Kann ein Christ sein Heil verlieren?


Problemstellung

Es gibt - namentlich im Neuen Testament - Bibelstellen über den Heilsstand des Wiedergeborenen, die sich bei oberflächlicher Betrachtung zu widersprechen scheinen. Ich greife zwei davon exemplarisch heraus; weiter unten in diesem Artikel werde ich andere wichtige Stellen anführen:

    Joh 10, 27.28: «Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.»

    Joh 15, 2.6: «Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; (6:) Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.»

Das scheinbare Problem läßt sich nur lösen, wenn man die Spannung zwischen Ermutigung und Trost einerseits und Ermahnung andererseits genau beachtet. Um zu einem sorgfältigen Abwägen zwischen Verheißung und Ermahnung bzw. dem Ruf zu erneuter Umkehr (Buße) zu gelangen, wollen wir die nötigen Grundlagenfragen kurz beleuchten:



I. Von der Heilsgewißheit zur Vollendung

Grundsätzliche Feststellung: Unter Heilsgewißheit verstehen wir die Gewißheit des Heilsbesitzes: Vgl. zum Beispiel:

- Röm 5, 1: «Da wir nun gerecht geworden sind durch (aus) dem Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.»

- Röm 8,16: «Der Geist selbst bezeugt (mit) unserm Geist, daß wir Kinder Gottes sind.»

- u. a. m. (Vor allem Worte, wo das «Sein» und «Haben» betont wird, z. B. Eph 1,7.)


1. Die Grundlage zum Heil bildet Gottes Heilshandeln

- in Jesus Christus: Gal 4, 4.5: «Als die Zeit erfüllt war ... »

- in Jesu stellvertretendem Opfer: Röm 5, 8; 1. Petr 2, 24; 3, 18; Hebr 10, 10.14

- in Jesu Auferstehung und Erhöhung: 1. Petr 1, 3.4ff.; Hebr 7, 25 (Fürsprecherdienst)

- dieses Heilshandeln legt Zeugnis ab von der Liebe Gottes und vom Gehorsam Jesu Christi: Joh 3, 16; Hebr 5, 8.9

Die Heilsgewißheit der Gläubigen beruht auf dem göttlichen Heilsplan zu unserer Errettung (Eph 1, 3ff.) und auf der durch Jesus vollbrachten Versöhnung (Röm 5,10; 2. Kor 5,19), sowie auf dem, was wir durch den Glauben an Jesus geworden sind (Röm 8, 1; 2. Kor 5,17).


2. Berufung und Erwählung

Mt 22, 14: «Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.»

Aus der Perspektive des Gleichnisses von der königlichen Hochzeit wird - das Ergebnis der anderen Erwählungsstellen vorwegnehmend - deutlich, daß die Berufung und Erwählung von seiten Gottes durch den Menschen (in Umkehr/Buße/Bekehrung) angenommen werden muß. Wer die Berufung Gottes nicht annimmt, der gehört nicht zu den Auserwählten, und es wird ihm ergehen wie dem Mann, der ohne Hochzeitskleid vor dem König nicht bestehen kann (V. 12.13). Trotz seiner Berufung zum Himmelreich geht er verloren. Zwei der wichtigsten Erwählungsstellen finden sich in Eph 1, 3ff. und Röm 8, 28-30. Die Erwählung läßt sich aufgrund dieser Stellen und Parallelen in folgende Bereiche aufgliedern:


  Eph 1 Röm 8 andere
Der göttliche Vorsatz und Heilswille (Heilsplan) "vor Grundlegung der Welt" V. 3-4 V. 28b 1.Petr 1,20
Das Vorherwissen (praescientia) und Vorher-Erkennen Gottes --- V. 29a Ps 139,16
Die Vorherbestimmung (praedestinatio) V.5.11 V. 29b, 30 ---
Die Selbstoffenbarung Gottes in Jesu Christus "in der Fülle der Zeiten" und der Heilsvollzug V.7 V. 32 Gal 4,4.5
Joh 14,9
Die Mitteilung des göttlichen Willen V.9 --- 1.Tim 2,4
1.Thess 4,3
u.a.m.

Zusammengefaßt wird die Erwählung in Eph 1,11ff:

Eph 1,11: «in welchem wir auch zu Erben bestimmt wurden, nachdem wir vorherbestimmt waren nach dem Ratschluß seines Willens.»


3. Gottes Souveränität und die Frage der Prädestination

a) Kurzer dogmengeschichtlicher Hinweis

Von Augustin zu Calvin und zu seinen Nachfolgern:

Erwählung Gottes = Erwählung einiger zum Heil. Erwählung der anderen zur Verdammnis = doppelte Prädestinationslehre.

Diese gedankliche Konstruktion wird in keiner Weise durch die Bibel gestützt.


b) Der biblische Standpunkt

Gottes Einladung, seine Erwählung, sein Heilswille und seine Heilstat gelten grundsätzlich allen Menschen: 1. Tim 2, 4; 2. Petr 3, 9; Röm 5, 18; 1. Joh 2, 2; 2. Kor 5, 19; Joh 3, 16; Tit 2, 11.

Aus diesem Grunde gilt die verkündigte Heilsbotschaft allen Menschen ausnahmslos, wie der Missionsbefehl des Herrn deutlich macht: Mt 28, 18ff.; Mk 16, 15.16.

Mit Hinweis auf Mt 25, 34.41 ist die doppelte Prädestinationslehre gänzlich unhaltbar; aber auch die einfache Prädestination wird uns nirgends als Heils-Determinismus beschrieben.


