Gemeindedemokratie oder Führungsverantwortung der Ältesten

Dr. Helge Stadelmann, Gießen




In einer seiner berühmten Fabeln erzählt uns Aesop die Geschichte von den Fröschen im Teich. Unbedingt wollten die Frösche einen König haben. Ihr Anliegen brachten sie immer und immer wieder vor Jupiter, bis dieser ihnen schließlich einen ansehnlichen Balken in den Teich warf. Die Frösche waren zunächst begeistert von ihrem Anführer: majestätisch und ruhig schwamm er auf dem Teich umher. Aber nach einiger Zeit kamen ihnen doch bedenken. Was war das für ein Führer, auf dem man ohne Gegenwehr herum springen konnte, der sich immer nur an der Oberfläche treiben ließ und nichts von sich gab! So gingen sie wieder zu Jupiter: „Wir wollen einen starken Führer“ , sagten sie, „einen, der Macht ausübt und Initiative ergreift!“ „Gut“ , sagte Jupiter nach einigem Zögern, „ ihr sollt Euren starken Führer bekommen!“ Und so schickte er ihnen den Storch an den Teich. Wieder waren die Frösche begeistert. Ihr Storch war von imponierender Größe, und er stakte majestätisch im Teich herum. Er machte Lärm und viel Wind und zog alle Aufmerksamkeit auf sich. Von ihm ging Initiative aus! Aber dann entdeckten sie zu ihrem entsetzen, dass dieser König eine sehr problematische Seite hatte: er begann seine Untertanen einen nach dem anderen aufzufressen...

Diese Fabel zeigt uns ein Dilemma, das wir Menschen immer wieder mit Macht und Führerschaft gehabt haben. Auf der einen Seite gehen Führung und Autorität weithin verloren – und dann fällt man in das andere Extrem und wählt die Tyrannei.

Auch die christliche Gemeinde stand immer wieder in der Gefahr, sich dem jeweiligen Zeitgeist anzupassen und den Führungsstil der politischen Umwelt zu übernehmen. In den Zeiten absoluter Monarchie prunkte die Kirche mit fürstlichen Bischöfen. In den Jahren des „Dritten Reiches“ wollten manche Freikirchen das „Ein-Mann-Führerprinzip“ einführen. Und heute geben sich unsere Gemeinden gerne „demokratisch“ – ganz so, als ob das demokratische Prinzip von der Bibel für den Gemeindebau erfunden worden wäre.

Und man weiß dann auch, Argumente für Gemeindedemokratie zu nennen: Nur wenn die ganze Gemeinde demokratisch über alle Fragen der Gemeindeführung entscheidet, so sagt man, wird das „Priestertum aller Gläubigen“ ernst genommen. Jedes Gemeindeglied habe schließlich den Heiligen Geist und müsse deshalb mitbestimmen. Und im übrigen: Je weniger Menschen an einem Entscheidungsprozeß beteiligt seien, desto geringer werde auch die Chance der Korrektur. Die Argumente können übrigens auch platter werden. So las ich in einer Zeitschrift zu diesem Thema: „Ich möchte in meiner Meinung ernst genommen werden, auch da, wo sie von der einiger leitender Geschwister abweicht.“ Mündlich kam mir ein ähnliches Argument einmal folgendermaßen zu Ohren: „Die da oben haben mir nichts zu sagen. Vor Gott sind wir alle gleich.“ Gemeindedemokratie – oder Führungsverantwortung der Ältesten?

Im Hebräerbrief, Kapitel 13, Vers 17 finden wir dazu eine wichtige Aussage. In einer angefochtenen Lage, wo jeder in der Gemeinde drauf und dran war, seine eigenen Wege einzuschlagen, gibt da Gottes Wort folgende grundsätzliche Mahnung: „Gehorcht euren Führern und fügt euch ihnen, denn sie wachen über eure Seelen als solche, die Rechenschaft geben sollen, damit sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen, denn das wäre schädlich für euch.“ (Hebr 13,17).

Drei Grundsätze werden uns in diesem Bibelwort ans Herz gelegt:

 

