Eine Beurteilung der charismatischen Bewegung [ Hinweis ]

Die charismatische Bewegung - Teil 2 von 2

von Alfred Kuen, 1976

IV. Beurteilung

Vorsicht

Es ist gesagt worden, die charismatische Bewegung sei entweder das Meisterwerk Gottes oder des Teufels. Damit bringt man sich aber ein wenig schnell in eine zu einfache Alternative.

Wenn der Apostel die Thessalonicher bittet: »Alles aber prüft, das Gute behaltet!« (1.Thes. 5,21; 1.Korinther 14,29), so sprach er haargenau vom Umgang mit charismatischen Gaben. Danach sollte man sich nicht vorstellen, die »übernatürlichen« Manifestationen kämen notwendigerweise von Gott - oder vom Teufel. Wenn wir prüfen, unterscheiden müssen, einiges behalten und anderes abweisen, so bedeutet das: in dem, was vorgibt, von oben zu kommen, können sich menschliche und dämonische Elemente mischen.

Wir können uns also nicht mit der einfachen Lösung zufriedengeben, einfach ja oder nein zu der Bewegung zu sagen. Nach dem Bericht über die katholische Pfingstbewegung vor dem englischen Episkopat wäre das »ein zu einfaches Ausweichen und oft eine Methode, der Pflicht zur Unterscheidung aus dem Weg zu gehen«l. Einmal, weil »nichts falscher wäre, als sich diese Strömung als eine einfache und kompakte Erscheinung vorzustellen« (A. M. Besnard) 2. Sie ist vielmehr ein Fluß, der alle Arten von Dingen, gute und weniger gute, mit sich führt. Wir haben gesehen, daß die Bewegung nicht nur ihr Aussehen und ihre Wesensart, sondern sogar ihre Theologie den Ländern und Persönlichkeiten entsprechend verändert, die ihr den Stempel ihres Denkens und ihrer Vergangenheit aufdrücken. Wie es sich nicht um eine festumrissene Lehre handelt, sondern vielmehr um Erfahrungen und Gefühle, so hat jede Gruppe ihren Verantwortlichen und Teilnehmern entsprechend ihr eigenes Leben und Gepräge. Man kann also kein Pauschalurteil abgeben, und manche Beurteilungen lassen sich sicher nicht auf diesen oder jenen Zweig der Bewegung anwenden.

Zweitens ist es ein wenig verfrüht, ein endgültiges Urteil abzugeben. Die Bewegung ist im Werden und hat ihre Gestalt noch nicht gefunden. Keiner ihrer Propheten wüßte ihre zukünftige Entwicklung vorherzusagen. Ihre Vorkämpfer glauben, daß sie nach und nach die verschiedenen schon berührten Kirchen gewinnt und daß »die ganze Kirche charismatisch wird«. Im Jahre 2000, sagen die einen, werden die Charismatiker die größte Gruppe innerhalb der christlichen Kirche darstellen. Andere sagen Abweichungen auf kurze Sicht voraus. Führer der ersten Stunde ziehen sich von der Bewegung zurück, da sie einen Weg geht, den sie für gefährlich halten. Wir müssen aber bedenken, daß der Methodismus, die Heilsarmee und andere echte Bewegungen des Geistes Gottes anfangs als gefährliche Sekten angesehen und als solche bekämpft wurden, während andere Prediger oder Bewegungen von gewissen evangelikalen Führern zunächst mit offenen Armen aufgenommen wurden, bis sie deren Gefahren entdeckten und die Glaubenden davor warnten. Man sollte sich also vor jedem übereilten Urteil hüten.

Wir können jedenfalls mit A. M. Besnard sagen: »Es gibt in dieser Bewegung zu viel Positives, um in ihr nicht eine Manifestation des Heiligen Geistes in der gegenwärtigen Kirche zu sehen.«3 Dieses Positive müssen wir ehrlich anerkennen und uns davor hüten, in jedem Neuen eine List des Teufels zu sehen. Das würde ihm zuviel Ehre antun und ihm eine Macht zuschreiben, die wir in unserem Glaubens-bekenntnis allein Gott zuerkennen. Wir bekennen den Sieg Christi; doch bei jeder Manifestation dieses Sieges ist Mißtrauen unsere erste Reaktion. Sicher setzt sich der Teufel sofort in Bewegung, wenn Menschen erweckt werden, »und wir müssen uns vor dem in acht nehmen, was die Kräfte des Bösen an Schaden anrichten, sobald etwas Wichtiges entsteht« (Bericht vor dem englischen Episkopat.4

Aber dem Gegenspieler die Initiative und den Erfolg der ganzen geistlichen Bewegung in der Welt zuschreiben, das heißt in der Tat, an seine Allmacht und seinen Sieg glauben. Vergessen wir außerdem nicht, daß »der Böse ein Werk schafft, das ihn betrügt« (Prov. 11, 6.18). Selbst wenn der Teufel die Absicht hatte, diese Bewegung für seine eigenen Ziele auszunützen, weiß Gott »denen, die ihn lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken« zu lassen, »denen, die nach seiner zuvor getroffenen Entscheidung berufen sind« (Röm. 8, 28).

A. Positive Aspekte

1. Bekehrungen

Durch diesen Aufbruch haben viele Männer und Frauen in zahlreichen Ländern das Heil gefunden. Diese Bekehrungen haben vor allem dort stattgefunden, wo die traditionelle Evangelisation schwer hinkommt (streng kirchliche Katholiken, römischer Klerus - Ordensangehörige und Weltliche - Intellektuelle und Angehörige des Großbürgertums, Atheisten ... ). »Hunderte von Katholiken haben als Antwort auf ihr Gebet um Erneuerung eine bemerkenswerte, ja spektakuläre Umformung ihres Lebens erfahren« (K. u. D. Ranaghan).5 Ohne diese Bewegung hätten viele Menschen die zentrale Botschaft des Neuen Testamentes nicht gehört: daß Jesus Christus, der Sohn Gottes, in diese Welt gekommen ist, um uns zu retten, indem er für uns am Kreuz starb.

Das Vatikanum II hatte schon die Notwendigkeit eines »persönlichen Engagements«, einer »persönlichen Glaubensentscheidung« unterstrichen. Bischöfe, wie etwa Patrick F. Flores von San Antonio, versichern, daß die Massen der katholischen Kirche niemals wirklich evangelisiert worden sind; es ist nicht genug, regelmäßig die Sakramente zu empfangen, es ist auch notwendig, die fundamentale Botschaft des Evangeliums persönlich anzunehmen. Sie wollen »bereits bestehende ... Beziehungen zu Christus dadurch personalisieren, daß sie ... den einzelnen Menschen zu einer grundlegenden Verpflichtung auf die Herrschaft Christi und auf ein Leben im Heiligen Geist hinführen«. »Bekehrung führt zur Taufe, zur Vergebung der Sünden und zum Empfang des Heiligen Geistes.« Die Bischofssynode in Rom (Okt. 1974) hat einen Entwurf über die Evangelisation angenommen, der »die Wichtigkeit des Heiligen Geistes, die Notwendigkeit einer inneren Bekehrung, die Unabdingbarkeit, Christus zu predigen und sich im eigenen Verhalten nach seinem Evangelium zu richten«, unterstreicht.7

»Was ist ein echter Christ?« fragt Kardinal Suenens und antwortet: »Ein Christ ist ein Bekehrter, der sich von sich selbst freigemacht hat, um Jesus von Nazareth anzuhängen, der für ihn gestorben und auferstanden ist. Er hat Jesus selbst gefunden, hat ihn als den Christus erkannt, den wahren Sohn des Vaters, den im Geist Gesalbten ... Man muß Jesus in seiner lebendigen, personalen Wirklichkeit begegnet sein. Aber auch als Retter ... Um ein wahrer Christ zu sein, muß man außerdem persönlich Jesus Christus als dem Herrn begegnet sein ... Ein Christ ist endlich jemand, der Jesus Christus als dem, der mit Wasser und Heiligem Geist tauft, begegnet ist« (S. 140-142). Würde ein Evangelikaler sich anders ausdrücken? Und was muß man tun, um ein echter Christ zu werden? »Mit vollem Bewußtsein anerkennen, daß man sich zu Christus bekehren und sich seinem Geist öffnen muß: an diesen Forderungen führt kein Weg vorbei« (S. 155).

Wenn der Apostel Johannes sagt, daß wir nicht jedem Geist Glauben schenken sollen, so zeigt er uns auch, wie man den Geist Gottes erkennt: »Jeder Geist, der bekennt, daß Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, stammt von Gott« (l. Joh. 4, 2). Nun, der Aufbruch ist unleugbar auf die Person Jesu Christi zentriert, der im Fleisch gekommen ist, um uns zu retten. David Ewert, der außerhalb der Bewegung steht, sagt: »Seien wir der Tatsache gegenüber nicht blind, daß viele Menschenleben völlig verwandelt wurden durch das, was manchmal zu Unrecht die Geistestaufe genannt wird. Wenn auch unser geistlicher Weg anders verlief, dürfen wir uns daran nicht so sehr stoßen, daß wir etwa die Gnade Gottes auf anderen und vielleicht ungewohnten Wegen überhaupt nicht mehr wahrnehmen können.«8

2. Eingliederung in eine Gemeinschaft

Diese Menschen führt man nicht nur zur Wiedergeburt, sondern sie werden auch in eine Gruppe eingegliedert, die ihnen eine ganze Anzahl Charakteristika der Urkirche anbietet: brüderliche Gemeinschaft, gemeinsames Gebet, Gottesdienste zum Lob und zur Anbetung, Lesen des Wortes Gottes, Ausübung von verschiedenen Diensten, da und dort Brotbrechen. Man trifft sich auch, um gemeinsam die Bibel zu studieren, Gott zu dienen und manchmal gemeinsam zu essen. Dieses gemeinsame Leben vermissen wir oft schmerzlich in unseren Gemeinden, die sich zum Teil zu religiösen Konferenzenstätten entwickelt haben. Die ersten Christen verharrten »in der brüderlichen Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet« wie auch in der Lehre der Apostel. Sie »brachen das Brot in den Häusern«. Die Hauskirche wurde zu allen Zeiten zum Refugium der wahren Gemeinde. Die christlichen Futurologen sehen in ihr das Rezept für die Kirche von morgen. Lawrence Richard (kein Charismatiker) beschreibt in seinem Buch A New Face for the Church, das in den Vereinigten Staaten ein großes Echo hatte, die Kirche des Jahres 2000 als eine Gemeinschaft von zweihundertfünfzig Menschen, die aus fünfundzwanzig Zellen von je zehn Personen besteht. Diese kleinen Gruppen, die sich in den Häusern versammeln, sind nach ihm die lebenspendenden Zentren des geistlichen Lebens und der Gemeinschaft, dort, wo Zeugnis, Gebet, Gewinnung und Unterweisung neuer Mitglieder geschieht. Wenn Pater K. Rahner vom Christen des Jahres 2000 spricht, sieht er ihn als »einen selbständigen, freiwilligen Christen, in der Welt in der Minderheit, aber entschieden in seinem Glauben« und in kleine Gemeinschaften eingefügt. »Sie werden sich als Bruder anerkennen, denn es werden nur wenige sein, die ihr Herz und ihr Leben nach einer persönlichen und reiflich überlegten Entscheidung Jesus Christus weihen ... Die Kirche wird aus kleinen Trupps von Brüdern bestehen, die den gleichen Glauben, die gleiche Hoffnung und die gleiche Liebe haben.«9

Die Gebetsgruppen des Aufbruchs entdecken den Reichtum des gemeinsamen Lebens, sie praktizieren nicht nur das gemeinsame Gebet, sondern teilen auch die Erfahrungen und die Lasten miteinander (Gal. 6, 2), führen gemeinsam den Kampf um die Befreiung der Gebundenen und helfen einander in den praktischen Dingen des Lebens. Die charismatische Bewegung schuf Gemeinden, in denen, ähnlich wie in den ersten Tagen der Kirche, die Christen alles, einschließlich der irdischen Güter, miteinander teilen. Eine der bekanntesten ist die Kommunität des Wortes Gottes in der Universitätsstadt Arm Arbor (Michigan). Etwa 800 Mitglieder, von denen 90 % unter 30 sind, leben in »Familien« von zehn oder zwölf Personen und erkennen eine gemeinsam aufgestellte Ordnung an.

Was von Beobachtern besonders herausgestellt wurde, ist »das Fallen der Grenzen« zwischen Christen verschiedener Konfessionen, zwischen den Laien und den kirchlichen Autoritäten, zwischen Eltern und Kindern. »Am wenigsten hätte man die Versöhnung innerhalb der Familien von dieser Bewegung erwartet ... Man nimmt den andern an, man hört ihm zu. Die Prophezeiung Joels erfüllt sich auf den Buchstaben genau. Der Heilige Geist wendet die Herzen der Kinder zu ihren Vätern und die der Väter zu ihren Kindern« (G.Appia) 10, Was man auch immer gegen die Mischung der Denominationen einwenden kann, man muß erkennen, daß in Christus »nicht Jude noch Grieche« ist, »da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Weib; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus« (Gal. 3, 28). Seit Katholiken, Protestanten, Atheisten, Priester und Jugendliche ... »in Christus« sind, d. h. seit sie wiedergeboren sind, sind sie »einer in Christus«, und es ist nur normal, daß alle von Menschen errichteten konfessionellen und denominationellen Grenzen fallen, und daß Kinder Gottes sich einander nähern und zusammen in der Einheit beten.

3. Geist des Gebets und des Lobpreises

Alle Sekten sind durch eine Lehre entstanden und verbreitet worden und sind durch bestimmte Handlungsweisen gekennzeichnet (Riten, Heilungen, Zeremonien, Sitten). Zum ersten Mal ist eine Bewegung wesensmäßig auf das Gebet zentriert. Lob und Fürbitte sind Ursache der Versammlungen. Und diese Gebete richten sich weder an Engel, noch an Mächte oder Gewalten (wie jene der Gnostiker, die von Paulus bekämpft wurden), sondern an Gott den Vater und an den Herrn Jesus Christus. Lob und Anbetung werden während der Versammlung von häufigen Bibellesungen ausgerichtet und vertieft. »Das charismatische Gebet wird sehr weitgehend vom eifrigen Lesen der Heiligen Schrift gespeist. Sie spielt eine wichtige Rolle bei den Gebetsversammlungen wie im persönlichen und gemeinsamen Leben« (Kard. Suenens, S. 119). Die Gebete steigen zu Gott auf, nicht in einer überhitzten Atmosphäre, sondern in Ruhe und Sammlung. Wenn der Besucher über die Gebetshaltung erstaunt ist (die Hände werden gen Himmel gestreckt, manchmal kniet man beim Gebet), möge er sich erinnern, daß die Juden und die ersten Christen ebenso beteten (Ps. 28,2; 63,5; Klagel. Jer. 3,41; 1.Tim. 2,8; Dan. 6,10; Lk. 22,41; Apg. 9,20; 20,36; 21,5; Eph. 3,14).

Wer in dieser Bewegung nichts anderes als eine dämonische Verführung sieht - vielleicht ohne nähere Kenntnis oder persönliche Kontakte mit ihr -, dem kann man die Frage stellen: welches Interesse könnte der Teufel daran haben, so viele Gruppen oder Männer und Frauen anzuregen, vor Gott hinzuknien und, von seinem Wort inspiriert, mehrere Stunden lang Loblieder zu Gott und seinem Christus aufsteigen zu lassen? Jeder Erweckung ging eine Gebetsbewegung voraus. Die Erweckung in Amerika von 1857-1858, eine der mächtigsten aller Zeiten, war durch die Gebetsversammlungen in der Fulton-Street vorbereitet worden. Von Anfang an war der Geist des Gebets in den Gemeinden da, und die Predigtgottesdienste wurden zu Bittgottesdiensten umgeformt. Die Erweckung von Irland, Schottland und England hatten ihren Ursprung in den Gebetsgruppen von James McQuilkin. Viele Jahre vor der Erweckung in Wales (1904) hatten sich Christen in kleinen Gruppen versammelt, um von Gott die Erneuerung seines Volkes zu erbitten. Allen Evangelisationen heute gehen regelmäßige Zusammenkünfte von Christen in Gebetszellen voraus.

Der Geist des Gebets ist eines der sichersten Kennzeichen des neuen Lebens. »Das Leben in Gott drückt sich am deutlichsten im Gebet aus. Eine Gemeinde ohne Gebet ist eine Gemeinde ohne Gott. Allein durch das Gebet kann Gott ins Leben der Gemeinde zurückgeholt werden. Eine Erweckung ist ohne Gebet unmöglich« (Ch. H. Usher).