4. Der Heils-Ratschluß oder die «Dekrete» Gottes

Gottes Heilshandeln lag fest und stand bereit, bevor die Menschen erschaffen wurden («vor Grundlegung der Welt»: Eph 1, 4 und 1. Petr 1, 20). In diesen Zusammenhang gehören die Stellen, die von der Vorhersehung Gottes sprechen: 1. Petr 1, 2; Offb 13, 8; 17, 8; 20, 15; 21, 27.

Offb 13, 8 darf niemals verwechselt werden mit einem ewigen Heils-Determinismus für einige Auserwählte, sondern steht im Zusammenhang mit dem Vorherwissen des allwissenden Gottes (vgl. Ps 139,16 und 1. Petr 2,9.10).

Die Fragen der Prädestination können mit unserem kurzen Verstand nie richtig erfaßt und eingeordnet werden; wenn wir nicht die vielen Stellen über den allen Menschen geltenden Heilswillen Gottes hätten, würden wir aus dem Unvermögen, die göttliche Prädestination und des Menschen persönliche Entscheidungsfreiheit auf einen Nenner zu bringen, - genauso wie Calvin - dem Irrtum der doppelten Prädestination verfallen. Aber ein Vergleich sämtlicher Erwählungsstellen mit den Stellen, die zur Bekehrung aufrufen, zeigt uns, daß Gottes Vorherbestimmung sich nicht unabhängig von der Entscheidung des Menschen vollzieht. Vgl. z.B. Offb 13,8 mit Offb 3,5.

Für unser begrenztes, menschliches Verständnis ist deshalb die Tatsache des «Vorher-Wissens» oder des «Vorher-Sehens» = Vorsehung Gottes besser zu fassen.


5. Die vorlaufende Gnade

Da die Verlorenheit des Menschen abgrundtief ist (vgl. Eph 2, 1.5; 2 mal «tot in Übertretungen»), kommt uns die suchende Liebe Gottes entgegen (vgl. das

Gleichnis vom verlorenen Schaf und vom verlorenen Groschen, Lk 15, 1-10); vgl. z. B. Apg 16, 14 von Lydia in Philippi: «Dieser tat der Herr das Herz auf, daß sie achthaben konnte auf das, was von Paulus gesprochen wurde.» Vgl. ferner die sehr wichtige Stelle in Joh 6, 44.65.

Diese vorlaufende Gnade wurde schon von Augustin erkannt. Der vorlaufenden Gnade folgt die «voluntas subsequens» (der nachfolgende Wille) des Menschen. Auf das Gleichnis des verlorenen Sohnes übertragen würde das heißen: Die vorlaufende Gnade geht dem Verlorenen nach und führt ihn zur Selbsterkenntnis. Hätte der zum Schweinehirten degradierte und versklavte Sohn sich diesem «Gnadenzug» verschlossen, dann hätte nie eine innere Einkehr, Umkehr und Heimkehr stattgefunden (vgl. Lk 15, 18ff.).


6. Die Gnadenwahl

In den Zusammenhang der Erwählung zum ewigen Leben gehört der Hinweis auf die Gnadenwahl. Niemand und nichts hätte Gott zwingen können, uns - von Natur - verlorene Menschen zu retten. Sein Erlösungsplan und der Heilsvollzug in Kreuz und Auferstehung Jesu verbinden sich zum größten Liebesangebot; dieses ist freiwilliges, unfaßbar großes Geschenk: Es ist Gnade.

- Vgl. die Gnadenwahl Israels: Dtn 7, 7.8a

- Vgl. die Gnadenwahl im Neuen Testament durch Christus für Juden und Heiden: Eph 2, 8.9 u. a. m.


7. Erwählung und persönliche Verantwortung des Menschen

a) Erwählung und Berufung (identisch):

2. Petr 1, 10: «Darum, liebe Brüder, befleißiget euch, eure Berufung und Erwählung festzumachen. Denn wenn ihr dies tut, werdet ihr nicht straucheln.»

Vgl. ferner: Offb 17, 14b; Lk 6, 13 u. a.

b) Berufung als Aktualisierung des göttlichen Ratschlusses:

2. Tim 1, 9: «Er hat uns gerettet und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem Ratschluß und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt.»

Vgl. ferner: Hebr 3, 1; 2.Thess 2, 14

c) Berufene (Gerufene) nehmen den Ruf (die Einladung) Gottes an und sind Erwählte:

Mt 22,14: «Denn viele sind Berufene, wenige aber sind Auserwählte.»

Der Theologe Donald Guthrie sagt mit Recht, daß die Erwählten diejenigen sind, die die Einladung auch wirklich annehmen bzw. angenommen haben.

d) Gott verfügt nicht über den Menschen; er handelt aber auch nicht ohne den Menschen:

1. Kor 15, 10: «Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und seine Gnade ist nicht vergeblich gewesen an mir.» Vgl. ferner Röm 1, 6.7

- Vorsehung Gottes und des Menschen Verantwortung: vgl. z. B. Apg 27,24.31

- Berufung Gottes und der Wille des Menschen: Mt 22, 3 «... sie wollten nicht kommen». Mt 23, 37 «... ihr habt nicht gewollt». Joh 5, 40 «aber ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr das Leben hättet». Joh 1, 12 «Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Vollmacht, Gottes Kinder zu werden, denen die an seinen Namen glauben.»

e) Erwählte sind Gläubige:

