Chronologie der Ereignisse von Ostern

Karl-Heinz Vanheiden [ 1 ]

Die Geschichte von der Auferstehung unseres Herrn beginnt mit der Entdeckung des leeren Grabes. Alle vier Evangelisten berichten davon. In der Frühe des Ostermorgens wird das Grab Jesu offen vorgefunden. Der schwere Rollstein ist beiseite gewälzt und die Grabhöhle ist leer. Das ist aber schon das Einzige, worin alle vier Evangelisten übereinstimmen. Ansonsten scheinen sie sich in fast jedem Punkt zu widersprechen, allerdings nur auf den ersten Blick. Wenn man genauer hinschaut, verschwinden die Widersprüche und die Aussagen der vier Zeugen werden gerade dadurch glaubhaft, dass sie sich unterscheiden.

Trotzdem bleibt jede Osterharmonie in gewisser Hinsicht spekulativ, denn manche Einzelheiten könnten auch anders gedeutet werden, als wir es tun werden. Trotzdem machen unsere Bemühungen klar, dass die Berichte der vier Zeugen sich nicht widersprechen, sondern sich im Gegenteil gut ergänzen. Solch einen Versuch in 16 Stationen sei hier vorgestellt:

  1. Am Sonntagmorgen, als es noch dunkel war, verließen Maria aus Magdala und Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joseph (Mk 15,47), den Ort, wo sie übernachtet hatten und machten sich auf den Weg zum Grab. Vielleicht haben die beiden Frauen außerhalb in Betanien übernachtet und mussten daher zuerst aufbrechen (Mt 28,1; Mk 16,1).




  2. Unterwegs stieß Salome zu ihnen, mit der zusammen sie schon am Freitagabend Balsam und Salben vorbereitet hatten und am Samstagabend noch wohlriechende Öle dazu gekauft hatten. Diese Öle wollten sie als Zeichen ihrer Verehrung über den mit Tüchern eingewickelten Leichnam gießen (Lk 23,56; Mk 16,1).




  3. Auf dem Weg zum Grab schlossen sich ihnen noch andere Frauen an, unter denen sich auch Johanna, die Frau des Chuza (Lk 8,3), eines Verwalters von Herodes, befand (Lk 24,10). So waren ganz in der Frühe insgesamt mindestens fünf Frauen zum Grab unterwegs (Maria Magdalena, die andere Maria, Salome, Johanna, N.N.). Miteinander überlegten sie, wie sie den Stein vom Grab wegbekommen sollten (Mk 16,3), denn sie wussten nicht, dass das Grab inzwischen versiegelt und mit einer Wache gesichert worden war (Mt 27,62-66). Im Gegensatz zu den führenden Priestern und Pharisäern hatten sie die Sabbatruhe eingehalten und waren nicht zum Grab gegangen.




  4. Als sie noch unterwegs waren, begann plötzlich die Erde heftig zu beben. Wir wissen nicht, ob die Frauen etwas davon mitbekommen haben. Jedenfalls berichtet Matthäus, dass ein Engel vom Himmel gekommen und zum Grab getreten war. Er wälzte den versiegelten Stein weg und setzte sich darauf (Mt 28,2). Die Wächter standen Todesängste aus. Vor Entsetzen stürzten sie ohnmächtig zu Boden und flüchteten, sobald sie wieder zu sich gekommen waren, in die Stadt (mt 28,4). Der Engel wurde daraufhin offenbar wieder unsichtbar, vielleicht um für die Frauen nicht schon von fern sichtbar zu sein und sie so wie die Soldaten zu erschrecken.




  5. Als die Frauen am Grab eintrafen, das außerhalb von Jerusalems Stadtmauern lag, ging gerade die Sonne auf. Verblüfft stellten sie fest, dass der große schwere Stein vom Eingang weggerollt war (Mk 16,4). Maria aus Magdala schaute daraufhin nur flüchtig ins Grab und lief in die Stadt, um Petrus und Johannes zu berichten, dass der Leichnam weggenommen worden sei (Joh 20,1f).




