Biblische Manuskripte (neutestamentliche)

Die Bodmer-Papyri
(P66, P72, P75, um 200 - 3./4. Jh. n.Chr.)

H. Hunger, Leiter der Papyrussammlungen der Staatsbiliothek Wien, datierte P66 früher, nämlich in der Mitte, wenn nicht gar in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts.


Die Geschichte der Funde

In Cologny, einem Vorort von Genf / Schweiz befindet sich einer der wertvollsten Manuskriptsammlungen der Welt. Diese kostbare Sammlung war die große Passion des Zürcher Mäzens und Sammlers Martin Bodmer (1899 - 1971), der sein ererbtes Vermögen schon in jungen Jahren in wertvolle Schriftstücke investierte. Im Laufe seines Lebens trug der Privatgelehrte über 150.000 Handschriften, Bücher, Papyri und Kunstgegenstände zusammen und schuf mit seiner "Bibliotheca Bodmeriana" eine der erlesensten Kollektionen bibliophiler Kostbarkeiten, die sich auf der Welt finden lässt.

Ziel des enthusiastischen Sammlers Bodmer war es, Texte der Weltliteratur und Dokumente der Weltgeschichte sowie der Naturwissenschaften in ihrer ersten schriftlichen Niederlegung und in der ersten gedruckten Ausgabe zusammenzutragen. Die Bibel, Homer, Dante, Shakespeare und Goethe standen dabei im Zentrum seiner Sammlerinteressen.

So befindet sich z.B. in der Kollektion eine etwa um 1453 in Mainz gedruckte "Gutenberg-Bibel", die das erste mit beweglichen Lettern gedruckte Buch darstellt. Heute existieren davon noch 48 Exemplare, von denen das der Sammlung Bodmer das einzige noch in Privatbesitz befindliche ist. Bodmer konnte diese Bibel bei einer Auktion aus der Bibliothek des russischen Zaren erwerben. Dieser hatte nach seinem individuellem Geschmack den protzige Einband, die Initialen und der Buchschmuck der vorliegenden Ausgabe nachträglich angefertigen lassen.

An eine einzigartige Sammlung von ägyptischen Papyri, die den wohl bedeutendsten Schatz seiner Bibliothek darstellt, kam Bodmer 1956 wohl über eher dunkle Kanäle.

Um in seiner Sammlung auch einige Papyri aufzunehmen, schickte er seine Sekretärin in das Land am Nil. Sie sollte ihm das aus über 1.700 Blättern bestehende und aus einer Ausgrabung stammende Konvolut, von dem zunächst niemand wusste, was es enthielt, zu besorgen. Es bestand, so sollte sich bald herausstellen, unter anderem aus den Überlieferungen biblischer Bücher und Texten der Kirchenväter, so etwa aus der ältesten erhaltenen Niederschrift des Johannesevangeliums aus dem 2. Jahrhundert. Darüber hinaus enthielt es zwei Theaterstücken, davon eines aus der Hand des Dichters Menander, des Begründers der neuen attischen Komödie, der auch das "verhinderte Liebespaar", den geizigen Alten und den Misantrophen in das Lustspiel einführte - und damit Figuren schuf, die bis heute die Bühnen bevölkern.


Beschreibung der biblischen Bodmer Papyri

Die biblischen Bodmer Papyri umfassen den

  • P66 - Johannesevangelium (ca. 200 oder 125 n.Chr.)
  • P75 - Teile des Lukas- und des Johannesevangeliums. (ca. 225 n.Chr.)
  • P72 - Teile von 1. und 2. Petrusbrief sowie den Judasbrief (ca. 3./4. Jh.)

Ein paar Details zu diesen Kostbarkeiten

1.) P66 - Papyrus Bodmer II (ca. 200 n.Chr.; möglicherweise auch 125 n.Chr.)

Schon vom äußeren Befund stellt der zuerst veröffentlichte p66 - in der internen Zählung der Bibliotheca Bodmeriana "Papyrus Bodmer II" - etwas bisher noch nicht Dagewesenes, ja für unmöglich Gehaltenes dar. Denn hier liegt das Johannesevangelium, von kleineren Beschädigungen am Rande abgesehen, noch wirklich als Buch vor:

  • Von Blatt I mit der Überschrift angefangen sind 52 Blatt (= 26 Doppelblätter bis Kap. 14) vollständig erhalten. Der Rest ist mehr oder weniger fragmentiert. D.h.:


    • Es handelt sich mit nur wenigen Lücken um den Text von Joh 1,1 - 14,15 und um

    • Fragmente der Seiten von Joh 14 - 21.