1. Thess 1, 4ff.; Tit 1, 1; Röm 8, 33; u. a. m.

f) Die Gläubigen werden erst nach der Annahme des Heils als Auserwählte bezeichnet:

1. Thess 1, 4.5 «Liebe Brüder, von Gott geliebt, wir wissen, daß ihr erwählt seid; (5:) denn unsere Predigt des Evangeliums kam zu euch ... ». Vgl. V. 6-10

g) Das Ziel der Erwählung ist die Umgestaltung ins Bild Jesu Christi:

Röm 8,29. Achtung: Erwählung ist eine ganz entscheidende Etappe zum ewigen Ziel, aber die Erwählung ist nicht schon die Vollendung!

h) Erwählung und Nachfolge:

Die Erwählten (1. Thess 1, 4) brauchen noch dringend

    die gegenseitige Ermahnung (1. Thess 5, 9.11),
    die lehrmäßige Festigung (2. Thess 2, 13.15),
    die wachstümliche Heiligung (1. Thess 4, 3.7; 5, 23),
    ein würdiges Verhalten (Eph 4, 1-6; Kol 3, 12-14) und
    das Festmachen der Erwählung (2. Petr 1, 9-11).

Noch ist das Ziel nicht erreicht (Phil 3, 13.14). Der Glaubenskampf ist mit der Hilfe des Herrn zu bestehen (2. Tim 2, 10; 1. Petr 5, 8.9; 1. Kor 9, 24-27).


8. Gott bewahrt die Gläubigen

- Das Ziel wird uns bewahrt: 1. Petr 1, 4; 2. Tim 1, 12

- Gott bewahrt uns selber: 2. Thess 3, 3; 1. Pert 1, 5; Joh 10, 28; Phil 4, 7; Jud 24; Offb 3, 10

- Gott stärkt die Gläubigen: 2. Thess 2, 16.17; 3, 3; 1. Petr 5, 10; Kol 1, 11; Hebr 13, 21

- Gott reinigt und heiligt uns: Joh 15, 2; 1. Joh 1, 7; Joh 17, 17; Eph 5, 26.27; 1. Thess 5, 23

- Jesu bewahrender Gebets- und Fürsprecherdienst: Joh 17, 11.15; Röm 8, 34; 1. Joh 2, 1; Hebr 7,25

- Der Herr läßt die Gläubigen nicht allein (Joh 14, 16-18). Er bewahrt, stärkt, reinigt und führt ans Ziel.


9. Die Vollendung

a) Zusicherung der Vollendung

- Durch den Glauben an Jesus sind wir Kinder und Erben Gottes: Röm 8, 17; Gal 4, 7; Tit 3, 7; Jak 2, 5

- Den Wiedergeborenen ist der Heilige Geist als «Angeld» (Pfand) geschenkt: Eph 1, 14; 2. Kor 1, 22; 5, 5

b) Gottes vollendendes Handeln

Gottes Treue: 2. Thess 2, 13-17

- Gottes Treue in der Versuchung: 1. Kor 10, 13; 2. Thess 3, 3 - Gottes Treue in der Vergebung: 1. Joh 1, 7b.9; 2, 1.2

- Gottes Treue in der Bewahrung bis ans Ende: 1. Kor 1, 8.9; 1. Thess 5, 23 Von Gottes Seite her ist das sichere Geführtwerden bis zum Ziel garantiert: Hebr 10, 14; 12, 2; Phil 1, 6

 

c) Aber nicht ohne Hinweis auf die persönliche Verantwortung!

Allerdings tritt oft gerade im Zusammenhang mit Vollendungsverheißungen ein deutlicher Hinweis auf die persönliche Verantwortung des Gläubigen zutage:


Gottes Zusage und Treue

persönliche Verantwortung:

Phil 1,6
Phil 2,13
1.Kor 1,8.9
Heb 12,2
Eph 1-4
Phil 1,27
Phil 2,12
1.Kor 1,10a, und alle Ermahnungen im 1. Korintherbrief
Hebr 12,1-17
Eph 4-6
etc.


10. Stellen, die scheinbar von der Unverlierbarkeit des ewigen Lebens sprechen

- Röm 8, 30: Nach D. Guthrie ist diese Stelle an Menschen gerichtet, die Jesus angenommen haben. Paulus spricht hier nicht darüber, was mit denen geschieht, die den göttlichen Erlösungsplan ablehnen. Grayston sagt zu dieser Stelle: «Die Antwort auf die Frage, ob wir das Ziel erreichen oder nicht, ist nicht prädeterminiert.»

- Röm 11, 29: «Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.» Dieses Wort spricht ganz eindeutig über Gottes Plan mit dem Volk IsraeI und nicht über die Heilsordnung für den Christen.

- Joh 6, 37.39: «Alles, was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir; und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. (39:) Das ist der Wille dessen, der mich gesandt hat, daß ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern, daß ich's auferwecke am Jüngsten Tage.»

Die große Verheißung spricht von der Treue des Herrn, die sicher zum Ziel (zur Vollendung) führt, wenn sie nicht durch menschliche Auflehnung durchkreuzt wird!

- Stellen wie Eph 2, 5-10; Röm 6, 1 ff.; 8, 1 ff.; 1. Kor 6, 11 und viele andere mehr reden vom Heilsstand des Gläubigen in der Wiedergeburt und nicht von der Vollendung.

