GEISTLICHE VOLLMACHT IN DER VERKÜNDIGUNG

von D. Theo Sorg

 

In einem 1972 erschienenen Buch über den Beruf des Pfarrers macht der Soziologe Karl-Wilhelm Dahm einige beachtenswerte Bemerkungen über die Bedeutung und die Reichweite der gottesdienstlichen Predigt. Er schreibt:

"Abgesehen von den technischen Massenmedien (Fernsehen, Hörfunk, Presse) hat das Kommunikationsmittel Predigt unter der erwachsenen Bevölkerung der Bundesrepublik die höchste Teilnehmer oder Hörerzahl: etwa eine Million evangelische und 1,5 Millionen katholische Predigthörer pro Sonntag. In der Weihnachtszeit werden etwa 25 Millionen Menschen in Westdeutschland von einer christlichen Predigt oder Ansprache erreicht."

Es gibt demnach, allen Klagen über die leerer werdenden Gotteshäuser zum Trotz, wenn wir die Massenmedien einmal außer Betracht lassen, keine Veranstaltungsart in der Bundesrepublik, die so viele Menschen anzieht wie die gottesdienstliche Verkündigung. Und das am Sonntagmorgen, wo der von Hektik gejagte und vom Leistungsdruck geplagte Mensch ausschlafen könnte.

1) Ergebnis einer Umfrage

Was ist nun aber das Ergebnis dieser vielfältigen und intensiven Bemühungen, die der Predigt im Gottesdienst und gewiß auch im Hörfunk zugrundeliegen? Bei aller Freude über das ermutigende Ergebnis der Statistik dürfen wir uns hier keinen Illusionen hingeben. In einer großen Tageszeitung war vor einiger Zeit das Ergebnis einer Befragung von 5000 evangelischen und 5000 katholischen Bundesbürgern über das Hören der Predigt abgedruckt. Es ist mit einem Wort gesagt - niederschmetternd. Es wird gepredigt, es wird verkündigt. Aber - das Wort kommt nicht mehr an. Es trifft nicht mehr. Hier das Ergebnis der Umfrage: Von 100 westdeutschen Kirchenbesuchern können nach Schluß des Gottesdienstes nur ganze vier (!) inhaltlich wiedergeben, was in der Predigt gesagt wurde. 36 Prozent, also mehr als ein Drittel, haben, wenn sie die Kirche verlassen, überhaupt keine Erinnerung mehr an die Predigt. 32 Prozent, ein weiteres Drittel, haben die Predigt ihrem Inhalt nach falsch verstanden. Und 28 Prozent, noch einmal fast ein Drittel, haben das Gesagte nur noch ganz oberflächlich im Gedächtnis.

2) Die Wirkung der Verkündigung

Und nun setze ich neben dieses Ergebnis, das einen als Prediger des Evangeliums fast erschlägt, eine andere Nachricht. Sie steht in einem kaum zu überbietenden Kontrast zur ersten. Auch in dieser Nachricht wird über die Wirkung einer Predigt berichtet, und zwar so: "Als sie das aber hörten, ging's ihnen durchs Herz - wörtlich: sie wurden durchbohrt - und sie sprachen zu Petrus und zu den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun? ... Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und wurden hinzugetan an dem Tage etwa 3000 Seelen" (Apg. 2,37.41).

Mit diesen beiden konträren Zitaten stehen wir vor einer Frage, die jeden Verkündiger des Evangeliums bei Tag und Nacht bedrängen muß. Gott, der ewige und allmächtige Herr, hat sein eigenes Wort, sein schöpferisch wirkendes Wort, in unsern Mund gelegt. Das Wort, durch das er die Welt ins Dasein rief. Das Wort, das Jesus sprach - und Belastete wurden befreit, Kranke geheilt. Das Wort, das Vergebung bringt und neues Leben schafft, das Glauben und Gehorsam wirken kann. Gott hat uns das Wort anvertraut, über dem die Verheißung steht, daß es nicht leer zurückkommen wird, sondern wirkt, wozu es gesandt ist (Jes. 55,11). Er hat uns berufen zu "Botschaftern an Christi Statt." (2. Kor. 5,20). Gottes Wort in Menschenmund: "Wer euch hört, der hört mich" (Luk. 10,16).

3) Anstehende Fragen

Aber nun stehen hier zugleich die hart bedrängenden Fragen auf: Wir verkündigen dieses Wort und mühen uns, es in rechter Weise weiterzusagen. Aber bei allem aufrichtigen Bemühen müssen wir oft genug die deprimierende Erfahrung machen, daß unser Wort ohne Wirkung verhallt. Was geschieht im Vollzug der Verkündigung? Wo sind die Wirkungen seiner Kraft? Wo beginnen Menschen zu fragen: Was sollen wir tun? Wo werden Mutlose aufgerichtet, Belastete befreit, Verzweifelte auf festen Grund gestellt? Wo bricht neues Leben auf? Wo werden Kranke gesund?

Vor diesen Fragen stehen wir, wenn wir auf die durchschnittliche Wirkung unserer Verkündigung blicken. Wir wollen gewiß nicht undankbar sein für vieles, was sich - gerade in jüngster Zeit unter uns bewegt. Aber aufs Ganze gesehen ist das Ergebnis unserer Beobachtungen eher zum Resignieren als zum Jubilieren.