  • Ja man kann sogar noch die alten Heftungen der Lagen und Reste der dafür verwandten Papyrusstreifen usw. erkennen.

  • Die Maße des Papyrus betragen 14,2 x 16,2 cm.

Daß eine Papyrushandschrift nach über 1750 Jahren - der Papyrus wird auf die Zeit um 200 n.Chr., von einigen sogar schon 125 n.Chr. datiert - noch in einem derartigen Zustand erhalten sein konnte, hätte bis dahin niemand für möglich gehalten.

  • P45, das Pendant zu den Bodmer Papyri, den berühmten und auch sehr alten "Chester Beatty-Papyri" (Dublin / Irland) bietet nur Fragmente der Blätter;
  • bei p46 sind die Blätter zwar besser erhalten, aber doch auch beschädigt - normalerweise fehlte der untere Rand mit 2-7 Zeilen Textverlust;
  • selbst beim am besten erhaltenen p47 fehlt der obere Rand - mit 1-4 Zeilen Textverlust -, außerdem sind die untere äußere und die obere innere Ecke, jeweils mit Textverlust, beschädigt.

Nicht nur das Äußere der Bodmer Handschrift ist einmalig, das gleiche gilt nämlich auch für ihren Text. Erst p66 gibt - richtig ausgewertet - den Schlüssel zum vollen Verständnis der "Chester Beatty-Papyri" und des Textes des Neuen Testaments im ausgehenden 2. Jahrhundert.

    P66 ist ein vermischter Text mit typisch alexandrinischen und westlichen Elementen. Es ist interessant, daß in einigen zwanzig Fällen, wo der Abschreiber am Rande und zwischen den Zeilen Änderungen vorgenommen hat, fast immer der gestrichene Text der westlichen Überlieferung angehört, während die vom Abschreiber bevorzugten Lesarten zum alexandrinischen Typ gehören. An verschiedenen Stellen enthält die Handschrift einzigartige Lesarten, die vorher noch nie in irgendeiner Hanschrift begegnet waren.

    Dr. Gordon Fee hat nachgewiesen, daß in Johannes 4 die Textvarianten zu 60,6% mit dem Mehrheitstext übereinstimmen und 34,4% mit dem Codex Sinaiticus.

    Wenn die Textvarianten über die ersten 8 Kapitel miteinander verglichen werden, ergibt sich, daß sie zu 50,9% mit dem Mehrheitstext und zu 43,7% mit dem Codex Sinaiticus übereinstimmen.

    In Joh 13,5 wird das sonst nur im profanen Sprachgebrauch übliche Wort "podonipter" statt "nipter" gebraucht.

    In Johannes 7,25 bestätigt die Handschrift die schon lange gehegte Vermutung der Fachleute, nämlich daß es hier heißen muß: "Forsche in der Schrift und sieh, daß der Prophet (ho prophetes) nicht aus Galiläa aufsteht."

Der p66 wurde 1956 von Victor Martin, Professor für klassische Philologie an der Universität Genf, veröffentlicht. Er datiert die Handschrift auf ca. 200 n.Chr. H. Hunger, Leiter der Papyrussammlungen der Staatsbiliothek Wien, datierte p66 früher, nämlich in der Mitte, wenn nicht gar in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts.


2.) P75 - Papyri Bodmer XIV und XV (ca. 225 n.Chr.)

Die Papyri Bodmer XIV/XV enthälten Teile des Lukas- und des Johannesevangeliums.

Sie sind etwas später als p66 geschrieben - Anfang des 3. Jahrhunderts -, aber hier sind neben 27 so gut wie vollständig erhaltenen Blättern sogar noch Reste der Einbanddecke vorhanden.

Der p75 hat unsere Vorstellungen vom Werden des neutestamentlichen Textes noch einmal revolutioniert: es hat sich nämlich erwiesen, daß er dem "Codex Vaticanus" (um 350 n.Chr.), so nahe stand, daß die Theorie von den Rezensionen, d.h. von durchgreifenden Bearbeitungen des neutestamentlichen Textes, die man im 4. Jahrhundert veranstaltet habe, nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Eine der Grundlagen der bisherigen Theorien der neutestamentlichen Textkritik ist damit gefallen.


3.) P72 - Papyri Bodmer VII und VIII (ca. 3./4. Jh. n.Chr.)

Der dritte Bodmer-Papyrus macht den tiefsten Eindruck.