- Joh 14, 16: «Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster (Beistand) geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit.» Das überwältigend Neue im Neuen Bund - seit Pfingsten - ist die Tatsache, daß der Heilige Geist im Gläubigen bleibt, wohnt und zwar für immer (so auch Jesus und sogar der Vater: Joh 14, 23; Röm 8, 10.11; Kol 1, 27; u. a. m.).

- Vgl. Röm 7, 4 mit Gal 5, 4

- Joh 10, 28: Niemand - von dritter Seite- vermag uns aus Jesu Hand zu reißen! Wie wunderbar ist doch die bewahrende Macht des Herrn.

- Röm 8, 38.39: Zusammenfassung der göttlichen Bewahrungsverheißungen, die bis zur Vollendung reichen; aber auch in diesem Text ist in V. 37 das persönliche Engagement (Überwinder-Sein) angesprochen.

- Joh 5, 24: Hier ist vom Endgericht und nicht vom Preisrichterthron (2. Kor 5, 10; 1. Kor 3, 11 ff.) die Rede.


Die Heilige Schrift zeigt folgenden Befund:

Es gibt Heilsgewißheit, Heilsfreude, Gottesverheißungen und seine Allmacht, den Gläubigen bis zur Vollendung zu führen; aber es gibt nirgends eine einseitige, automatische oder selbstverständliche Heilssicherheit, die unabhängig vom Tun und Lassen des Gläubigen (vgl. persönliche Reinigung: 2. Kor 7, 1 u. a.) sicher und unabänderlich zum Ziel führt. Das Heil des Gläubigen ist allein in der Gnade Gottes begriffen, schaltet aber die Persönlichkeit des Menschen nie aus, wie der Wechsel von Heilsindikativ (z. B. Röm 6, 1 ff. u. a. m.) und Heilsimperativ (Röm 6, 11 ff. u. a. m.) deutlich macht. Keine der genannten Stellen bestätigt die Lehre von der Unverlierbarkeit des Heils.



II. Kurzer Hinweis auf die Ermahnung im Neuen Testament

Auf die ermahnenden Teile der neutestamentlichen Briefe ist bereits weiter oben hingewiesen worden und zwar im Zusammenhang mit der persönlichen Verantwortung des Gläubigen.


1. Die Tatsache der Ermahnung

Die Ermahnungen an die Gläubigen bilden ein ganz wesentliches Element des neutestamentlichen Gemeindebaus.

- Apg 11, 23: «Als dieser (Barnabas/V. 22) dort hingekommen war (nach Antiochien/V. 22) und die Gnade Gottes sah, wurde er froh und ermahnte sie alle, mit festem Herzen an dem Herrn zu bleiben.»

- Vgl. ferner Apg 13, 43; 14, 22; Röm 12, 1 ff. Eph 4, 1 ff.; Kol 3, 1 ff.; u. a. m. (vgl. Konkordanz)

- Der ganze Hebräerbrief wird vom unbekannten Verfasser als «Wort der Ermahnung» bezeichnet, Hebr 13, 22.


2. Der Inhalt der Ermahnung

- Bleiben im Herrn: in Joh 15, 4-10 steht das Verb «bleiben» 11 mal; vgl. ferner 1. Joh 3, 24. Besonders: «bleiben» am Wort (Joh 8, 31; 2. Tim 3,14-17) und «bleiben» im Glauben und in der Gnade (Apg 13, 43; 14, 22; Kol 1, 23).

- Trennen, sich absondern und fliehen: 2. Kor 6, 14-17; Hebr 12, 1; 1. Kor 6,18; 2. Tim 2,22.

- Nicht mehr lieben (die Welt): 1. Joh 2, 15-17.

- Bewahren (das Wort Gottes): Offb 2, 25; 3, 10; Lk 11, 28. - Sich hüten (vor Irrlehre und Verführung): 2. Petr 3, 17.

- Einhalten (die Gebote Gottes): Joh 15, 10; 14, 21 u. a. m.

- Festhalten; vgl. ferner: wachen - sich umgürten - beachten - stärken - vergeben - sich reinigen - handeln - kämpfen (vgl. Konkordanz).

Die Ermahnungen rufen dazu auf, das gewaltige Geschenk des neuen Lebens in Christus in der Praxis des Alltags zur Anwendung zu bringen. Die stete Wachsamkeit der Gläubigen soll vertieft werden im Blick auf den wiederkommenden Herrn (2. Tim 4, 8; Hebr 9, 28).


3. Grund für die vielen Ermahnungen

- Verschiedene Gefahren: Liebe zur Welt (1. Joh 2,15-17; Jak 4, 4), Sünde (Röm 8,13), Irrlehre (2. Joh 7), Verfolgung (1. Thess 3, 3-5), eigene Müdigkeit und Trägheit (Hebr 12, 12).

- Die Heiligkeit und das Gericht Gottes: Gal 6, 7-9 (dieses Wort ist an Gläubige gerichtet!)

- Gericht Gottes bei Fruchtlosigkeit (Joh 15, 2), bei Lauheit (Offb 3, 14ff.), bei Rückfall in Sünde (Gal 5, 16-21; 1. Kor 3, 17) und bei Liebe zur Welt (Jak 4,4).


4. Der Herr will unseren Gehorsam

1. Petr 1, 14-16: «Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit der Unwissenheit dientet, (15:) sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. (16:) Denn es steht geschrieben: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.»

Ungehorsam, unbereinigte Sünde und ein erneutes Verharren in der Sünde sowie innere Verhärtung sind Schritte, die zur Apostasie führen.