4) Vermeintliche Gründe für den Mißerfolg der Verkündigung

Nun gibt es eine Fülle handfester Erklärungen und Entschuldigungen, die wir ins Feld führen können, wenn wir unser bedrängtes Gewissen entlasten und freisprechen wollen.

a. Der Geist unserer Zeit

Man kann z.B. den Geist unserer Zeit für die Wirkungslosigkeit der Verkündigung verantwortlich machen. Unsere gegenwärtige Welt befindet sich in einem Säkularisierungsprozeß von unvorstellbarem Ausmaß. Alles drängt zur Emanzipation. In dieser mündig gewordenen Welt ist für das Wort vom Kreuz kein Raum mehr. Es wird übertönt von anderen Worten, von säkularen, ideologischen und pseudoreligiösen Heilsangeboten aller Art. Das Heil in Christus ist nur noch ein Angebot unter vielen.

b. Die Diesseitsverhaftung des modernen Menschen

Man kann weiter darauf hinweisen, daß der moderne Mensch so völlig dem Diesseits verhaftet ist, daß er nur noch mit immanenten diesseitigen Worten und Werten umzugehen weiß und für die Stimmen der Transzendenz verschlossen ist. Der Kundige weiß, daß dieser Entwicklung zur völligen Immanenzverhaftung, die in den letzten 25 Jahren herrschende Theologie, kräftig Vorschub geleistet hat.

c. Die Reizüberflutung

Außerdem wird der Mensch von heute in seiner Hörfähigkeit immer stärker reduziert, weil unter dem übermächtigen Einfluß der optischen Massenkommunikationsmittel (Fernsehen, Film, Illustriertenpresse) die beherrschenden und bestimmenden Einflüsse ihn immer weniger durch das Ohr, dafür um so mehr über das Auge erreichen. Die pausenlose Reizüberflutung, der er sich ausgesetzt sieht, hat ihn immunisiert gegen jede rein verbale Form der Verkündigung (Verkündigung durch das gesprochene Wort).

d. Die kleine Herde

Eine weitere Form der Entschuldigung läßt sich darin finden, daß man sich die Frage nach einem sichtbaren und greifbaren Ergebnis der Verkündigung von vornherein verbietet und die Früchte unserer Arbeit nur in die Wahrnehmbarkeit Gottes verweist. Die Gemeinde Jesu steht ohnehin unter dem Wort ihres Herrn, eine kleine Herde zu sein, und aus dem Gleichnis vom vierfachen Acker ist unschwer abzulesen, daß - wie Julius Schniewind zu dieser Stelle geschrieben hat - "der normale Erfolg des Wortes Gottes der Mißerfolg ist."

e. Verschiedenartige Gründe

Es gibt ohne Frage noch eine ganze Reihe weiterer Begründungen, die man heranziehen kann, um die weithin zu beobachtende Wirkungslosigkeit der Verkündigung zu motivieren. Gründe, die im persönlichen Leben des Verkündigers oder in den gewandelten Fragestellungen des modernen Menschen liegen. Gründe, die in der weltweiten theologischen Verunsicherung oder in dem stürmischen Vormarsch der Humanwissenschaften zu suchen sind. Auch solche, die mit den Gegebenheiten unserer überkommenen kirchlichen Strukturen zu tun haben. Aber die letzte Tiefe des Problems ist mit all diesen Vermutungen noch nicht angesprochen.

5) Die Resignation

Die gefährlichste Konsequenz aus der Beobachtung, daß das uns von Gott anvertraute Wort so ohnmächtig verhallt, ist die, daß der Verkündiger beginnt, sich mit der Wirkungslosigkeit seines Dienstes abzufinden. Er gerät in Resignation, weil ihm der Glaube an die Wirkung des Wortes, das er in Gottes Auftrag auszurichten hat, wankend geworden ist. Er findet sich damit ab, daß seine Arbeit ein Säen in der Wüste ist. Und das Ende dieser Resignation besteht darin, daß er vom Wirken Gottes in der Verkündigung nichts mehr erwartet. Damit gerät er in die Gefahr, ein geistlicher Routinier zu werden. Er kämpft, aber mit stumpfen Waffen. Er redet, aber ohne Belang. Er arbeitet, aber ohne Zuversicht. Das Ergebnis ist eine Verkündigung ohne Kraft, ein Reden ohne Wirkung. In der Tat: Unsere Verkündigung bleibt leeres Wort, sie ist ohne bewegenden Impuls und ohne verwandelnde Kraft, wenn Gottes Geist und Macht nicht in unseren menschlichen Worten wirksam wird und den zündenden Funken auf den Hörer überspringen läßt. Wo das geschieht, ereignet sich Vollmacht. Darum ist nicht das Verschlossensein des modernen Menschen oder die Übermacht widriger Zeitumstände unsere tiefste Not. Der Schaden liegt da, wo es uns an der Vollmacht Gottes mangelt. Und nach dieser Vollmacht müssen wir nun fragen.


I. DAS WESEN DER VOLLMACHT

Wir kommen dem, was Vollmacht heißt, näher, wenn wir zuerst darstellen, was sie nicht ist.

1) Vermeintliche Vollmacht

Vollmacht ist nicht eine Form von suggestiver Menschenbeeinflussung oder raffinierter psychologischer Manipulation. Sie erweist sich nicht darin, daß Menschen in seelische Erregungszustände versetzt werden. Vollmacht hat auch nichts mit enthusiastischem Gehabe zu tun. So zeigte sich z. B. die vermeintliche Vollmacht der Gegner des Paulus von Korinth.