Das gegenwärtige Interesse am Gebet ist gewiß ein einzigartiges Phänomen. »Die Verleger sagen uns«, berichtet Pfarrer Appia, »das religiöse Buch verkauft sich schlecht, außer der Bibel in all ihren Übersetzungen und außer allem, was das Gebet betrifft. Gegenwärtig erscheinen mindestens zwei Bücher pro Monat, die mehr oder weniger die Frage des Gebets berühren.« Er erzählt folgende Geschichte: Ein junges Mädchen von siebzehn Jahren aus der katholischen guten Gesellschaft von Lyon bittet nach der Lektüre eines Berichts im Paris-Match über die »Jesus-People« seine Eltern um die Erlaubnis, einige Klassenkameradinnen nach Hause mitbringen und das Wohnzimmer benützen zu dürfen. »Wozu?« fragt der Vater. »Oh«, sagt Francoise, »für praktische Übungen.« - »Ja, welche denn?« - »Wir wollen beten lernen!« Ungläubige Verblüffung beim Papa: das war so gar nicht, aber überhaupt nicht der Stil ihrer Tochter. Dann geben die Eltern unter einer Bedingung ihre Zustimmung: daß sie dabei sein können ... und überwachen. Am ersten Montag waren sie zu fünft. Danach wächst die Gruppe langsam ... als sie mehr als sechzig Personen sind, gehen sie in die Krypta einer benachbarten Kirche. Heute hat sich die Gruppe geteilt, es versammeln sich jeden Montag um die hundertachtzig Personen. Und dieses ehrbare Ehepaar von Lyon schloß: »Die Uberwachung dieser Gruppe ist uns zum Verhängnis geworden! Der Heilige Geist hat sich unser bemächtigt, und alles in unserem Leben wurde auf den Kopf gestellt!« »Ich habe diese Anekdote berichtet«, schloß Pfr. Appia, »weil sie so ganz alltäglich ist, man könnte heutzutage dutzendweise ähnliche aneinanderreihen.« 11

In Europa und Amerika gibt es immer mehr »Gebetshäuser«; ein französischer Bischof widmet, seit er mit der Bewegung Kontakt hat, selbst einen Tag pro Monat dem Gebet und während jedes Treffens mit seinen Priestern mehrere Stunden. Wenn diese Gebetsgruppen noch nicht »die Erweckung« sind, »die wir brauchen«, können sie zumindest dazu beitragen, sie vorzubereiten.

4. Wechselseitige Bereicherung

Die Kontakte zwischen Christen verschiedener Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften mit allen verschiedenen Werten ihrer jeweiligen religiösen Traditionen sind gewiß eine Quelle wechselseitiger Bereicherung: die Protestanten erleben die Schönheiten der katholischen Liturgie, die Bedeutung der Meditation, des stillen Gebetes, manchmal die Größe und Heiligkeit Gottes; die Katholiken werden mit dem freien Gebet vertraut, sie entdecken die kleinen spontanen Chorusse und die Lobgesänge der protestantischen Hymnologie. Der Reichtum des Wortes Gottes öffnet sich vor ihnen. Durch den Kontakt mit Brüdern aus der Kirche der Reformation übernehmen sie die Gewohnheit, sich auf die Bibel als höchste Autorität zu berufen. Man strengt sich an, sich gegenseitig zu verstehen und über die konfessionellen Richtungen hinaus den Bruder und die Schwester zu sehen, die mit unterschiedlichen Formeln doch denselben Gott anbeten und demselben Herrn dienen.

Diese Bewegung, meinen K. u. D. Ranaghan, »hat eine neue Dimension für die ökumenischen Beziehungen geschaffen. In diesen letzten Monaten hat uns der Heilige Geist nicht nur den Christen der Pfingstkirchen, sondern auch den charismatischen Christen innerhalb der traditionellen, protestantischen Kirchen nähergebracht. Außerdem haben wir mit vielen evangelikalen Christen Kontakte aufgenommen, die zwar die Pfingstbewegung nicht akzeptieren, mit denen wir aber die Liebe unseres Erlösers Jesus gemeinsam haben« 11a.

So versucht man also, anstatt seine Kräfte in sinnloser Polemik zu vergeuden, den gemeinsamen Reichtum denen weiterzugeben, die ihn noch nicht kennen.

5. Zeugnis

Diese Gruppen wachsen zumindest teilweise deswegen so schnell, weil man dem Zeugnis so viel Wert beimißt, dem Zeugnis darüber, was der Heilige Geist denen ins Herz legt, die er erfüllt. »Wenn der Heilige Geist auf euch kommen wird, werdet ihr Kraft empfangen und meine Zeugen sein.« Sicherlich spielen Stil, Mode und kollektive Ansteckung ihre Rolle bei der Ausbreitung der Bewegung; aber kann man sich nicht über das freuen, was diese Phänomene zustandebringen, zumal Gott sie benützt, um seine Sache voranzutreiben? Stil, Mode und Ansteckung haben in jeder Erweckung eine Rolle gespielt, und die Christen taten gut daran, den psychischen und geistlichen Gefahren dieses kollektiven Fiebers gegenüber vorsichtig zu sein; und dennoch wurden in jeder Erweckung Menschen gerettet und geheiligt. Nun, der charismatische Aufbruch ist eine Erweckung, auch wenn er nicht die charakteristischen Züge angelsächsischer »Revivals« trägt, und man darf ihm den Namen »geistliche Erneuerung«12 nicht absprechen, mit dem er manchmal bezeichnet wird.

McDonnel sieht in dem, was er »Primärevangelisation« nennt, d. h. das persönliche Zeugnis vom einen zum andern, den Grund »für das ungewöhnliche Anwachsen dieser Bewegung. Es geht dabei um jenen religiösen Prozeß, bei dem man andere ganz neu auf Jesus als Herrn hin orientiert und sie so über die Schwelle des Reiches Gottes führt«13. »Gott ist nicht einer, den wir nur abstrakt kennen, sondern einer . . ., der uns liebt und eine persönliche Beziehung zu uns haben will, und der uns zu einem besseren Leben führen will . . ., daher hat Gott seinen Sohn gesandt, um das Dämonische in uns und in der Welt zu durchbrechen und denen, die Buße tun, ein neues Leben zu schenken ... Diese >PrimärKatechese< ist ausgesprochen christozentrisch ... Es ist ein Versuch, Menschen auf wirksame Weise zu Christus zu führen. Die Charismatiker stellen nicht die Frage, ob ein Katholik ein Bekehrungserlebnis gehabt, sondern ob er sich zu Christus bekehrt hat. Diese Bekehrung ist nötig, für die Kleriker wie für die Laien.«14

Es ist nur schade, daß sich gewisse Charismatiker mit ihrem Zeugnis vor allem an andere Christen wenden, anstatt es an Nichtchristen heranzutragen; sie möchten sie zur Begeisterung für bestimmte Gaben bekehren, ohne die man - ihrer Meinung nach - kein vollständiger Christ sein kann. So werben einige Gruppen aggressiv und manchmal ungeschickt für ihre Erfahrung und das ruft natürlich bei den nicht-charismatischen Christen wachsendes Mißtrauen hervor.

6. Evangelikale Schattierung

Der an einer liberalen Schule ausgebildete Dennis Bennett schließt sich nach seiner charismatischen Erfahrung den konservativen Evangelischen an. Hunderte von Dienern Gottes in der Welt sind derselben Marschroute gefolgt. Nachdem sich die Realität der geistigen Welt - göttlich wie satanisch - immer deutlicher bemerkbar machte, sind die Theorien, die das Übernatürliche rational erklären wollten, in sich zusammengefallen. Der Geist führt zum Wort; so erobert überall, wo die Erfahrung wirklich vom Heiligen Geist stammt, die Bibel ihre überlegene Autorität zurück; die von Menschen aufgestellten Lehren (Mittlerschaft der Jungfrau Maria, Fürbitte der Heiligen, Totenmessen) treten zurück, die kirchlichen Traditionen verlieren ihre Macht, und die charismatischen Christen sehen sich plötzlich, in der Lehre wie in der Praxis, ganz nahe bei der Position der Evangelikalen. Bibeltreue, tiefe persönliche Frömmigkeit, nichtformgebundene Zusammenkünfte zu Gebet und Lobpreis, brüderlicher Austausch, Lehren, die sehr am Rand der theologischen Tradition der alten Kirchen geblieben waren, wie das allgemeine Priestertum, die Wiederkunft Christi, finden wieder einen zentralen Platz.

Man kann nur staunen über die evangelikale Resonanz auf Bücher von Katholiken aus der charismatischen Bewegung. Die Spiritualität der Bewegung, sagt Kardinal Suenens, »ist deutlich auf Jesus hin orientiert, und sie wird durch die Erfahrung als eine intime und persönliche Beziehung erlebt« (S. 115). »Das Christentum«, fährt er fort, »ist kein Ismus, sondern zuerst eine Person«. Es ist gleichzeitig die Gnade einer ganz persönlichen Beziehung und eine dringende Einladung, mich mehr Jesus selbst im Zwiegespräch des Gebets zu öffnen, damit ich mehr im Zuhören, Warten und in der Bereitschaft bleiben kann« (S. 256-257). Es ist sein Wunsch, daß man »von einem mehr oder weniger soziologischen Christentum weg zu einem vollkommenen Christentum« kommt, »zu einem Christentum, das auf persönlicher Entscheidung beruht, die mit Sachkenntnis getroffen wurde« (S. 147), er wünscht »eine Kirche von Freiwilligen«, und er erinnert bei dieser Gelegenheit an das Wort Tertullians: »Man wird nicht als Christ geboren, man muß Christ werden.«

Wenn auch in Amerika einige Kirchen in Zungen reden und liberal bleiben, »vertreten doch die meisten Neo-Pfingstkirchler«, wie W. Hollenweger festgestellt hat, »eine mehr oder weniger evangelikale Position«15. In den »traditionellen Kirchen« sind zweifellos die Christen den Evangelikalen am nächsten, die mit der charismatischen Bewegung Berührung haben. Sie suchen übrigens den Kontakt mit Brüdern, die die Bibel gut kennen, und rufen manchmal evangelikale Diener Gottes, sogar wenn sie keine Charismatiker sind, um sich von ihnen unterrichten zu lassen. Es ist gewiß das erste Mal, daß Mitglieder des katholischen Klerus Protestanten bitten, ihre Laien zu unterrichten; so haben Jesuiten von Lyon die Hälfte des Unterrichts bei der Schulungstagung verantwortlicher Katholiken von La Baume Sainte-Marie (August 1974) Protestanten reserviert, die dafür eingeladen wurden. Anderswo wurden Evangelikale, die für ihre eher anticharismatische Uberzeugung bekannt waren, für den Unterricht in biblischer Lehre bei charismatischen Konventen und Treffen eingeladen.

In der reformierten Kirche Frankreichs betonen im charismatischen Aufbruch engagierte Pfarrer mit Nachdruck die biblische Wahrheit. Das bezeugt die öffentliche Erklärung der Pfarrer G. Ramseyer, Ch. Schinkel und Ed. Oechsner de Conninck, in der sie »die heutige Verwirrung in der Theologie, die Auflösung der Lehre, die Verkürzung des ewigen Evangeliums auf ein politisches und soziales Engagement, den Pluralismus, soweit er als Alibi für alle Arten von nicht biblischen Ideologien dient (Marxismus, Ideologie der Linken, der Freudianer etc.) aufzeigen« und stellen fest, daß »die Bibel das Wort Gottes ist, daß der Gott der Wahrheit sich nicht täuschen noch widersprechen kann, daß Jesus Christus, der Messias Israels und Retter der Völker, die einzige Hoffnung für eine verlorene Welt ist. Er hat uns durch das Blut seines Kreuzes mit seinem Vater versöhnt ... Er wird bald wiederkommen.« Dieses Dokument ist von mehreren Hundert Personen unterschrieben worden.

Eine solche kaum alltägliche Erklärung und ähnliche Stellungnahmen sind ein gutes Zeichen, und können die Bewegung positiv weiterbringen. Man muß allerdings sagen, daß die charismatische Strömung nur ein Aspekt des Werkes Gottes in unserer Zeit ist. Wir erleben seit einigen Jahren eine wahre Evangelikale »Renaissance« (D. Bloesch), deren Zeichen in allen Kreisen sichtbar werden, die auf das Wort Gottes gegründet sind, ob mit oder ohne charismatische Manifestationen.

7. Wiederentdeckung vergessener Werte

Der starke Bezug der Bewegung auf den Heiligen Geist und die geistlichen Gaben ist eine gerechtfertigte Reaktion darauf, daß in einem großen Teil der Christenheit die dritte Person der Trinität vergessen wurde. Die kirchliche Routine droht alle Kreise zu vereinnahmen, und allzu leicht kommt es dazu, daß man das Werk Gottes tun will, während man sich mehr auf seine Erfahrungen und seine Prinzipien verläßt, als auf den Heiligen Geist. In der Praxis des Dienstes haben die Gaben, die man »natürliche« nennt - d. h. die nichts von den normalen menschlichen Gaben unterscheidet - den ganzen Raum eingenommen, und zwar derart, daß man nicht mehr auf ein Hereinbrechen des Außergewöhnlichen in das Leben der Kirche und in ihre Dienste in der Welt wartet. »Wir weichen vor den unvorhersehbaren Taten des Heiligen Geistes zurück«, sagte Rodman Williams, und Clark Pinnock, der ihn zitiert, fügt hinzu: »Wir möchten ihn in ein starres System einschließen, damit er uns in Ruhe läßt. Wir ziehen unsere ruhige Lethargie einer explosiven Situation vor, in der alles passieren kann.«

Die charismatische Bewegung ist eine Einladung, dem übernatürlichen Element in unserer Arbeit für Gott mehr Vertrauen zu schenken. Wir betonen, seit unserer Wiedergeburt »in Christus alles« zu haben. Warum schenken wir ihm dann nur in den Grenzen dessen Vertrauen, was menschlich möglich und vernünftig ist? Könnte er nicht auch als Antwort auf unseren Glauben heute so machtvoll und ungewöhnlich handeln wie im ersten Jahrhundert? »In den letzten Tagen, die wir erleben, haben wir es nötig, uns an neue geistliche Quellen, an die ganze Fülle des Heiligen Geistes zu wenden und aufzuhören, nur mit unserer natürlichen Weisheit und Beredsamkeit zu rechnen« (Alastair Kennedy).

Mitglieder der Pfingstbewegung und der Neo-Pfingstbewegung bezeugen, daß ihnen Wunderheilungen, Bekehrungen und Befreiungen geschenkt wurden, die ans Wunderbare grenzen; sie reden von Prophezeiungen, die durch Tatsachen bestätigt wurden, und von göttlichen Führungen, die durch natürliche Faktoren unerklärbar sind. Es gibt keinen Grund, die Richtigkeit dieser Zeugnisse in Zweifel zu ziehen. Nur - warum sie und nicht wir? Könnte es nicht deswegen sein, weil sie die Verheißungen Gottes beim Wort nehmen und weil wir aus einer dem Unglauben nahen Klugheit heraus uns nicht zu weit vom Ufer wegtrauen, wo wir sicher sind, den soliden Boden normaler, menschlicher Erfahrung unter den Füßen zu haben . . . Begnügen wir uns nicht oft zu leicht mit den »vernünftigen« Gaben (Wort der Weisheit, Leitung, Gebefreudigkeit ... ), wobei nur ein sehr geübtes Auge eine geistliche Gabe von einer »natürlichen« unterscheiden kann, während Gott seine Kirche mit all den Gaben ausrüsten möchte, die zur großen Offensive gegen den Feind nötig sind? Ist die Neo-Pfingstbewegung vielleicht dazu ins Leben gerufen worden, wie Pinnock meint, »um uns für die Verschiedenartigkeit der geistlichen Realitäten, die wir bisher gar nicht zur Kenntnis nahmen«, die Augen zu öffnen?

»Die Kirche«, sagt er, »braucht vor allem anderen eine übernatürliche Heimsuchung durch den Geist Gottes. Die Neo-Pfingstbewegung ist als Antwort auf diese Notwendigkeit entstanden. Folglich sollten die Evangelikalen außerhalb der Bewegung ihre Einwände fallenlassen und dem lebendigen Gott danken, der wieder einmal sein Volk erneuert. Für die starke Betonung der Geistesfülle, die den Glaubenden vorbehalten ist, sind wir zutiefst dankbar. Die Frucht dieser Bewegung täuscht nicht. Ich finde in ihr neue Demut vor Jesus Christus, neue Glaubensstärke, neue Wirksamkeit im Zeugnis, eine Entwicklung des Gebetslebens und darüberhinaus überschwengliche Freude auf dem täglichen Weg mit Gott. Der Protestantismus ist in Gefahr, intellektualistisch und »Apollos-ähnlich« (d. h. im Stil des Apollos, siehe Apg. 18,25-19,2) zu werden.