Dieser im 3./4. Jahrhundert geschriebene p72 enthält nämlich verschiedene apokryphe Schriften und darüber hinaus die kanonischen Bücher 1. und 2. Petrusbrief sowie den Judasbrief. Der Papyrus bietet somit der älteste Textzeuge für den 1. und 2. Petrusbrief. Die höchst eindrückliche Sammelhandschrift bietet folgende Textreihenfolge:

  • die Geburt von Maria (PBodmer V)
  • das apokryphe Schreiben des Paulus an die Korinther (PBodmer X)
  • die 11. Ode des Salomo (PBodmer XI)
  • den Judasbrief (PBodmer VII)
  • Melitos Passahomilie (PBodmer XIII)
  • das Fragment eines Liedes von Melito (XII)
  • die Apologie des Phileas (PBodmer XX)
  • Psalm 33 und Psalm 34 (PBodmer IX)
  • der 1. und 2. Petrusbrief (PBodmer VIII)

Dieser Papyrus ist offensichtlich eine private Kopie mit den Maßen 11,5 x 12,7 und wurde von 4 nicht berufsmäßigen Schreibern hergestellt.


Ergebnis für die Textforschung

Welche Konsequenzen sich für die Textforschung aus diesen Funden ergeben, beschreiben Kunrd und Barbara Aland mit folgenden Worten: "Die Das Bild, das sich - nachdem p66 zu den "Chester Beatty-Papyri" hinzugekommen war - vom Text der Frühzeit ergab, war in den Grundlinien folgendes:

  • Neben dem »Normaltext«, der den Urtext mit den Variationen überlieferte (d.h. der heutige Nestle-Aland-Text), wie sie die neutestamentliche Texttradition bis in die spätesten Zeiten charakterisiert,

  • steht ein »freier« Text (z.B. p45, p46, p66), der mehr Variationen bringt als der »Normaltext«,

  • und ein »fester« Text (z.B. p75), der sich genau an die Vorlage des Urtextes hält (wenn auch mit charakteristischen Freiheiten) und deshalb unterhalb der Abweichungen des »Normaltextes« bleibt.

  • Dazwischen stehen alle Übergangsformen bis hin zu p48, die als Vorläufer bzw. Ableger des D-Textes (Codex Bezae, um 450 n.Chr.; der merkwürdigste Text des NT) anzusehen sind."

Ein Besuch im Bodmer-Museum

Eingangsbereich des Bodmer-Museums in Genf

Eingangsbereich des Bodmer-Museums in Genf

Wer das wunderschöne, kleine und im Oktober 2003 neu eröffnete Bodmer Museum besucht, sollte sich anhand des Museumsführers mit den wertvollen Stücken der Sammlung vertraut machen. Die biblischen Papyri sind gleich im ersten Stock in der Abteilung 3 zu finden, wobei bemerkt sei, daß erst der Kenner über diese "unscheinbare" Kostbarkeit in den verdunkelten Vitrine staunen wird. ([PDF] Lageplan der Abteilungen (152 kB; französisch)

In einer der Vitrinen ist nur noch der p66 (Johannesevangelium, PBodmer II) ausgestellt.

Der p72 (PBodmer VII und VIII; Petrusbriefe) ist nicht mehr im Bodmer Museum zu besichtigen. Er wurde im Juni 1969 dem Papst Paul VI. als Geschenk überreicht und ist seitdem Bestand der Bibliothek des Vatikan.

Auch der p75 (PBodmer XIV und XV; Lukas- und Johannesevangelium) ist nicht mehr im Museum zu bestaunen. Er gelangte im Februar 2007 durch eine erneute Schenkung aus der Bodmer-Sammlung in den Besitz des Vatikan. Der sozial engagierte amerikanische Privatmann und Investmentbanker Frank J. Hanna III schenkte das millionenschwere Skript wenige Wochen nach dem Erwerb von der Martin Bodmer Stiftung an Papst Benedikt XVI. Allerdings wird auch in der Vatikanischen Bibliothek das seltene Stück aus konservatorischen Gründen nicht der Öffentlichkeit gezeigt.

In der Verkaufsabteilung des Museums war bis 2004 eine Faximilveröffentlichungen des p75 käuflich zu erwerben (Kosten: ca. SFR 40,- Doppelband des P75;). In dieser Ausgabe ist der Text des Papyrus abgedruckt. Im Anhang sind schwarz-weiß Abbildungen der Einzelblätter beigefügt.

Quellen:



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Ins Netz gesetzt am 3.06.2004; letzte Änderung: 21.04.2015
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