 

Zusammenfassung

Der Christ steht in ständiger Gefahr. Die bewahrende Macht Gottes ist groß genug, um den Gläubigen zu bewahren. Deshalb wird er aufgefordert und ermahnt, bei und in Jesus und in ständiger Lebensbereinigung zu stehen. An mindestens zwei Stellen wird der Christ persönlich aufgefordert, sich selbst zu reinigen (2. Kor 7, 1 und 1. Joh 3, 3). Es wäre verkehrt, den Akzent allein auf die vom Herrn geforderte Selbstreinigung zu legen; aber ebenso verkehrt ist die Einstellung, Wachstum, Umgestaltung und Nachfolge des Gläubigen seien die alleinige Aufgabe des Heiligen Geistes, die dieser ganz und ohne menschliches Dazutun beim Gläubigen vollziehe.

Wohlverstanden: Es ist keine Frage, ob wir etwas zum Heil (zu unserer Erlösung) hinzutun könnten oder müßten. Dies ist gänzlich unmöglich! Hingegen zeigt uns das Neue Testament deutlich, daß bei Stellen, die das Bleiben in Jesus, die Heiligung, das Wachstum und die Nachfolge des Wiedergeborenen betreffen, ein Zweifaches zu beachten ist:

- Heiligung (Wachstum) ist Geschenk des Herrn und wird durch den Heiligen Geist an uns und in uns vollzogen;

- aber ebenso wird Heiligung voll und ganz in den Verantwortungsbereich des Menschen gestellt.

Gerade ein sorgfältiges Beachten dieser biblischen «Spannung» zwischen Geschenk und Verantwortung oder zwischen Indikativs und Imperativ zeigt, daß die Personalität des Gläubigen auch nach der Wiedergeburt von Gott her voll gewahrt bleibt. Gott kann im Gläubigen nur soweit voranschreiten, wie dieser ihm sein Einverständnis dazu gibt.

Wo das Wirken des Heiligen Geistes abgeblockt wird, kommt der Christ in die Lauheit und erneut in den geistlichen Tod hinein (vgl. Offb 3, 1.14ff.). Wer einseitig das Wirken Gottes am Gläubigen auf Kosten der persönlichen Verantwortung betont, kann die biblische Tiefendimension der Ermahnung nicht richtig erfassen. Am Beispiel von Joh 15, 4 wäre die Befehlsform «Bleibet in mir» nichts anderes als eine rhetorische Aufforderung, da es ja ganz undenkbar wäre, daß das organisch mit dem Weinstock verwachsene Rebschoß je einmal wieder vom Weinstock abgetrennt werden könnte, aber genau das, was die Lehrmeinung der Unverlierbarkeit des Heils irrtümlicherweise für ausgeschlossen hält, zeigt der Herr als erschütternde Möglichkeit auf. Die Verse 2 und 6 lassen keinen Zweifel darüber offen, daß Wiedergeborene unter bestimmten Umständen wieder abfallen und verlorengehen können. Vgl. genauso Röm 11, 17-24, wobei gerade die Römerstelle deutlich macht, daß offenbar auch für «Abgefallene» bis zu einem gewissen Grad eine Rückkehr offen steht. Diese Tatsache (Aufruf zur erneuten Umkehr) ist auch in den Sendschreiben (Offb 2 und 3) ersichtlich; aber die Heilige Schrift zeigt, daß irgendwo eine Grenze liegt, und daß, wer diese Grenze überschritten hat, nicht mehr zurückkehrt, sondern verloren ist.

 

III. Die Apostasie

1. Warnung vor dem Abfall

- Offb 2, 5: «So denke nun daran, wovon du abgefallen bist, und kehre um (tue Buße) und tue die ersten Werke! Wenn aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte - wenn du nicht umkehrst (Buße tust).»

- Vgl. ebenso Offb 3, 2.3.19.20.


2. Gott will niemals unseren Abfall

- Hebr 3, 12-14: «Sehet zu, liebe Brüder, daß keiner unter euch ein böses, ungläubiges Herz habe, das abfällt (apostenai apostenai) von dem lebendigen Gott; (13:) sondern ermahnt euch selbst alle Tage, solange es 'heute' heißt, daß nicht jemand verstockt werde durch den Betrug der Sünde. (14:) Denn wir sind Teilhaber Christi geworden, wenn anders wir die Zusage vom Anfang bis zum Ende festhalten.»

- Vgl. ferner: Hebr 12, 25; 1. Kor 10, 1-14; 1. Petr 4, 12-19; 2. Petr 2, 20ff.


