Die Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel


1.0 Einführung

1977 schlossen sich bibeltreue, evangelikale Theologen aus den USA und aller Welt zum Internationalen Rat für biblische Irr­tumslosigkeit (International Council on Biblical Inerrancy, kurz ICBI) zusammen, um durch verschie­dene Erklärungen dem wachsenden Einfluß von ein­schränkenden Ansich­ten der biblischen Inspiration im evangelika­len Bereich Ein­halt zu ge­bieten. Außerdem wollte man sich darüber Rechen­schaft ablegen, auf welchem Weg die Bibel angesichts ihres göttlichen Charakters angemessen ausgelegt werden kann. Der ICBI führte Konfe­renzen durch, veröffentlichte zahlrei­che wissen­schaftliche und allgemeinverständliche Bücher zur Bibel und disku­tierte auf drei zentralen Tagungen insgesamt drei Chicago-Erklärungen, von denen an dieser Stelle die erste abgedruckt wird. Die beiden anderen behandeln die Frage der Hermeneutik (Chicago-Erklärung zur biblischen Hermeneutik, 1982) und die Anwendung dieses Schriftprinzipes im Alltag (Chicago-Er­klä­rung zur bi­blischen Anwendung, 1986). Es ist erfreulich, daß die Kommissionsmitglieder aus aller Welt sich trotz unter­schiedlicher Traditionen und Positionen nicht nur auf allge­meine Grund­sätze einigen konnten, sondern bewiesen haben, daß die bi­blische Irrtums­losigkeit in der konkreten Aus­legung differenziert und qualifiziert angewandt werden kann.

Das Ergebnis dieser enormen Leistung sollte von vielen weiteren bibel­treuen Missionswerken, Bibelschulen, Semina­ren und Gemeinden besser ge­nutzt werden, zum Beispiel, in­dem sie die­se Erklä­rung als Bekenntnis­grundlage in ihre Satzungen etc. auf­nehmen, wie dies etwa mit der Grundlage der Evangeli­schen Allianz üblich ist. Es wäre begrüßens­wert, wenn die Chicago-Erklä­rung auch im deutschspra­chigen wie im angelsäch­sischen Be­reich zu einem Markenzeichen werden könnten, das bibeltreue Christen und Werke mit­einander verbindet.

Für die Verwendung der Chicago-Erklärung sprechen vor allem fol­gende Gründe:

1. Bibeltreue wird hier nicht oberflächlich beschrieben, sondern im ein­zelnen so ausgeführt, daß viele kritische Rückfragen und Probleme - auch aus den eigenen Reihen - verantwortungsvoll be­antwortet wer­den.

2. Bibeltreue wird hier nicht im Sinne einer bestimmten Kon­fession oder Denomination beschrieben, sondern auf eine sehr breite Basis ge­stellt, ohne daß dabei der Bekenntnischarakter und die Klarheit im Kon­kreten verloren gegangen ist, wie es bei Kon­sensdokumenten leicht der Fall ist.

3. Bibeltreue ist hier nicht der Feind guter, gründlicher - durchaus auch wissen­schaftlicher - Arbeit an der Bibel. Zehn Jahre akademi­scher Arbeit und Diskussion stehen hinter diesem Versuch, der mo­der­nen Welt die In­spiration und Irrtumslo­igkeit der Schrift zu erklä­ren.

4. Die Erklärung wurde von bedeutenden bibeltreuen Theologen verfaßt, u.a.:

Gleason L. Archer, Jay Adams, Greg Bahnsen, Henri A. G. Blocher, James M. Boice (Vorsitzender), Edmund P. Clowney, Charles L. Feinberg, Norman Geisler, Harold W. Hoehner, Kenneth Kanzer, James Kennedy, Samuel Külling, Gordon Lewis, Harold Lindsell, John F. MacArthur Jr., Josh D. McDowell, Warwick Montgomery, James I. Packer, Earl D. Radmacher, R. C. Sproul, John F. Walvoord.

