Die Gallio-Inschrift - Paulus in Korinth

Ein Beitrag zur Chronologie der Apostelgeschichte


In Apg 18,11 wird summarisch die Missionsarbeit des Apostels Paulus in Korinth mit einer Dauer von 1 1/2 Jahre angegeben. Einen Vers später heißt es dann (18,12): «Als aber Gallio Prokonsul von Achaja war, erhoben sich die Juden einträchtig gegen Paulus und brachten ihn vor den Richterstuhl (des Prokonsuls)».

Die Amtszeit eines Prokonsuls in einer senatorischen Provinz wie z.B. Achaja dauerte ein Jahr. Paulus erlebte somit während seine Aufenthaltes in Korinth zwei Prokonsuln. Aus diesem Grund war es durchaus sinnvoll, den Prokonsulat des Gallio auch dann zu erwähnen, wenn dieser nicht gerade zu diesem Zeitpunkt erst ins Amt gekommen war (Lk sagt nur, Gallio sei damals Prokonsul gewesen). Eine Möglichkeit, das Amtsjahr des Gallio festzulegen, bietet die sog. Gallio-Inschrift, wie sie von den an der Paulus-Chronologie Interessierten kurz genannt wird.

Lucius Junius Gallio Annaeanus war ein Sohn des Rhetors M. Ännäus Seneca. Er war im spanischen Cordoba geboren und kam während der Regierungszeit des Kaisers Tiberius mit seinem Vater nach Rom. In Rom wurde er von einem Freund seines Vaters, dem Redner L. Junius Gallio, einem reichen Römer, adoptiert und trug fortan anstelle seines urspünglichen Namens (Marcus Ännäus Novatus) den seines Adoptivvaters.

Sein jüngerer Bruder war Seneca, der berühmte Philosoph, Dichter und Erzieher des Kaisers Nero.
Sein Bruder rühmte seine rechtschaffenen und gewinnenden Charakter: "Kein Sterblicher wird von irgend jemandem derart geschätzt wie dieser von allen." (Sen nat. 4a, praed. 11)
Er hatte noch einen weiteren Bruder Mela, den späteren Vater des Dichters Lukan.

Gallio blieb nicht lange in seinem Amt, sondern mußte es krankheitshalber vorzeitig aufgeben (Sen. epist 104,1). Er wurde vom Fieber befallen und suchte auf einer Kreuzfahrt Heilung von seinem Leiden. Später (nach seinem Konsulat) unternahm er eine Seefahrt nach Rom und Ägypten, weil er befürchtete, schwindsüchtig zu werden.

Nach dem Tod Senecas 65 n. Chr. ließ man ihn zunächst unbehelligt, doch fiel er wenig später zusammen mit seinem Bruder Mela Neros Argwohn zum Opfer.

Die Gallio-Inschrift wurde 1905 erstmalig veröffentlicht. Sie gibt einen Brief des Kaisers Klaudius an die Stadt Delphi wieder. Aus den im Präskript angeführten Titeln des Kaisers ergibt sich, daß der Brief zwischen dem 25. Januar und 1. August 52 geschrieben wurde.

In Zeile 6 wird Gallio mit folgenden Worten erwähnt: «Gallio, mein Freund und (derzeitiger) Prokonsul von Achaja». Das Amtsjahr eines Prokonsuls begann wahrscheinlich am 1. Juni.

Entweder hat demnach das Amtsjahr des Gallio

  • vom 1. Juni 51 bis 1. Juni 52 oder
  • vom 1. Juni 52 bis 1. Juni 53 gedauert.

Im ersten Fall wäre der Klaudius-Brief zwischen dem 25. Januar und 1. Juni 52, im zweiten Fall zwischen dem 1. Juni und 1. August 52 geschrieben worden.

Im besagten Brief wird Gallio offenbar deswegen erwähnt, weil er in der die Stadt Delphi betreffenden Angelegenheit beim Kaiser vorstellig geworden war und ihm einen Bericht geliefert haben wird (Jeremias S. 100, Anmerkung Nr. 10). Es scheint schwer möglich, dies alles in der kurzen Zeit zwischen 1. Juni und spätestens 1. August 52 unterzubringen, so daß die andere Datierung vorzuziehen sein wird.