3. Gott braucht Erziehungswege («Züchtigung»), um die Gläubigen vor dem Abfall zu bewahren

- Hebr 12,1-17: «Darum auch wir, weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasset uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasset uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns verordnet ist (2:) und aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, welcher, da er wohl hätte können Freude haben, erduldete das Kreuz und achtete der Schande nicht und hat sich gesetzt zur Rechten des Thrones Gottes. (3:) Gedenket an den, der ein solches Widersprechen von den Sündern wider sich erduldet hat, auf daß ihr nicht matt werdet und nicht in eurem Mut ablasset. (4:) Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden im Kampf wider die Sünde (5:) und habt bereits vergessen des Trostes, der zu euch redet als zu seinen Kindern (Spr 3, 11.12): «Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. (6:) Denn welchen der Herr liebhat, den züchtigt er, und er straft einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt.» (7:) Gott erzieht euch, wenn ihr dulden müßt! Als seinen Kindern begegnet euch Gott; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? (8:) Seid ihr aber ohne Züchtigung, welche sie alle erfahren haben, so seid ihr Ausgestoßene und nicht Kinder. (9:) Und so wir unsere leiblichen Väter haben zu Züchtigern gehabt und sie gescheut, sollten wir dann nicht viel mehr untertan sein dem Vater der Geister, auf daß wir leben? (10:) Denn jene haben uns gezüchtigt wenige Tage, wie es ihnen gut dünkte, dieser aber zu unserm Besten, auf daß wir an seiner Heiligkeit Teil erlangen. (11:) Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist, dünkt uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber hernach wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübt sind. (12:) Darum richtet wieder auf die lässigen Hände und die müden Knie (13:) und tut gewisse Tritte mit euren Füßen, daß nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde. (14:) Jaget dem Frieden nach gegen jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird, (15:) und sehet darauf, daß nicht jemand Gottes Gnade versäume; daß nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und die Gemeinde dadurch befleckt werde; (16:) daß nicht jemand sei ein Abtrünniger oder Gottloser wie Esau, der um der einen Speise willen seine Erstgeburt verkaufte. (17:) Ihr wisset ja, daß er hernach, da er den Segen ererben wollte, verworfen ward; denn er fand keinen Raum zur Buße, wiewohl er sie mit Tränen suchte.»


4. Vorstufen der Apostasie

- Mißachtung der Lehre: Hebr 2, 1 «Darum sollen wir desto mehr achten auf das Wort, das wir hören, damit wir nicht am Ziel vorbeitreiben.»

- Verhärtung des Herzens: Hebr 3, 13 (vgl. oben).

Professor E. Hoffmann schrieb zur «Verstockung» in seiner Hebräerbrief-Auslegung in Fundamentum 4/81, Seite 19: «Das Herz verhärten bedeutet, es durch dauerndes Widerstreben gegen Gottes Anspruch und Zuspruch so unempfindlich machen, daß es gegenüber seinem Wirken ganz abgestumpft ist.»


5. Gottes Langmut

Über die Verführerin Isebel in der Gemeinde Thyatira sagt der Herr:
«Ich habe ihr Zeit gegeben, Buße zu tun, und sie will sich nicht bekehren von ihrer Hurerei.» (Offb 2, 21). Der erste Satzteil: «Ich habe ihr Zeit gegeben» erinnert an Röm 2, 4, wo geschrieben steht: «Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte und seiner Geduld und seiner Langmut? Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Umkehr (Buße) leitet?»

Aus diesem kurzen Hinweis ist ersichtlich, daß sich der endgültige, irreversible Abfall von Gott im Leben des lauen Christen nicht von einem Moment auf den anderen vollzieht. Er geht, ohne Reue und Umkehr und bei stetig fortschreitender Verhärtung des Herzens, Stufe um Stufe tiefer in die Sünde hinein und innerlich immer weiter weg von Gott. In dieser tragischen Phase des Abgleitens («backsliding») stellt der Herr dem nicht mehr klar im Glauben Stehenden «Barrieren» seiner rückrufenden Liebe in den Weg. Die Umkehr-Rufe in den Sendschreiben (Offb 2, 5; 3, 2.3.18-20) sowie die siebenfache «Überwinder»-Verheißung als Ansporn (2, 7.11.17.26-28; 3, 5.12.21) sind solche Liebesrufe des langmütigen Gottes.

Die «Warnschilder» Gottes in den Ermahnungs-Abschnitten zeigen, daß der Herr sein mit dem Blut Jesu teuer erkauftes Eigentum (1. Kor 6, 20) nicht billig losläßt. Gerade die Stellen, die vom Ringen der Apostel für das Festbleiben der Gemeindeglieder Zeugnis ablegen, zeigen etwas vom tiefen Ernst dieser Situation; vgl. z. B. 2. Kor 11, 1-4 (13-15). Fehltritte im Glaubensleben sind nicht schon Apostasie (vgl. Gal 6, 1; u. a. m.); aber ein bewußtes Verharren in der Sünde führt zu dem schrecklichen Ergebnis, das uns die Heilige Schrift ohne Beschönigung und ohne es zu verschweigen aufzeigt.


6. Der irreversible Schritt in den endgültigen Abfall

Hier sehe ich vor allem 3-4 Stellen (ohne Parallelen gerechnet) im Neuen Testament, die die tragische Grenzüberschreitung zur Apostasie bezeugen:


a) 1. Joh 5, 16.17 im Zusammenhang mit Mt 12, 31.32 (Parallelen)

1. Joh 5, 16.17: «Wenn jemand seinen Bruder sündigen (präs.pt. = durativ) sieht, eine Sünde nicht zum Tode, so wird er für ihn bitten (so bitte er für ihn; Futur im Sinne eines Imperativs), und er wird ihm (das) Leben geben, denen die sündigen, (aber) nicht zum Tode; es gibt eine Sünde zum Tode, bezüglich jener sage ich nicht, daß er bitte. (17:) Jede Ungerechtigkeit ist Sünde, und es gibt Sünde nicht zum Tode.»

Mt 12, 31.32b: «Deshalb sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung des Geistes (gegen den

Geist) wird nicht vergeben werden ... (32b:) weder in diesem Zeitalter, noch im kommenden.»

Ich fasse hier nur kurz die wichtigsten Punkte zusammen:

- Ein Christ (ein Bruder) kann die «Sünde zum Tode» begehen; vgl. Textzusammenhang.