2.1 Vorwort

Die Autorität der Schrift ist für die christliche Kirche in unserer wie in jeder Zeit eine Schlüsselfrage. Wer sich zum Glauben an Jesus Christus als Herrn und Retter bekennt, ist aufgerufen, die Wirklichkeit seiner Jüngerschaft durch demütigen und treuen Gehorsam gegenüber Gottes geschriebenem Wort zu erweisen. In Glauben oder Leben von der Schrift abzuirren, ist Untreue unserem Herrn gegenüber. Die Anerkennung der völligen Wahrheit und Zuverlässigkeit der Heiligen Schrift ist für ein völliges Erfassen und angemessenes Bekenntnis ihrer Autorität unerläßlich .

Die folgende Erklärung bekennt erneut diese Irrtumslosigkeit der Schrift, indem sie unser Verständnis davon und unsere Warnung vor ihrer Verwerfung deutlich macht. Wir sind davon überzeugt, daß ihre Verwerfung bedeutet, daß man das Zeugnis Jesu Christi und des Heiligen Geistes übergeht und die Unterwerfung unter die Forderungen von Gottes eigenem Wort verweigert, die doch Kennzeichen wahren christlichen Glaubens sind. Wir sehen es als unsere zeitgemäße Pflicht an, dieses Bekenntnis angesichts des gegenwärtigen Abfalls von der Wahrheit der Irrtumslosigkeit unter unseren Mitchristen und der Mißverständnisse dieser Lehre in der Welt als Ganzes abzugeben.

Die Erklärung besteht aus drei Teilen: einer zusammenfassenden Erklärung, den Artikeln des Bekennens und des Verwerfens und aus einer beigefügten Auslegung. Sie wurde im Rahmen einer dreitägigen Beratung in Chicago erarbeitet. Diejenigen, die die zusammenfassende Erklärung und die Artikel unterschrieben haben, möchten ihre eigene Überzeugung von der Irrtumslosigkeit der Schrift bekennen und sich gegenseitig und alle Christen zu wachsender Annahme und wachsendem Verständnis dieser Lehre ermutigen und herausfordern. Wir wissen um die Grenzen eines Dokuments, das in einer kurzen, intensiven Konferenz erarbeitet wurde und beantragen nicht, ihm das Gewicht eines Glaubensbekenntnisses zu verleihen. Dennoch freuen wir uns darüber, daß sich durch unsere gemeinsamen Diskussionen unsere Überzeugungen vertieft haben und wir beten, daß die Erklärung, die wir unterzeichnet haben, zur Verherrlichung unseres Gottes für eine neue Reformation der Kirche in ihrem Glauben, ihrem Leben und ihrer Mission gebraucht werden möge.

Wir legen diese Erklärung nicht in einem streitsüchtigen Geist vor, sondern in einem Geist der Demut und Liebe, den wir in allen zukünftigen Gesprächen, die aus dem, was wir geäußert haben, entstehen, durch Gottes Gnade beibehalten möchten. Wir anerkennen erfreut, daß viele, die die Irrtumslosigkeit der Schrift verwerfen, die Konsequenzen dieser Verwerfung in ihrem übrigen Glauben und Leben nicht entfalten, und wir sind uns bewußt, daß wir, die wir uns zu dieser Lehre bekennen, sie in unserem Leben oft verwerfen, indem wir darin versagen, unsere Gedanken und Taten, unsere Traditionen und Gewohnheiten in wahre Unterordnung unter das göttliche Wort zu bringen.

Wir laden jeden ein, auf diese Erklärung zu reagieren, der im Lichte der Schrift Gründe dafür sieht, die Bekenntnisse dieser Erklärung über die Schrift zu berichtigen, unter deren unfehlbarer Autorität wir stehen, während wir unser Bekenntnis niederlegen. Wir nehmen für das Zeugnis, das wir weitergeben, keine persönliche Unfehlbarkeit in Anspruch und sind für jeden Beistand dankbar, der uns dazu verhilft, dieses Zeugnis über das Wort Gottes zu stärken.


2.2 Zusammenfassende Erklärung

1. Gott, der selbst die Wahrheit ist und nur die Wahrheit spricht, hat die Heilige Schrift inspiriert, um sich damit selbst der verlorenen Menschheit durch Jesus Christus als Schöpfer und Herr, Erlöser und Richter zu offenbaren. Die Heilige Schrift ist Gottes Zeugnis von seiner eigenen Person.