  6. Die anderen Frauen betraten jetzt die Grabkammer, um nach dem verschwundenen Leichnam zu suchen. Da sahen sie auf der rechten Seite einen jungen Mann in weißem Gewand sitzen. Der Engel stand auf und forderte die Frauen auf, sich die Stelle, wo Jesus gelegen hatte, näher anzusehen. Als er aufstand, erschien auch der andere stehende Engel. Beide redeten die Frauen an und schickten sie mit der Auferstehungsbotschaft zu den Jüngern. Die Jünger sollten ihren auferstandenen Herrn in Galiläa treffen (Mk 16,5-7; Mt 28,5ff).




  7. Zitternd vor Furcht und Entsetzen verließen die Frauen die Grabkammer und liefen davon. Sie hatten solche Angst, dass sie unterwegs niemand etwas von ihrem Erleben erzählten. Gleichzeitig waren sie auch voller Freude über die Nachricht, dass ihr Herr auferstanden war. So schnell sie konnten, eilten sie in die Stadt zurück und berichteten allen Jüngern, was sie erlebt hatten. Doch die glaubten ihnen nicht (Mt 28,8; Mk 16,8; Lk 24,9+11).




  8. Während die Frauen noch auf dem Weg waren, berichteten einige Soldaten der Wachmannschaft den führenden Priestern, was geschehen war. Die trafen sich sogleich mit den Ältesten zur Beratung und beschlossen, die Wache zu bestechen (Mt 28,11-15).




  9. Inzwischen waren Petrus und Johannes auf die Botschaft der Maria aus Magdala hin zum Grab gerannt, um sich von dem Gesagten zu überzeugen. Johannes, der als erster an der Grabhöhle war, riskierte zunächst nur einen Blick und sah die Leintücher. Als Petrus auch angekommen war, gingen sie hinein und sahen die Leinenbinden und das Tuch, das man dem Toten um den Kopf gewickelt hatte, extra liegen. Johannes glaubte sofort, dass sein Herr wirklich auferstanden war. Petrus aber konnte das noch nicht und ging nachdenklich wieder nach Hause (Lk 24,12; Joh 20,1-10).




  10. Maria aus Magdala, die ihnen langsam gefolgt war, verweilte noch länger an der Grabhöhle und weinte, denn sie glaubte immer noch, dass jemand den Leib ihres Herrn weggenommen hatte. Als sie dann noch einmal ins Grab hinein schaute, sah sie zwei Engel in weißen Gewändern auf der Felsenbank sitzen, wo der Leichnam gelegen hatte. Die fragten sie, warum sie weine. Während sie ihnen Auskunft gab, bemerkt sie hinter sich eine Person und wandte sich kurz nach ihr um, weil sie glaubte, es sei der Gärtner. Erst nachdem Jesus sie mit Namen ansprach, drehte sie sich ganz um und erkannte den Auferstandenen. Damit war sie die erste Person, der sich der auferstandene Herr offenbart hatte (Joh 20,11-18; Mk 16,9).




  11. Maria ging zu den Jüngern und erzählte ihnen, was Jesus zu ihr gesagt hatte, doch sie glaubten ihr nicht (Mk 16,10f; Joh. 20,18).




  12. Am gleichen Tag erschien der Auferstandene auch den anderen Frauen, die am Grab die Engel getroffen hatten. Er wiederholte den Auftrag, den ihnen schon die Engel gegeben hatten, dass die Jünger nach Galiläa kommen sollten (Mt 28,9f).




  13. Noch vor dem Abend erschien der Herr auch dem Petrus (Lk 24,34).




  14. Dann erschien der Auferstandene den beiden Jüngern, die gegen Abend nach Emmaus unterwegs waren und erklärte ihnen die messianischen Weissagungen des Alten Testaments. Sie erkannten ihn zunächst nicht, luden ihn aber zu sich nach Hause ein. Als er am Beginn der Abendmahlzeit vor ihren Augen verschwand, brachen sie unverzüglich auf und kehrten wieder nach Jerusalem zurück (Lk 24,13-35).