Wir haben Angst vor den befremdlichen und nichtlogischen Kräften des freien und dynamischen Geistes. Und anstatt über unseren Mangel zu klagen, haben wir die Ausgießung des Geistes auf das erste Jahrhundert zu beschränken versucht, damit man unsere eigene geistliche Armut nicht bemerkt ... Die Neo-Pfingstbewegung ist ein sehr gerechtfertigter Protest gegen die kalte und unpersönliche Form, die die evangelische Kirche oft angenommen hat ... Sie ist im Grunde eine Einladung, die wahre Lehre vom Heiligen Geist in ihrem vollen biblischen Zusammenhang wiederzuentdecken«, 16. Aber Gott will auch unsere Heiligung; und damit sich die Geistesgaben harmonisch in den Gesamtplan Gottes einfügen, müssen sie auch von der ganzen Frucht des Geistes (Gal. 5, 22f.) und von einem kontinuierlichen Wachsen in der Heiligung begleitet sein. Sicher will Gott die Herzen seiner Kinder mit Freude und Frieden erfüllen, aber er will auch, daß sich an unserem Leben »Geduld, Güte, Freundlichkeit, Treue und Selbstbeherrschung« zeigen, und daß unsere Liebe mehr und mehr die von Paulus aufgezählten Eigenschaften trägt (1.Kor. 13,3-7: langmütig, zuvorkommend, prahlt nicht, bläht sich nicht auf ... ).




B. Fragwürdige Aspekte - Schwächen und Gefahren

Neben diesen unleugbar positiven Aspekten haben Engagierte und Beobachter auf einige Schwächen und Gefahren in der Bewegung hingewiesen. »Offen sein für das, was Gott uns durch die charismatische Bewegung sagen will, dispensiert die Kirche nicht von der Aufgabe der Unterscheidung, die, nebenbei, auch eine Gabe des Geistes ist« (David Ewert)1.

1. Gefühlsüberschwang

Unter allen möglichen Verirrungen weist H. Caffarel an erster Stelle auf »eine Überbetonung des Gefühls« hin. »In manchen Versammlungen in Amerika«, sagt er, »herrscht eine Erregung, die manchmal an kollektive Hysterie grenzt; und die Verantwortlichen sind nicht in der Lage, den emotionalen Höhenflug abzubremsen.«2 Dieser kollektive Gefühlsüberschwang wird manchmal durch mehr oder weniger künstliche Mittel erzeugt, um eine frohe Atmosphäre hervorzurufen. In dieser Atmosphäre wird einem oberflächlichen Gefühl freien Lauf gegeben. K. McDonnel klagt, daß »die katholischen Charismatiker Heiligen Geist und menschliche Psyche zu wenig auseinanderhalten«3. H. Caffarel sagt sehr richtig, daß »das christliche Leben keine Sache der Emotion, sondern des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe ist«4. »Das Handeln des Heiligen Geistes kann Emotionen wecken, aber Emotionen können niemals ein Handeln des Heiligen Geistes bewirken« (Alex R. Hay)5.

Man sollte aber auch nicht länger übersehen, daß die Gefühle oder, allgemein gesagt, das Gemütsleben, einen Teil unseres Seins ausmacht, das von Gott geschaffen und so gewollt ist. Die Wiedergeburt, d. h. der Empfang des Geistes, verändert den ganzen Menschen und zieht unser ganzes Wesen auf den neuen Weg, also auch unser Gefühlsleben. Die Selbstbeherrschung, die eine gewisse Zurückhaltung befiehlt, ist gewiß eine Frucht des Geistes (Gal. 5, 23) und eine Eroberung des neuen Menschen (2. Petr. 1, 6), aber die Liebe und die Freude gehören auch dazu, und sie stehen am Anfang der Liste. Nun, Liebe und Freude sind existentielle Realitäten, die sich ausdrücken müssen.

Kurt Hutten hat vielleicht recht, wenn er sagt: »Die Pfingstfrömmigkeit repräsentiert einen anderen Typ als die reformatorische Frömmigkeit . . ., hat einen anderen Ursprung. Sie ist eine emotionale, nicht eine Glaubensfrömmigkeit«B. Sind wir aber sicher, daß die reformatorische Frömmigkeit der einzige Typ biblischer Frömmigkeit ist, und daß unsere Gottesdienstform die beste Art ist, Gott unsere Dankbarkeit und unseren Lobpreis auszusprechen? Könnte man auch unserem Gefühlsleben Gelegenheit bieten, sich im Rahmen des Lobpreises und der frohen brüderlichen Gemeinschaft auszudrücken7?

Von Jacques Rossel, dem Direktor der Basler Mission, wissen wir, daß für den Afrikaner und den Asiaten rationale Wahrheit und »Nicht-Wahrheit« von geringerer Bedeutung sind, als für den Weißen. Es geht nicht so sehr um eine Harmonie der Gedanken, sondern um die der Empfindungen. Nun, der afrikanische Gottesdienst gleicht eher einer neo-pfingstkirchlichen Versammlung als einem reformatorischen Gottesdienst. Der Afrikaner hat das Bedürfnis, seine Freude mit Händeklatschen auszudrücken, mit Bewegungen des Körpers, die an den »charismatischen Tanz« erinnern, durch Improvisieren eines Liedes ... Gewiß, die meisten von uns leben nicht in Afrika, doch um uns herum greift eine tiefgehende Veränderung im Verhalten des Abendländers um sich. McLuhan konstatiert, daß die verbale und literarische Kommunikation mehr und mehr durch die non-verbale, unmittelbarere, auf der Ebene des Gelebten, des Gefühlten und Nachempfundenen ersetzt wird. Erfahrung und Gefühle spielen also eine immer größere Rolle in unserer Welt.

Dabei geht es nicht darum, das Evangelium dem Zeitgeschmack anzupassen, sondern darum, zu sehen, ob unser Zuspruch der Grundwahrheiten des Evangeliums an den Menschen unserer Zeit vorbeigeht, weil sich dieser Zuspruch von einem Menschenbild leiten läßt, das etwa vor einer Generation noch richtig war, heute aber passé ist.

Wenn man sich also der Gefahren des Gefühlsüberschwangs bewußt ist, müßte man nicht unbedingt jeden gesunden Ausdruck erneuerten Gefühlslebens in unseren Zusammenkünften unterdrücken. Das meint auch der Präsident des Nationalkongresses der charismatischen Presbyterianer in den Vereinigten Staaten, indem er mit den Worten »chosen« und »frozen« spielte: »God told us, that we are his chosen people, not his frozen people« (Gott sagte uns, wir seien sein erwähltes Volk, nicht sein erstarrtes Volk).

2. Isolationismus

Wenn man etwas Neues gefunden hat, neigt man dazu, es überzubewerten und sich Leuten mit gleichen Erfahrungen anzuschließen. Daraus entsteht die Gefahr des Rückzugs und der Bildung von kleinen Konventikeln, die sich praktisch von ihren Kirchen und der sie umgebenden Welt absondern, um zu kultivieren, was sie entdeckt haben. Diese Gefahr besteht gewiß ganz real in der charismatischen Bewegung. In gewissen Gruppen, so scheint es, kreist alles um die Ausübung der Charismata, was »eine gewisse Geringschätzung nichtcharismatischer Menschen und Versammlungen« (H. Caffarel) und »eine vorübergehende Schrumpfung des sozialen Engagements« (McDonnel) nach sich zieht.

Nach Abschluß einer zehn Jahre umfassenden Untersuchung stellt John Kildahl fest, daß fast überall die Menschen, die eine charismatische Erfahrung gemacht haben, eine »in-group« (kleine Gruppe) in den Ortsgemeinden bilden und durch ihre Haltung gegenüber »Nicht-Charismatikern« Spannungen und Trennungen hervorrufen8. Besonders in Amerika haben sich die Gruppen, die nicht das Studium der Bibel im Zentrum ihrer Aktivitäten haben, sehr rasch in »charismatische Clubs« verwandelt, in denen man vor allem die Ausübung der Prophetie und des Zungenredens, Heilung und Wunder sucht.

Der Einfluß des Leiters ist für die Orientierung der Gruppe beherrschend, denn seine Autorität, wie diskret sie auch sei, ist sehr gewichtig. Frau Dr. Josephine Massingberg Ford, Professorin an der Universität Notre-Dame, einer Hochburg der katholischen Pfingstbewegung, befürchtet sogar, daß die Verantwortlichen der charismatischen Gruppen »ihre eigene Hierarchie in ihren kleinen Versammlungen aufbauen, anstatt der Kirche zu dienen«9. Die Wortführer der Bewegung antworten, dieser Rückzug sei nur vorübergehend, und man habe die ganze Kirche, und vor allem die eigene, und die Welt im Auge. Sie fordern von den Gruppenmitgliedern, ihr Zeugnis in ihre Gemeinden hineinzutragen, indem sie sich aktiver an deren verschiedenen Aktivitäten beteiligen und nach Wegen suchen, wie sie denen draußen die Liebe erweisen können, die Gott in ihre Herzen ausgegossen hat.

Die Charismata sind »zum Nutzen der Gemeinde« gegeben (1. Kor. 12, 7), zum »Dienst aneinander« (1. Petr. 4, 10) und nicht für den persönlichen Genuß. Die Gruppe muß eine Dienstgemeinschaft für alle sein, die mit ihrer Angst und Verzweiflung zu ihr kommen, und alle müssen ihre Charismata einsetzen (Erkenntnis, Unterscheidung der Geister, Prophetie, Ermahnung, Hilfe ... ), um andere aus dem Wirrwarr ihrer Schwierigkeiten herauszuholen und auf den guten Weg zurückzubringen. Tatsächlich konnten auch charismatische Gruppen auf diese Art dort Hilfe bringen, wo andere gescheitert waren. Verzweifelten helfen, wieder einen Sinn im Leben zu finden, gespaltenen Familien, sich wieder zusammenzuschließen, Entwurzelte wieder in eine Gemeinschaft integrieren - ist das keine soziale Arbeit? Kardinal Suenens spricht von verschiedenen »sozialen Initiativen, die von Gebetsgruppen ausgehen«, vor allem »von unmittelbarer sozialer Aktion, quasi in Sichtweite« (S. 126).

3. Spaltungen

Häufig hat die Neo-Pfingstbewegung - wie die klassische Pfingstbewegung - einen Gärungsstoff zur Trennung in die Kirchen hineingetragen. »Manche Gemeinden«, stellt R. Wild fest, »sind durch die Ungeschicklichkeit von Enthusiasten des charismatischen Aufbruchs buchstäblich zerbrochen und zerfetzt worden«lo. Und zwar protestantische wie evangelikale Gemeinden. Der Nachfolger von Dennis Bennet stellte traurig fest, daß die Neo-Pfingstbewegung die Kirche von Van Nuys gespalten hatte. »In vielen Kirchen, in die die charismatische Bewegung eingedrungen ist«, sagt W. Stanford Reid, »finden wir Konflikte und Trennungen.«" Konflikte und Trennungen aber sind untäuschbare Merkmale des diabolus (= Entzweier). »Stets vollzieht sich das Werk Satans in Teilung und Trennung der Gläubigen. Wo das geschieht, haben wir hellwach zu sein« (U. Affeld)11a.

Überall, wo Gemeindeglieder bei anderen darauf bestehen, diese müßten die »Geistestaufe« samt Zungenreden erhalten, und wo sie zwischen »Geistgetauften« und anderen unterscheiden, müssen die Gemeindevorsteher intervenieren, um die biblische Lehre festzuhalten und einer schriftwidrigen Spaltung Einhalt zu gebieten. Die Spaltungen kommen indessen nicht einzig und allein aus der Ungeschicklichkeit der Charismatiker. Die Haltung der Kirche denen gegenüber, die ihre Ruhe stören, macht hier oft viel aus. Clark Pinnock sagt: »Das größte Problem (in Bezug auf die von der Neo-Pfingstbewegung verursachten Spaltungen) liegt meiner Meinung nach in den nicht-pfingstkirchlichen Evangelischen selbst. Wir haben die Bewegung nicht ernstgenommen, obwohl sie ein Werk des Geistes Gottes ist. Wo es gut ging, haben wir die Neo-Pfingstler in unseren Gemeinden geduldet; wo es schlecht ging, haben wir sie hinausgeworfen. Wir haben uns auf diesem Gebiet nicht wie mündige Christen benommen ... Geben wir doch dem Satan nicht die Gelegenheit, mit der neo-pfingstlerischen Erweckung einen Keil zwischen die Gläubigen zu treiben, wie er es in der Vergangenheit mit der Eschatologie, der sozialen Frage und der Souveränität Gottes gemacht hat. Nachdem jetzt alte Wunden verheilt sind, wollen wir doch keine neuen schlagen! Wenn das Schisma vermieden werden soll, müssen die Gläubigen außerhalb der Bewegung ihren schriftwidrigen Widerstand aufgeben und sich der Wahrheit in der Bewegung öffnen, und die Neo-Pfingstler selbst werden ihre theologischen Formulierungen sehr umarbeiten müssen, damit sie besser mit der biblischen Offenbarung übereinstimmen.«12 Oder wie es die offizielle Stellungnahme des Generalkomitees der Internationalen Studentenbibelgruppen (IFES) ausgedrückt hat: »Spaltungen können auch entstehen, wenn Christen, die diese Gaben (Zungenreden, Prophetie ... ) ausüben, von anderen ernsthaft kritisiert werden, die vielleicht nicht einmal viele Beweise eines erneuerten geistlichen Lebens und Dienstes vorweisen« (2. 6).

Wenn evangelische Kirchenmitglieder an charismatischen Gebetsgruppen teilnehmen, ohne die Gebetsversammlungen und andere Aktivitäten ihrer Gemeinden zu vernachlässigen, wenn sie sich jeder Propaganda für eine Lehre enthalten, die andere bestreiten - warum sollten dann die anderen Gemeindeglieder die Gemeinschaft mit ihnen abbrechen und dadurch die Schuld für die Spaltung in der Kirche auf sich laden?

4. Charismanie - Sucht nach Charismata

Dieser in den USA geprägte verächtliche Ausdruck wird von den Charismatikern selbst gebraucht, wenn sie die Gefahr einer Überbewertung der Geistesgaben signalisieren wollen, vor allem der Wundercharismata: Zungenreden, Interpretation der Zungenreden, Prophetie, Gabe der Heilung und Gabe der Wunder. Der Reiz des Übernatürlichen, das man sehen kann, ist übrigens charakteristisch für unsere Zeit. »Die Pfingstbewegung ist eine Antwort auf den Hunger der rationalistisch ausgedörrten Seeleu, stellt Kurt Hutten fest, und weiter, daß hier ein Grund für das starke Anwachsen der Pfingstbewegung und für ihre systematische Pflege enthusiastischer Erscheinungen liegt13. Diese Tendenz gibt es auch bei anderen Christen: »Wir finden bei vielen zeitgenössischen Christen einen unersättlichen Hunger nach greifbaren Zeichen« (G. Scroggie)14.

Manche Neubekehrte des Aufbruchs reden in der ganzen Freude ihrer neuen Entdeckung so, als ob die Charismata - seit den Zeiten der Apostel verschüttet - gerade erst unter der Kreuzhacke der Pioniere der Bewegung ausgegraben worden seien. Sie vergessen - darauf machte Bittlinger aufmerksam -, daß das Neue Testament mehr als zwanzig Charismata kennt: »Von der Verwaltung der Finanzen bis zur Prophetie, von der Krankenheilung bis zum Zölibat.«15 Die meisten dieser Gaben zeigen sich durchgehend in den Kirchen seit dem ersten Jahrhundert: neben den Wundergaben finden wir in den vier Listen in Röm. 12, 6-8; 1. Kor. 12, 4-11 und 12, 28-31; Eph. 4,7-12. das Wort der Weisheit, das Wort der Erkenntnis, den Glauben, die Gabe der Lehre, der Ermahnung, den Vorsitz zu führen, zu leiten, die Freigebigkeit und die Gabe, Barmherzigkeit auszuüben, zu helfen, die Gaben des Apostels, des Evangelisten, des Hirten und Lehrers. In den siebzehn Anwendungen des Wortes Charisma im Neuen Testament können wir einerseits die Gaben unterscheiden, die das allgemeine Werk Gottes in allen Glaubenden charakterisieren (die Gabe der Gnade Röm. 5, 15.16; des ewigen Lebens Röm. 6, 23; die Gaben Gottes überhaupt Röm. 11, 29; 2. Kor. 1, 11); andererseits geistliche Gaben, die jedem Glied des Leibes Christi für einen bestimmten Dienst gegeben werden (1.Kor. 7,7; 12,4.9.28.30.31; l. Tim. 4, 14; 1. Petr. 4, 10). Ohne diese Gaben hätte keine Kirche je entstehen und aufgebaut werden können.

Die Wundergaben waren sicher gegen Ende des apostolischen Zeitalters weniger häufig als zu Beginn. Am Anfang der Apostelgeschichte lesen wir mehr Wunderberichte als in den letzten Kapiteln. Ebenso erwähnen die letzten Briefe des Apostels Paulus keine außergewöhnlichen Fakten oder Gaben; in den Charismata-Listen der Briefe an die Römer und Epheser ist die einzige »wunderhafte« Gabe die Prophetie16. In der Geschichte der alten Kirche, außer dem Montanismus, erscheinen die wunderhaften Gaben nur sehr sporadisch (im Zeugnis des Irenäus z. B., Adv. Haer. V. 6.1). Im 4. Jahrhundert scheinen sie im Orient wie im Okzident vollständig verschwunden zu sein. Johannes Chrysostomus sagt in seiner Homilie über den 1. Korintherbrief, 12. Kapitel, daß sie aufgehört haben und nicht mehr auftreten (Hom. 29.2). Augustin redet von ihnen als von »Zeichen, die der ersten Zeit angehörten und jetzt verschwunden sind«17.

