"Kein weltpolitisches Ereignis ist gewaltiger als die Auferstehung Jesu"

Ein Gespräch mit dem evangelischen Landesbischof Gerhard Maier über die Zweifel vieler Menschen an der Wahrhaftigkeit der Osterbotschaft


Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube: Nicht allein Goethes Faust, sondern auch viele moderne Menschen können mit Ostern nicht mehr viel anfangen. Bischof Gerhard Maier (67) plädiert im Gespräch mit Thomas Faltin für eine persönliche Begegnung mit Gott.

Herr Maier, Ihr letztes Osterfest als Bischof steht vor der Tür - freuen Sie sich schon darauf, an Ostern endlich auch mal in Urlaub fahren zu können?

Es stimmt, vom Vikariat an bin ich an Ostern immer auf der Kanzel gestanden. Ich kann mich überhaupt nicht entsinnen, jemals über Ostern weg gewesen zu sein.

War das nicht manchmal auch eine Last, zumindest für das Familienleben?

Natürlich, wir konnten mit den Kindern nie am Morgen des Ostersonntags die Geschenke suchen, auch wenn der Wetterbericht für den Nachmittag Regen vorhergesagt hatte. Der Dienst ging vor. Aber ich habe ihn immer mit einer Riesenfreude gemacht.

Der Osterbotschaft wegen?

Ja, denn diese Botschaft hat etwas Mitreißendes und wirklich Fröhliches. Es war mir immer sehr wichtig, den Menschen weitergeben zu können, dass Jesus auferstand und dass auch wir auferstehen werden und dann ein vollkommen neues Leben leben dürfen.

Da sind wir schon beim Kern des Problems: Viele Menschen kennen diese Osterbotschaft, aber sie haben nicht mehr das Gefühl, sie gehe sie etwas an.

Ich persönlich werde davon immer noch angerührt. Vielleicht liegt das daran, dass ich in der Karwoche gemeinsam mit meiner Frau Abschnitte aus den Passionsberichten lese. Wir sprechen darüber, und diese Gespräche machen vieles wieder lebendig. Daneben habe ich jeden Tag meine Gebetszeit, deshalb ist Jesus mir nahe.

Sehr vielen Menschen geht es ganz anders. Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen auf der Suche nach einem Sinn im Leben sind - dennoch ist das Christentum kein Angebot für sie. Sie sagen mit Goethe: "Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube."

Ich muss Ihnen zustimmen, da gibt es etwas sehr Paradoxes. Wir beobachten in der Tat ein religiöses Erwachen, etwas wie eine neue religiöse Sehnsucht. Trotzdem fällt es vielen Menschen schwer, die christliche Botschaft anzunehmen. Man kann aber diesen Abstand nicht mit Hilfe eines Projektes überwinden. Die Kirche kann Anstöße geben, aber es muss jeder den Prozess selbst durchlaufen. Ich rechne aber damit, dass Gottes Geist die Herzen von Menschen öffnen kann.

Gott könnte es uns aber doch viel einfacher machen, an die Osterbotschaft zu glauben. Warum kommt Jesus nach 2000 Jahren nicht wieder auf die Erde, dann wären alle Zweifel beseitigt.

Gott hat dem Menschen die Freiheit des Willens geschenkt. Wenn Gott heute wieder so überwältigend auf uns zukäme, dass wir nur noch zustimmen könnten, dann wäre das doch kein Glaube. Mit dem fehlenden Gottesbeweis tut sich der Mensch auch deshalb so schwer, weil die Erfahrungen, die er in dieser Welt macht, oft völlig gegen die Existenz Gottes stehen. Das ist nun einmal so. Wir leben in einer Welt, die sich Gott entfremdet hat. Und deshalb begegnet uns auch die Osterbotschaft als etwas ganz Fremdes. Doch die Freiheit des Menschen ist so wesentlich für Gott, dass er seinen Plan jetzt nicht nachträglich abbricht oder verändert.

Er könnte uns doch die Freiheit lassen und dennoch den unwiderlegbaren Beweis seiner Existenz liefern.

Wenn Ihnen ein Mathematiker nachweist, dass zwei und zwei gleich vier ist, haben Sie keine Freiheit mehr zu glauben.

Dass viele ohne diesen Beweis an Gott zweifeln, ist menschlich. Selbst die Apostel, die so lange mit Jesus zusammen waren, haben nicht alle an die Auferstehung geglaubt. Das Glauben scheint eine sehr schwere Angelegenheit zu sein.

Das muss man wirklich so sagen. Sogar ganz zum Schluss, als Jesus laut Matthäusevangelium vor vielen seiner Jünger auf dem Berg erschien, da heißt es klipp und klar: "Etliche aber zweifelten." Aber ich bin froh darüber, weil es mir zeigt, dass die Jünger die Auferstehung nicht erfunden haben und auch nicht erfinden konnten. Die Erfahrung für die Jünger, dass dieser Messias, an den sie bisher geglaubt haben, so elendig als Verbrecher starb und nichts und niemand, auch Gott nicht, eingriff, hat alles zertrümmert. Jesus ist in ein Trümmerfeld hinein auferstanden.

Es ist also keine Schande, wenn Menschen auch heute sich schwer tun mit der Wahrheit der Osterbotschaft?

Es ist keine Schande. Man muss aber als Zweifler ehrlich mit sich umgehen und versuchen, in ein anderes Stadium hinüberzukommen. Es wäre nicht im Sinne der Bibel, sich einfach nur zu beruhigen und zu sagen: "Ich bin halt ein Zweifler."

