"Verstehst du auch, was du liest?"

Von der bleibenden Notwendigkeit theologischer Arbeit in der Gemeinde

von Dr. Kim Strübind [ 1 ]

(Druckversion)

Die Frage des Kämmerers aus Äthiopien ist Gold wert, theologisches Gold. Denn in der Theologie geht es wesentlich um die Frage nach dem "Verstehen" des Glaubens. Das meint mehr als das bloße Aneignen von Wissen. Was wir verstanden haben, das "begreifen" wir zugleich. Den Glauben zu begreifen und von ihm ergriffen zu werden, ist das Ziel aller Theologie. Sie ist notwendig, denn der Glaube versteht sich nicht von selbst! Man kann ihn auf vielfache Weise missverstehen: In der Gestalt "ungesunder" (1Tim 4,2) und manchmal sogar ungenießbarer Lehre kann der Glaube zum Aberglauben oder zur Ideologie werden und alles andere als heilsam sein. Darum braucht eine Gemeinde Theologie: Ein nach Begründungen und Zusammenhängen suchende Nachdenken über das Wesen, den Grund und die Folgen der Einladung Gottes, unser Leben Jesus Christus anzuvertrauen.

 

Theologie und Bibel

Der Glaube ist in der Bibel stets begründetes Vertrauen auf Gott, und die Bibel ist weitgehend eine geistige Auseinandersetzung mit dem missverstandenen Glauben und seinen fatalen Konsequenzen. Theologie als konsequentes Nachdenken über den Glauben und die Erfahrungen mit Gott ist eine uralte und zutiefst in der Bibel verankerte Kunst und bleibende Aufgabe. Sowohl der jüdische als auch der christliche Glaube offenbaren ihr Wesen durch "Schriftauslegung" (Exegese). Im hörenden Nachdenken nimmt unser Leben Teil an dem jahrtausendealten Gespräch von Gott und Mensch, das wir in den einzigartigen Texten der Bibel vorfinden. Gott hat gerade diesen Weg gewählt, um sein Wort zu offenbaren.

Es gibt verschiedene und gleich berechtigt nebeneinander stehende Weisen des Bibellesens. Die elementaren Wahrheiten erschließen sich jedem auch ohne eine entsprechende Vorbildung. Die Lebens- und Glaubensweisheit der Bibel begegnet uns freilich in einer hoch verdichteten Form. Der Bibelkanon enthält nicht nur einzelne goldene Worte, sondern kleinere und größere Texte, die als Gesprächsbeiträge aufeinander bezogen sind. Jeder einzelne dieser Texte ("Bücher") ist wiederum in sich ein kunstvolles Werk, dessen Zusammenhänge sich einer flüchtigen Lektüre nicht erschließen.

Die jüdische Schriftauslegung hat seit dem frühen Mittelalter viele dieser Schätze ans Licht gebracht, ebenso die Bibelwissenschaften, die in den vergangenen 200 Jahren das enge Korsett des kirchlichen Auslegungsmonopols abgestreift hat und durch konsequente historische Arbeit den ursprünglichen Sinn vieler Bibeltexte und ihre Überlieferungsgeschichte ans Licht brachte. Diese Arbeit ist noch lange nicht abgeschlossen. Den Grund der Bibelwissenschaft hatte die Reformation mit ihrer Forderung gelegt, dass die Bibelauslegung dem wörtlichen Sinn der Texte und nicht länger den allegorischen Phantasien kirchlicher Dogmatik zu folgen habe.

 

Theologie und Gemeinde

Theologie wird oft als "Universitätstheologie" verstanden (was sie auch ist) und ist gerade in unseren Kreisen manchmal mit einem erheblichen Misskredit belastet. Die Vorbehalte ihr gegenüber lauten: Sie sei lebens- und gemeindefern; ihr sei wegen ihrer kritischen Fragen nicht zu trauen und ihre komplizierte Sprache und Ausdrucksweise gilt als nicht gerade einladend.