Warum sind sie verschwunden? »Weil Gott es so wollte«, antwortet eine ganze Reihe Theologen, wobei sie sich einerseits auf den Präzedenzfall des Alten Bundes stützen, in dem die Wunder vor allem die Anfangsperiode charakterisierten; andererseits darauf, daß diese Gaben in der apostolischen Periode selbst immer seltener wurden, und auf das Schweigen der Geschichte.

Diese Theorie aus dem 4. Jahrhundert ist oft wieder aufgenommen worden. Thomas Watson schrieb 1660: »Die außerordentlichen Gaben haben in der Kirche aufgehört«18 und John Owen: »Die Austeilung des Geistes hat seit langem aufgehört. Dort, wo Menschen vorgeben, solche Gaben zu besitzen, kann man mit vollem Recht argwöhnen, daß sie einer enthusiastischen Täuschung erlegen sind.«19 »Seit der Kanon der Heiligen Schrift abgeschlossen ist und die christliche Kirche festen Fuß gefaßt hat, haben diese außerordentlichen Gaben aufgehört« (Jonathan Edwards, 1783). J. Calvin, J. Whitefield, C. H. Spurgeon, Abraham Kuyper und sehr viele andere waren derselben Meinung29. Manche Fundamentalisten, vor allem Benjamin B. Warfield, haben die Theorie vom Verschwinden der wunderhaften Gaben mit Vehemenz verteidigt21, und viele Charismatiker glauben, daß sämtliche Evangelikalen Anhänger dieser Theorie sind.

Dagegen weisen viele evangelische Theologen sie gegenwärtig zurück. »Viele Christen«, sagen Bridge und Phypers, »fühlen sich bei dieser Theorie nicht wohl. Es ist ein Argument, das bei der Heiligen Schrift beginnt und dann sehr schnell in Spekulationen übergeht ... Nirgendwo bestätigt die Bibel, daß auch nur eine einzige Gabe verschwunden sei, noch daß nur die apostolischen Zeiten Zeichen und Wunder nötig gehabt hätten. Eine Unterscheidung zwischen wunderhaften und anderen Gaben hat nichts Biblisches an sich: Paulus setzt die Gabe der Weisheit und der Heilung (1. Kor. 12, 8), die Prophetie und die Übung der Barmherzigkeit (Röm. 12,6-8) nebeneinander. Die Kirche lebt im Bereich des Ubernatürlichen. Der Gedanke, Gott habe die Gaben am Ende des 1. Jahrhunderts zurückgenommen, läßt sich aus der Bibel nicht beweisen ... er ist ein Erklärungsversuch für den fortschreitenden Verfall des übernatürlichen Lebens in der Kirche vom 2. bis zum 4. Jahrhundert ... Während derselben Zeit verfiel das ganze geistliche Leben der Kirche ... Diese Theorie schafft genauso viele Probleme, wie sie löst. Sie zwingt ihre Verteidiger, viel weiter zu gehen als die Heilige Schrift.«22 Auch im Alten Bund hat Gott immer wieder wunderhafte Zeichen geschenkt (in der Epoche von Elia und Elisa).

»Die Neo-Pfingstbewegung«, meint Clark Pinnock, »hat vollkommen recht, wenn sie diese Theorie zurückweist. Sogar, wenn festgestellt werden könnte (was nicht so ist), daß die supra-naturalen Gaben zurückgezogen worden sind, könnten wir daraus nicht so ohne weiteres schließen, daß der Heilige Geist sie nicht von neuem schenken kann, wenn sie gebraucht werden. Wir haben nicht das Recht, Gott die Hände binden zu wollen mit einer sehr schwachen Theorie, die ihm die Macht verweigern möchte, seiner Kirche geistliche Gaben zu geben. Das wäre eine totale Verirrung: willkürlich zwischen den normalen und den supra-normalen Gaben zu unterscheiden und die Apostel mit den supra-normalen Gaben auszuzeichnen. Gemäß 1. Kor. 12 sind die Gaben dem Leib Christi beigelegt.«23

»Aus Treue zum Heiligen Geist und zum Wort glauben wir betonen zu müssen, daß die geistlichen Gaben, hier verstanden als die außerordentlichen Gaben, zum eigentlichen Wesen der Kirche aller Zeiten gehören«, schreibt A. Kayayan24. Gott hat sie gewissen Epochen erneut gegeben (Prophetie bei den Camisarden in den Cevennen, Wunder auf dem Missionsfeld, offensichtlich wunderhafte Gaben mancher Männer Gottes in der Vergangenheit). Er kann sie in seiner Souveränität und Gnade der Kirche heute wieder schenken, die wie die Urkirche einer heidnischen und ungläubigen Gesellschaft gegenübersteht. Die Apostelgeschichte zeigt, daß die Heiden auf das Evangelium oft erst aufmerksam wurden, nachdem sie ein wunderbares Zeichen gesehen hatten (14, 8-18; 19, 16-20; 28, 4-10). Gott kann die Evangelisation heute mit den gleichen Zeichen unterstützen, wenn er es für nützlich hält und wenn wir seinem Handeln nicht unsere Theorie und unseren Unglauben entgegenstellen.

Wir müssen allerdings darauf achten, daß wir im biblischen Gleichgewicht bleiben: alle Gaben sind für das Leben der Kirche notwendig. Andererseits »gibt es«, wie Pfarrer Kayayan sagt, »unter ihnen eine bestimmte Hierarchie, einige Gaben sind wichtiger als andere. Manche stehen unten an der Stufenleiter, und trotzdem darf man ihnen ihre Nützlichkeit nicht absprechen.« Man hat nun in der charismatischen Bewegung die Tendenz, gerade diese letzten zu privilegieren, zweifellos als Reaktion auf ihre Unterschätzung.

Wie der Pfingstler Harold Horton25 erkennt D. Bennett als »Gaben des Geistes« nur die neun wunderhaften Gaben aus 1. Kor. 12 an, denen er die folgende bezeichnende Reihenfolge gibt: A. Gaben der Inspiration oder der Gemeinschaft (sagen): 1. Sprachen (= Zungenreden); 2. Auslegung; 3. Prophetie. B. Gaben der Macht (tun): 4. Heilung; 5. Wunder; 6. Glauben. C. Gaben der Offenbarung (erkennen): 7. Unterscheidung der Geister; B. Wort der Erkenntnis; 9. Wort der Weisheit26. Paulus klassifiziert sie anders (vgl. die Ordnung von 1. Kor. 12, 8-10; 28), er kennt viel mehr Charismata. Sie sind alle immer nur Ausdruck der charis, der Gnade, die alle einschließt und über sie hinausgeht. Wie es Augustin in seinem Gebet sagte: »Nicht deine Gaben, Herr, sondern dich!«

»Es ist frappierend«, schreibt einer meiner Korrespondenten, »wie man fast überall in unseren Gemeinden eine Gleichgewichtsstörung feststellt, die darauf beruht, daß man sich vorrangig mit einer einzigen Kategorie aller geistlichen Gaben beschäftigt. Der Charismatiker redet von »wunderhaften« Gaben und schließt die anderen aus. Dagegen vermeidet der »Nicht-Charismatiken jede Erwähnung dieser Gaben und redet nur von denen, die weniger spektakulär sind (Evangelist, Pfarrer, Verwalter ... ).« »Es ist nicht nötig, bestimmte Gaben anderen gegenüber zu privilegieren« (R. Sommerville).

Kardinal Suenens gebraucht ein ziemlich suggestives Bild: »Vergleichen wir die Gesamtheit der Charismata mit Orgeln, die verschiedene und mächtige Pfeifen haben! Diese Orgeln sind ein Instrument des Heiligen Geistes; er selbst ist ihr Blasebalg und Künstler. Die Tasten beben unter seinen Händen; die Liturgie ist die Hand des Vaters (= Gottes). Damit die ganze musikalische Klangfülle erschallen kann, muß die ganze Tastatur auf die Finger des Künstlers ansprechen. Wenn einige Tasten stumm bleiben, stimmt etwas nicht« (S. 131). In der Skala der biblischen Gaben haben wir sicher alle einige stumme Tasten durch eigenes Versagen, und wir müssen uns dieselbe Frage stellen wie der Erzbischof von Brüssel-Malinest »Erwarte ich wirklich, daß der Heilige Geist heute noch durch sämtliche Charismata redet und handelt?« Vielleicht werden auch wir begreifen, daß »wir unsere verlorenen Schätze wiederfinden müssen« (S.258).

Damit eine Lehre biblisch bleibt, ist es nicht genug, daß man von all dem spricht, was die Bibel lehrt, man muß auch jeder Lehre das gleiche Gewicht geben wie die Heilige Schrift. Nach McDonnel ist das die Absicht der Christen in der charismatischen Bewegung, sie »wollen nicht bestimmte neutestamentliche Lehren, Praktiken oder Charismata isoliert herausheben, um ihnen eine bedeutendere Rolle zuzuschreiben, als sie im neutestamentlichen Zeugnis besitzen«27.

Wenn das die Absicht der Charismatiker ist, kann man sich nur freuen. Wenn sich die Anhänger der charismatischen Bewegung - wie z. B. Bittlinger - einer Überbewertung der wunderhaften Charismata und einer unbiblischen Unterscheidung zwischen natürlichen und übernatürlichen Gaben widersetzen; wenn andererseits die Christen außerhalb der Bewegung zugeben - theoretisch und praktisch -, daß Gott die Freiheit und die Macht hat, heute wie im 1. Jahrhundert, die ganze Skala der Geistesgaben seiner Kirche beizulegen, wenn er es für nötig hält, dann dürfte keine unüberwindliche Schwierigkeit in der Lehre des Aufbruchs über die Charismata liegen.

5. Glossolalie

Die Gabe des Zungenredens besetzt in der charismatischen Bewegung einen privilegierten Platz. »Ohne die Glossolalie«, sagt Bittlinger, »hätte es keine charismatische Bewegung gegeben.«28 Wie in der Pfingstbewegung ist es, wenn nicht das obligatorische, so doch zumindest das »normale« Zeichen der »Geistestaufe«29. Die Glaubenden werden ermutigt, sie für ihre persönliche Erbauung anzustreben (l. Kor. 14, 4), damit ihr Gebetsleben eine neue Dimension erlangt: den Lobpreis »durch den Geist« (1. Kor. 14, 15). Man unterstreicht den Wunsch des Paulus: »Ich wünsche, daß ihr alle in Zungen redet« (1. Kor. 14, 5), gestützt auf sein persönliches Beispiel: »Ich sage Gott Dank, mehr noch als ihr alle rede ich in Zungen« (V. 18). Wenn man sich auch einig ist, sie als »die letzte, die kleinste der Gaben« zu betrachten, fügt man doch sofort hinzu: »Darum muß man sie umsorgen« (P. Soubeyrand) oder wie Du Plessis: »Darum lade ich Anfänger ein, mit ihr zu beginnen.« Für Kardinal Suenens ist sie auch »ein Weg, zu anderen Gaben zu kommen« (S. 123). Für K. u. D. Ranaghan »müßte« das Zungenreden »die normale Erfahrung aller Christen sein.« Es ist gewöhnlich - doch nicht immer - die erste Gabe, die man ausübt (S. 181). Alle »Geistgetauften-Glaubenden« können und sollten täglich in ihren Gebeten in Zungen reden30.

Neben 1. Kor. 14 stützen sich die charismatischen Autoren auf drei Abschnitte in der Apostelgeschichte, in denen Glaubende in Zungen geredet haben (2, 4; 10, 46; 19, 6), sowie auf die Vermutung, daß die Samaritaner den Heiligen Geist auf dieselbe Art erhalten haben (Apg. 8, 17 f.). Die Schwäche dieser biblischen Basis ist häufig aufgezeigt worden. Das Zungenreden hat einen sehr sekundären Platz in der Urkirche inne: von den acht Autoren des Neuen Testamentes erwähnen es fünf überhaupt nicht; für den Sechsten (Markus) ist es sehr wahrscheinlich, daß die kurze Erwähnung von »neuen Sprachen« sich nicht auf die Glossolalie bezieht; der Siebte (Paulus) spricht davon nur in einem seiner dreizehn Briefe, und Lukas, der am häufigsten davon spricht, erwähnt es nur dreimal in einer seiner beiden Schriften, um den Beginn einer neuen Periode der Heilsgeschichte zu markieren31. Daß ein Autor wie Johannes, bei dem der Heilige Geist einen so großen Raum einnimmt (dreißig Abschnitte reden von ihm), nicht ein Wort von der Glossolalie sagt, kann alle zum Nachdenken bringen, die gerade an ihr die Christen erkennen wollen, die vom Heiligen Geist erfüllt sind. Es ist ebenso erstaunlich, daß der Apostel Paulus, dem so viel am Wachstum der Christen zu einem ausgereiften Leben im Geist liegt, von der Glossolalie nur einmal spricht - und noch dazu, um der Ausübung dieser Gabe einen Dämpfer aufzusetzen. Der Pfingstler D. Gee hat das erkannt: »Unsere Kenntnis über die Kennzeichen, die den Glaubenden gegeben werden, sobald sie vom Heiligen Geist getauft sind, ist strikt auf die Fälle begrenzt, die in der Apostelgeschichte offenbart sind.«31.

Die drei in der Apostelgeschichte erwähnten Fälle beziehen sich auf »historische Durchbrüche« des Evangeliums in neue Räume: Entstehung der Gemeinde (Apg. 2), Bekehrung der ersten Heiden (Apg. 10), Johannesjünger (Apg. 19), und wenn man Apg. 8 hinzufügen will: Samaritaner - obwohl bei diesem letzten Beispiel das Zungenreden weder erwähnt, noch offensichtlich ist. »Jeden dieser Fälle kann man in aller Redlichkeit als Ausnahme betrachten« (L. Morris)33. Bei jedem handelt es sich um das erste Kommen des Heiligen Geistes in die Glaubenden, also um ihre Bekehrung, nicht um eine zweite Erfahrung. Lukas berichtet andererseits zahlreiche Beispiele, daß Glaubende den Heiligen Geist erhalten haben, ohne in Zungen zu reden. Zwanzig Stellen der Apostelgeschichte berichten ausführlich von mehreren tausend Bekehrungen ohne äußere Kennzeichen34. Andererseits wird das Zungenreden niemals gesucht, es packt »unvermutet ganze Gruppen am Anfang ihrer christlichen Erfahrung«3S. Manche Theologen unterstreichen auch die Tatsache, daß im Neuen Testament die Sprachen immer fremde Sprachen zu sein scheinen und daß es noch niemals möglich war, heute einen einzigen Fall von echter Xenoglossie (= Zungenrede in einer Fremdsprache) wissenschaftlich zu identifizieren38.

In 1. Kor. 12-14 zieht Paulus keine Verbindung zwischen dem Zungenreden und der Geistestaufe, der Fülle des Geistes oder irgendeiner »zweiten Erfahrung«, die Christen machen müßten. Der Apostel sagt wohl: »Ich wünsche, daß ihr alle in Zungen redet« (14, 5); doch fügt er sofort hinzu: »Aber noch mehr, daß ihr Prophezeiungen hättet«, und in dem ganzen Kapitel sagt er, warum. Manche Charismatiker überspitzen an diesem Punkt, indem sie behaupten, der Apostel verwende hier ein Wort, das festen Willen ausdrücke (wie in 10, 20): »Ich will, daß ihr, ihr alle, in Zungen redet« (thelo de pantas) - sie vergessen, daß er genau denselben Ausdruck im 7. Kapitel gebraucht: »Ich möchte, daß alle Menschen wie ich wären (= unverheiratet)«. Was er dort dazu sagt, könnte sehr gut auch hier angefügt werden: »Doch jeder hat eine besondere Gabe (charisma) von Gott.« In Wirklichkeit zeigt er in Kapitel 12 klar, daß nicht alle diese Gabe der Zungenrede haben (V. 10 u. 28). »Wer in Zungen spricht, erbaut sich selbst« (V. 4), doch wichtig ist dem Apostel die Erbauung der Gemeinde, denn »jedem wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen der Gemeinde gegeben« (12, 7) und »für die Auferbauung der Gemeinde« sollen die Korinther nach geistlichen Gaben streben (14, 12). Man kann sich sogar fragen, ob der Apostel durch »den ausnahmsweisen Gebrauch des Verbs (auferbauen) in der reflexiven Form«37 nicht mit einem Schuß Ironie die Aufmerksamkeit der Korinther auf einen bestimmten Widerspruch in den Ausdrücken lenken will, wie wir etwa, wenn wir, um Liebe und Diensteifer zu differenzieren, von jemandem sagen würden: Er liebt sich selbst, er dient nur sich selbst.

