Die Bevölkerung in Deutschland geht zurück

Mit dem Volk nimmt auch der Wohlstand ab

von U. Müller und J. Peter [ 1 ]


Berlin - "Der Rückgang der Bevölkerung ist nicht mehr aufzuhalten." Mit diesem Satz schockte das Statistische Bundesamt vor wenigen Wochen die Nation. Derzeit zählt Deutschland rund 82,4 Millionen Einwohner. Bislang war man davon ausgegangen, dass es im Jahr 2050 noch immer 75,1 Millionen sein werden. Doch das ist nach jüngsten Berechnungen Makulatur. Die Bevölkerungszahl geht viel stärker zurück - gegenüber heute im ungünstigsten Fall um fast 17 Prozent auf 68,7 Millionen Menschen. Das wären weniger Einwohner als nach dem Zweiten Weltkrieg. Im besten Fall sind es zur Mitte unseres Jahrhunderts 74,0 Millionen Bürger. Das entspräche dem Stand von 1962.



Die Lehre vom "Kühlschrank-Modell"

Was viele nicht wissen: Der unaufhaltsame Rückgang hat erhebliche Auswirkungen auf die künftige Wirtschaftskraft des Landes und damit auch auf unser Wohlstandsniveau von morgen. Denn die Demografie ist eine wichtige Stellschraube der Ökonomie.

Dass wir immer weniger werden, ist dabei gar nicht so entscheidend. Und selbstverständlich produziert eine kleinere Bevölkerung ein kleineres Bruttoinlandsprodukt. Doch in schrumpfenden Gesellschaften geht die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zurück - und das berührt unsere künftige Wirtschaftskraft nachhaltig.

Lange Zeit war die Wirtschaftswissenschaft blind für solche Überlegungen. Eindimensional diskutierte man den Bevölkerungswandel allein unter der Fragestellung, wie wir unsere Sozialsysteme reformieren müssen, damit sie auch bei einer steigenden Zahl von Rentnern finanzierbar bleiben.

Dann wurden sogar die Chancen des demografischen Wandels entdeckt, und das fragliche "Kühlschrank-Modell" wurde geboren. Es funktioniert so: Wenn sich die Einwohnerzahl einer Stadt halbiert, verdoppelt sich der Wohlstand, weil sich dann die verfügbaren Güter, also auch die Kühlschränke, auf weniger Köpfe verteilen. Erst langsam macht sich die Erkenntnis breit, dass schrumpfende Gesellschaften vermutlich Wohlstandsverluste hinnehmen müssen. Die Infrastruktur einer Kommune wird plötzlich zur Kostenfalle, weil sie überdimensioniert ist. Für Betriebe, deren Chefs in Rente gehen, finden sich oft keine Nachfolger. Belegschaften, in denen junge Kollegen kaum anzutreffen sind, haben es schwer, den Anschluss an den technischen Fortschritt zu halten. Alle müssen länger arbeiten, auch weil die Kosten für Gesundheit und Rente steigen.



Pro-Kopf-Verschuldung steigt unaufhaltsam

Vor allem aber wirkt sich eine rückläufige Einwohnerzahl auf die Staatsverschuldung aus. Deutschland steht aktuell mit 1,54 Billionen Euro in der Kreide. Damit entfallen auf jeden Bürger 18 680 Euro Schulden. Selbst wenn es Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) gelänge, die Nettoneuverschuldung sofort auf null zu bringen und die Schulden auf dem erreichten Niveau einzufrieren, nähme die Pro-Kopf-Belastung trotzdem unaufhaltsam zu. Sie würde im Jahr 2050 bei 74 Millionen Einwohnern schon 20 800 Euro erreichen. Sollte Deutschland dann lediglich 68,7 Millionen Menschen zählen, wären es sogar 22 400 Euro, also ein Fünftel mehr als heute.

"Es geht also nicht allein darum, dass wir weniger werden - es geht beim demografischen Wandel um Fragen der Anpassung", sagt Michael Hüther, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Seine Mitarbeiter haben jetzt für die Berliner Morgenpost erstmals berechnet, welche ökonomischen Folgen die jüngste Bevölkerungsvorausschau des Statistischen Bundesamtes hat.

Die Entwicklung der Bevölkerung eines Landes wird von Geburtenrate, Lebenserwartung und Zuwanderung bestimmt. An den beiden ersten Faktoren hat sich in Deutschland gegenüber früheren Prognosen kaum etwas geändert. Hierzulande werden zu wenige Kinder geboren, und wer auf die Welt kommt, lebt zunehmend länger. Diese beiden Trends sind seit Langem stabil. Das entscheidende Moment, das bisher zu wenig berücksichtigt wurde, ist die kontinuierlich abnehmende Zahl an Zuwanderern.

Noch im Jahr 2003 hatte Deutschland gegenüber dem Ausland einen positiven Wanderungssaldo in Höhe von 280 000 Menschen. Darunter waren allein 80 000 Deutschstämmige. Sie kamen aus Rumänien, aus Russland oder aus Kasachstan. Ihre Zahl ist allerdings binnen zwei Jahren zurückgegangen, und zwar auf 50 000.



Die Zahl der Zuwanderer sinkt kontinuierlich

Dieser Prozess hält an, im Jahr 2040 wird vermutlich die Nulllinie erreicht. Das wird in der jüngst vorgelegten "Elften koordinierten Bevölkerungsvorausschau" der deutschen Statistikbehörde berücksichtigt. Sie erwartet unter dem Strich künftig nur noch 100 000 bis 200 000 Einwanderer.