Trotz dieser Vorbehalte: Eine eigene Theologie als Gottes- und Selbstverständnis hat jeder und jede von uns, selbst wenn uns dies nicht immer bewusst ist. Die Gemeinde ist ein Ort, an dem unser Verständnis des Glaubens geweckt, vertieft und verändert wird. Weil wir nicht alles gleich und auch nicht gleich alles verstehen, darum ist die gemeinsame theologische Arbeit in der Gemeinde ein lebenslanges Unterfangen. Schon deshalb hat die Theologie ein unbedingtes Bleiberecht in der Gemeinde und ist nicht nur etwas für Spezialisten. Ziel des "speziellen Priestertums" (Pastoren) muss daher sein, das "allgemeine Priestertum" in seiner geistlichen Kompetenz und seinem Urteilsvermögen zu stärken und damit zur Mündigkeit der Gemeinde beizutragen.

 

Die gute alte Bibelstunde - ein vernachlässigtes Juwel!

Zu den "Klassikern" theologischer Gemeindearbeit gehört die nach wie vor unverzichtbare Bibelstunde. Sofern sie nicht abgeschafft wurde, besteht sie meist in Erarbeitung zusammenhängender Texte oder einzelner Themen.

Die fortlaufende Erschließung eines biblischen Buches bleibt meiner Ansicht nach unerlässlich. Aus dem Kontext herausgelöste Abschnitte erschweren es dagegen der Gemeinde, Zusammenhänge zu erkennen. Wer sich stets auf Neue mit der jeweiligen Situation vertraut machen muss, wird nur in den seltensten Fällen ein Verständnis für das Textganze entwickeln können. Die Verfasser der Bibel haben jedoch etwas je Eigenes zu sagen, das in seinem Zusammenhang wahrgenommen sein will und oft erst so verständlich wird. Markus ist eben nicht Matthäus, und Johannes nicht Paulus!

Eine fortlaufende Textauslegung bindet die Beteiligten in einen überschaubaren innerbiblischen Zusammenhang ein und kann wie ein "Fortsetzungsroman" Interesse am weiteren Verlauf der Auslegung wecken. Biblische Texte sind dann nicht so leicht als Steinbruch für religiöse Lieblingsideen zu missbrauchen, wenn wir berücksichtigen, dass jedes Buch der Bücher auch über ein eigenes theologisches Konzept verfügt, das im Konzert anderer biblischer Stimmen zunächst einmal für sich gehört sein möchte. Wir sollten Bibeltexten zugestehen, was wir auch einander gönnen: Dass man sich aussprechen lässt!

 

Theologie als Schriftauslegung

Als in der Schrift verwurzelte "Lehrer" haben wir Pastoren die oft nicht gleich erkennbaren Absichten der biblischen Autoren für die Gemeinde zu "entbergen", um als "Schriftgelehrte des Himmelreiches aus dem Schatz Neues und Altes hervorzuholen" (Matth 13,52). Oft muss dazu erst einmal der Schutt an traditionellen Auslegungen und orthodoxen Richtigkeiten der eigenen (frei-)kirchlichen Überlieferungen abgeräumt werden, der sich mit der Zeit über viele Texte gelegt hat.

Bibelstunden sind kein religiöses Fast-Food. Sie entfalten ihren Eigengeschmack und ihre Frucht in einer Langzeitwirkung. Im Zusammenhang der Bibelstunden in unserer Gemeinde machen wir die Beobachtung, dass die Teilnehmenden mit der Zeit ein geschultes Auge für Zusammenhänge, Verse, Begriffe und Vorstellungen entwickeln; dass sie sensibel werden, für die im Text versteckten und meist alles andere als nebensächlichen Hinweise, und dass ihr Glauben an Urteilsvermögen sowie an geistiger und sprachlicher Ausdruckskraft gewinnt.

Bibelarbeit ist damit elementare Bildungsarbeit jeder Gemeinde und, wenn sie nicht nur als "Textarchäologie" betrieben wird, ein nach wie vor spannendes und lohnendes Unterfangen. Ziel muss es sein, die Glaubensfragen und -antworten der biblischen Autoren präzise herauszuarbeiten, die oft auch unsere Fragen vorwegnehmen. Wer einmal die Weite biblischer Glaubensentfaltung kennen gelernt hat, wird sie nicht mehr missen wollen. Sie ist bester Schutz vor der Vereinnahmung durch radikale religiöse Ideologen.