Das Amtsjahr des Gallio hat demnach sehr wahrscheinlich vom 1. Juni 51 bis 1. Juni 52 gedauert.

Hätte die Apg 18,12ff geschilderte Verhandlung stattgefunden, als Gallio sein Amt gerade angetreten hatte, so würden wir uns in der Zeit bald nach dem 1. Juni 51 befinden, und die Ankunft des Paulus in Korinth wäre nach 18,11 auf Dezember 49 (wenn 18,11 eine runde Zahl vorliegt, entsprechend etwas früher oder später) anzusetzen (so zB. Deißmann, Appel, Knopf).
Als Termin der Abreise des Paulus aus Korinth 18,18 ergäbe sich somit der Spätsommer 51.

Da Paulus jedoch seine Reisen nach Jerusalem nach Möglichkeit so eingerichtet hat, daß er zu einem jüdischen Fest dort sein konnte (Apg 18,21 Cod D ; 20,3 ff), ist zu fragen, zu welchem Fest er damals nach Jerusalem gefahren sein mag.

Brach er im Spätsommer 51 auf, käme das im Herbst liegende Versöhnungsfest oder das Laubhüttenfest in Betracht. Ungleich größere Bedeutung hat jedoch das Passahfest besessen, das in den April fiel. Wollte Paulus zu einem Passahfest in Jerusalem sein, könnte dies nur das Passahfest 52 gewesen sein (das Passahfest 51 lag noch vor dem Amtsantritt des Gallio, das Passahfest 53 zu lange nach seiner Amtszeit).

Dann aber hat die Verhandlung vor Gallio vielleicht im März oder Februar 52 stattgefunden (Gallio wäre damals also schon bald 3/4 Jahre im Amt gewesen; der Wortlaut von Apg 18,12 spricht durchaus für diese Auslegung). Paulus war demnach von Herbst 50 - Frühjahr 52 in Korinth. Mit der Datierung des Judenedikts des Klaudius (18,2; vgl Abschn 1) würde das gut übereinstimmen.

(nach Michaelis)


Schlußfolgerungen

1. Nach Apg 18,11.12 befindet sich Paulus 18 Monate in Korinth und "erlebte" zwei Prokonsuln.

2. Das Amtsjahr des Prokonsuls in der senatorischen Provinz Achaja dauerte 1 Jahr, nämlich vom 1. Juni des Jahres X bis 1. Juni des Jahres Y.

3. Der obengenannte Brief des Kaisers Claudius an die Stadt Delphi datiert vom 2. Januar 52 - 1. August 52 (die Begründung siehe oben).

4. Theoretisch gibt es für das Konsulatsjahr von Gallio 2 Möglichkeiten:

  • a) vom 1. Juni 51 bis 1. Juni 52 oder
  • b) vom 1. Juni 52 bis 1. Juni 53.

    Die Variante a) hat wesentlich größeres Gewicht; vgl. die gute Begründung von Michaelis

5. Paulus kam vielleicht 50/51 nach Korinth und verließ die Stadt 1 1/2 Jahre später (Apg 18,18).

6. Die Ankunft des Paulus in Korinth gegen Ende 50, Anfang 51 harmoniert gut mit dem Hinweis, daß das jüdische Ehepaar Aquila und Priszilla soeben aus Rom gekommen waren. Das Edikt des Kaisers Klaudius hatte die Juden aus Rom ausgewiesen. Dieses Edikt fiel nach Angaben des im 5. Jahrhundert schreibenden Historikers Osorius in das Jahr 49 n. Chr.



Quellen

W. Michaelis, Einleitung in das Neue Testament, Bern: Berchthold Haller Verlag, 1954, S. 151 - 152
E. Mauerhofer, Einleitung in das Neue Testament, Vorlesungs-Script, Basel: FETA, 1988, 2. Auflage, S. 167
J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NT Deutsch, Berlin: Evangelische Verlagsanstalt, 1988, S. 272
F.F. Bruce, Zeitgeschichte des NT, Band 2, Wuppertal: R. Brockhaus, 1976, S. 117 - 118
A. Deissmann, Paulus, Tübingen, 1911, 1. Auflage, S. 166 - 168
C.K. Barret, The NT Background: Selected Documents, London, 1961, S. 48 - 49


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