Die Sprachen (Zungenreden) sind nicht notwendig ein Kriterium für die Anwesenheit des Heiligen Geistes (vgl. 1. Kor. 12, 3). Es gibt sie auch außerhalb des Christentums38, und sie können durch psychologische oder chemische Faktoren (wie etwa Halluzinationen hervorrufende Champignons aus Mexiko) ausgelöst werden. In dem Maß, wie das Streben nach dem Zungenreden den Christen dazu führt, seine Intelligenz »abzuschalten« und wissentlich die Kontrolle über sein Seelenleben zu lockern, kann es eine sehr große Gefahr für ihn darstellen und die Tür zu allen möglichen unheilvollen Einflüssen öffnen. Die Geschichte der Erweckung von Wales hat gezeigt, daß die Passivität die Hauptursache für die dämonischen Verführungen bei den Kindern Gottes war. John P. Kildahl, ein christlicher Psychotherapeut, der zehn Jahre lang das Phänomen der Glossolalie studiert hat, meint, daß die meisten charismatischen Erfahrungen auf eine Aktion des Unbewußten durch eine »Regression des Ich« zurückzuführen sind (a. a. O.). Morton Kelsey und sogar christliche Charismatiker wie A. Bittlinger und Dr. Gold-Aubert, sehen im Zungenreden eine natürliche Gabe, die zum Lobpreis Gottes eingesetzt werden kann, die aber auch von psychologischen oder sogar dämonischen Kräften ausgelöst oder gebraucht werden kann39.

In einem neulich in Alliance Witness, dem Organ der Christlichen und Missionarischen Allianz, erschienenen Artikel erklärt G. E. McGraw, wie er »die Geister« von zungenredenden Christen »geprüft« hat, indem er ihnen Fragen bezüglich Jesus stellte (cf. 1. Kor. 12, 3; 1. Joh. 4,1-3). Er war bestürzt, mehr als 90 % »Gaben« dämonischen Ursprungs bei denen zu finden, die sich freiwillig hatten testen lassen wollen. Die Opfer solcher Verführungen sind amerikanische Christen, junge und alte, in jeder Situation, aus allen Berufen und allen Konfessionen. Viele von ihnen redeten in Zungen in ihrem persönlichen Gottesdienst. Einige hatten Zweifel, ob ihre Gabe echt sei, doch die meisten waren überzeugt, daß der Test eine wahrhaftige Gabe des Heiligen Geistes ans Licht bringen würde. Der Autor scheint kein Feind der charismatischen Bewegung zu sein. Er erkennt an, daß sich »viele Christen der Elite« in ihr befinden, »die oft dem Herrn mit mehr Eifer nachfolgen möchten als die, die diese Bewegung abweisen«. Die Christen, die eine solche »Gabe« dämonischen Ursprungs besitzen, scheinen zunächst in ihrem geistlichen Leben nicht behindert zu sein, doch nach und nach »werden sie dazu gebracht, ihre Aktivität und ihr Denken auf die Zungenreden zu konzentrieren«40. Manche werden depressiv bis hin zu Selbstmordgedanken.

Halten wir fest, daß diese verführten Christen in einem Zustand der Ekstase, vergleichbar der Hypnose, in Zungen redeten, in dem ihre intellektuellen Fähigkeiten ausgeschaltet waren. Die echten Gaben des Geistes aber nehmen uns niemals unsere menschliche Freiheit noch behindern sie den Gebrauch unserer bewußten Fähigkeiten. Unsere Intelligenz kann ruhen (1. Kor. 14, 14), sie bleibt aber wach und klar. Andererseits scheint McGraw die Anwendung von 1. Joh. 4, 1 auf diesen Test zu beschränken und zu ignorieren, daß das Zungenreden psychologischen Ursprungs sein kann.

In einer sehr ausgewogenen Kritik der Stellungnahmen von McGraw und J. Birsch (der von analogen Fällen berichtet) schreibt R. Ruegg, daß sie das Sprachenreden »als rein übernatürliche Gabe betrachten. Damit verfallen sie dem genau gleichen Lehrirrtum wie ihre Gegner bzw. Opfer: nämlich die meisten Anhänger der Pfingstbewegung und der charismatischen Erneuerung der Kirchen. Wie alle andern Geistesgaben ist aber das Sprachenreden, von der Dreieinigkeit Gottes aus gesehen, zunächst eine Schöpfungsanlage wie etwa der Traum; das läßt sich bei jedem Kleinkind neu beobachten. Erst durch die Wiedergeburt in Jesus Christus und Indienstnahme durch den Heiligen Geist wird diese Anlage zur Geistesgabe; andererseits kann sie durch andere überrationale Faktoren neu belebt werden: Geisteskrankheit, heidnische Ekstase, Besessenheit, seelisch-christliche Gefühlssteigerung. Es gibt zwar mehr oder weniger rationale bzw. überrationale Geistesgaben, aber keine hundertprozentige göttliche und andererseits dämonische. Das Material aller Gaben ist menschlich, d. h. schöpfungsmäßig, nur der Gebrauch ist mehr oder weniger göttlich-geistlich, menschlich-seelisch, dämonisch ... Wer nun freilich in falscher Erwartung zwängerisch das Sprachenreden empfangen und brauchen will, wird wenig oder nichts Geistliches in der seelischen Verpackung stecken haben. Wer >um jeden Preis< diese (oder eine andere Gabe) zu erringen sucht, also durch höchste seelische Aktivität oder auch scheinbare Passivität Gott zwingen will, oder wer dabei sonst widerchristlich lebt - bei dem kann der Feind das Sprachenreden usw. nicht nur indirekt mißbrauchen, sondern geradezu in seine Steuerung bekommen. Es gibt also dämonisches Sprachenreden, jedoch nur selten, dagegen sehr viel überwiegend seelisches Sprachenreden, das einfach dem Geistlichen den Platz wegnimmt, wie es in Korinth zu geschehen drohte.« Erklärung der über 90%igen Prüfungsergebnisse von McGraw und Birch sieht R. Ruegg in der unbewußten suggestiven Beeinflussung der Sprachenredenden durch den Fragesteller, der seine Angst oder Abwehrstellung auf die Sprecher überträgt (R. Ruegg, Nov. 1975).

Wie es mit der zahlenmäßigen Verteilung der Prüfungsergebnisse auch sei, weil dämonische Beeinflussung möglich ist, ist Vorsicht geboten, und die Charismatiker selbst, die nur unter Gottes Geist leben wollen, können McGraw, Birsch und McDowe nur dankbar sein, daß sie sie auf diese Gefahr aufmerksam machten.

Andererseits, wenn, wie ein führender französischer Charismatiker, D'Gold-Aubert, es selbst sagt, Untersuchungen analoge psychologische Phänomene unter dem Einfluß 1) von psychiatrischen Störungen oder schweren Krankheiten, 2) von Dämonen, 3) vom Heiligen Geist feststellen, dann sind diese psychischen Phänomene doch wahrhaftig kein Beweis für die Geistestaufe41. Sie sollen folglich keine Basis für die Einheit der Christen darstellen. Manche reden in Zungen, gibt der Pfingstler Ray H. Hugues zu, akzeptieren aber nicht die wesentlichen Lehren des Christentums. »Alle Arten von religiösen Bewegungen«, fährt er fort, »haben im Lauf der Jahrhunderte Glossolale (Zungenredner) gehabt - sogar die Anhänger Satans haben in Zungen geredet. Darum glaube ich nicht, daß die Glossolalie oder ein anderes spirituelles Phänomen zur Einheit beitragen kann.« Gerade im Brief an die Korinther, die in Zungen redeten, finden wir die eindringlichsten Ermahnungen zur Einheit. »Wenn die Glossolalie zum Test für die wahrhaftige Einheit wird, steht man in der Gefahr, in Zungen redende Nicht-Christen in die Gemeinschaft einzuschließen und zahlreiche Christen, die diese Gabe nicht haben, von ihr auszuschließen. Der Test, den der Apostel Johannes uns zur Prüfung der Geister gibt, ist ein Test der Lehre« (1. Joh. 4,3). Ein Mensch wird nicht durch eine bestimmte Erfahrung Christ, sondern dadurch, daß er die Rechtfertigung in Jesus Christus im Glauben annimmt. Darum »muß die christliche Gemeinde nicht auf die Zungen gegründet werden, sondern auf das Annehmen der Gerechtigkeit Christi, die allein durch den Glauben zugesprochen wird«42. Der Pfingstler Ray H. Hugues seinerseits sagt: »Ich kenne keinen Fall in der Geschichte, bei dem eine gemeinsame Erfahrung zur Einheit des Leibes Christi beigetragen hätte ... Unser gemeinsamer Glaube ist es, der uns zusammenhält.«43 Andererseits dürfen wir nie vergessen, daß, wie U. Affeld sagt, »wo eine Gabe absolut ausschließlich gesetzt wird, wird sie zum Götzen, dort ist Jesus Christus nicht mehr allein Grund und Mitte der Glaubensaussage, sondern neben Ihn tritt gleichwertig die empfangene Gabe« 43a

Dennoch sollte man sich davor hüten, das Kind mit dem Bad auszuschütten und die biblische Lehre auf der anderen Seite zu überholen. Denn wenn wir die Theorie Warfields über das Verschwinden der Gaben zurückweisen, müssen wir den biblischen Charakter des Zungenredens anerkennen. Wenn es wahr ist, daß »während achtzehnhundert Jahren die Zeugnisse über Zungenreden in der Kirche äußerst rar sind« (W. Stanford Reid)44, so stellen wir doch fest, daß durch die Jahrhunderte hindurch einzelne Christen es anscheinend erhalten und in ihrem privaten Gottesdienst ausgeübt haben45. Paulus ordnet es anderen Gaben unter wegen der Erbauung der Gemeinde im öffentlichen Gottesdienst (1. Kor. 14, 4-6 + 19); doch sogar da, wo er den Gebrauch dieser Gabe einschränkt, präzisiert er, man brauche es nicht zu verbieten (V.39), wenn jemand die Gabe der Auslegung hat (V.27). Für den persönlichen Gebrauch dieser Gabe im Gebet scheint Paulus keine Nachteile zu sehen, und so behalten seine Empfehlungen, die von den Charismatikern unterstrichen werden, ihren vollen Wert (V. 4, 5, 15, 17, 18).

Alle, die in Zungen beten, reden von den Wohltaten »in dieser Art zu beten, jenseits der Worte und über jedem Intellektualismus«. Kardinal Suenens, der sich so ausdrückt, sagt weiter: »Sehr viele Zeugnisse belegen - und ich schließe mich an -, daß diese Art zu beten eine Form der Loslösung von sich selbst, der Lockerung und inneren Befreiung vor Gott und den anderen ist ... Diese Art schafft Frieden und Entfaltung ... Die Stimme des Unbewußten erhebt sich zu Gott. Es ist ein Ausdruck des Unbewußten wie die Träume, das Lachen, die Tränen, das Gemälde, der Tanz. Es spielt sich in den Tiefen unseres Seins ab; daher wird ihm häufig die Kraft der Heilung zuerkannt, Heilung von verborgenen Traumata, die das Aufblühen des inneren Lebens verhindern« (S. 123 f.).

Gewiß erhalten nicht alle Christen diese Gabe (1. Kor. 12, 30, die Unterscheidung, die hier zwischen Zeichen und Gabe oder privater und öffentlicher Gabe gemacht wird, ist rein willkürlich), und wer sie nicht erhalten hat, darf sich nicht frustriert fühlen. Der Heilige Geist verteilt jedem (12,7) die Gaben, wie er will (V. 11), die er für den Gläubigen und für die Gemeinde für die besten hält. Andererseits dürfen wir nicht jedem Geist Glauben schenken, sondern müssen die Geister prüfen (1. Joh. 4, 1) und uns klarmachen, wie diese Gabe unser Verhalten und unsere Beziehung »zu Gott, Christus, der Heiligen Schrift, mir selbst, den anderen Christen, der Welt und der Sünde gegenüber« verändert46. Wenn die sieben aufgezählten Prüfungen positiv ausgehen, gibt es keinen Grund, der Ausübung dieser Gabe in unserem persönlichen Gottesdienst oder, wenn die genannten Bedingungen des Apostels erfüllt sind (1. Kor. 14, 13, 27, 28), beim Zusammensein mit anderen zu mißtrauen.

Soll die Einheit zwischen zungenredenden und nicht-zungenredenden Christen bestehen bleiben, wird von beiden Seiten viel Liebe und Takt nötig sein. Einige Bewegungen, Missionen und Bibelschulen haben zu diesem Thema von Reife und Weisheit geprägte Regeln herausgegeben, um »zu vermeiden, daß die Freiheit der einen zum Zwang für die anderen wird« (A. Kennedy): weder das Zungenreden anderen untersagen, noch zur Pflicht machen; die Treffen zwischen Christen beider Richtungen nicht ausnützen, um diese Gabe zu fördern, noch um sie zu bekämpfen; der Fortbestand der Einheit muß immer über dem »Recht« stehen, die Gabe der Zungen auszuüben; denn der »eigentliche Weg« ist die Liebe, die nicht das eigene Wohl, sondern das des Nächsten sucht.

6. Verwirrung in der Lehre

In den charismatischen Versammlungen fühlen sich Katholiken, Protestanten und Evangelikale als Brüder und beten zusammen, ohne ihre lehrmäßigen Verschiedenheiten zu erörtern. Das führt sie notwendigerweise dazu, der Lehre weniger Gewicht beizumessen als der Erfahrung, die sie verbindet. Neben den biblischen Lehren müssen die katholischen Charismatiker im Prinzip weiterhin an die päpstliche Unfehlbarkeit, die unbefleckte Empfängnis und die Himmelfahrt der Jungfrau Maria glauben, an das Opfer der Messe, das Fegefeuer etc. ... sonst würden sie in den Augen ihrer Kirche das Heil verlieren. Führer des Aufbruchs haben versichert, daß die römische Kirche »seit Pfingsten der Leib Christi« war (K. Ranaghan), die »einzige wahre Kirche« (O'Connor), und daß die Katholiken der Pfingstbewegung »der Leitung durch das Papsttum treu bleiben« müssen (Bischof McKinney).

Mehr noch, man behauptet, daß charismatische Katholiken Maria mehr ergeben seien (Botschaften in Zungen hätten die Jungfrau gepriesen). Nach den Internationalen Katholischen Informationen kommen 63 % von ihnen öfter zum Heiligen Sakrament als vor ihrer Erfahrung. In den Zeugnissen bei K. u. D. Ranaghan heben wir hervor: »Die Mutter Gottes ist viel näher gekommen ... Ich habe das Rosenkranzbeten nach der Geistestaufe angefangen ... Die Sakramente, besonders die der Buße und Eucharistie, haben für viele neue Bedeutung gewonnen ... Ich bin zum häufigen Beichten zurückgekehrt ... Ich habe in mir eine tiefe Ergebenheit Maria gegenüber entdeckt ... Die Marienverehrung ist für uns von großer Bedeutung (und ich bin einer von denen, die Maria schon seit einigen Jahren völlig im Schatten ließen). Das sakramentale Leben der Kirche im einzelnen hat mehr Sinn bekommen, speziell das Sakrament der Buße.«4r »Maria zu erfahren ist eine der kostbarsten Gaben des Heiligen Geistes«, sagte G. Montague. Und Kardinal Suenens: »Davon bin ich überzeugt: die Marienfrömmigkeit wird da, wo sie gewichen ist, in dem Maße wieder aufleben, wie stark sie auf den Heiligen Geist bezogen und aus seinem Antrieb gelebt wird. Maria wird dann ganz natürlich als ... die erste Charismatikerin erscheinen« (S. 230).

Man sagt, daß 90% der amerikanischen und verhältnismäßig viele europäische Bischöfe »für die charismatische Bewegung sind«48. Manche sind sogar persönlich darin engagiert. Der Papst selbst sagte in einer Botschaft an die charismatische Konferenz von Grottamare, daß er sich über diesen Aufbruch des geistlichen Lebens in der Kirche freue; er hat den Kongreßteilnehmern seinen apostolischen Segen gespendet und durch den Kardinalvikar von Rom einen persönlichen Beauftragten für die charismatischen Gruppen der ewigen Stadt ernennen lassen49. Die Sympathie der römischen Hierarchie ist, wenn sie auch die Katholiken beruhigt, nicht in den Augen aller eine Empfehlung für die Bewegung. Für alle, die in der Kirche Roms nicht die einzige Inhaberin der Wahrheit sehen, ist diese allgemeine Gunst eher ein Grund zum Mißtrauen (Lk. 6,26).