Ich bin sicher: Die Bibelstunde hat Zukunft! Sie erhöht Kompetenz und Urteilsvermögen und ermöglicht ein langfristiges Wachstum im Glauben, das alle Bibelarbeiter/innen für ihre Mühen durch Verstehen und Begreifen reichlich entschädigt. Damit dies geschieht, ist es wichtig, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen den Pastoren und ihren Gemeinden besteht, in dem das offene Gespräch seinen festen Raum hat, in dem die Fragen und Antworten der biblischen Texte hier ihre Fortsetzung finden.

 

Weitere theologische Angebote

Bewährt hat sich neben der Bibelstunde auch ein Bibelkunde-Seminar, das wir ein dreiviertel Jahr lang wöchentlich als theologische "Literatur- und Geistesgeschichte" durchgeführt haben, um gezielt Bibelwissen zu vermitteln. Der Einblick in die Forschungsarbeit zu den Hintergründen und den theologischen Hauptanliegen alttestamentlicher Bücher hat zu vielen "Aha-Erlebnissen" geführt. Für viele Gemeindemitglieder war dies eine Einladung, sich neu mit dem Alten Testament zu beschäftigen. In einem "Selbsttest", der am Anfang jeder Stunde stand, konnte jeder das persönlich gelernte Wissen für sich überprüfen.

Abgesehen von diversen Gemeindeseminaren (z.B. zu Fragen des Gottesdienstes, Glaubensgrundkurs und das vor der Taufe obligatorische "Taufseminar") gibt es seit fünf Jahren auch einen "Theologischen Lektürekreis" in der Gemeinde, an dem sich jeder nach Lust und Laune beteiligen kann. Auf dem Leseplan standen bisher ein Sammelband zur Theologie des 20. Jahrhunderts, ferner eine "Dogmatik" und derzeit das Werk "Gotteswende" von Heinz Zahrnt. Einzelne Kapitel werden von den Teilnehmenden vorgestellt und dann gemeinsam besprochen. Voraussetzung ist auch hier, dass niemand von einer Meinung "überzeugt" werden soll. Der Glaube hilft sich durch gemeinsames Nachdenken selbst auf die Sprünge.

Die Anschaulichkeit der Theologie kann durch gelegentliche Exkursionen und Reisen gesteigert werden, so etwa durch eine Studienfahrt nach Israel oder eine nach einer vorherigen Lektüre reformatorischer Schriften an die Schauplätze des Geschehens.

Von Beginn unseres Studiums an haben meine Frau und ich uns um die Vermittlung theologischer Einsichten in der Gemeinde bemüht. Aus diesem Grund haben wir vor fünf Jahren zusammen mit Kollegen auch eine eigene Zeitschrift gegründet, deren Titel zugleich Programm ist: "Zeitschrift für Theologie und Gemeinde". Das anhaltende Interesse gerade von vermeintlichen "Nichttheologen" hat uns bis heute zur Weiterarbeit ermutigt.

 

Wozu das alles

Ich bin davon überzeugt, dass die derzeit vielfach gesuchte Erneuerung unserer Gemeinden mit der Entdeckung der Theologie als Schriftauslegung zusammenhängt und nur durch eine neue Hinwendung zur Bibel geschehen kann. Um die Bibel ins Zentrum zu rücken, ist unsere Phantasie und Kreativität gefragt.

Ziel der theologischen Arbeit ist keine Zwei-Klassen-Gesellschaft innerhalb der Gemeinde. Die Grenze verläuft hier nicht zwischen Gebildeten und Ungebildeten, sondern zwischen denen, die der Beschäftigung mit der Bibel Priorität einräumen und dafür Zeit und Kraft einsetzen - und denen, die sich das Beste entgehen lassen!

 

[ 1 ]   Der Autor, Dr. Kim Strübind (München), ist Pastor im "Bund Evangelisch Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland".

 

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Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden "Die Gemeinde" Nr. 8/2001
Dieses Papier ist ausschließlich für den persönlichen Gebrauch bestimmt.
URL: http://www.efg-hohenstaufenstr.de/downloads/bibel/bibelstunde.htm

 


Ins Netz gesetzt: 4.7.2001; letzte Änderung: 27.11.2001
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