Der Basler Neutestamentler Matthias Rissi hat diese Abart von Vollmacht in einem Aufsatz in der Festschrift zum 80. Geburtstag von Eduard Thurneysen eindrucksvoll dargestellt: - ihre Vollmacht - d. h. die der Gegner des Apostels - äußert sich in ekstatischen und visionären Erlebnissen, in Wundertaten, die ihr Bild vor der Gemeinde verklären, in anmaßend machtheischendem Auftreten, das imponiert und ihrer Erscheinung Ruhm verschafft, so daß Paulus mit Recht sagen kann: sie empfehlen und verkündigen sich selbst. Vollmacht muß demnach nicht vorhanden sein, wo in geistvoll sprühender Rhetorik und hinreißendem Pathos, wo durch die Ausstrahlung einer gewinnenden und imponierenden Persönlichkeit, Menschen beeindruckt und begeistert werden. Es ist verhängnisvoll, Pathos und Enthusiasmus mit Vollmacht zu verwechseln, wie das immer wieder geschieht. Mit alledem kann man völlig im Kräftefeld des Natürlichen und Kreatürlichen stehen, auch wenn diese Art von Verkündigung mit gelegentlich fast fanatisch zu nennendem Eifer und Einsatz geschieht.

2) Vollmacht nach dem Neuen Testament

Was ist nun aber Vollmacht, wie das Neue Testament sie meint? Vollmacht ist die Ermächtigung und Befähigung zur Durchführung bestimmter Aufträge. Wenn im Bereich der Politik ein Botschafter an den Sitz einer ausländischen Regierung entsandt wird, muß er zuerst sein Beglaubigungsschreiben überreichen, das ihn als legitimen Vertreter seiner Regierung ausweist. Erst dann ist er akkreditiert und kann im Auftrag seines Regierungschefs sprechen, kann Verhandlungen führen, Noten überreichen und Verträge unterzeichnen. Wenn der Botschafter spricht, dann spricht durch ihn seine Regierung. Denn er ist von ihr bevollmächtigt. Vollmacht ist demnach die Ermächtigung, die einen Menschen instand setzt, etwas zu tun, was er sonst nicht tun dürfte oder könnte (Gottfried Voigt).

3) Verliehene Vollmacht

Die griechische Sprache hat dafür den Begriff "Exousia". Er bezeichnet die Befugnis, die Amtsgewalt, "die Macht, die zu sagen hat" (THWBNT II) im Gegensatz zu den Bezeichnungen der physischen Kraft oder der willkürlichen Gewalt. Exousia ist also nicht die Macht schlechthin, sondern die geordnete Macht. Diese Exousia im Sinne von Vollmacht, Berechtigung, Befähigung, wird - das ist eine weitere Eigentümlichkeit dieses Begriffs - nicht für immer, sondern auf Zeit verliehen. Vollmacht kann man sich nicht selber geben oder nehmen. Sie ist nicht eigenes, sondern übertragenes Recht, nicht Besitz, sondern Geschenk, das verliehen wird auf Grund von Vertrauen. Deshalb kann sie einem auch wieder entzogen werden, wenn man sich ihrer nicht würdig erweist. Ein politisch ungeschickt taktierender Botschafter, ein Minister, dessen Lebensführung dem Ansehen des Staates schadet, ein ungetreuer Prokurist - sie alle können ihre Vollmacht verlieren. Denn sie ist keine Eigenschaft, über die der Mensch nach freiem Ermessen verfügen könnte. Sie ist immer nur verliehene und darum geliehene Macht.


II. DER URSPRUNG DER VOLLMACHT

Kein Mensch auf Erden ist von Natur im Besitz dessen, was wir Vollmacht nennen. Sie ist nicht angeboren, noch kann sie vererbt oder anerzogen werden.

Darum läßt sich die Frage nach dem letzten Ursprung der Vollmacht nur so beantworten: Gott allein ist es, der Vollmacht hat, der Vollmacht ausübt, der Vollmacht verleiht.

1) Die umfassende Vollmacht Gottes

Es ist zunächst die absolute Vollmacht zu handeln, über die Gott verfügt. Seine Schöpfermacht weist ihn aus als den souveränen Gebieter, der Macht hat zu retten und zu verstoßen: "Hat nicht ein Töpfer Macht, aus einem Klumpen zu machen ein Gefäß zu Ehren und das andere zu Unehren?" (Röm. 9,21). Die Exousia Gottes umfaßt aber nicht allein den Bereich der Natur und der Menschenwelt. Seine Macht umgreift und umgrenzt zugleich die Herrschaft Satans (Apg. 26, 18), das Reich der Finsternis (Kol. 1,13). Die Exousia der Finsternis ist der Exousia Gottes unterstellt. Gott hat Macht, aus dem Herrschaftsbereich des Satans Menschen herauszuholen und sie in das Reich seines Sohnes zu versetzen. Darum ist Gott allein zu fürchten, denn er hat Macht, - in die Hölle zu werfen - (Luk. 12,5). Und darum ist Gott allein zu ehren, denn er hat Macht, dem Lauf der Welt und seinem Heilshandeln Zeit und Stunde zuzumessen (Apg. 1,7).