Bei der Tsunami-Katastrophe - an Weihnachten - sind 300 000 Menschen ums Leben gekommen. Da könnte man wahrlich an Gott verzweifeln.

Die Frage, warum Gott das Böse zulässt, ist in jüngster Zeit wieder mit unglaublicher Wucht wach geworden. Aber in dieser "Warum"-Frage offenbart sich eine große Spannung. Einerseits sagen viele: "Ich will mein eigenes Leben leben" und trennen sich deshalb von Gott. Aber dann geschehen solche schrecklichen Katastrophen, und dann wird Gott die "Warum"-Frage entgegengehalten. Ich könnte ja auch fragen: "Warum bin ich selber so weit weg von Gott?"

Sie drehen es um und sagen, der Mensch hat sich von Gott entfremdet.

Viele müssten doch ehrlich sagen, dass sie von Gott nichts wissen wollen. Aber dann die "Warum"-Frage an ihn zu richten, ist doch ein Widerspruch in sich selber.

Die richtige Frage müsste Ihrer Meinung nach also heißen: Wie kann ich mich Gott wieder annähern? Würden die Katastrophen dann weniger?

Wir sollten die "Warum"-Frage überführen in eine "Wozu"-Frage. Wir sollten uns fragen: "Wozu widerfährt mir das?" Ich kann das nicht für andere beantworten, aber ich kann für mich persönlich eine Bilanz ziehen und fragen, was ein negatives Ereignis mit mir anstellt. Für mich persönlich tragen alle Schrecknisse und alle Katastrophen dieser Welt die Chance in sich, dass der Mensch näher zu Gott kommen kann. Und wenn alle Unglücke dieser Welt darin münden würden, dass die Menschen sich wieder auf den Weg zu Gott machten, dann hätten wir einen tiefen Sinn auch für das Böse in der Welt.

Die vielen Leiden wären aber ein ziemlich hoher Preis.

Ja, aber Gott hat auch einen hohen Preis bezahlt: Er hat seinen einzigen Sohn am Kreuz geopfert.

Das ist die zentrale Botschaft von Ostern: Der Mensch gelangt durch den Tod zum ewigen Leben.

Ja, an Ostern kann man Gott erfahren in seiner Zuwendung und seiner Liebe - das ist die Liebe am Kreuz. Und es ist die Botschaft, dass Jesus aufersteht und etwas wirklich Neues in unser Leben eintritt.

Und das wäre?

Seither leben wir in einem anderen Horizont. Die Auferstehung ist das gewaltigste weltgeschichtliche Ereignis, sie hat mehr Auswirkungen als alle Wirtschaftskrisen, Kriege oder politischen Ereignisse. Nichts reicht an die Dynamik der Auferstehung heran. Denn wenn es wahr ist, dass der Tod ausgespielt hat, dann muss ich alles im Leben schon vom neuen Leben her denken.

Da sind wir aber schon wieder beim Pferdefuß des Christentums: Im Gegensatz zu historischen Ereignissen haben wir von der Auferstehung keinen untrüglichen Beweis.

Doch, denn Gott ist erfahrbar.

Erfahrbar? Die meisten Menschen würden sagen: "Mir ist Gott noch nicht begegnet." Wie gelingt einem diese Begegnung?

Man schafft das am besten, indem man im Alltag anfängt und mit Gott lebt. Ich lese sein Wort, ich bete, und ich versuche, die Konsequenzen aus der Gegenwart Gottes zu ziehen. Christen sind für mich Menschen, die ihre Augen aufmachen.

Und was sehen sie dann?

Das Leben wird ungeheuer spannend, denn ich verändere mich im Umgang mit Gott. Wenn ich spüre, dass Gott tatsächlich eingreift, dann habe ich schon eine erste Annäherung an die Auferstehungsbotschaft vollzogen. Dieser Gott kann dann als ein Gott des Lebens auch dem Tod die Macht nehmen.

Im Umgang mit Gott wird die Auferstehung für Sie eine gefühlte Gewissheit.

So würde ich das sagen.

Erinnern Sie sich an ein Osterfest, bei dem Sie diese Gewissheit besonders eindrücklich erlebt haben?

Ja. Ich hatte in jüngeren Jahren mit meiner Gesundheit schwer zu kämpfen - irgendwann dachte ich, ich müsse den Pfarrberuf aufgeben. An einem der Osterfeiertage trat ich am Altar an eine Bibel heran, die jemand aufgeschlagen hatte. Und ich las auf der Seite ein Wort aus Psalm 118: "Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen." Da wusste ich, was ich tun sollte. Dieses Erlebnis hat mich sehr berührt und mir eine große innere Gelassenheit und Zuversicht gegeben. Das meine ich, wenn ich sage: Gott ist erfahrbar, gerade an Ostern.


Bischof G. Maier

Foto © Michael Steinert

Bischof Gerhard Maier hat Verständnis für Menschen, die sich schwer tun mit der Osterbotschaft. Er rät dazu, Gott in den Alltag zu integrieren und ihn so erfahrbar zu machen.



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Copyright (C) 2005 by Stuttgarter Zeitung
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Dieser Artikel erschien zuerst in der STUTTGARTER ZEITUNG Nr. 68, 23. März 2005
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Ins Netz gesetzt am 06.04.2005; letzte Änderung: 07.04.2005
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