Ideale Urgemeinde?!

Ein realistischer Blick in die Apostelgeschichte

von Dr. C. Stenschke[ 1 ]

Immer wieder haben sich Reformbewegungen im Christentum auf die Urgemeinde berufen, die in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte beschrieben wird. Einzelne Christen versuchten ihr persönliches geistliches Leben und das Leben in ihren Gemeinden am Vorbild der ersten Christen auszurichten. Bei vielen Abschnitten der Apostelgeschichte kann es heutigen Christen in der Tat "warm ums Herz" werden. Schnell werden vor allem die zusammenfassenden Schilderungen geisterfüllten Gemeindelebens (Apostelgeschichte 2,42-47; 4,32-35) zum Leitbild, vielleicht auch zum biblischen Traumbild von Gemeinde, dem die eigene Gemeindewirklichkeit oft weit hinterherhinkt.

Doch zeigt ein zweiter Blick in diese Kapitel auch, dass die Urgemeinde weder nur eine "Idealgemeinde" war, noch dass sie sich unter idealen Umständen entfalten konnte. Beides wird uns in der Apostelgeschichte nicht verschwiegen. Drei Schatten fallen auf das Bild der urchristlichen Gemeinde in Jerusalem:

I. Spott und Verfolgung (Kap 2, 4-7)

Schon im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte, unmittelbar nach der Ausgießung und dem Empfang des Heiligen Geistes wird deutlich, dass die Gläubigen nicht nur auf die Sympathie ihrer Umwelt stoßen (wie z.B. in 2,47 beschrieben): "Andere aber [die die Ereignisse beobachteten] sagten spottend: »Sie sind voll süßen Weines«" (2,13). Die geisterfüllte Gemeinde lebt und bezeugt Jesus auch in diesem Umfeld des Spottes.

Nach der Heilung des Gelähmten und der erklärenden, mutigen Predigt des Petrus im dritten Kapitel ("... ein jeder sich bekehre von seiner Bosheit" - die ersten Christen hatten nicht nur angenehme Wahrheiten zu verkündigen!) regt sich aktiver Widerstand. Die religiösen Führer ärgert es mächtig, dass die Apostel "das Volk lehrten und die Auferstehung Jesu von den Toten (verkündigten). Und sie legten Hand an sie und setzen sie gefangen bis zum Morgen" (4,2f.). Dem folgen Verhöre, Bedrohungen und Redeverbot (4,5-21). Aus Eifersucht wegen der vielen Zeichen und Wunder der Apostel (5,12-16) lassen die religiösen Führer sie wieder gefangennehmen (5,17f). Ihrer wunderbaren nächtlichen Befreiung durch den Engel des Herrn erfolgt ein weiteres Verhör, wenn auch unter anderem Vorzeichen (5,26f.). Der weise Rat des Pharisäers und angesehenen Gesetzeslehrers Gamaliel (5,34-39) bewahrt die Apostel vor den Mordabsichten der Führung (5,33). Mit Prügelstrafe und Redeverbot kommen sie noch "glimpflich" davon (5,40). Das Zeugnis der frühen Christen in Verkündigung und Taten stößt auf Widerstand, unter dem die ersten Christen zu leiden hatten.

II. Heuchelei und Lüge (5,1-11)

Während es sich bisher um Probleme handelte, die von "außen" in Form von Verfolgung auf die junge Gemeinde zukamen, wird in Kapitel 5 deutlich, dass die Gemeinde auch von "innen" gefährdet ist. Ananias und Saphira verkaufen ein Grundstück (vgl. 4,32. 34-37). Niemand hat sie gezwungen, überhaupt zu verkaufen. Sie hätten den Erlös gerne ganz oder teilweise behalten können (5,4). Sie behalten etwas vom Verkaufserlös ein, geben aber die gespendete Summe als den Gesamterlös aus, wohl um - im Vergleich zu anderen (z.B. Barnabas) - nicht ihr Gesicht zu verlieren. Eigentlich harmlos, oder? Doch Petrus durchschaut ihr Vorgehen und zeigt die geistliche Dimension ihrer Entscheidung auf: "Warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den heiligen Geist belogen hast ...". Ananias hat nicht nur Menschen täuschen wollen, sondern hat dem Satan Raum gegeben! Er hat sich am Geist Gottes versündigt, der in der Gemeinde gegenwärtig ist, über ihrer Heiligkeit wacht und jetzt richtend eingreift. So ernst nimmt Gott seine Leute. Auch als Saphira direkt gefragt wird, lügt sie der Gemeinde ins Angesicht. Auch sie hat, zusammen mit ihrem Mann, den Geist des Herrn versucht und Gottes Gericht auf sich gezogen. Also auch in der Urgemeinde ein Fall von "Mehr Schein als Sein", eine geplante Übereinkunft unter Christen zur gemeinsamen Heuchelei und Vorspiegelung falscher Tatsachen, sowie direktes Anlügen der Geschwister und Gemeindeleitung (5,8)! Wegen der folgenden Ereignisse kommt große Furcht über die ganze Gemeinde. (Wir sollten hier nicht zu schnell von Ehrfurcht sprechen.) Auch das kennzeichnet die Urgemeinde!