2. Die Heilige Schrift hat als Gottes eigenes Wort, das von Menschen geschrieben wurde, die vom Heiligen Geist zugerüstet und geleitet wurden, in allen Fragen, die sie anspricht, unfehlbare göttliche Autorität: Ihr muß als Gottes Unterweisung in allem geglaubt werden, was sie bekennt; ihr muß als Gottes Gebot gehorcht werden, in allem, was sie fordert; sie muß als Gottes Unterpfand in allem ergriffen werden, was sie verheißt.

3. Der Heilige Geist, der göttliche Autor der Schrift, beglaubigt sie sowohl durch sein inneres Zeugnis, als auch, indem er unseren Verstand erleuchtet, um ihre Botschaft zu verstehen.

4. Da die Schrift vollständig und wörtlich von Gott gegeben wurde, ist sie in allem, was sie lehrt, ohne Irrtum oder Fehler. Dies gilt nicht weniger für das, was sie über Gottes Handeln in der Schöpfung, über die Ereignisse der Weltgeschichte und über ihre eigene literarische Herkunft unter Gott aussagt, als für ihr Zeugnis von Gottes rettender Gnade im Leben einzelner.

5. Die Autorität der Schrift wird unausweichlich beeinträchtigt, wenn diese völlige göttliche Inspiration in irgendeiner Weise begrenzt oder mißachtet oder durch eine Sicht der Wahrheit, die der Sicht der Bibel von sich selbst widerspricht, relativiert wird. Solche Abweichungen führen zu ernsthaften Verlusten sowohl für den einzelnen, wie auch für die Kirche.


2.4 Kommentar zur Chicago-Erklärung

Unser Verständnis der Lehre von der Irrtumslosigkeit muß in den grö­ßeren Zusammen­hang der umfassenderen Lehre der Schrift über sich selbst gestellt werden. Dieser Kommen­tar legt Rechenschaft von den Grundlagen der Lehren ab, aus denen die zusam­menfassende Er­klärung und die Artikel ge­wonnen wurden.

Schöpfung, Offenbarung und Inspiration

Der dreieinige Gott, der alle Dinge durch sein Schöpferwort bil­dete und alle Dinge nach seinem Ratschluß regiert, schuf die Mensch­heit zu seinem ei­genen Bilde für ein Leben in Gemein­schaft mit ihm nach dem Vorbild der ewigen Ge­meinschaft der von Liebe bestimmten Verbin­dung in­nerhalb der Gottheit selbst. Als Träger der Ebenbildlichkeit Gottes sollte der Mensch Gottes Wort, das an ihn gerichtet war, hören und in der Freude anbetenden Ge­horsams darauf antworten. Über Got­tes Mitteilung seiner selbst in der geschaffenen Ordnung und in der Ab­folge der Ereignisse in ihr hinaus haben Menschen von Adam an verbale Bot­schaften von Gott empfangen, und zwar entweder direkt, wie in der Schrift ausge­sagt, oder indirekt in Form eines Teiles oder der Ganzheit der Schrift.

Als Adam sündigte, überließ der Schöpfer die Menschheit nicht dem endgülti­gen Gericht, sondern verhieß das Heil und begann, sich selbst in ei­ner Folge von historischen Ereignissen als Erlöser zu offen­baren, deren Zen­trum Abrahams Fa­milie war und die ihren Höhe­punkt in Le­ben, Tod, Auferstehung, gegenwär­tigem himmli­schem Dienst und ver­hei­ßener Rückkehr Jesu Christi fanden. Inner­halb dieses Rahmens hat Gott von Zeit zu Zeit besondere Worte des Ge­richts und der Gnade, der Verhei­ßung und des Gebots zu sündigen Menschen gesprochen, um sie in eine Bundesbeziehung der gegen­seitigen Verpflichtung zwischen ihm und ih­nen hin­einzunehmen, in der er sie mit Gaben der Gnade segnet und sie ihn als Antwort darauf preisen. Mose, den Gott als Mittler ge­brauchte, um sein Wort zur Zeit des Auszugs seinem Volk zu überbrin­gen, steht am Beginn einer lan­gen Reihe von Propheten, in deren Mund und Schrift Gott sein Wort legte, um es an Israel weiter­zugeben. Got­tes Absicht mit dieser Ab­folge von Botschaften war es, seinen Bund zu erhalten, indem er sein Volk veranlaßte, seinen Na­men, das heißt sein Wesen, und seinen Willen in seinen Geboten und seinen Zie­len für die Gegenwart und die Zukunft ken­nenzulernen. Diese Li­nie der pro­phetischen Sprecher Gottes fand ihren Abschluß in Jesus Christus, dem fleischgewor­denen Wort Gottes, der selbst ein Prophet, mehr als ein Prophet, aber nicht weniger als ein Prophet war, und in den Aposteln und Propheten der ersten christlichen Generation. Als Gottes endgül­tige und auf den Höhepunkt zulau­fende Bot­schaft, sein Wort an die Welt bezüglich Jesus Chri­stus, gesprochen und von den Männern des apostoli­schen Kreises erläu­tert worden war, endete die Ab­folge der Offenbarungs­botschaften. Von da an sollte die Kirche durch das von Gott bereits für alle Zeit Gesagte leben und Gott erken­nen.