2) Jesus ist der Träger der göttlichen Vollmacht auf Erden

Diese alles umfassende Vollmacht Gottes, des Vaters, wird in Jesus Christus, dem Sohn, offenbar, so wie sie dann in Gott, dem Heiligen Geist, den Boten Jesu weitergegeben wird. Darum kann der Auferstandene zu seinen Jüngern sprechen: "Mir ist gegeben alle Vollmacht (Exousia) im Himmel und auf Erden." (Matth. 28,18). Allein in dieser Exousia des Sohnes ist die Sendung der Jünger in die Welt begründet.

Die göttliche Vollmacht gehört aber nicht erst dem Auferstandenen und erhöhten Christus. Sie hat schon den irdischen Jesus begleitet und beglaubigt. So schließt der Evangelist Matthäus seine Überlieferung der Bergpredigt Jesu mit den Worten: "Und es begab sich, da Jesus diese Rede vollendet hatte, entsetzte sich das Volk über seine Lehre; denn er lehrte mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten (Matth. 7,28f)." Es ist das durchgängige Zeugnis der synoptischen Evangelien: Wo Jesus erscheint, wo er redet und heilt, wird Gottes Vollmacht, seine Gegenwart unmittelbar Ereignis. Der Anbruch der Herrschaft Gottes wird sichtbar. In Jesus wird Gottes ureigenes Handeln unter den Menschen offenbar.

3) Jesu Wort ist Gottes eigenes Wort

Auch im vierten Evangelium tritt das Wesen der Vollmacht Gottes deutlich hervor. Jesus versteht seine Rede als Gottes eigenes, ihm verliehenes Wort: "Meine Rede ist nicht mein, sondern des, der mich gesandt hat." (Joh. 7,16). Wo Jesus lehrt und hilft, ist Gottes Kraft gegenwärtig. Durch sein Zeugnis wird Gottes neue Welt proklamiert. Jesu Wort ist begleitet von zeichenhaften Wundern, die den Anbruch eines neuen Äons signalisieren. Auch hier ist sichtbar, daß Jesu Vollmacht immer eschatologisch ausgerichtet ist. Mit seinem Erscheinen ist die neue Weit Gottes da, anfangsweise erst, für viele mißverständlich und verwechselbar, eine verhüllte Wirklichkeit, deren Realcharakter nur in den Momentaufnahmen des Redens und Wirkens Jesu aufblitzt, die aber ein Angeld ist für das endgültige Offenbarwerden der Herrschaft Gottes vor aller Menschen Augen (Offb. 12,10).


III. DIE GABE DER VOLLMACHT

Jesus ist der von Gott bevollmächtigte Zeuge der neuen Welt Gottes. In ihm wurde Gottes Vollmacht vor den Menschen aufgedeckt. Aber er hat diese Vollmacht nicht für sich behalten.

1) Jesus gibt seine Vollmacht weiter

Er hat sie - zunächst - seinen Jüngern, und dann seiner Gemeinde verliehen und gegeben (über die Generation unmittelbarer historischer und apostolischer Nähe hinaus). An jedem Menschen, den Gott "errettet von der Finsternis und versetzt in das Reich seines lieben Sohnes" (Kol. 1,13), und der nun "Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenosse" geworden ist (Eph. 2,19f), vollzieht sich das Handeln Jesu Christi durch den Heiligen Geist in letzter göttlicher Vollmacht: "Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben" (Joh. 1,12).

Jesus ruft aber nicht allein auf Grund seiner von Gott gegebenen Vollmacht in sein Reich. Er ruft mit derselben Vollmacht in seinen Dienst. Der Ruf zum Reich und der Ruf zum Dienst fallen bei ihm zusammen. Diese zum Dienst Gerufenen sendet er in die Welt und setzt ihre Sendung und ihren Auftrag ganz mit dem seinigen gleich: "Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Vollmacht über die unreinen Geister, sie auszutreiben, und alle Krankheit und Schwachheit zu heilen" (Matth. 10,1). Auftrag, Sendung und Vollmacht Jesu wird damit den Jüngern anvertraut: "Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und da er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmet hin Heiligen Geist" (Joh. 20,21f).

Diese im Wirken des dreieinigen Gottes begründete Vollmacht der Jüngergemeinde wird dort Wirklichkeit, wo das Wort des sendenden Herrn sich erfüllt: "Ihr seid es nicht, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet" (Matth. 10,20).

2) Der Geist Gottes ist der Geber des vollmächtigen Wortes

Solche Vollmacht, wie Jesus sie seinen Jüngern gibt, wird aber niemals deren eigener Besitz. Sie lebt davon, daß Gott durch seinen Heiligen Geist die Beauftragung und Sendung beständig erneuert und ihnen das Wort schenkt, das sie zu sagen haben.

"Der Geist spricht und ich rede" - so hat Rudolf Bohren in seiner Predigtlehre großartig formuliert. Das genau das ist Vollmacht: "Der Geist spricht und ich rede". Das bedeutet: Ich habe das Wort der Verkündigung nicht aus mir selbst. Ich habe es auch nicht in der Hand, daß mein schwaches Wort Menschen trifft und bewegt. Der Geist ist der Geber des vollmächtigen Wortes. Er allein. So hat es schon Paulus gesehen. Er spricht von seiner Vollmacht, indem er beteuert: "Ich werde nicht wagen, von etwas zu reden, das Christus nicht durch mich gewirkt hat" (Röm. 15,18). Auch wenn durch das Wirken des Geistes menschliches Wort und Wesen bevollmächtigt werden, bleibt immer Gott der frei Verfügende. Seine Boten bleiben nur so lange zu ihrem Botschafterdienst geschickt, als sie in der Abhängigkeit von ihrem Herrn bleiben.

