallele in den ägyptischen Papyri; und obwohl dies nicht ausschlaggebend ist, denn wir besitzen ja keine alten Handschriften aus anderen Ländern zum Vergleich, so spricht doch das Vorkommen ungewöhnlicher Formen wie des "koptischen" "my" und eines "omega" dessen mittlerer Aufstrich ungewöhnlich verlängert ist, Formen, die sich ebenso auch in den Papyri finden, sehr stark für diese Ansicht. Die textliche Verwandtschaft mit dem "Codex Vaticanus", in dem sich ebenfalls Beispiele dieser besonderen Formen finden, und mit den koptischen Übersetzungen ist ein weiteres Zeugnis für ägyptischen Ursprung; und wenn Ägypten, dann kommt eigentlich nur Alexandria als Heimat eines so kostbaren Stücks der Buchherstellung in Frage. VeröffentlichungenDer Codex Sinaiticus wurde verschiedentlich veröffentlicht: Außer Tischendorfs Ausgaben in Faksimile und gewöhnlichem Druck ist ein vollständiges photographisches Faksimile nach Aufnahmen von Prof. Kirsopp Lake in der Oxford University Press erschienen (Dank der Freigiebigkeit eines privaten Gönners mit der geldlichen Unterstützung der British Academy), 1911 das Neue und 1922 das Alte Testament mit wertvollen Einleitungen von Prof. Lake.
Literatur
Kurt Aland / Barbara Aland, Der Text des Neuen Testaments, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 1989, 2. ergänzte und erweiterte Auflage
Weitere Infos:
Friedrich Konstantin Tischendorf (mit der Abbildung einer Doppelseite) www.uni-leipzig.de
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