III. Mangelnde Fürsorge und Murren (6,1-7)

Die Bedrohung der Heiligkeit der Gemeinde durch die Sünde von Ananias und Saphira bleibt nicht die einzige Herausforderung von ³innen². Am Anfang des sechsten Kapitels wird von einem zweifachen Versagen innerhalb der Gemeinde berichtet:

1. Wohl aufgrund der Fülle der Aufgaben der Apostel ("als die Jünger sich mehrten"), und aufgrund der Verfolgungen und Gefängnisaufenthalte der Apostel (Apostelgeschichte 4-5), werden die "griechischen" Witwen in der Armenversorgung vernachlässigt. Sie waren wohl gläubig gewordene Witwen von Juden, die erst im Alter aus der jüdischen Diaspora nach Jerusalem zurückgekehrt waren, um dort, in der heiligen Stadt, ihren Lebensabend zu verbringen. Dies hätte nicht passieren dürfen, da diese Witwen keine andere Versorgung hatten (z.B. durch Angehörige, denen diese Aufgabe selbstverständlich oblag oder durch die allgemeine jüdische Wohltätigkeit, unter deren "Versorgungsnetz" diese Witwen als Mitglieder der christlichen Gemeinde wahrscheinlich nicht mehr fielen; vgl. J. Jervell, Die Apostelgeschichte). Im Alten Testament ist gerade, zusammen mit den Waisen, der Umgang mit Witwen ein Prüfstein für die praktizierte Nächstenliebe im Volk Gottes und für die intakte Beziehung zu Gott (vgl. 5.Mose 14,28f; 16,11.14; 24,17.19f; 27,19). Dauerhaftes Versagen der Christen gerade bei der Versorgung der Witwen hätte die Glaubwürdigkeit der Gemeinde in ihrer jüdischen Umwelt schwer beschädigt (vgl. Lukas 21,1-4, Apostelgeschichte 9,39).

Auch in der Urgemeinde wurden die tatsächlich vorhandenen Nöte und Bedürfnisse Einzelner von den Verantwortlichen übersehen. Auch in der Urgemeinde wurden nicht alle Eventualitäten einkalkuliert, wurden nicht vorausschauend die nötigen Strukturen für den diakonischen Auftrag der Gemeinde geschaffen. Gehandelt wurde erst, als es einen akut bestehenden Misstand zu beheben galt. Zudem fällt hier und an anderen Stellen auf (Apostelgeschichte 2,45; 4,34f), dass es auch in der Urgemeinde Bedürftige gab, die auch die finanzielle Unterstützung ihrer Glaubensgeschwister nötig hatten. Später bedarf die ganze Jerusalemer Gemeinde der Hilfe anderer Gemeinden (vgl. Apostelgeschichte 11,27-30; 24,17; Galater 2,10; 2. Korinther 8-9). Reichtum und Überfluss waren keine Kennzeichen der ersten Christen.

2. Anstatt nun die Apostel direkt anzusprechen oder zu erinnern, die bis dahin diesen Dienst taten und über die nötigen Mittel verfügen konnten ("zu Füßen der Apostel", 4,35.37; 5,12) geschieht Folgendes: Es entsteht ein Murren unter den Hellenisten ("Juden, die aus der Diaspora der griechisch sprechenden, hellenistischen östlichen Mittelmeerwelt stammten") gegen die Hebräer (in Jerusalem länger ansässigen Juden), weil nur die "hebräischen" Witwen, bei der täglichen Verteilung (von Hilfsgütern) berücksichtigt wurden, vielleicht auch über ein besseres privates Versorgungsnetz verfügten. Enttäuschung, Neid und Missgunst machen sich in der Gemeinde breit, und das vielleicht nicht nur unter den direkt Betroffenen. Es kommt zu Parteibildung und Solidarisierung, die die Einheit der Gemeinde bedrohen (2,46; 4,32). Scheinbar waren weder "Griechen" noch "Hebräer" bereit, von sich aus mit eigenen Mitteln einzuspringen, um schnell und direkt Abhilfe zu schaffen. Man verlässt sich lieber auf andere oder pocht auf die organisierte Hilfe der Gemeinde. Murren und Schimpfen sind bequemer als selbst anzupacken!

Das Murren erinnert an die Reaktion des Volkes Israel während der Wüstenwanderung (4.Mose 14; 16,1f; 17,6-15; vgl. auch 1.Korinther 10,10; Philipper 2,14; 1.Petrus 4,9). Trotz der Fülle des Geistes (Apostelgeschichte 2,3f; 4,31), trotz der Zeichen und Wunder (Apostelgeschichte 3,3-10; 5,12-16), die Gottes Gegenwart und Macht so deutlich zeigten (man denke auch an die Berichte von der Speisung der Viertausend bzw. Fünftausend, Markus 8,1-10; Lukas 9,10-17), lässt man sich zu einer ungeistlichen Reaktion - zum Murren - hinreißen, anstatt selbst anzupacken.

