Der "Codex Alexandrinus" (A)Einleitung
Fotos: www.csntm.org Neben dem "Codex Sinaiticus" ist im Britischen Museum in London eine weitere wertvoller Rarität zu bewundern, der "Codex Alexandrinus". Er stammt aus dem 5. Jh und enthält das Alte Testament, abgesehen von einigen Verstümmelungen, und den größten Teil des Neuen Testaments. Im NT ist Mt. 1,1-25,6 durch Beschädigung verlorengegangen, desgleichen Joh. 6,50-8,52 (wo jedoch die Seitenzählung beweist, daß die Perikope der Ehebrecherin nicht zum Text gehörte) und 2. Kor. 4,13-12,6. Die beiden Clemensbriefe stehen am Schluß hinter den kanonischen Büchern; doch sind 1. Clem. 57,7-63,4 und 2. Clem. 12,5 bis Schluß verlorengegangen, ebenso die Psalmen Salomos, die nach dem Inhaltsverzeichnis am Anfang in einem Anhang vorhanden waren. Ihr Titel ist in dem Verzeichnis von dem der kanonischen Bücher durch einen kleinen Zwischenraum getrennt. Die Handschrift besteht aus 77,3 Blättern (AT 630, NT 143); 10 Blätter vom Alten Testament und wahrscheinlich 37 vom Neuen sind verlorengegangen, so daß es ursprünglich 820 Blätter gewesen sein müssen. Sie sind in den Maßen 32x27 cm mit je zwei Spalten auf der Seite. Die Lagen bestanden (bevor das Buch seinen jetzigen Einband erhielt) aus je 8 Blättern, wie aus der Nummerierung der Lagen mit griechischen Buchstaben hervorgeht. Die Anfangsbuchstaben der Abschnitte sind in besonderer Größe ausgeführt und stehen am Rande. Die Schreiber des KodexIn der Einleitung zu der verkleinerten Faksimile-Ausgabe des neutestamentlichen Teiles der Handschrift vertritt Sir Frederic Kenyon die Auffassung, daß fünf Schreiber daran gearbeitet hätten, von denen drei für das Neue Testament verantwortlich sind. Milne und Skeat (Scribes and Correctors of the Codex Sinaiticus, S. 91-93) sind jedoch der Meinung, daß nur zwei Schreiber im Alten Testament vertreten sind, von denen der erste wiederum das gesamte Neue Testament schrieb, jedoch möglicherweise mit Ausnahme von Lukas 1,1 bis 1. Kor. 10,8, das von einem dritten Schreiber stammen könnte. Die Clemens-Briefe wurden von dem zweiten Schreiber des Alten Testaments geschrieben (s.o. S. 42) Mehrere Korrektoren haben Anmerkungen in der Handschrift gemacht; von diesen sind neben den Verbesserungen der ursprünglichen Abschreiber (A1) am wichtigsten die von Aa, der mit der Handschrift ungefähr gleichzeitig ist. EntstehungszeitDie Handschrift enthält nicht nur die Sektionen und Canones des Eusebius, sondern auch (als Einleitung in den Psalter) Traktate von Eusebius und Athanasius. Da der letztere erst 373 n.Chr. gestorben ist, so ist eine Ansetzung der Handschrift vor dem Ende des 4. Jh.s unmöglich. Ebenso stellt auch die Schrift einen späteren Typus dar als die des Vaticanus und des Sinaiticus. Sie ist schwerer und fester und zeigt weniger den Einfluß der Papyrusschrift. Die Anordnung in zwei Spalten (die von da an die gebräuchliche für Unzialhandschriften ist) weist ebenfalls auf ein späteres Stadium hin als die vier Spalten des Sinaiticus oder die drei des Vaticanus. Im ganzen dürfte die erste Hälfte des 5. Jh.s das wahrscheinlichste Datum sein. EntstehungsortWas den Entstehungsort betrifft, so weist alles auf Ägypten hin. Eine Notiz des Patriarchen Cyrill sagt, daß das Buch nach der Überlieferung von Thekla, einer vornehmen ägyptischen Dame, kurz nach der Synode von Nicea (325 n. Chr.) geschrieben worden sei und daß ihr Name ursprünglich in einer Notiz am Ende des Bandes (das jetzt durch Beschädigung verlorengegangen ist) gestanden habe. Das angegebene Datum ist sicher zu früh, doch weist diese Tradition nach Ägypten. Die koptischen Formen von "alpha" und "my" kommen in den Überschriften einiger Bücher vor, und im AT scheint der Text durchweg den alexandrinischen Typus darzustellen. Im NT ist er ebenfalls alexandrinisch (d. h. verwandt mit dem Vaticanus und dem Sinaiticus), außer in den Evangelien, wo sich Einflüsse der antiochenischen Revision zeigen, aus der später der allgemeine kirchliche Text hervorging. Eine arabische Notiz, die von Athanasius dem Demütigen (gestorben etwa 1316) unterzeichnet ist, bestätigt, daß die Handschrift dem Patriarchat von Alexandria gegeben wurde, obwohl es wahrscheinlich ist, daß Athanasius sie in Konstantinopel erwarb, wo er mehrere Jahre im kaiserlichen Dienst zubrachte. Die moderne Geschichte der Handschrift beginnt mit ihrer Rückführung nach Konstantinopel durch Cyrill Lukar, der vor seiner Versetzung nach Konstantinopel im Jahre 1621 Patriarch von Alexandria war. Cyrill bot sie dem britischen Gesandten Sir Thomas Roe als Geschenk für Jakob I. an; aber als sie schließlich 1627 in England ankam, war Karl I. auf dem Thron, und der Einband, den sie damals erhielt, trägt die Initialen C. R. 1757 wanderte sie mit den anderen Büchern der königlichen Bibliothek in das damals neugegründete Britische Museum. Anstoß zur TextkritikDas Eintreffen des Codex Alexandrinus in England gab (16 Jahre nach der Herausgabe der Authorized Version) den ersten Anstoß zur Textkritik des griechischen Neuen Testaments. Patrick Young veröffentlichte 1633 die bis dahin unbekannten Clemensbriefe, Lesarten des neutestamentlichen Textes des Alexandrinus wurden 1657 von Walton in seine Polyglottenbibel aufgenommen und ebenso 1707 von Mill in seine Ausgabe des Neuen Testaments. TextausgabenDas Alte Testament wurde vollständig 1707-20 von Grabe herausgegeben, das Neue Testament 1786 in Majuskeln von Woide, und später noch einmal 1860 von B. H. Cowper.
TextwertDer Text ist von unterschiedlichem Wert (weil für die verschiedenen Textgruppen verschiedenartige Vorlagen verwendet wurden). Er ist niedrig in den Evangelien, Literatur
Kurt Aland / Barbara Aland, Der Text des Neuen Testaments, Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 1989, 2. ergänzte und erweiterte Auflage
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