Am Sinai schrieb Gott die Bedingungen seines Bundes als sein beständi­ges Zeugnis auf Steintafeln, damit es stets verfügbar sei. Auch während der Zeit der prophetischen und apostolischen Of­fenbarung veranlaßte er Men­schen, die Bot­schaft, die er ihnen und durch sie gab, zusammen mit feierli­chen Berichten über sein Han­deln mit seinem Volk, ethischen Betrachtungen über das Leben in seinem Bund und For­men des Lob­preises und der Gebete für die Bundesgnade, aufzu­schreiben. Die theolo­gische Wirklichkeit der In­spiration bei der Ent­stehung der bi­blischen Do­kumente ent­spricht der Inspi­ration der ge­sprochenen Prophetien: Ob­wohl die Persönlichkeit der men­schlichen Schreiber in dem zum Ausdruck kommt, was sie schrieben, wurden die Worte doch von Gott fest­gelegt. Deswegen gilt, daß das, was die Schrift sagt, Gott sagt. Ihre Autorität ist seine Auto­rität, denn er ist ihr letzt­endlicher Autor, der sie durch den Geist und die Worte von auser­wählten und zuge­rüsteten Menschen übermittelte, die in Freiheit und Treue "von Gott redeten, getrieben vom Heiligen Geist" (1Petr 1,21). Die Hei­lige Schrift muß Kraft ihres göttlichen Ur­sprungs als Gottes Wort anerkannt werden.

Autorität: Christus und die Bibel

Jesus Christus, der Sohn Gottes, der das fleischgewordene Wort, un­ser Prophet, Priester und König ist, ist der höchste Mittler der Bot­schaften und der Gnaden­gaben Gottes an den Men­schen. Die von ihm gegebene Offenba­rung bestand nicht nur aus Worten, da er ebenso in seiner Gegenwart und seinen Taten den Vater of­fenbarte. Dennoch wa­ren seine Worte von ent­scheidender Be­deutung, da er Gott war, im Namen des Vaters sprach und weil seine Worte alle Men­schen am letz­ten Tag richten wer­den.

Als der geweissagte Messias ist Jesus Christus das zentrale Thema der Schrift. Das Alte Testament sah ihm entgegen, das Neue Testa­ment schaut auf sein erstes Kommen zurück und sei­nem zweiten Kom­men entgegen. Die kanonische Schrift ist das göttlich inspirierte und deswe­gen normative Zeug­nis von Christus. Aus die­sem Grund kann keine Her­meneutik, in der der hi­storische Christus nicht der Brenn­punkt ist, ak­zeptiert werden. Die Heilige Schrift muß als das behan­delt wer­den, was sie wesentlich ist, nämlich das Zeugnis des Vaters von seinem fleischgewor­denen Sohn.

Es ist zu erkennen, daß der alttestamentliche Kanon zur Zeit Jesu fest­stand. Der neutestamentliche Kanon ist heute gleicher­maßen ab­ge­schlos­sen, und zwar deswegen, weil heute kein neues apostoli­sches Zeug­nis vom histo­rischen Jesus mehr ab­gelegt wer­den kann. Bis zur Wiederkunft Chri­sti wird keine neue Offenba­rung, (die vom geist­gewirkten Verstehen der bereits vor­handenen Offenbarung zu unter­scheiden ist), mehr gegeben werden. Der Ka­non wurde prinzipiell durch die göttli­che Inspiration ge­schaffen. Die Auf­gabe der Kirche war es nicht, einen eigenen Kanon auf­zustellen, sondern den Kanon, den Gott geschaffen hatte, festzu­stellen.