- Der Inhalt dieser Sünde wird nicht beschrieben; aber der Tatbestand muß so gravierend sein, daß die Mitbrüder den Unterschied zwischen einer «Sünde nicht zum Tode» und der «Sünde zum Tode» ohne Mühe erkennen.

- Die «Sünde zum Tode» ist unvergebbar. Jede Fürbitte für diesen Menschen wird verwehrt.

- Mit dem «Tod» kann unmöglich nur der physische Tod gemeint sein.

- Als deutliche Parallele zu 1. Joh 5, 16.17 ist das Wort Jesu zu erwähnen von der «Lästerung gegen den Heiligen Geist» (Mt 12, 31.32; Mk 3, 29; Lk 12, 10), welche in Ewigkeit nie vergeben werden kann. E. Gaugler sagt beim Vergleich von Mt 12, 31.32 mit unserer Stelle: «In der Abwehr Jesu handelt es sich um die Lästerung der israelitischen Führer, die wider besseres Wissen Jesu Kampf wider die dämonische Welt, die er durch den göttlichen Geist bekämpft, auf dämonische Mächte selbst zurückführt ... Hier aber ist offensichtlich an Brüder gedacht, die sich noch als solche ausgeben, aber eine Sünde begehen, die eindeutig zum Verlust des im Glauben empfangenen Lebens führen, zur Abschnürung vom Heil führen muß. Es ist also an die noch unheimlichere Verführermacht solcher Brüder gedacht, die nicht aus Schwäche, nicht aus Angst vor Verfolgung, sondern in vermessener Verleugnung des Glaubens an den gekommenen Christus die Gemeinde selbst in Gefahr bringen. Ganz scharf können wir diese antichristoi antichristoi nicht mehr identifizieren. Aber daß es um diesen Entscheidungskampf geht, beweist auch der letzte Vers unseres Briefes, der geradezu vor den eidola eidola (Götzen) warnt, was wohl in diesen Zusammenhang gehört.»

b) Hebr 6, 4-8

Hebr 6, 4-6: «Denn es ist unmöglich, diejenigen, die einmal erleuchtet worden sind und die himmmlische Gabe geschmeckt haben und des Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind (5:) und das gute Wort Gottes und Kräfte des zukünftigen Zeitalters geschmeckt haben (6:) und (doch) abgefallen sind, wieder zur Buße zu erneuern, da sie für sich den Sohn Gottes wieder kreuzigen und dem Spott aussetzen.»

Zu Vers 4: Die hier Beschriebenen sind Christen: - Sie waren erleuchtet (Hebr 10, 32; 2. Kor 4, 6)

- Sie haben die himmlische Gabe geschmeckt (Joh 4, 10; 6, 33; Eph 5, 2; 2. Kor 9, 15)

- Sie waren des Heiligen Geistes teilhaftig geworden (Röm 8, 9; Eph 1, 13f.; 2. Kor 1, 21.22; Apg 2, 38 [Hebr 3,14])

Diese drei Aussagen und die zwei weiteren von Vers 5 wären im Blick auf einen Mitläufer oder Namenschristen absolut undenkbar.


Zu Vers 6: Eine Erneuerung aus diesem Abfall ist unmöglich (V. 4a), «da sie für sich den Sohn Gottes wieder kreuzigen und dem Spott preisgeben» (6b). Das heißt, daß hier eine Pervertierung des Allerheiligsten stattgefunden hat. Hier werden Jesus und sein Opfer in den Kot getreten. Merkmale der Apostaten sind: Spott und Lästerung gegen Jesus. Wer hier angelangt ist, kann und will nicht mehr umkehren.


c) Hebr 10, 26-31

Hebr 10, 26-31: «Denn so wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, haben wir hinfort kein anderes Opfer mehr für die Sünden, (27:) sondern es bleibt nichts als ein schreckliches Warten auf das Gericht und das gierige Feuer, das die Widersacher verzehren wird. (28:) Wenn jemand das Gesetz Mose bricht, der muß sterben ohne Barmherzigkeit auf zwei oder drei Zeugen hin. (29:) Wieviel ärgere Strafe, meinet ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Bundes unrein achtet, durch welches er doch geheiligt wurde, und den Geist der Gnade schmäht? (30:) Denn wir kennen den, der gesagt hat (5. Mose 32, 35.36): 'Die Rache ist mein, ich will vergelten', und abermals: 'Der Herr wird sein Volk richten.' (31:) Schrecklich ist's, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.»

Der Beschriebene ist ein Christ:

- Er hat nach Vers 26 die Erkenntnis der Wahrheit erlangt (vgl. Tit 1, 1; 1. Tim 4, 3; 2. Joh 1). Dieser Besitz der Erkenntnis der Wahrheit gehört nur den Wiedergeborenen.

- Er wurde geheiligt durch das Blut des Bundes (Vers 29) (Vgl. Hebr 9, 14.15; 10, 10; 1. Petr 1, 2). Reinigung und Heiligung durchs Blut Jesu sind deutliche Kennzeichen eines Wiedergeborenen.

- Er war im Besitz des Geistes der Gnade (Vers 29) (vgl. 2. Tim 1, 7; Röm 8, 9; 2. Kor 1, 22). Auch wenn aus Vers 29 nicht ganz eindeutig vom persönlichen Besitz des Geistes der Gnade die Rede ist, legt dies doch der Textzusammenhang nahe. Wer diese Schlußfolgerung nicht nachvollziehen kann, sei auf die beiden eindeutigen Zeugnisse weiter oben (Besitz der Erkenntnis der Wahrheit und Heiligung durch das Blut Jesu) verwiesen.