Die evangelikalen Christen haben von Anfang an auf die Lehrverworrenheit in der ökumenischen Bewegung hingewiesen. Sie klagen den ökumenischen Rat der Kirchen an, das Recht der Wahrheit zu verringern, um die Einheit zu verwirklichen. Bei einem Vergleich der beiden Bewegungen können sie sich nicht enthalten, im ökumenischen Rat der Kirchen eine ernsthafte Anstrengung zu theologischer Reflexion unter den Repräsentanten der verschiedenen Kirchen festzustehen, während man in der charismatischen Bewegung jeder lehrmäßigen Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen scheint. Und dabei geht man praktisch weiter als die ökumenische Bewegung: man verbrüdert sich mit Christen, deren Kirchen Mitglieder des ökumenischen Rates der Kirchen sind, und mit solchen, deren Kirchen sich dem Ökumenismus widersetzen; dazu auch mit Angehörigen der römischen Kirche, die ihm anzugehören ablehnt. Im Grunde überholen die Charismatiker den Ökumenismus rechts und den Katholizismus links, um die Glaubenden jenseits der Position beider zu einigen. »Die ökumenische Bewegung, die auf dem Gebiet der Lehre gescheitert ist«, sagt D. Verriet »(ihr immer mehr bejahter Pluralismus beweist es), und die auf sozialem und politischem Gebiet sehr schlecht engagiert ist, findet eine neue Plattform der Begegnung in der charismatischen Bewegung. Man kann sich begegnen in der Freude, zusammenzusein und die gleichen Erfahrungen zu teilen, ohne sich um die biblische Lehre allzu große Sorgen zu machen.«

Die Christen, die der charismatischen Bewegung kritisch gegenüberstehen, erinnern uns mit Recht daran, wie sehr das Wort Gottes auf der »gesunden Lehre« besteht, auf dem »Glauben, der den Heiligen ein für alle Mal überliefert worden« (Jud. 3) und im Wort Gottes schriftlich niedergelegt ist. Die Erfahrung sollte nicht die Exegese ersetzen, noch sollte das kollektive Gefühl an die Stelle des gemeinsamen Bibelstudiums treten. »Die Taufe des Heiligen Geistes«, sagt Harold Lindsell, »kann weder als Decke auf einen heterodoxen Glauben dienen, noch die Verneinung einer biblischen Lehre heiligen.«50 Es gibt gewiß Charismatiker, die an der gesunden Lehre festhalten, andere dagegen schonen den Inhalt der Offenbarung keineswegs, wenn sie in der Heiligen Schrift selbst nur eine Umschreibung ihrer Erfahrungen und ihrer religiösen Institutionen sehen.

Auf der Seite der institutionellen Kirchen freut man sich darüber, daß die Bewegung nicht »sektiererisch« sei wie die traditionelle Pfingstbewegung, daß sie »diejenigen, die damit Erfahrung haben, niemals ersucht, ihre Kirchen zu verlassen, sondern vielmehr, drinzubleiben. Es ist keine separatistische Bewegung, sondern eine Erneuerungsbewegung in unseren Kirchen« (A. Wohlfahrt)51. Dagegen sagen andere, daß man in der klassischen Pfingstbewegung zumindest auf die ganze Weisung Gottes hinweist: Bekehrung, Taufe der Glaubenden, Bildung von Gemeinden bekennender Christen, Feier des Heiligen Abendmahls unter den Kindern Gottes, Kirchenzucht und all die anderen Aktivitäten einer Ortsgemeinde, so wie wir sie im Neuen Testament finden. In der charismatischen Bewegung dagegen ist alles unklar und unwichtig, abgesehen von der Erfahrung der »Geistestaufe«, die als zweite Erfahrung verstanden wird; man darf glauben und praktizieren, was man will, man bleibt in der Gemeinschaft mit den anderen Charismatikern.

Alle diese Beobachtungen sind richtig, und diese Kritik ist berechtigt. Doch darf uns die legitime Sorge um die Korrektheit der Lehre nicht vergessen lassen, daß Gott am Werk ist. Wir können durch unsere Ungeduld eine Bewegung, die im Werden ist, schon im Ei zertreten. »Muß man die beginnende Annäherung (zwischen Glaubenden verschiedener Richtungen) als Verwirrung anzeigen?« fragt sich H. Blocher, den man bestimmt nicht der Aufweichung der Lehre anklagen könnte. »Wir meinen, nicht das Recht dazu zu haben. Die Früchte der Bewegung, so wie wir sie beobachten konnten, besonders bei jungen Katholiken, führen uns vielmehr dazu, uns zu freuen. Gott ist am Werk, und wir müssen uns nicht bedrängter geben als er. Die Reformation ist nicht an einem Tag durchgeführt worden. Gewiß, die Erneuerung der Kirche erfordert zugleich das Leben des Geistes und die Wahrheit der Schrift, aber wir können nicht auf den ersten Anhieb eine perfekte theologische Erleuchtung und eine unfehlbare Orthodoxie verlangen.«52 »Man muß denen, die die Erfahrung gemacht haben, Zeit lassen, zu wachsen und sich zu entwickeln, aber wenn der Heilige Geist von jemandem Besitz ergreift, führt er ihn in alle Wahrheit« (Ray H. Hugues)53.

Alles hängt von der Entwicklung der Bewegung ab: Hat sie schon jetzt ihr endgültiges Profil erreicht, oder ist sie vielmehr, was ihr Name anzeigt: eine Bewegung, d. h. also noch im Werden? Nun, diese Bewegung will zugleich den Geist und das Wort Gottes ehren. Aber der Geist Gottes, der sein Wort inspiriert hat, führt unausbleiblich alle, die ihm gehorchen, zu einer größeren Treue seinem Wort, seinen Weisungen gegenüber, die in der Bibel niedergelegt sind, und dies selbst dann, wenn sie sich deswegen ihren geistlichen Führern widersetzen müßten. Eines Tages werden sie dazu geführt, die Bitte an sie zu richten: »Urteilen Sie darüber, ob es vor Gott richtig ist, Ihnen mehr zu gehorchen als Gott« (Apg. 4, 19). Vor einigen Jahrzehnten wäre es undenkbar gewesen, daß Katholiken und Protestanten gemeinsam beten, einen gemeinsamen Gottesdienst feiern, bei dem man sich nur für die Zeit des Abendmahls und der Eucharistie trennt, und daß sie ins Auge fassen, gemeinsam zu evangelisieren.

Man wendet häufig ein, daß sich »Rom niemals ändert«. Dieser von Katholiken und Protestanten zugleich genährte Mythos des 17. Jahrhunderts ist vom 19. zum 20. Jahrhundert allmählich zerbröckelt. Per Definition sind die Dogmen als solche, wie sie durch das Konzil von Trient formuliert worden sind, unveränderlich und unangreifbar. Und trotzdem rührt man daran, und sie ändern sich. Das Konzil Vatikanum II hat es klar bestätigt: »Christus ruft die Kirche auf ihrem Weg der Wanderschaft zur ständigen Reformation, deren sie bedarf. Folglich, wenn die Ereignisse oder die Zeit Schwächen in der Führung, in der kirchlichen Disziplin oder sogar in der Formulierung der Dogmen aufgezeigt haben, sollen diese auf eine angemessene Art zur rechten Zeit berichtigt werden.«54

D. F. Wells, einer der besten zeitgenössischen Kenner der römischen Kirche, bestätigt, daß dieses Konzil praktisch viele Lehrbehauptungen des Konzils von Trient wieder in Frage gestellt hat, sei es, indem es das Dogma mehrdeutig neu formulierte, damit die Integristen (= Entwicklungsfeindlichen) wie die Progressiven es auf ihre Art interpretieren können; sei es, indem es zwei sich widersprechende Behauptungen nebeneinanderstellte, ohne sich um ihre Harmonisierung zu kümmern54a. Die Möglichkeit der Entwicklung besteht also, sogar für als unantastbar erachtete Dogmen, da, wie es Leo XIII. sagte, »die große Kraft der Kirche ihr Anpassungsvermögen« ist. Indessen, wenn das Wort Gottes nicht die höchste Norm und Autorität ist, kann keiner wissen, in welche Richtung diese Entwicklung gehen wird.

Das römische System wird sich niemals in eine evangelische Kirche umwandeln; doch wenn sich diese Bewegung weiterhin in ihr ausbreitet, würde das System dahin gebracht, seine kanonischen Dekrete so weit aufzulockern, daß seine dynamischsten und geistlichsten Elemente nicht am Ende ausgeschlossen werden, weil sie Initiativen ergreifen, die unter die Anathemata des Konzils von Trient fielen. Schon jetzt müßten viele Katholiken, würde man die Regeln dieses Konzils buchstäblich anwenden, außerhalb ihrer Kirche stehen. In Amerika und in Frankreich lassen sich Priester und Ordensleute durch Untertauchen taufen. »Obwohl sie Pädobaptisten sind (d. h. Anhänger der Kindertaufe)«, sagt A. Brémond, »studieren die charismatischen Katholiken ernsthaft und anhand der Bibel das Problem der Taufe auf ihren Hintergrund und ihre Form hin.«55 Einem Freund, der ihm sagte: »Ich habe überhaupt kein Vertrauen zur katholischen Kirche«, antwortete ein Pfarrer: »Aber ich habe großes Vertrauen zur Bibel.« Nun, es ist das erste Mal seit der Entstehung des römischen Systems, daß die Bibel so weit und offiziell in der katholischen Kirche verbreitet ist. Die Millionen von Neuen Testamenten in allen Ubersetzungen - mit und ohne Anmerkungen -, verbreitet und gelesen von Katholiken, können nicht ohne Wirkung bleiben. »Eines der Merkmale dafür, daß die charismatische Bewegung von Gott kommt«, sagt Le Cossec, »ist das Verlangen, die Bibel zu lesen und zu studieren, das sich daraus ergibt.«56

Daß ein Katholik, dessen Glaube »wieder belebt« worden ist, zu einer größeren Marienfrömmigkeit zurückkommt, ist nicht erstaunlich: Diese Frömmigkeit gehörte für ihn immer zum lebendigen Glauben dazu. Der Geist unterweist uns durch das Wort, und nicht unmittelbar. Wenn dieser Christ weiterhin die Bibel liest, wird er bald jeder Lehre ihren rechten Platz zuweisen.

In der Tat haben viele katholische Charismatiker zahlreiche spezifisch römische Lehren abgelegt (Gebet für die Toten, Mittlerschaft der Heiligen oder der Jungfrau, Unfehlbarkeit des Papstes ... ). Sie sagen: Die Heilige Schrift ist unsere einzige Glaubensregel. Daher ist es nicht erstaunlich, daß Integristen wie G. de Nantes den charismatischen Flügel der katholischen Kirche protestantisch nennen.

Die Urgemeinden, deren Mitglieder unstreitig die Erfahrung der Wiedergeburt gemacht hatten, waren nicht gefeit gegen Häresien. Deshalb schrieben ihnen ja die Apostel, um sie in der Wahrheit zu unterrichten. Diese im Neuen Testament gesammelten Briefe können noch heute alle in »die ganze Wahrheit« leiten, die sich zugleich dem Geist und dem Wort Gottes öffnen wollen.

7. Unscharfe Ekklesiologie

Die große Originalität der charismatischen Bewegung im Blick auf die Pfingstbewegung - wie auch auf die meisten anderen Bewegungen - ist, daß sie ihre Anhänger auffordert, in ihrer Kirche zu bleiben und dort mit mehr Eifer als vorher am ganzen kirchlichen Leben und allen Aktivitäten teilzunehmen. Die charismatische Erfahrung muß also aus einem Katholiken einen besseren Katholiken, aus einem Protestanten ein aktiveres Mitglied seiner Gemeinde machen, das in den verschiedenen Aktivitäten engagiert ist.

Beim aufmerksamen Lesen des Neuen Testamentes wird der charismatische Christ ein Bild der Gemeinde entdecken, das von dem, was wir heute Kirche nennen, sehr verschieden ist: Zur Zeit der Apostel bestand die ekklesia aus denen, die persönlich Jesus als Retter und Herrn angenommen hatten, die davon durch die Taufe Zeugnis abgelegt hatten, und die von da ab nach den Lehren Jesu lebten. »Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten« (Apg. 2, 42). Die verschiedenen Dienste der Ortsgemeinde wurden von »Ältesten« ausgeübt, die von der Gemeinde gewählt wurden, und zwar aus denen, die dem Herrn am meisten ergeben waren und denen Gott die zur Ausübung ihrer Funktionen nötigen Charismata verliehen hatte (Eph. 4, 11-15). Wer der Lehre der Apostel nicht mehr zustimmte oder nicht mehr ihren Anweisungen gemäß lebte, wurde aus der Kirche ausgeschlossen (Röm. 16, 17 f.; 1. Kor. 5, 7.10-13; 2. Thess. 3, 6.14 f.; 2. Tim. 3, 5 f.; Tit. 3, 10 f.; 2. Joh. 7-11).

Die meisten heutigen institutionellen Kirchen taufen die Kinder ihrer Anhänger und behalten sie später nach einer Zeremonie, der sich im Prinzip niemand entzieht. Sie zählen also alle als Mitglieder, die zu einem bestimmten geographischen und soziologischen Sektor gehören, wie auch immer ihre innere Haltung Jesus Christus gegenüber ist und laden sie zur Eucharistie oder zum Abendmahl ein. Kirchenzucht gibt es praktisch nicht. Die Lehre der Apostel ist mit philosophischen und synkretistischen Elementen durchsetzt. Glaubens- und Lebensformen verschiedener Herkunft haben sich in die Kirche eingeschlichen. Dogmen, die im ersten Jahrhundert unbekannt waren, sind zu Glaubensartikeln geworden. Die Diener des Gottesdienstes werden aufgrund ihrer theologischen Ausbildung gewählt, und sie haben die Last einer ganzen unbekannten Parochie zu tragen57. Trotz so vieler fundamentaler Unterschiede zur ursprünglichen ekklesia werden die Charismatiker eingeladen, ihre Kirche, so wie sie ist, als eine echte christliche Gemeinschaft, manchmal sogar als die einzig wahre Kirche zu betrachten. Das stellt unbestreitbar die vor schwere Probleme, die das Wort Gottes als Norm aller Wahrheit verteidigen.

Wenn die Kirche im Lauf der Jahrhunderte sich zu einer vom Urmodell so verschiedenen Form und Struktur entwickelt hat, muß man wählen: entweder ist der Glaube in seiner definitiven Form »den Heiligen ein für allemal überliefert« worden (Jud. 3), oder aber - gemäß dem Hegelschen Axiom -: alles was ist, mußte sein. Anders gesagt: Die Kirche hat sich im Lauf der Jahrhunderte unter der Leitung des Heiligen Geistes entwickelt (Theorie 1.-A. Moehlers). Aber, wie Brunner sagt: »Wenn alles Geschichtliche einfach darum, weil es war und wurde, kritiklos hingenommen wird, so enden wir in lauter Selbstwidersprüchen. Dann müssen wir gleichzeitig die katholische Kirche und den Protestantismus bejahen, gleichzeitig das Ancien Regime und die Französische Revolution, gleichzeitig den christlichen Glauben und den Nihilismus, gleichzeitig zu allem Ja und Nein sagen.«58 Jesus und die Apostel haben verlangt, sich menschlicher Uberlieferung strikt zu enthalten (Mk. 7, 8 f.; Mt. 15, 9; Joh. 12, 48; 1. Kor. 15, 1-2; Gal. 1, 7-9; 3, 15).

Indem die Lehre der Charismatiker von den Christen verlangt, ihre Kirche als so von Gott gewollt anzunehmen, stört sie die Sicht vom Plan Gottes, wie man während des Krieges die fremden Funksendungen störte. Die Lehre über die Kirche ist eine der Grundwahrheiten des Glaubens. Ohne Einfügung in eine Gemeinde, so wie Gott sie gewollt hat, kann der Neubekehrte nicht richtig wachsen (Eph. 4, 11-16). Um ihn zur Mündigkeit in Christus zu führen, hat der Herr der Gemeinde verschiedene Dienste geschenkt, ohne die ein Kind Gottes nicht normal gedeihen kann. Die Glaubenden müssen wie die ersten Christen in der Lehre der Apostel verharren (d. h. Studium der Bibel und Gehorsam all ihren Weisungen gegenüber, hier denjenigen gegenüber, die die Gemeinde betreffen), in der brüderlichen Gemeinschaft (auch mit den Brüdern, die nicht die gleichen Erfahrungen gemacht haben), im Brotbrechen (so wie Jesus es eingesetzt hat, 1. Kor. 11) und im Gebet (mit allen Christen, Charismatikern oder nicht).

Es ist wahr, daß für viele charismatische Christen ihre Gebetsgruppe tatsächlich ihre ekklesia ist, und sie finden dort das Wesentliche dessen, was der Herr seinen Kindern in der Ortsgemeinde geben will.

Die große Gemeinde, zu der sie gehören, ist in Wirklichkeit nur ihr vorrangiges Missionsfeld. Das charismatische Zentrum von Notre Dame hat deutlich ausgesprochen, daß »die Gebetsgemeinde kein Ziel in sich ist; sie ist nur Instrument im Blick auf den Aufbau einer größeren Christengemeinde«59. Diese größere Gemeinde könnte sehr wohl das normale Ergebnis der Gebetsgruppe sein, selbst wenn diese Entwicklung widerstrebend geschieht und entgegen allen offiziellen Direktiven. Denn das Ziel des Heiligen Geistes ist es, nicht nur vereinzelte Individuen zu bekehren, er will auch »die zerstreuten Kinder Gottes in einen einzigen Leib zusammenführen« (Joh. 11, 52).