Der Begriff Kanon bezeichnet eine Richtschnur oder Norm und weist auf Auto­rität hin, also auf das Recht, zu herrschen und zu gebieten. Im Chri­stentum ge­hört die Autorität Gott in seiner Of­fenbarung, was ei­nerseits Jesus Christus, das leben­dige Wort, an­dererseits die Heilige Schrift, das geschrie­bene Wort, meint. Die Autorität Christi und die der Schrift sind jedoch eins. Als unser Prophet hat Chri­stus bezeugt, daß die Schrift nicht zerrissen wer­den kann. Als unser Priester und König widmete er sein ir­disches Leben der Erfüllung des Gesetzes und der Pro­pheten und starb so­gar im Gehorsam ge­gen die Worte der mes­sianischen Weissa­gungen. So wie er die Schrift als Beglaubigung für sich und seine Autorität sah, be­glaubigte er durch seine ei­gene Unter­ordnung un­ter die Schrift ihre Auto­rität. So wie er sich unter die in seiner Bi­bel (unserem Alten Testament) gegebenen Weisun­gen seines Vater beugte, erwartete er dies auch von seinen Jüngern, nicht je­doch iso­liert vom apostolischen Zeugnis über ihn selbst, sondern im Ein­klang mit diesem, dessen In­spiration er durch seine Gabe des Heili­gen Gei­stes be­wirkte. Christen er­weisen sich somit dadurch als treue Die­ner ihres Herrn, daß sie sich unter die gött­lichen Anweisungen in den propheti­schen und apostolischen Schriften, die zusammenge­nommen un­sere Bi­bel ausmachen, beugen.

Indem Christus und die Schrift sich gegenseitig ihre Autorität beglaubi­gen, ver­schmelzen sie zu einer einzigen Quelle der Autori­tät. Von diesem Standpunkt aus sind der biblisch inter­pretierte Christus und die Bibel, welche Christus in den Mit­telpunkt stellt und ihn ver­kündigt, eins. So wie wir aus der Tatsache der Inspira­tion schließen, daß das, was die Schrift sagt, Gott sagt, können wir aufgrund der offen­barten Beziehungen ebenso bekennen, daß das, was die Schrift sagt, Christus sagt.

Unfehlbarkeit, Irrtumslosigkeit, Auslegung

Es ist angemessen, die Heilige Schrift als das inspirierte Wort Got­tes, das auto­ritativ von Je­sus Christus zeugt, als unfehlbar und irr­tumslos zu be­zeichnen. Diese negativen Ausdrücke sind von be­sonderem Wert, weil sie ausdrücklich po­sitive Wahrheiten sichern.

Der Begriff unfehlbar bezieht sich auf die Qualität, daß etwas weder in die Irre führt, noch irregeleitet ist und schützt so katego­risch die Wahrheit, daß die Heilige Schrift ein gewisser, sicherer und zuverläs­siger Grundsatz und eine Richt­schnur in allen Din­gen ist.

In ähnlicher Weise bezeichnet der Begriff irrtumslos die Quali­tät, daß et­was frei von allen Unwahrheiten oder Fehlern ist, und schützt so die Wahr­heit, daß die Heilige Schrift in allen ihren Aus­sagen vollstän­dig wahr und zu­verlässig ist.

Wir bekräftigen, daß die kanonische Schrift immer auf der Grund­lage ih­rer Unfehlbarkeit und Irrtumslosigkeit ausgelegt werden sollte. Wenn wir je­doch feststellen wollen, was der von Gott unterwiesene Schreiber in jedem Abschnitt aus­sagt, müssen wir dem Anspruch der Schrift und ihrem Charak­ter als menschli­chem Erzeugnis die größt­mögliche Aufmerksamkeit widmen. Gott gebrauchte in der Inspiration die Kultur und die Gebräuche der Umwelt des Schreibers, eine Um­welt, über die Gott in seiner sou­veränen Vorsehung Herr ist. Etwas anderes anzuneh­men, heißt falsch auszulegen.