Wie hoch die Zuwanderung ganz genau sein wird, lässt sich nicht voraussagen. Doch welche ökonomischen Folgen im jeweiligen Fall entstehen, können die Ökonomen vom IW in ihren Modellen recht genau abbilden. Bei lediglich 100 000 Zuwanderern läge das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2050, ausgedrückt in Preisen von heute, um 280 Milliarden Euro niedriger als gegenüber der Variante mit 200 000 Zuwanderern. Über den gesamten Zeitraum addiert, betrüge die Differenz schier unvorstellbare 4,7 Billionen Euro. Bezogen auf den einzelnen Bundesbürger, bedeutet das: Bei einer Zuwanderung von 100 000 Menschen fällt das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2050 um 700 Euro je Einwohner niedriger aus als bei 200 000 Einwanderern. Diese Zahlen belegen, dass es sich lohnt, alle erdenklichen Anstrengungen zu unternehmen, um den Schrumpfungsprozess der deutschen Bevölkerung zu verlangsamen. Zumindest innerhalb eines gewissen Korridors kann noch Einfluss auf die Entwicklung genommen werden. Auch dazu haben die IW-Wissenschaftler mehrere denkbare Szenarien entworfen (siehe Grafik).

Die Kölner Ökonomen gehen bei ihren Berechnungen als Basis von dem aus, was aus heutiger Sicht mit hoher Wahrscheinlichkeit eintritt: Pro Jahr kommen 150 000 Menschen mehr zu uns als abwandern, und jede Frau bringt im Durchschnitt 1,4 Babys zur Welt.



Demografie-Wandel als Hürde

Bei diesen Annahmen hätte Deutschland im Jahr 2050 etwa 71,4 Millionen Einwohner. Der demografische Wandel wirkt in jedem Fall als Wachstumsbremse. Wie hoch unser künftiger Wohlstand sein wird, hängt von verschiedenen Einflüssen ab. Die Weltkonjunktur spielt eine Rolle, große globale Ereignisse wie Kriege oder womöglich auch Naturkatastrophen durch die Veränderung des Klimas. All das hat das Institut ausgeblendet, es konzentriert sich ganz allein auf die Wechselwirkung von Geburten, Zuwanderung und Wirtschaftskraft.

Einmal angenommen, es gelänge, die Geburtenrate von 1,4 auf 1,6 Kinder je Frau und die Nettozuwanderung um 50 000 auf 200 000 Menschen zu steigern, würde das die Wirtschaftskraft entscheidend stärken. Gegenüber dem Basisszenario läge das Bruttoinlandsprodukt dann im Jahr 2050 um 7,7 Prozent höher. Umgekehrt gilt: Bei einer Geburtenrate von 1,2 und lediglich 100 000 Zuwanderern reduziert sich das Inlandsprodukt im gleichen Jahr um 5,7 Prozent.

Das bestmögliche Szenario wäre es, wenn pro Frau 2,1 Kinder auf die Welt kämen. Bei dieser Zahl, die in beiden Teilen Deutschlands zuletzt Ende der 60er-Jahre registriert wurde, bleibt die Bevölkerung auch ohne Einwanderung stabil. Kämen jedoch trotzdem rund 100 000 mehr Menschen ins Land als abwanderten, wären damit die allergrößten ökonomischen Effekte verbunden. Dann fiele das Bruttoinlandsprodukt gegenüber der Basisvariante im Jahr 2050 um gut 15 Prozent höher aus. Doch eine solche Entwicklung ist schier unmöglich.

Jedenfalls mehren hohe Zuwanderung und hohe Kinderzahlen den Reichtum der Nation - umgekehrt gilt das Gleiche mit negativem Vorzeichen. Was aber ist für die Wirtschaftskraft besser? Die Geburtenrate zu erhöhen oder die Zuwanderung? Die Antwort von IW-Ökonom Axel Plünnecke, von dem die Modellrechnungen stammen: "Langfristig wirkt die Familienpolitik stärker - insbesondere wenn diese die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördert. Dann sind zusätzlich zu den Modellberechnungen weitere Wachstumsimpulse möglich."



Es müssen Eliten ins Land geholt werden

Allerdings habe die Zuwanderung, so Plünnecke, kurzfristig schnellere Effekte, da viele Menschen, die aus dem Ausland zu uns kommen, im erwerbsfähigen Alter sind. Das freilich gelte nur unter der Annahme, dass "die Zuwanderer dasselbe durchschnittliche Humankapital aufweisen wie die bisherige Bevölkerung". Dies wiederum lässt sich als Appell an Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) verstehen, das Zuwanderungsgesetz auf den Prüfstand seiner demografischen Tauglichkeit zu stellen.

Statt eine Einwanderung in die Sozialsysteme zu befördern, müssen Eliten ins Land geholt und integriert werden. Schon einmal ist das Ende des 17. Jahrhunderts gelungen - im Fall der Hugenotten, die in Frankreich wegen ihres Glaubens verfolgt wurden und technischen Fortschritt ins Land gebracht haben.



Bevölkerung geht zurück

[ 1 ] Aus der Berliner Morgenpost vom 18. Dezember 2006



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Ins Netz gesetzt am 20.12.2006; letzte Änderung: 27.04.2016

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