Wenn nun diese Glaubenden in ihrer Kirche die wahre christliche Gemeinschaft nicht finden, die sie zum Wachsen brauchen, dann müssen sie sich selbst zu einer Gemeinde zusammenschließen und auf den Herrn warten, daß er sie durch sein Wort zu der Form und Struktur führt, die ihm entspricht.

8. Schwärmerei

In der charismatischen Bewegung engagierte Christen zeigen sehr deutlich die »Tendenz, die persönliche Erfahrung an die Stelle lehrhafter Erkenntnis zu setzen« (Mgr. Zaleski, Bischof von Lansing, Michigan)60. Domherr Caffarel bemerkt ein »mögliches Hinübergleiten in die Schwärmerei«, denn die einzelnen oder die Gruppen »können die Tendenz haben, aus ihrer geistlichen Erfahrung ein Absolutum und den einzigen Führer für ihr Verhalten zu machen«81. Diese Gefahr der Schwärmerei ist auch von J. Massingberg Ford von der Universität Notre Dame aufgezeigt worden. Liest man die Zeugnisse gewisser charismatischer Christen, hat man recht oft den Eindruck, in eine fremde Welt versetzt zu sein, deren Merkmale Visionen, Zeichen, Botschaften des Herrn, direkte Interventionen des Teufels, Führung per Prophezeiung sind62.

Die Schwärmerei ist »die Lehre derer, die an eine innere Offenbarung (Erleuchtung) glauben« (Robert). Lalande sagt, daß der Schwärmer ein »Geist ohne Kritik (sei), der blind seinen Eingebungen glaubt oder seine Phantasie für offenbarte Eingebung hält«. Die schwärmerische Tradition geht durch die ganze Kirchengeschichte, von den Montanisten zu den Irvingianern, über die Mystiker und die »Brüder des freien Geistes«. Wie erkennt man den Schwarmgeist? fragt Dr. Walter Michaelis. »Dem Schwarmgeist wohnt immer etwas Berauschendes, den klaren Blick Benebelndes bei. Man muß staunen, wohin er vernünftige Christen bringen kann. Man wird sagen dürfen, daß er sie oft geradezu lächerliche, sie gründlich blamierende oder gar anstößige Dinge zu tun veranlaßt, um die von ihnen vertretene Sache Gottes vor der Welt lächerlich zu machen und in Verruf zu bringen.«83 Die Schwärmerei präsentiert sich als eine höhere Stufe des Christentums. Sie läßt sich nichts sagen. Jung-Stilling hat mit Recht den Hochmut an der Wurzel jeder Schwärmerei gesehen. Es ist eine Mischung aus Wahrheit und Irrtum, die Schatten zeigen sich in der Gestalt von Engeln des Lichts, der Hochmut verkleidet sich als Demut (Kol. 2,18). Darum ist die Schwärmerei so gefährlich für die Kirche. Allen Schwärmern gemeinsam ist die Abwertung der schriftlichen Offenbarung zugunsten der unmittelbaren Inspiration durch den Geist.

Die religiösen Erweckungen waren praktisch alle begleitet von einem Aufflackern von Schwärmerei64. Die Reformation des 16. Jahrhunderts wäre entgleist, hätte sich Luther nicht mit all seinen Kräften den Propheten von Zwickau und Münster entgegengestellt. Im 18. Jahrhundert wurde die methodische Bewegung von den »Kindern des reinen Geistes« bedroht, die vorgaben, das Wort der Schrift nicht mehr nötig zu haben, da sie den Geist hätten. Ihr Einfluß war schon in bestimmten, von Wesley und Whitefield gehaltenen Versammlungen vorherrschend, als sich die wahre Natur dieser »reinen Geister« im Absacken in die schmutzigste Sinnlichkeit offenbarte.

Dr. Scofield sagt, daß wir »besonders auf der Hut sein (müssen), wenn sich Gaben wie Zungenreden, Prophetie und die Gabe der Heilung zeigen, denn der Teufel weiß das alles sehr wohl zu imitieren«. Die Geschichte der Erweckung in Wales und die der Anfänge der Pfingstbewegung in Deutschland haben bewiesen, wie gut der Teufel »sich in einen Engel des Lichts zu verkleiden« und geistliche Gabe zu imitieren weiß, um die Kinder Gottes irrezuführen. Einzig eine solide Kenntnis der Heiligen Schrift und die »Unterscheidung der Geister« aus langer Erfahrung ermöglichen es, seine Listen aufzudecken. Eine rein intellektuelle Kenntnis des Wortes schafft nicht unbedingt die Unterscheidung der Geister - genausowenig wie die »Gabe der Unterscheidung« von der Kenntnis der Heiligen Schrift dispensiert. Dort, wo die Führer der Bewegung beides besitzen, können sich solide und biblisch fundierte Gruppen entwickeln. Unglücklicherweise fehlt vielen Leitern diese umfassende Kenntnis der biblischen Botschaft, da sie oft gerade erst bekehrt und aus einer Kirche hervorgegangen sind, in der das Bibelstudium wenig Raum hatte. Andererseits ist nach ihrer eigenen Aussage die Gabe der Unterscheidung der Geister diejenige, die ihnen am meisten fehlt und nach der sie an erster Stelle streben.

Im 1. Korintherbrief zeigt folgende Erklärung, worauf bei den geistlichen Gaben zu achten ist: »Was aber die Geistesgaben betrifft, ihr Brüder, will ich euch nicht in Unkenntnis lassen« (1. Kor. 12, 1). Die Unkenntnis öffnet die Tür zur Verführung (V. 3). Die Erfahrung hat gezeigt, daß Menschen ernsthaft durch Unkenntnis in die Fallen des Widersachers fallen konnten. Sobald man sich nicht einzig und allein auf das Wort Gottes verläßt, erklärt K. Hutten, wird die tödliche Gefahr heraufbeschworen, daß man sich fremden Mächten ausliefert, die unter frommer Flagge, aber deshalb desto verführerischer ihr unheilvolles Werk tun65.

Es ist also zu befürchten, daß die Schwärmerei unter den Gruppen Schaden anrichtet, die Prophezeiungen und Botschaften in Zungen großen Raum geben, und daß dämonische Geister sich in die Reihen der Kinder Gottes einschleichen, um sie unter dem Deckmantel einer größeren Spiritualität zu verführen. Nur durch wirkliche Demut der Führer und regelmäßiges Studium der Heiligen Schrift werden sie den Versuch des Feindes vereiteln können, die Bewegung in die Irre zu führen, wie er es mit so vielen Erweckungen gemacht hat, die gut angefangen hatten.

9. Theologie der Erfahrung

Seit Jahrhunderten schwankt die Theologie zwischen Erfahrung und Lehre, zwischen der Vorherrschaft des Gefühls und des Rationalen, zwischen dem Gelebten und seiner Formulierung. Auf den Überschwang der »religiösen Erfahrung« (W. James) folgte die Reaktion Barth's mit seiner massiven Festigung des Dogmatischen. Aber schon ist das Pendel auf die andere Seite hinübergeschwungen. Unsere Epoche will »Gott von Angesicht zu Angesicht sehen«. Sie mißtraut Theorien und leeren Formeln, die Dogmen sind unseren Zeitgenossen gleichgültig, sie fühlen deren innere Leere und suchen nach einer realen Gegenwart Gottes in ihrem Leben. »Bei der charismatischen Erneuerungsbewegung haben wir es weitgehend mit einem Hunger nach Gott zu tun.«66

Wir müssen diesen Hunger ernst nehmen. In der Bibel kommt man immer durch ein existentielles Engagement des ganzen Seins zur Erkenntnis. »Wenn jemand den Willen meines Vaters tun will, wird er erkennen ... « (Joh. 7, 17). Doch gibt sich dieselbe Bibel als die einzige Norm für den Wert jeder religiösen Erfahrung aus. »Jede Erfahrung, die nicht in den Rahmen der Schrift hineinpaßt«, sagen uns sogar die Pfingstler, »muß als falsch gebrandmarkt werden, so eindrucksvoll sie auch sei.«87 Wenn es nicht so ist, hat nicht die Schrift, sondern die Erfahrung das letzte Wort. Nun, sobald wir die religiöse Erfahrung über die Schrift stellen, und wenn wir aus der Erfahrung die Quelle neuer Offenbarungen machen, sind wir auf der schwärmerischen Linie. Einer Erfahrung, die eine große Anzahl von Glaubenden gemacht hat, einen normativen Wert für andere Christen beizumessen, wenn es diese Erfahrung in der Schrift nicht gibt - das heißt, den soliden Boden des biblischen Glaubens zu verlassen und auf dem gefährlichen Weg der Schwärmerei zu gehen. Die Pfingstbewegung hat dies zumindest teilweise getan, und es ist bekannt, welchen Preis sie für diesen Irrtum bezahlen mußte.

Das Zusammengehen von Pfingstbewegung und Katholizismus im 20. Jahrhundert akzentuiert die Gefahr. In der Tat spielten seit langer Zeit die Offenbarungen, die die Mystiker in ihren Visionen zu haben vorgaben, sogar wenn sie nicht offiziell den Wert des Dogmas hatten, in der katholischen Volksfrömmigkeit eine große Rolle. Man braucht nur an die Beliebtheit von Lourdes, Fatima, Konnersreuth oder Lisieux

zu denken, um sich über das Vertrauen klarzuwerden, das unmittelbaren »Offenbarungen« entgegengebracht wird.

Nun, das Konzil Vatikanum II hat gerade offiziell den normativen Wert dieser Art Offenbarungen gerechtfertigt. Zwei Thesen Kardinal Newmans, des berühmten Wegbereiters des Neo-Katholizismus, wurden von den Konzilsvätern angenommen: 1. die Vorstellung, daß Intuition Quelle nicht-geschriebener Offenbarung sein kann, die dem Christen durch Gebet, Ekstase oder Meditation neue Wahrheiten eröffnet; 2. der Begriff der progressiven Offenbarung: »Diese Tradition, die von den Aposteln kommt, setzt sich in der Kirche unter Mitwirkung des Heiligen Geistes fort: tatsächlich nimmt die Wahrnehmung von übermittelten Dingen wie von Worten zu, sei es durch Kontemplation und Studium der Glaubenden, die sie in ihrem Herzen bewegen (vgl. Lk. 2, 19+51), sei es durch die innere Einsicht, daß sie geistliche Dinge prüfen, sei es durch die Predigt derer, die mit der episcopalen Sukzession ein gewisses Charisma von Wahrheit empfingen. So strebt die Kirche, während die Jahrhunderte dahingehen, konstant der Fülle der göttlichen Wahrheit zu, bis in ihr die Worte Gottes erfüllt sind.«68

So ist die religiöse Erfahrung Quelle von Offenbarung, und für bestimmte katholische Theologen ist die Heilige Schrift nichts weiter als ein Formulierungsversuch der religiösen Erfahrung geweihter Autoren. An diesem Punkt sind sich die Progressiven und die Charismatiker einig. »Auf völlig verschiedenen Wegen und aus ganz anderen Gründen sind die charismatischen und die liberalen Katholiken fast am selben Punkt angelangt. Bei beiden sind die inneren Realitäten dabei, über die äußere Autorität die Oberhand zu gewinnen« (D. F. Wells)69. Wells zeigt, daß das Buch von K. u. D. Ranaghan ein Beweis für eine »Gleichgültigkeit in der Lehre« ist. »Die Ideen, die sie hervorheben, werden oft eher durch Erfahrungen gerechtfertigt, als durch die biblische Lehre ... Jeder kann die Erfahrung von Pfingsten machen, wie auch sein Glaube sei ... Sogar, wenn sie keines der wesentlichen Dogmen des christlichen Glaubens für sich annehmen, bleibt nach den beiden Ranaghans die religiöse Erfahrung und sogar die charismatische Erfahrung möglich. Die Erfahrung selbst ist das Wichtige, was auch immer der Rahmen sei, in dem sie steht, denn die religiöse Erfahrung sorgt selbst für ihren Rahmen. Die Lehre der Heiligen Schrift ist in dem Maße nützlich, wie sie mit der Erleuchtung zusammenfällt, die aus der Erfahrung kommt; aber die Lehre ist nicht immer wesentlich wichtig zur Bestimmung, wie die Erfahrung vor sich gehen soll.«70

Hier haben wir ganz bestimmt eine der wesentlichen Gefahren der Bewegung vor uns.

F. Schaeffer zieht die Parallele zwischen den Charismatikern und den Liberalen: »Die modernistischen Theologen glauben nicht an die Verbindlichkeit der biblischen Aussagen und an religiöse Wahrheit. Bei ihnen handelt es sich in Wahrheit um Existenzialisten, die eine theologische, christliche Terminologie benutzen. Daraus folgert, daß sie mit allen anderen erfahrungsorientierten Gruppierungen, die sich einer religiösen Sprache bedienen, Gemeinschaft haben können.

Im Neupfingstlertum hat eine Preisgabe oder zumindest Verwässerung biblischer Inhalte stattgefunden. Bislang war es die christliche Praxis, eine Person auf der Basis dessen anzunehmen, was er glaubt. Heute werden die äußerlichen Manifestationen zum Kriterium erhoben. Fragen, die bisher für wichtig genug angesehen wurden, um Unterschiede zu markieren - und das gilt bis zurück zur Reformation und noch weiter -, werden heute unter den Teppich gekehrt. Es scheint, daß bei der neuen Pfingstbewegung, genau wie bei den Modernisten, bei wichtigen Lehrfragen völlig entgegengesetzte Standpunkte eingenommen werden können - und beide als richtig akzeptiert werden. Mit anderen Worten: Inhalte zählen nicht, wenn nur die äußeren Zeichen und die religiöse Emotion vorhanden sind.

Wenn wir die jungen Menschen ansehen, die dieser neuen Pfingstbewegung verhaftet sind, können wir bestimmt nicht zu dem Schluß kommen, daß viele von ihnen überhaupt keine Christen seien. Ich bin ganz sicher, daß viele von ihnen wirklich Christen sind. Aber auch dies ist wahr: Wo wir diesen jungen Menschen begegnen, haben wir es immer wieder mit dem Faktum zu tun, daß viele von ihnen einen Glauben ohne rechten Inhalt haben. Die Erfahrung ist alles. Gefühl (oder Emotionalismus) ist die Grundlage.«71

Diese Feststellung trifft auch viel junge Leute im evangelikalen Bereich: kaum bekehrt, stürzen sie sich kopfüber in einen Aktivismus, der ihnen für das Studium des Wortes Gottes gar keine Zeit mehr läßt, derart, daß sie »Unmündige bleiben, wie auf Wellen hin und her geworfen werden und umhergetrieben sind von jedem Wind der Lehre« (Eph. 4,14).

Was in der charismatischen Literatur besonders auffällt, ist ein Übermaß an Zeugnissen über Erfahrungen, vor allem über außerordentliche Erfahrungen72. Jeder gibt ihr die lehrmäßige Interpretation, die am besten mit der Katechismus-Lehre übereinstimmt, die er empfangen hat. Bei genauer Analyse hat die geistige Formulierung wenig Gewicht, »das ist Sache der Theologen« - in der Art wie: Es ist die Sache der Botaniker, die Blumen zu klassifizieren und zu etikettieren ... »Unsere Sache ist es, die Erfahrung zu leben, Gott zu loben und das, was wir empfangen haben, für das Leben fruchtbar zu machen.«

Und doch findet man in diesen Zeugnissen alle Art von Behauptungen. Eine Nonne sagt, daß sie »mit Hilfe der Techniken und der Spiritualität des Zen-Buddhismus versucht hätte, eine innere, tiefe Stille und die notwendige Loslösung zu schaffen, um aus dem Antrieb des Heiligen Geistes leben zu können.« Sie erklärt, daß die Geistigkeit der Charismatischen Bewegung, die ihr die Möglichkeit gab, sich »intensiv von der Gegenwart Gottes erfüllt« zu fühlen, und die des Zen dem nicht entgegenstehen. Im Gegenteil, sagt sie, »wie Pater Jonston es in seinem Buch Zen und Erkenntnis Gottes gezeigt hat, kann diese Spiritualität dem Christen helfen, in die von Jean de la Croix beschriebenen mystischen Wege einzutreten«79. Die Jesuiten entdecken in Ignatius von Loyola einen Vorläufer der Charismatiker. Die Geistlichen Übungen werden zu einem Brevier der Heiligung.

Bei Zeugnissen dieser Art versteht man die amerikanischen Lutheraner, die die Bewegung als eine »Vereinigung« bezeichnet haben, »die nicht auf der objektiven Wahrheit, sondern auf der eminent subjektiven Erfahrung beruht ... Es ist die Rückkehr zum mittelalterlichen, sentimentalen und verweichlichten Mystizismus«74.