So muß Geschichte als Geschichte behandelt werden, Dichtung als Dich­tung, Hyperbel und Metapher als Hyperbel und Meta­pher, Verall­gemeinerungen und Annäherungen als das, was sie sind etc. Unterschiede zwischen den li­terarischen Konventionen in biblischen Zei­ten und in unserer Zeit müssen eben­falls beachtet werden: wenn zum Beispiel nichtchronologi­sche Erzählungen und ungenaue Zitierwei­se da­mals üblich und akzeptabel waren und den Erwartungen in je­nen Tagen nicht widersprachen, dürfen wir diese Dinge nicht als Feh­ler ansehen, wenn wir sie bei den bibli­schen Schrei­bern finden. Wenn eine bestimmte, vollständige Prä­zision nicht erwartet oder ange­strebt wurde, ist es kein Irrtum, wenn sie nicht erreicht worden ist. Die Schrift ist irrtumslos, aber nicht im Sinne einer absoluten Präzi­sion nach mo­dernem Stan­dard, sondern in dem Sinne, daß sie ihre ei­genen Ansprüche er­füllt und jenes Maß an konzentrierter Wahrheit er­reicht, das seine Au­toren beabsichtig­ten.

Die Zuverlässigkeit der Schrift wird nicht dadurch unwirk­sam ge­macht, daß sie Unregelmäßigkeiten der Grammatik oder der Recht­schrei­bung, beob­achtende Beschreibungen der Natur, Berichte von fal­schen Aussagen (zum Beispiel der Lü­gen Satans) oder scheinbare Wi­der­sprüche zwischen zwei Abschnitten enthält. Es ist nicht recht, das äußere Erscheinungsbild der Schrift der Lehre der Schrift über sich selbst entgegenzustellen. Au­genscheinliche Unstimmigkeiten soll­ten nicht igno­riert werden. Lösungen dafür, wenn sie auf überzeu­gende Art gefunden wer­den können, werden un­seren Glauben stärken. Wo im Moment keine überzeugende Lösung zur Hand ist, sollen wir Gott in besonderer Weise ehren, indem wir seiner Zusi­cherung ver­trauen, daß sein Wort trotz dieser Erscheinungen wahr ist und in­dem wir das Vertrauen festhalten, daß diese Unstimmigkeiten sich eines Ta­ges als Täu­schungen erwei­sen werden.

Insofern die ganze Schrift nur einem einzigen göttlichen Gei­st ent­springt, muß sich die Auslegung innerhalb der Grenzen der Analogie der Schrift halten und Hypothesen meiden, die einen bi­blischen Ab­schnitt mit Hilfe eines anderen korri­gieren, ganz gleich, ob dies im Namen der fort­schreitenden Offenbarung oder mit Hinweis auf die un­vollkommene Er­leuchtung des Denkens der inspirierten Schrei­ber ge­schieht.

Obwohl die Heilige Schrift nirgends in dem Sinne kulturgebun­den ist, daß ihre Lehren keine universale Gültigkeit besitzen, ist sie doch manch­mal von den Bräu­chen und den traditionellen An­schauungen ei­ner bestimmten Zeit geprägt, so daß die Anwendung ihrer Prinzipien heu­te eine andere Handlungsweise erfor­dert.

Skeptizismus und Kritizismus

Seit der Renaissance und insbesondere seit der Aufklärung wurden Weltanschauungen entwickelt, die Skeptizismus gegen­über grundle­genden christlichen Wahrheiten beinhalten; so etwa der Agnostizis­mus, der die Erkennbarkeit Gottes leugnet, der Ra­tionalismus, der die Unbegreiflich­keit Gottes leugnet, der Idealis­mus, der die Transzen­denz Gottes leugnet und der Existentialis­mus, der jede Ra­tionalität in Gottes Beziehung zu uns leugnet. Wenn diese un- und antibibli­schen Prinzipien auf der Ebene der Denkvoraus­setzungen in die Theologien von Men­schen eindringen, was sie heute häufig tun, wird eine zuver­lässige Auslegung der Heiligen Schrift un­möglich.