Wer in Vollmacht redet, kann nur weitergeben, was er empfangen hat. Denn Vollmacht ist eine Gnadengabe, die nicht verdient oder errungen, die auch nicht selbstherrlich angemaßt werden kann (2Kor. 10,8; 13,10). Darum kann vollmächtiges Wirken nie ein Grund stolzen Eigenruhms und selbstsicherer Überheblichkeit werden. "Was hast du aber, das du nicht empfangen hast? So du es aber empfangen hast, was rühmst du dich denn, als ob du es nicht empfangen hättest?" (1Kor. 4,7). Die Vollmacht, die Gott gibt, wirkt unabhängig von menschlichen Voraussetzungen. Gott, als der frei Verfügende, kann sich souverän über alle Schranken und Hemmnisse hinwegsetzen, die seinem Wirken im Wege zu stehen scheinen.

Gott kann gerade in menschlicher Schwachheit seine Kraft wirksam werden lassen, wie 2.Korinther 12,9 zeigt, indem er durch schwaches Menschenwort andere Menschen in seine Gegenwart stellt; indem es zum Brückenschlag vom biblischen Einst zur gegenwärtigen Stunde kommt, der "garstige Graben der Geschichte" (Lessing) übersprungen wird und das alte biblische Wort plötzlich Leben und ungeahnte Aktualität gewinnt. Es geschieht das, was in Apostelgeschichte 2,37 als Wirkung der Pfingstpredigt des Petrus berichtet wird: "Da sie aber das hörten, ging's ihnen durchs Herz und sprachen zu Petrus und zu den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?"


IV. DIE VERWIRKLICHUNG DER VOLLMACHT

Im Sendschreiben an die Gemeinde in Philadelphia verheißt der erhöhte Herr dieser Gemeinde: "Siehe, ich habe vor dir gegeben eine offene Tür, und niemand kann sie zuschließen" (Offb. 3,8). Das ist - auf einen ganz kurzen Nenner gebracht - die Verwirklichung biblischen Vollmacht: eine von Gott gegebene offene Tür für das Evangelium zu den Menschen.

Diese Vollmacht der Gemeinde erfährt eine dreifache Begründung: denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort behalten und hast meinen Namen nicht verleugnet. (Offb. 3,8). Was gehört also zur Verwirklichung der Vollmacht?

1) Das Wissen um die eigene Ohnmacht

"Du hast eine kleine Kraft." Diese kleine Kraft hat in Gottes Reich eine große Verheißung. "Die apostolische Verkündigung" - so schreibt der Göttinger Systematiker Hans-Joachim Kraus in seinem schönen Buch "Predigt aus Vollmacht" - kommt heraus aus der Schwachheit und Armut ihrer Boten. Paulus empfing das Wort des Herrn: Meine Gnade sei dir genug. Denn die Kraft kommt zur Vollendung in der Schwachheit (2Kor. 12,8f). Als die Geringsten hat der Herr seine Apostel hingestellt (1Kor. 4,9). Das ist es doch: Die Kraft und Vollmacht der Predigt kann nur dort zur Auswirkung kommen, wo Angefochtene, Schwache und Arme vor der höchsten Majestät in Furcht und Zittern leben. Jesus Christus muß, wenn er einen Menschen in Dienst nimmt, durchaus nicht an menschliche Qualifikationen anknüpfen. Gewiß kann er das tun, und er tut es immer wieder, daß er die natürlichen Begabungen eines Menschen heiligt und für seinen Dienst gebraucht. Aber er muß es nicht tun. Er kann beim Schenken seiner Vollmacht souverän die Starken übergehen und sich schwache und ohnmächtige Werkzeuge erwählen, er kann den Schatz seines Wortes in irdene Gefäße legen, wie Paulus 2.Korinther 4,7 sagt, "auf daß die überschwengliche Kraft sei Gottes und nicht von uns". Wenn es eine Voraussetzung für vollmächtige Verkündigung gibt, dann sind das ohnmächtige Verkündiger, Menschen, die nichts aus sich selbst können, die aber alles von ihrem Herrn erwarten.

Welch ein Trost für alle schwachen und ohnmächtigen Diener Gottes liegt in diesen Worten! Sie machen deutlich, daß Gott sein Evangelium mehr durch Menschen der zweiten und dritten Garnitur vorantreibt als durch die Großen, deren Namen Schlagzeilen machen. Der treue Dienst, den ungezählte Boten Jesu in aller Stille mit ihrer kleinen Kraft tun, der Dienst, den vielleicht keiner beachtet und bedankt - dieser Dienst ist vollgültig und vollmächtig, wenn er nur "in Erweisung des Geistes und der Kraft geschieht" (1.Kor. 2,4). "Du hast eine kleine Kraft" - dieses Wort will in unser Versagen und Verzagen Licht und Hoffnung bringen. Unter der Zusage dieses Wortes kann es geschehen, daß ein Mensch weit über seine natürliche schwache Kraft hinausgehoben wird und die Erfahrung des Apostels nachvollziehen kann: Wenn ich schwach bin, so bin ich stark. (2. Kor. 12, 10). Da ereignet sich das Wunder, daß ein Bote Jesu Christi gerade durch seine Schwachheit transparent wird für die Kraft des Wortes und den Herrn, der darin wirkt.