Die Kennzeichen des Abfalles nach Hebr 10, 26-31 sind:

- Der Sohn Gottes wird mit Füßen getreten (Vers 29), d. h. daß Jesus verachtet und verraten wird. Unwillkürlich steht hier das Bild eines Judas Ischarioth vor uns: Vgl. Joh 13, 18 (Ps 41, 10) und in diesem Zusammenhang die äußerst wichtige Stelle in Mt 26, 24, die uns zeigt, daß Judas vor Gott voll verantwortlich ist.

- Das Blut des Bundes wird für gemein (unrein) geachtet (Vers 29). Hier handelt es sich um eine entwertende Verachtung und Schmähung des teuren Blutes Christi. Dieser höchst-bezahlte Loskaufpreis (vgl. Eph 1, 7; 1. Petr 1, 18.19; 1. Kor 6, 20a) wird profaniert und die erlösende Kraft des Blutes Jesu (Eph 1, 7) verleugnet.

- Der Geist der Gnade (der Heilige Geist) wird geschmäht (Vers 29). Hier sind

wir bei der Lästerung des Heiligen Geistes von Mt 12, 31.32! (Vgl. oben).

- Das mutwillige Sündigen (Vers 26). Das mutwillige Sündigen ist nicht zu verwechseln mit einer besonders gefährdeten «Schwachstelle» beim Gläubigen, wo der Feind leider schon oft den Wiedergeborenen zu Fall gebracht hat (Gedankensünden, Lieblosigkeit, Zorn usw.). Wenn der Gestrauchelte seine Sünde sofort bereut und bekennt und sich erneut und immer wieder reinigen läßt durch das Blut Jesu (nach 1. Joh 1, 7b), wird ihm Vergebung und mit der Hilfe des Herrn der Sieg zuteil. Viele Schwache und über ihre Fehltritte Leidtragende meinten schon, sie hätten «mutwillig» gesündigt, und ihnen werde jetzt keine Vergebung mehr zuteil; aber gerade ihre Reue über die begangenen Sünden ist das deutliche Kennzeichen, daß keine mutwillige Sünde im Sinne von Hebr 10,26 vorliegt. Das mutwillige und vorsätzliche Sündigen geschieht provokativ im Sinne von Röm 1,32: «Sie wissen, daß die solches tun, nach Gottes Recht den Tod verdienen; aber sie tun es nicht allein, sondern sie haben auch Gefallen an denen, die es tun.»

Wir haben oben gesagt, daß das Verharren in der Sünde und die Verstockung des Herzens Stationen seien auf dem Weg zum endgültigen Abfall. Deshalb soll in unserer Verkündigung immer wieder deutlich gewarnt werden vor dieser leichtfertigen Haltung. Wer sich nach Eph 5, 14 nicht aufwecken läßt aus seinem Sündenschlaf, der verfällt dem ewigen Tod.

- Eine Umkehr ist unmöglich. Wer auf die in Hebr 10, 26-31 beschriebene Weise ein Abgefallener und Spötter geworden ist, auf den wartet nach den Versen 27 und 31 nur noch das unausweichliche Gericht: Hebr 10, 31 «Schrecklich ist's, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.»


Schlußwort

Die Heilige Schrift zeigt den ganzen Ernst der Tatsache, daß ein wiedergeborener Christ verlorengehen kann:

- nicht wegen der Unvollkommenheit des Erlösungswerkes Jesu Christi;

- nicht wegen mangelnder Liebe Gottes;

- nicht weil Gottes bewahrende Macht schwächer wäre als Satans Verführungsmacht;

- auch nicht wegen persönlicher Schwachheiten (1. Kor 10,13 und Hebr 4,14-16).


Ein wiedergeborener Christ geht nur dann verloren,

- wenn er in der Sünde und in einem «fleischlichen» Christsein verharrt (vgl. Röm 8,5-13; 1.Joh 3,12-17);

- wenn er sich verstockt und das Mahnen des Heiligen Geistes zum Schweigen bringt (vgl. Hebr. 3,7-14);

- wenn er die heimsuchende Liebe Gottes verachtet und zum Spötter und Verführer wird, so daß er die unvergebbare Sünde der Lästerung wider den Heiligen Geist begeht (vgl. Heb. 6,4-8; 1.Joh 3,6).


Die Schärfe der Aussagen über den Abfall läßt sich nicht leugnen; aber das ist nicht Hauptgegenstand der biblischen Ermahnungslehren, deshalb wollen wir nicht mit dem Hinweis auf die mögliche Apostasie schließen, sondern unseren Blick auf Jesus richten und die liebevolle Ermahnung des Hebräerbriefschreibers annehmen, die er im Auftrag Gottes weitergibt und die auch uns heute gilt:

    «Darum auch wir, weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasset uns ablegen alles, was uns beschwert und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasset uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns verordnet ist,
    (2) und aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, welcher, da er wohl hätte können Freude haben, erduldete das Kreuz und achtete der Schande nicht und hat sich gesetzt zur Rechten des Thrones Gottes.
    (3) Gedenket an den, der ein solches Widersprechen von den Sündern wider sich erduldet hat, auf daß ihr nicht matt werdet und nicht in eurem Mut ablasset.» (Hebr 12, 1-3)


© 1988 Prof. Dr. Erich Mauerhofer. Alle Rechte vorbehalten.

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Ins Netz gesetzt am 28.12.2001; letzte Änderung: 26.02.2013
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