  15. Es könnte sein, dass einige der Jünger in Jerusalem inzwischen von der Auferstehung des Herrn überzeugt waren. Als die Emmaus-Jünger nämlich am späten Abend hereinkamen, wurden sie mit den Worten empfangen: "Der Herr ist tatsächlich auferstanden. Er ist dem Simon erschienen." Doch einige von den Anwesenden glaubten offenbar auch dann noch nicht, als die beiden aus Emmaus ihre Erlebnisse berichteten (Mk 16,13).




  16. Plötzlich erschien der Auferstandene selbst in ihrer Mitte, obwohl sie die Türen verschlossen hatten, und grüßte sie mit "Schalom". Doch sie waren starr vor Schreck, denn sie meinten, einen Geist zu sehen. Da sagte er zu ihnen: "Wie kommt es, dass solche Zweifel in euren Herzen aufsteigen? Schaut euch meine Hände und meine Füße an: Ich bin es wirklich! Berührt mich und überzeugt euch selbst!" Dann aß er vor ihren Augen ein Stück gebratenen Fisch, um ihnen zu beweisen, dass er kein Geist sei. Er zeigte ihnen seine Hände und seine Seite und schalt sie, weil sie denen nicht hatten glauben wollen, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten. Da warfen sie sich vor ihm nieder und umfassten seine Füße. (Lk 24,36ff; Mk 16,14; Joh 20,19-23).



Soviel zum Geschehen am ersten Ostertag. Etwa in dieser Reihenfolge mit einigen leichten Variationen könnte es geschehen sein.

Was dabei auffällt ist, dass die Evangelien keineswegs leichtgläubige Männer und Frauen zeigen, die ihrer Sinne nicht mächtig waren oder deren Wünsche sich in Auferstehungsvisionen manifestierten. Nein, sie waren allesamt sehr misstrauisch. Zunächst glaubten die Jünger nicht einmal die Nachricht vom leeren Grab, ganz zu schweigen von den Engelerscheinungen. Sie besaßen offenbar keine hohe Meinung von der Zuverlässigkeit der Frauen und hielten das, was sie berichteten, für leeres Geschwätz. Als die Frauen später mit der Neuigkeit kamen, den auferstandenen Herrn selbst gesehen zu haben, zweifelten sie ernsthaft an deren Glaubwürdigkeit. Selbst als Kleopas (Lk 24,18) mit seinem Sohn spät abends von Emmaus zurück kam, obwohl sie doch gerade erst dorthin aufgebrochen waren, und beide von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen berichteten, glaubten einige immer noch nicht. Nicht einmal, als Jesus selbst in ihrer Mitte erschien glaubten sie sofort. Letztlich waren sie alle ebenso misstrauisch, wie Thomas, von dem anschließend berichtet wird. Der Herr hatte viel Mühe damit, sie zu überzeugen. Ja selbst noch Tage später in Galiläa zweifelten einige.

Heute können wir ihnen für diesen hartnäckigen Unglauben nur dankbar sein. Denn ihre natürliche Skepsis, ihre Bereitschaft, eher ihren Sinnen zu misstrauen, als einen auferstandenen Gekreuzigten zu akzeptieren, steigert die Glaubwürdigkeit ihrer Berichte in erheblichem Maß. Die Tatsachen sprechen für sich. Sie sagen sehr deutlich: der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

[ 1 ] Der Autor, Karl-Heinz Vanheiden, ist im Reisedienst der Brüdergemeinden, als Lehrer an der Bibelschule Burgstädt und als Verlagsleiter des Bibelbund-Verlages und Schriftleiter von "Bibel und Gemeinde" tätig.



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Copyright (C) 2004 by Karl-Heinz Vanheiden
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Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift PERSPEKTIVE Nr. 04/2004
E-Mail: perspektive@christ-online.de
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Ins Netz gesetzt am 22.03.2005; letzte Änderung: 21.03.2008
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