2) Das Ringen um einen klaren Kurs

"Du hast mein Wort behalten" - Die Gemeinde in Philadelphia hatte in schwieriger Situation und trotz bedruckender Anfechtung an dem Wort festgehalten, das ihr als das Wort des Lebens ausgerichtet worden war. Dieses selbe Wort ist bis heute Regel und Richtschnur der Gemeinde Jesu. An ihm ist zu prüfen, was in der Gemeinde geschieht und was von außen an sie herangetragen wird. Dieses Wort ist auch der alleinige Inhalt von Verkündigung und Lehre. "Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn?" Es ist durchaus nicht überflüssig, gerade in unserer Zeit darauf besonderen Nachdruck zu legen. Es ist notwendig, zu betonen, daß Gottes Wort, als die normierende Größe, auch den Einsichten der sogenannten Human- und Gesellschaftswissenschaften vorgeordnet bleiben muß, so hilfreich und erhellend die Erkenntnisse der Psychologie und der Soziologie, der Pädagogik, der Informationstheorie und der Kommunikationsforschung für uns auch sind.

Wo man sich aber nicht zuerst und zuletzt an Gottes Wort orientiert, sondern nur Verbeugungen nach dahin und dorthin macht, wird man nicht nur die Richtung, sondern auch die Vollmacht verlieren. Gottes Wort, das in Jesus Christus geoffenbart ist, das Wort seiner Zeugen, das uns im Kanon der Heiligen Schrift überliefert ist, muß die beherrschende Mitte alles Dienstes in der Kirche bleiben. An diesem Wort gilt es festzuhalten, zur Zeit und zur Unzeit. Auch die Frage nach der Methode unserer Verkündigung darf die Frage nach ihrem Inhalt nicht verdunkeln. Es ist gefährlich, wenn die Wie-Frage die Was-Frage zu verdrängen beginnt. Wir müssen das bezahlen mit verdunkelter und verdrängter Vollmacht.

3) Der Mut zu eindeutigem Bekenntnis

"Du hast meinen Namen nicht verleugnet." Der Name Jesus Christus ist die entscheidende Mitte aller Verkündigung: "in keinem andern ist das Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen selig werden" (Apg. 4,12). In diesem Namen hat die Gemeinde der Welt das Heil zu bezeugen. Und zwar in dem ganzen Namen.

Es geht heute um den ganzen Jesus, um den, der nicht nur ein Mensch unter andern, nicht allein eine ethische Vorbildgestalt, sondern der Christus Gottes ist. In diesem Namen haben wir den letzten Sieger über diese Weit und ihre Menschen und Mächte, über ihre Religionen und Ideologien anzusagen. Das Bekenntnis zu diesem Namen schließt in sich die Absage an alle andern Namen, denen Menschen sich verschreiben. Denn diese Namen fallen alle dem Vergessen anheim, der Name Jesu aber bleibt.

"Du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort behalten und hast meinen Namen nicht verleugnet." Das ist die Begründung für die offene Tür, die der Gemeinde in Philadelphia gegeben war. Gott wird auch heute Türen für sein Wort auftun, er wird Vollmacht zum Reden und Handeln schenken, wo Menschen nicht aus eigener Kraft ans Werk gehen, sondern in Gehorsam und Abhängigkeit von ihrem Herrn leben und mit ihrer ganzen Existenz ihm zur Verfügung stehen.


V. HILFEN ZUR VOLLMACHT

Hier müssen wir nun noch kurz auf den Bereich eingehen, den das Neue Testament unter dem Stichwort "Heiligung" anspricht; auf das Leben im Gehorsam vor Gott. Es besteht ein tiefer Zusammenhang zwischen der Heiligung des Lebens und der Vollmacht im Dienst.

"Der Dienst des Wortes bedeutet", so schreibt der unvergessene Julius Schniewind in seinen Thesen über die Erneuerung des Pfarrerstandes - "daß Gott selbst durch uns redet und Gehorsam fordert: das Höchste, was je von einem Menschenwort gesagt werden könnte. Dies Wort höchster Autorität wird aber nur in eigenem Gehorsam recht ausgerichtet." Dieser Hinweis von Julius Schniewind auf den Zusammenhang von Heiligung und Dienst darf nun aber nicht dahin mißverstanden werden, als wäre die Heiligung des Menschen im quantitativen Sinne die Voraussetzung seiner Vollmacht, als wäre umgekehrt die Vollmacht im Sinne einer inneren Automatik die notwendige Folge der Heiligung. Gott allein ist es, der über die Vollmacht verfügt. Er teilt seine Gaben ohne Vorleistung und immer "ohn all unser Verdienst und Würdigkeit aus." Dennoch ist die Frage nach der Heiligung des Boten Jesu in diesem Zusammenhang eine berechtigte Frage, wenn wir sie nicht als eine Bedingung oder Vorleistung ansehen, durch die Gottes Freiheit eingeschränkt wird.

Welches sind nun - im Blick auf vollmächtigen Dienst - die Grundlinien eines Gott gehorsamen Lebens, eines Lebens in der Heiligung? Ich nenne drei Stichworte:

1) Abhängigkeit

Es gehört zu den selbstverständlichen Voraussetzungen seines Dienstes, daß ein Botschafter in ständiger Verbindung bleibt mit der Regierung, die er vertritt. Auch ein Bote Jesu Christi muß in ständiger Verbindung mit seinem Auftraggeber bleiben. "In Christus sein" - das ist seine Würde und seine Verpflichtung. In Christus sein das meint ein Leben aus den Gaben dieses Herrn, ein Leben im stillen Hören auf sein Wort und in vertrauendem Reden mit ihm, ein Leben, das sich von dem Wirken des Heiligen Geistes abhängig weiß.