Überlieferung und Übersetzung

Da Gott nirgends eine unfehlbare Überlieferung der Schrift verhei­ßen hat, müs­sen wir betonen, daß nur der autographische Text der Originaldoku­mente inspi­riert ist und die Notwendigkeit der Textkritik festzu­halten, als Mittel zum Auf­decken von Schreibfehlern, die sich im Laufe der Text­überlieferung in den Text einge­schlichen haben könn­ten. Das Urteil dieser Wissen­schaft lau­tet jedoch folgen­dermaßen: es stellte sich heraus, daß der hebräi­sche und griechische Text erstaun­lich gut erhalten ist, so daß wir mit gutem Recht mit dem Westmin­ster-Bekenntnis die einzigartige Vorsehung Gottes in dieser Frage be­kräftigen können und erklä­ren, daß die Autorität der Schrift in keiner Weise durch die Tatsa­che, daß die Ab­schriften nicht völ­lig ohne Feh­ler sind, in Frage ge­stellt wird.

In ähnlicher Weise ist keine Übersetzung vollkommen und kann es nicht sein; alle Übersetzungen sind ein zusätzlicher Schritt fort von den Autogra­phen. Die Sprachwissenschaft urteilt jedoch, daß zumin­dest Eng­lisch spre­chende Christen in diesen Tagen mit einer großen Zahl von ausge­zeichneten Übersetzungen außerordent­lich gut versorgt sind und ohne Zögern davon auszuge­hen können, daß das wahre Wort Got­tes für sie erreichbar ist. Ange­sichts der häufigen Wiederholung der we­sentlichen Themen in der Schrift, mit denen sie sich beschäftigt und auch aufgrund des ständigen Zeugnisses des Heiligen Geistes für und durch das Wort wird keine ernsthafte Überset­zung der Heiligen Schrift ihre Bedeutung so zerstö­ren, daß sie unfähig wäre, ihre Leser "weise zum Heil durch den Glauben an Chri­stus Jesus zu machen" (2Tim 3,15).

Irrtumslosigkeit und Autorität

Mit unserer Bekräftigung der Autorität der Schrift, die ihre völlige Wahr­heit einschließt, stehen wir bewußt mit Christus und seinen Apo­steln, ja mit der ganzen Bibel und dem Hauptstrom der Kirchenge­schichte von der ersten Zeit bis in die jüngste Vergan­genheit in Ein­klang. Wir sind davon betroffen, mit welcher Gleich­gültigkeit, Un­acht­sam­keit und scheinbaren Gedankenlos­keit in unseren Tagen von so vie­len ein Glaube mit solch weitreichender Be­deutung aufgege­ben wird.

Wir sind uns auch der großen und schwerwiegenden Verwir­rung be­wußt, die die Folge davon ist, wenn man aufhört, die ganze Wahrheit der Schrift festzuhal­ten, deren Autorität man anzuer­kennen erklärt. Die Folgen die­ses Schrittes sind, daß die Bibel, die Gott gab, ihre Auto­rität verliert und was stattdessen Autorität hat, ist eine Bibel, die in ihrem Inhalt nach den Forde­rungen des eige­nen kritischen Den­kens reduziert wurde und prinzi­piell im­mer weiter reduziert werden kann, wenn man erst einmal damit ange­fangen hat. Das bedeutet, daß nun im Grunde die Ver­nunft im Ge­gensatz zur bibli­schen Lehre die Autori­tät hat. Wenn man dies nicht erkennt, und wenn man für den Moment noch grundlegende evangelikale Lehren fest­hält, mögen solche, die die volle Wahr­heit der Schrift verwerfen, immer noch eine evan­ge­li­ka­le Identi­tät in Anspruch nehmen. Methodisch ge­sehen haben sie sich je­doch längst von dem evangelikalen Prinzip der Erkenntnis hin zu ei­nem unsi­cheren Subjektivismus entfernt, und es wird ihnen schwer fal­len, sich nicht noch weiter davon zu entfernen.

Wir bekennen, daß das, was die Schrift sagt, Gott sagt. Ihm ge­bührt alle Ehre. Amen, ja Amen.


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Ins Netz gesetzt am 11.09.2001; letzte Änderung: 09.02.2006
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