Der hohe Rang, den die Erfahrung dabei einnimmt, birgt auch die Gefahr in sich, einen Gärungsstoff der Trennung in die Kirchen hineinzutragen; denn da, wo die Heilige Schrift nicht mehr die einzige Norm ist, kann jeder tun, was »der Geist ihm eingibt«, d. h., »was ihm gut scheint« (Ri. 17, 6). Nun, diese privaten Initiativen sind nicht immer von einer solchen Inspiration, wie sie vorgeben. Die religiöse Erfahrung ist eine zu unsichere und zerbrechliche Basis für eine beständige Einheit. »Allein die Heilige Schrift liefert uns den objektiven Faktor in der religiösen Erfahrung, und das bewahrt uns vor falschen Lehren. Wenn wir die Heilige Schrift ignorieren, indem wir die Erfahrung zum Kriterium der Wahrheit machen, werden wir dem Druck von Lehren ausgeliefert sein, die uns weit von Christus wegführen können, an den wir doch glauben wollen ... Im 16. Jahrhundert hat die Wiederentdeckung dieser zweifachen Wahrheit »Geist und Wort« zur Wiederentdeckung der Erkenntnis Gottes geführt. Das Evangelium von der Gnade, das in den Seiten der Heiligen Schrift verborgen ist und durch den Heiligen Geist erhellt wird, wurde wiederentdeckt: Das kann und soll auch unsere Erfahrung werden« (D.-F. Wells)75.

Wenn die charismatische Bewegung weiterhin die Erfahrung, und besonders diese nicht-biblische Erfahrung einer »zweiten Segnung«, so sehr betont, und noch dazu nicht-biblische Dogmen des Katholizismus und des protestantischen Liberalismus aufnimmt, droht sie eine der gefährlichsten Verführungen unserer Zeit zu werden. Sie ist der Wahrheit so nahe und bietet ihren Anhängern so viel auffälligere »Erlebnisse« als eine einfache biblische Gemeinde ihren Gliedern; zudem fordert sie nicht die Opfer, die das persönliche Engagement in einer evangelikalen Gemeinde mit sich bringt. Sie wird also für jeden, der ein Leben der Fülle und Kraft sucht, eine unleugbare Anziehungskraft haben. Während die unsichtbaren Dienste und unauffälligeren Segnungen Gottes in nicht-charismatischen Gemeinden leicht übersehen werden.

Wenn diese Versammlungen mit jenen der Gemeinde konkurrieren, schafft die Bewegung leicht Schwierigkeiten, denn man fühlt sich immer mehr von Begegnungen angezogen, wo es anscheinend unmittelbare Außerungen des Heiligen Geistes in einer Art happening gibt, als durch Bibelarbeiten oder Gebetsversammlungen, bei denen scheinbar nichts passiert. Wir bestreiten nicht die Realität der geistigen Erfahrung der Charismatiker, sondern ihre biblische Interpretation, die daraus eine bestimmte obligatorische Etappe des geistigen Weges jedes Gläubigen macht.

10. Zweite Erfahrung

Was die Gefahr der charismatischen Bewegung scharf akzentuiert, ist, daß die zentrale Erfahrung nicht die biblische Bekehrung ist, sondern eine zweite Erfahrung, genannt »Geistestaufe« oder »Ausgießung des Geistes«. Clark Pinnock, dessen Sympathie für die Neo-Pfingstbewegung wir bereits feststellten, sagt: Ein Grundelement der pfingstkirchlichen Theologie ist die Behauptung, daß der Glaubende nach seiner Bekehrung nach einer »Geistestaufe« streben muß, um Vollmacht im christlichen Dienst zu erlangen und alle notwendigen charismatischen Gaben zu bekommen.« Die Charismatische Bewegung hat nun diese pfingstkirchliche Doktrin mehr oder weniger im ganzen aufgenommen. Hoekema versichert: »Diese Lehre ist so fundamental, daß, wenn sie weggenommen wird, der verbleibende Rest nicht mehr Neo-Pfingstbewegung ist.«76

Nach dieser Lehre nun empfangen wir den Heiligen Geist erst nach unserer Bekehrung während einer zweiten Erfahrung, genannt Geistestaufe, die normalerweise durch das Zungenreden gekennzeichnet ist.

Dieser Lehre wird durch die Heilige Schrift an folgenden Punkten widersprochen:

1. Alle Glaubenden erhalten den Heiligen Geist in dem Augenblick ihrer Wiedergeburt.

»Wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein« (Röm. 8, 9), er ist nicht von neuem geboren (Joh. 3, 5 f.), er hat keine Heilsgewißheit (Röm. 8,16), er hat nicht das ewige Leben (vgl. Joh. 17,3 und 1. Kor. 2, 11 f.) und kann nicht auf die Auferstehung seines Leibes hoffen (Röm. 8, 11). Wir empfangen den Heiligen Geist in dem Augenblick, in dem wir Buße tun (Apg. 2, 38) und an Jesus, unseren Retter, glauben (Joh. 7, 37-39; Röm. 5, 1.5; Gal. 3, 2.14; Eph. 1, 3). Durch den Glauben werden wir zu Kindern Gottes (Joh. 1, 12). Also, »da wir Söhne sind, hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt« (Gal. 4, 6). Wir können diese herrliche Gegenwart des Heiligen Geistes in uns ignorieren (1. Kor. 3, 16; 6, 19) und trotzdem vom Geist getauft sein (1. Kor. 12, 13).

Warum hat denn der Apostel Paulus einmal die Frage gestellt: Habt ihr, als ihr gläubig wurdet, den Heiligen Geist empfangen? (Apg. 19, 2). a)Die Gesprächspartner waren keine Christen, sondern Johannesjünger. b) Es wurde ihm klar, daß diese Leute weder die Früchte noch die Gaben des Geistes besaßen. Überdies führt der Heilige Geist die Glaubenden dazu, einen einzigen Leib zu bilden; und diese Leute lebten an der Peripherie der Gemeinde von Ephesus. Das war für damals nicht die normale Situation, und der Apostel fragte sich zu Recht, ob sie wirklich von neuem geboren seien, d. h., ob sie den Geist Gottes empfangen hatten. Der Fortgang zeigt, daß seine Ahnung stimmte: Diese Epheser haben niemals vom Heiligen Geist reden hören, sie kannten Jesus nicht. Der Apostel spricht vom »Glauben an den, der nach ihm (Johannes dem Täufer) kam, d. h. an Jesus« (V.4). Daraufhin »wurden sie auf den Namen des Herrn Jesus getauft« und empfingen den Heiligen Geist.

2. Der Ausdruck getauft vom Heiligen Geist bezieht sich immer auf die erste christliche Erfahrung, auf die Bekehrung oder Wiedergeburt.

Er wird nur siebenmal in der Bibel verwendet: Johannes der Täufer kündigt diese Taufe durch den Heiligen Geist an, die der Messias schenken wird (Mt. 3, 11; Mk. l, 8; Lk. 3, 16; Joh. 1, 33). Am Tag seiner Himmelfahrt erinnert Jesus an diese Prophezeiung und stellt ihre Erfüllung in naher Zukunft in Aussicht (Apg. 1, 4-8). Der Apostel Petrus erinnert an dieselbe Verheißung, wobei er sie zugleich auf Pfingsten und die Bekehrung der Heiden im Haus des Cornelius anwendet (Apg. 11, 16). Endlich versichert Paulus 1. Kor. 12, 13, daß alle Korinther vom Heiligen Geist getauft worden sind; dieses Ereignis liegt bei allen in der Vergangenheit und bezieht sich auf die Eingliederung in den Leib Christi.

Andere Passagen der Briefe reden von der Taufe, ohne zu präzisieren, ob es sich um die Taufe mit Wasser oder mit dem Heiligen Geist handelt. Meistens können sie sich auf beide beziehen (Röm. 6, 11; Kol. 2, 12 f.; Gal. 3, 26 f.; Eph. 4, 5; 1. Petr. 3, 21). Alle diese Texte setzen die Taufe mit dem Glauben, dem geistlichen Tod und der geistlichen Auferstehung mit Christus, der Vergebung der Sünden und der Annahme als Kinder Gottes parallel. Die Taufe mit dem Heiligen Geist ist also das geistliche Ereignis, das uns das Heil zuspricht und uns in den Leib Christi eingliedert. Nirgendwo werden wir aufgefordert, sie zu suchen oder darum zu bitten.

3. Das Neue Testament kennt keine »zweite Erfahrung» oder »zweite Segnung«.

Es kennt eine ganze Menge Erfahrungen und Segnungen. Die Neubekehrten sollen im Glauben und in der Liebe wachsen, von Stufe zu Stufe steigen und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden; sie sollen sich mit allen Waffen Gottes bekleiden und in Christus immer siegen, gegen die Sünde kämpfen und die Heiligung anstreben. Aber nirgends finden wir einen Hinweis auf eine bestimmte Erfahrung, die uns von einem Stadium zum nächsten hinüberheben würde oder uns die Kraft für den Dienst garantierte. Die Briefe an die Römer oder an die Epheser, die den ganzen Plan Gottes darlegen, kennen diese Etappe nach der Rechtfertigung nicht. Die Heiligung und die Fülle des Geistes, von denen sie reden, sind das Ergebnis eines konstanten und durchhaltenden Lebens mit dem Herrn, nicht einer speziellen Erfahrung, die niemals in irgendeinem Brief genannt wird. Der Empfang der geistlichen Gaben wird nicht mehr an eine besondere Erfahrung geknüpft, die der Glaubende nach seiner Bekehrung zu machen hätte.

Die Lehre von der »zweiten Erfahrung« ist also nicht biblischen Ursprungs. Die Geschichte lehrt uns in der Tat, daß sie nach und nach entwickelt wurde, vom Anfang des 18. Jahrhunderts an, über die Schriften Wesleys, Finneys, Asa Mahans, Torreys. . . Die »Heiligungsbewegung« hat sie in der ganzen Welt verbreitet. Die Erfahrung hervorragender Diener Gottes (Moody, Brengle, Chambers, Gordon, Murray, F. B. Meyer ... ) hat sie gestützt. Die Pfingstbewegung hat sie codifiziert, indem sie der Erfahrung der »völligen Heiligung« und der »Ausstattung mit Macht« das Zeichen des Zungenredens beilegte.

4. Das Zungenreden ist nicht das Zeichen der zweiten Erfahrung.

Die Apostelgeschichte verbindet dreimal die Erfahrungen von Christen mit dem Zungenreden: an Pfingsten (Apg. 2, 4); im Haus des Cornelius (Apg. 10, 46) und in Ephesus (Apg. 19, 6). Jedesmal handelt es sich um eine Erfahrung des ersten Anfangs: das erste Kommen des Geistes über die Kirche (Apg. 2), über die Heiden (Apg. 10), Bekehrung von ehemaligen Johannesjüngern (Apg. 19), also um die Bekehrung und nicht um eine zweite Erfahrung. Dazu erzählt uns die Apostelgeschichte Tausende von anderen Bekehrungen, bei denen das Zungenreden nicht auftrat (Apg. 2, 41; 4, 4; 5, 14; 6, 7; 8, 36; 9, 42; 11, 21; 13, 12.43, 14, 1.21; 16, 14.34; 17, 4.11.12.34; 18, 4.8).

Lukas spricht von vielen Christen, die »vom Heiligen Geist erfüllt« waren, aber außer an Pfingsten sind das Zungenreden und die Fülle des Geistes nirgends miteinander verbunden. Man könnte die gleichen Anmerkungen zu den Briefen machen, in denen das Zungenreden nur einmal erwähnt ist (1. Kor. 12-14), und zwar nicht als Zeichen einer Erfahrung oder der Fülle des Geistes, sondern als eine der geistlichen Gaben, die der Kirche beigelegt sind77.

Darum verwirrt es einen, feststellen zu müssen, daß der Sammelpunkt der charismatischen Bewegung gerade diese Erfahrung ohne solide biblische Grundlage sein soll78. Es ist wahr, daß für viele Menschen diese Erfahrung tatsächlich ihre »Taufe« oder »Ausgießung des Geistes«, d. h. ihre Wiedergeburt ist, aber sie legen diesem Ereignis nicht seinen wirklichen Wert bei. Es ist für sie eine zweite Erfahrung, eine ergänzende Möglichkeit. Wer sie nicht gemacht hat, ist in ihren Augen auch Christ, Christ zweiter Klasse vielleicht, aber trotzdem Christ. Da ja die katholische und einige andere Kirchen versichern, daß sie durch das Sakrament der Taufe wiedergeboren sind und durch das Sakrament der Firmung den Heiligen Geist erhalten haben, sind sie also nach ihrem Dogma gerettet. Nach den Charismatikern fehlt ihnen nur diese Ergänzungserfahrung, damit sie sich völlig an der Freude des Heils freuen und sie anderen weitergeben können.

Mit solchen Behauptungen verlassen wir den biblischen Boden und bewegen uns im Universalismus, Sakramentalismus oder Synkretismus. Jesus hat gesagt: »Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen« (Joh. 3, 3), und das ganze Neue Testament beweist, daß er nicht an ein Sakrament dachte, das automatisch unbeteiligte Wesen retten würde. Die Wiedergeburt ist in der Bibel der Buße, der Bekehrung und dem gewollten Glauben an Jesus Christus zugeordnet. Sobald wir im Glauben annehmen, daß Jesus Christus für unsere Sünden gestorben ist, vergibt uns Gott und schenkt uns seinen Geist. Von dem Augenblick an gehören uns alle Gnadengaben, wir brauchen sie nur im Glauben zu ergreifen. Jedes Privileg, das wir uns auf diese Art aneignen, läßt uns in Christus wachsen, aber keine Erfahrung verleiht uns eine plötzlich eintretende Reife.

Hal Lindsey schreibt: »Manche gelangen zu der Auffassung, es bedürfe einer bestimmten Glaubenserfahrung, um ein reifer Christ zu werden. Diese Auffassung ist gefährlich; sie kann dem Schwarmgeist Tür und Tor öffnen. Das Christenleben ist ein Reifungsprozeß. Wir sollen in der Gnade und der Erkenntnis Christi wachsen. Es gibt heute viele Christen, besonders unter den Jugendlichen, die gleich alles auf einmal besitzen möchten. Manche suchen nach einer Erfahrung, durch die sie sofort imstande wären, völligen Sieg über das Fleisch zu erleben und keine Versuchungen mehr zu haben. Sie möchten große Kraft und Weisheit besitzen und ganz schnell mehr wissen als ihre geistlichen Lehrer und Gemeindeleiter«79.

Aber keine Erfahrung dispensiert uns von dem täglichen Weg mit dem Herrn, von dem fortlaufenden Gehorsam seinen Weisungen gegenüber und vom Leben in der Gemeinschaft mit den Brüdern. Nur diese Faktoren sichern uns eine wirkliche Reife und die wahre Fülle des Geistes zu. Die Abkürzungen, die uns angeblich von der notwendigen Anstrengung befreien, Schritt für Schritt im Glauben und Gehorsam zu gehen, führen nicht zum gleichen Ziel wie der Weg, der von Jesus und den Aposteln vorgezeichnet ist, selbst wenn sie uns durch herrliche Landschaften und erregende Erfahrungen gehen lassen. Gott gibt den Heiligen Geist »denen, die ihm gehorchen« (Apg. 5,32). »In dem Maß, wie wir uns ihm ausliefern, wird er uns erfüllen, durch eine große emotionale Erfahrung oder durch einen stillen und alltäglichen Vorgang« (G. Verwer)80.

Wir haben die Zeichen der Fülle des Geistes nicht in außergewöhnlichen Erfahrungen, sondern in einem erneuerten inneren Leben zu suchen (Eph. 3, 16-19), das die Früchte des Geistes hervorbringt (Gal. 5, 22 f.), das Loben und Danken (Eph. 5, 19 f.), einen umgestalteten Wandel (Eph. 5,22-6,9) und ein durchschlagendes Zeugnis für den Herrn (Mt. 12, 34; Apg. 1, 8).


Teil 1: Die Geschichte der charismatischen Bewegung


Quelle: Alfred Kuen, Die charismatische Bewegung, R. Brockhaus-Verlag, 1976, ISBN 3-417-00618-X, (das Buch ist vergriffen)


[Zurück] Hinweis: Wir teilen nicht in allen Punkten die Beurteilung von Alfred Kuen. Vor allem seine positive Einschätzung der Katholischen Kirche können wir nicht mittragen



| zum Textbeginn |


Copyright (C) 1976 by Alfred Kuen, EFG-Berlin-Hohenstaufenstr.
Alle Rechte vorbehalten. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
Dieses Papier ist ausschließlich für den persönlichen Gebrauch bestimmt.
URL: http://www.efg-hohenstaufenstr.de/downloads/texte/cb_beurteilung.html
Ins Netz gesetzt am 28.02.2004; letzte Änderung: am 07.06.2016
Home | Links | Downloads | Webmaster