Auch in der Urgemeinde reagierten Menschen mit Mißbilligung und Murren, anstatt selber zu helfen und nach Lösungen zu suchen oder die Aufmerksamkeit der richtigen Leute auf die Missstände zu lenken. Es gab Spaltungen und Polarisierung (die mehr von der eigenen Biographie als von geistlichen Anliegen bestimmt waren).

Dass die später zum Dienst an den "griechischen" Witwen (6,1) bestellten Männer allesamt griechische Namen tragen (also vermutlich selbst Diasporajuden waren), mag ein Hinweis darauf sein, dass man auch unter den ersten Christen davon ausging, dass jeder zunächst den eigenen Leuten beistehen soll und ihre Interessen vertreten soll.

Doch eine ideale Gemeinde?!

Doch können diese drei Schatten das ermutigende Bild der Urgemeinde nur wenig trüben, da auch berichtet wird, wie die ersten Christen diesen Herausforderungen begegneten:

Trotz Spott, Widerstand und Verfolgungen hielten die ersten Christen an ihrem fröhlichen missionarischen Bezeugen des auferstandenen Herrn Jesus Christus fest. Am Ende der Berichte über Gefangennahme, Verhör, Prügelstrafe, usw. heißt es: "Und sie hörten nicht auf, jeden Tag im Tempel und in den Häusern zu lehren und Jesus als den Christus zu verkündigen" (5,42). "Wir könnenīs ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben". Sie wollten Gott mehr gehorchen als den Menschen (5,29)."

Auf diesem Weg erfuhren sie göttliche Ermutigung und Bestätigung (4,21.31; 5,19f.27-40; vgl. auch Lukas 12,4-12). Auf das Gebet der Gemeinde hin schenkt Gott eine weitere Erfüllung mit dem heiligen Geist zur freimütigen Evangeliumsverkündigung und ein bestätigendes Erdbeben (4,31). Der Schöpfer des Himmels und der Erden, den die versammelte Gemeinde angerufen hat (4,24), steht hinter seinen bedrängten Kindern, bewahrt und bevollmächtigt sie zugleich. In aller Verfolgung haben sie Gottes Hilfe und Durchtragen erfahren.

Trotz Heuchelei und Lüge (Ananias und Saphira) griff der Herr der Gemeinde selbst ein, um über die Heiligkeit seines Volkes zu wachen. Das Erschrecken und das Bewusstsein der Gegenwart des Heiligen Geistes in der Gemeinde wird allen Gläubigen Ansporn und Herausforderung zu einem persönlichen heiligen Leben gewesen sein.

Das Murren verebbte, als die Not gesehen und durch Schaffung neuer Strukturen behoben wurde (Bestellung der Diakone, 6,5f). So wurde der Missstand behoben, ohne dass sich die Apostel von ihrem eigentlichen Auftrag hätten abbringen lassen. Nach dem Bericht von Aufgabenverteilung und der Schaffung neuer Strukturen heißt es: "Und das Wort Gottes wuchs und die Zahl der Jünger in Jerusalem mehrte sich sehr; und eine große Menge der Priester wurde dem Glauben gehorsam" (6,7). Vielleicht waren gerade die erwähnten Priester von der jetzt vorbildlichen Witwenversorgung besonders beeindruckt.

Die Urgemeinde war keine Idealgemeinde, doch war sie eine Gemeinde in Bewegung: Sie klagte nicht über ihre Probleme und trauerte sorgenfreieren Zeiten hinterher, sondern bestürmte den Herrn der Gemeinde damit. Probleme und Missstände wurden offen, sogar öffentlich angesprochen. Die gesamte Gemeinde dachte über kreative Lösungen nach und setzte sie um.

Schon von Anfang an gab es Probleme in der Gemeinde und Probleme der Gemeinde mit ihrer Umwelt, die sie seitdem auf ihrem Weg - in der einen oder anderen Form, mal mehr und mal weniger- begleiten. Ein realistisches Bild der Urgemeinde kann uns helfen mit den aktuellen Nöten und Problemen in unserer Gemeinde umzugehen, indem wir sie wahrnehmen und in geistlicher Weise angehen.

Ein falsches Idealbild der ersten Christen führt zu Forderungen, die nicht zu erreichen waren und auch heute nicht erreicht werden. Weil die Vollendung der Gemeinde dem wiederkommenden Herrn der Gemeinde vorbehalten ist, darf man sich fröhlich und getrost einer unvollkommenen Gemeinde verbindlich anschließen und - trotz und mit allen eigenen Fehlern und Mängeln - treu mitarbeiten, zur Ehre Gottes und zum Wohl der Menschen.

[ 1 ] Dr. Christoph Stenschke ist theologischer Lehrer an der Bibelschule Wiedenest und lehrt Neues Testament.

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