Die Notwendigkeit der Stille vor Gott

Es gibt kein vollmächtiges Reden, kein Handeln in Geist und Kraft ohne die vorausgehende Sammlung und Zurüstung vor ein Angesicht Gottes. Gottes Boten müssen aus der Stille kommen, wenn ihr Wort ankommen soll. "Wir können in der Wirkung nach außen niemals mehr sein, als wir im Verborgenen darstellen", schreibt Adolf Köberle in seiner Schrift "Seelsorge an Seelsorgern". Darum gilt: Nur in dem Maße, wie wir Hörer des Wortes sind, können wir Verkündiger des Wortes sein. Stille Zeit ist keine verlorene oder verschwendete Zeit. Sie ist eine der elementaren Voraussetzungen" für vollmächtiges Reden.

Helmut Thielicke hat von Spurgeon, dem größten Prediger Englands im 19. Jahrhundert, geschrieben: "Für die Art seiner Predigttätigkeit ist es charakteristisch, daß er trotz der Turbulenz eines menschenumdrängten Erfolgslebens nicht "nach außen" lebte, sich nicht im Betrieb verzehrte, sondern in die Stille des Gebets, der Meditation und des eigenen Aufnehmens hinabtauchte, um dann wie neugeboren aus den Stunden der Sammlung hervorzugehen und sich als ein Beschenkter rückhaltlos zu verströmen."

Darum ist die Stille des Hörens auf Gottes Wort, der Gebetsumgang mit dem Auftraggeber, die Bitte um das Wirken des Heiligen Geistes die Brunnenstube für das Wirken in Kraft und Vollmacht.

Nur wer sich selbst zuerst den Wirkungen des göttlichen Wortes aussetzt, wird dieses Wort auch an andere wirksam weitergeben können. Ehe ich verkündige, muß ich mir selbst sagen lassen. Ehe ich Seelsorge üben kann, muß ich in der Seelsorge Jesu gewesen sein. Die Seelsorge an der eigenen Seele darf nicht Diktatur des Terminkalenders, der Hektik und Hast eines vielgeschäftigten Managertums zum Opfer fallen. Wer andern zurechthelfen will, muß selbst bei Gott in Arbeit sein. Denn nur ein Instrument, das er fest in die Hand genommen hat, wird er auch zur Entfaltung und zur Wirkung bringen. Wer ausgeben will, muß zuerst eingenommen haben, sonst wird er beständig sein Konto überziehen müssen. Und das führt in leere Routine - und endet schließlich im geistlichen Bankrott.

2) Selbstverleugnung

Das Leben des Boten Jesu ist ein Leben unter dem Zeichen des Kreuzes. Das ist die Meinung Jesu, wenn er zur Nachfolge ruft mit den Worten: "Wer mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's erhalten" (Mark. 8,34f). Es fällt auf, daß dieser Ruf zur Nachfolge in allen synoptischen Evangelien unmittelbar auf die erste Leidensankündigung Jesu folgt. Unter diesem Vorzeichen steht also das Angebot der Nachfolge. Darum ist die Vollmacht, die der Auferstandene seinen Jüngern zusagt, immer zugleich die Vollmacht des Gekreuzigten, der uns unter sein Kreuz ruft. Deshalb wird Verkündigung, gerade, wenn sie in Vollmacht geschieht, immer Widerspruch und Widerstand finden, von außen und von innen.

Hingabe unseres Lebens

Dieses Tragen des Kreuzes, dieses Sterben mit Christus, das Absehen von sich selbst, das Begraben seiner eigenen Wünsche und Neigungen ist freilich kein eigenes Werk, das wir aus unserer Kraft vollbringen könnten und das Gottes Wirken erst vorbereitet und ermöglicht. Nein: Weil Jesus Christus immer nur als der Gekreuzigte und Auferstandene unter uns gegenwärtig ist, muß er uns zuerst in sein Sterben hineinziehen, ehe er uns an seinem Leben, an seinem Sieg, an seiner Vollmacht Anteil geben kann. Paulus, ein persönlich Betroffener, hat von dieser Selbstverleugnung in eindrucksvoller Deutlichkeit gesprochen: "Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leibe, auf daß auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde. Denn mitten im Leben werden wir immerdar in den Tod gegeben um Jesu willen, auf daß auch das Leben Jesu offenbar werde an unserem sterblichen Fleische. So ist nun der Tod mächtig in uns, aber das Leben in euch". (2Kor. 4,10-12).

Es gibt keine Vollmacht ohne dieses Mitsterben mit Christus. Darum kann es auch keinen Dienst für ihn geben ohne das fortgesetzte Loslassen und Aufgeben alles Eigenen. Damit ist zugleich hingewiesen auf die geistliche Übung im Leben des Boten Jesu, die das leibliche, das geistige und das geistliche Leben gleichermaßen umfassen soll. "Wenn unser Leben nicht predigt, was helfen unsere Worte?" (Hermann Bezzel). Dabei geht es hier nicht um Spitzenleistungen selbstmörderischer Askese, sondern um schlichte Schritte des Gehorsams und des Verzichtens um des Reiches Gottes willen, in denen das Leben der Selbstverleugnung konkret wird. Vor allem geht es darum, daß ein Mitarbeiter Gottes seine ihm oft von Natur innewohnende Trägheit und Bequemlichkeit oder seine Nachgiebigkeit gegenüber den Verlockungen und Versuchungen des Lebens und der Welt um seines Dienstes willen zu beherrschen lernt. So ist die Frage nach der Vollmacht immer zuerst eine Frage nach unserer gehorsamen Nachfolge, nach der Hingabe unseres Lebens an den Herrn, der über seine Boten ungeteilt verfügen will.

3) Bruderschaft

Wer Botschafter ist an Christi Statt, kann nicht ohne immer neue Weisungen seines Herrn leben. Gott spricht zu uns zuerst und zunächst durch das biblische Wort. Aber er redet uns auch an durch das von Menschen persönlich übermittelte Wort, in Trost und Mahnung, in Zuspruch und Korrektur.

Darum gilt: Wer die Gemeinschaft der Glaubenden nicht achtet, wer den Rat und die Zurechtweisung der Brüder nicht annimmt, sondern im Alleingang seine Arbeit tut, muß sich fragen lassen, ob er als Gottes Bote tauglich ist.

a. Gaben, Grenzen und Gefahren

Jeder Mensch, auch der an Christus glaubende, hat - nach einem Wort von Walter Hümmer - Gaben, Grenzen und Gefahren. Die speziellen Gaben, die einem Menschen verliehen sind, bedürfen der Ergänzung durch anders geartete Gaben und Kräfte. Dies zeigt schon das Bild vom menschlichen Leib und dem Zusammenspiel seiner einzelnen Glieder, das Paulus 1. Korinther 12 als ein Beispiel für die Gemeinde Jesu Christi gebraucht. Darum hat auch der Mitarbeiter Gottes die Einbindung in eine verpflichtende Bruderschaft nötig. Wer sich diesem Dienst der gegenseitigen Hilfe und Ergänzung entzieht, steht in der Gefahr der Vereinzelung und der Vereinseitigung. Wer die notwendigen Korrekturen der Brüder nicht annimmt, ist auf dem Wege zu exzentrischer Selbstbestätigung. Er geht dem Sterben aus dem Weg und kann darum keinen Anteil haben an Gottes Vollmacht.

b. Geistliche Hilfe durch verantwortliche Bruderschaft

Die geistliche Hilfe, die dem einzelnen durch die Bruderschaft widerfährt, kann ihn immer neu auf die entscheidende Mitte hin zentrieren. Denn auch der Dienst im Reiche Gottes birgt in sich die Gefahr, daß durch die verschiedenartigsten Einflüsse Veränderungen in der Zielrichtung eintreten, daß der Blick verengt wird und man sich in bestimmten Geleisen festfährt. Die Gemeinschaft der Brüder sorgt dann für die klare Ausrichtung von Leben und Dienst, für die fortwährende Überprüfung und Reinigung der Motive. So geschieht in der Bruderschaft ein notwendiger geistlicher Wächterdienst, ohne den vollmächtiges Reden und verantwortliches Handeln nicht möglich ist. Bruderschaft ist darüber hinaus aber auch nötig zur Aufmunterung und Stärkung der Versagenden und Verzagenden.

Weil kein Tag dem andern gleicht, sind auch die Boten Jesu Christi in ihrem Reden und Handeln mancherlei inneren und äußeren Schwankungen unterworfen. Das körperliche Befinden und die seelische und nervliche Verfassung spielen hier beeinflussend mit herein. Es gibt körperliche, seelische und geistliche Tiefdruckgebiete, die sich lähmend auf einen Menschen und sein Tun legen können. Und oft genug geschieht es, daß auch Mitarbeiter Gottes in feine oder massive Sünden hineingeraten.

c. Der Dienst der Brüder

Hier kann es dann durch den Dienst der Bruderschaft zum Zuspruch lösender Vergebung, zur Aufmunterung, zur Hilfe im konkreten Einzelfall, zu neuem Anfang, zu nachgehender Seelsorge und unterstützender Begleitung kommen. Nicht von ungefähr hat Jesus seine Jünger nicht allein, sondern je zwei und zwei zum Dienst ausgesandt (Mark. 6,7).

Die Vollmacht Jesu ist seiner Gemeinde verheißen. Jesus hat bei der Zusage der Vollmacht immer im Plural gesprochen. Er kann und wird dort Vollmacht schenken, wo der einzelne sich mit seiner ganzen Existenz als Glied am Leibe Jesu Christi versteht und wo er nicht herrschen, sondern dienen will. Wo er nicht eigenmächtig seine Person aufbaut und sich damit isoliert, sondern demütig und gehorsam seinen Dienst als Glied der Gemeinde Jesu tut, immer bereit, sich mit seinen geistlichen und natürlichen Gaben einzuordnen in das breite Spektrum der Begabungen der ganzen Gemeinde. Das kann aber nur, wer willens ist, die Gemeinschaft über das Eigene zu stellen und den andern höher zu achten als sich selbst.

Geistliche Vollmacht in der Verkündigung. Das Geheimnis dieser Vollmacht finde ich in klassischer Kürze zusammengefaßt in einer der Bildreden Jesu im vierten Evangelium:

"Bleibet in mir und ich in euch. Gleichwie die Rebe kann keine Frucht bringen von sich selbst, sie bleibe denn am Weinstock, so auch ihr nicht, ihr bleibet denn in mir. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun" (Joh. 15,4f).


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Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift "Missionarische Dienste" Nr. 107, Januar 1977   Internet: www.gemeindedienste.de
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