1. Die Führungsautorität der Ältesten soll von der Gemeinde anerkannt werden

Sehr deutlich - ja, für manche modernen Ohren ungewohnt und provozieren – klingt es gleich zu Anfang unseres Bibelwortes: „Gehorcht Euren Führern und fügt euch ihnen...“ (V. 17 a). Wer sind denn diese „Führer“, denen man gehorchen und sich fügen soll? Ein wenig hilft uns in dieser Frage der Zusammenhang in Hebr 13 weiter. In Vers 24 wird den Christen der hebräischen Gemeinden, an die der „Hebräerbrief“ gerichtet ist, gesagt: „Grüßt alle eure Führer und Heiligen...“. Hier wird also zwischen „den Heiligen“, d.h. den Gemeindegliedern, und ihren „Führern“ unterschieden. Und in Vers 7 des gleichen Kapitels war schon gesagt worden: „Gedenkt an eure Führer, die euch das Wort gesagt haben...“ Die „Führer“ sind also solche in der Gemeinde, die der Gemeinde biblische Lehre und Unterweisung geben. Und nach V. 17 sind sie solche, „die über eure Seelen wachen als solche, die Rechenschaft geben sollen.“ Sie sind also das, was Paulus „Hirten und Lehrer“ oder auch „Älteste“ bzw. „Aufseher“ nennt. Diese Ältesten sollen die Glieder der Gemeinde nun nach Gottes Willen „gehorchen und sich ihnen fügen“. Schnell mag da das bibelkritische Argument kommen: „Aber das kann man doch heute nicht mehr so sehen! Wir sind doch mündige Menschen, die das obrigkeitliche Denken längst überwunden haben! „Gehorchen“ und „Sich-Fügen“ – da sehe ich mich in meiner Würde und Selbstverwirklichung nicht ernst genommen.“ Aber bekanntlich ist es bedenklich, wenn wir unsere wechselnden, vom Zeitgeist beeinflussten Einsichten über das Wort Gottes stellen. Die Gemeinde ist nicht das Exerzierfeld unserer Ideen, sondern sie ist die durch Christi Blut erworbene Heilskörperschaft, mittels derer – so hat Paulus einmal gesagt (Eph 3,10) – „Gott SEINE mannigfache Weisheit zeigen will“. Es geht also nicht darum, dass unsere zeitbedingten Weisheiten in der Gemeinde Einfluss gewinnen, sondern dass Gottes Wille nach seiner Weisheit geschieht.

Und Gott sagt es ebenso unzeitgemäß wie klar: „Gehorcht euren Führern und fügt euch ihnen...!“

Im Verlauf der Kirchengeschichte haben sich im Wesentlichen drei Modelle von Gemeindeführung gezeigt, die sich auch heute noch finden. Ich nenne sie einmal mit ihren Fachbezeichnungen:

- Da ist zum einen das EPISKOPALE MODELL, d.h. das bischöfliche Modell.

Manche der Großkirchen etwa meinen, es sei biblisch, dass ein Bischof mit seinem hierarchischen Apparat eine aus vielen Einzelgemeinden bestehende Kirche leitet. Man nennt dies auch: das „monarchische Episkopat“. Ich bin allerdings der Meinung, dass sich im Neuen Testament eine solche Ordnung noch nicht findet. Das Wort „Bischof“ oder „Aufseher“ ist im Neuen Testament austauschbar mit dem Begriff „ Ältester“ und bezeichnet einen von mehreren Leitern einer örtlichen Gemeinde. Ich selbst gehöre ja zum Bund der Baptisten. Ich glaube zwar nicht, dass wir als Baptisten in der Gefahr stehen, uns einen „Bischof“ für unseren Bund zu wünschen. Allerdings müssen wir aufpassen, dass in unserem Bund die Verkirchlichung auf Kosten der Selbständigkeit der Ortsgemeinde nicht fortschreitet und die Bundesstruktur zu einer Art Superstruktur wird, die über die Ortsgemeinden verfügt.

– Zum anderen gibt es das KONGREGATIONALISTISCHE MODELL.

Dieses demokratische Modell geht davon aus, dass in allen Fragen, die Leben Lehre und Weg der Gemeinde betreffen, die „congregatio“, d.h. die (versammelte) Gemeinde, durch Mehrheitsbeschluss zu entscheiden habe. Älteste und Diakone der Gemeinde sind dann lediglich Vollzugsorgane für die Beschlüsse der Gemeindeversammlung. Oberster Souverän ist die Gemeinde, die mehrheitliche Beschlüsse herbeiführt und sich im Grunde selber führt – natürlich (im besten Fall) im Hören auf das, was Gott will. In einer früheren Ausgabe der Baptistenzeitschrift „DIE GEMEINDE“ teilt der Schriftsteller folgendes mit: „In der Stellungnahme unseres Bundes zu den so genannten „Lima–Texten“ (d.h. gewissen ökumenischen Verlautbarungen, HSt) haben wir eine Empfehlung für den „Kongregationalismus“ ausgesprochen, vor allem in Abgrenzung zu einem überhöhten Amtsverständnis“. Man kann gewiss sagen, dass das demokratisch–pluralistische Kongregationalismusmodell heute in vielen Baptistengemeinden als attraktive Lösung für die Zukunft gesehen wird.

Die biblische Begründungen für dieses Modell fallen m. E. aber zumeist recht dürftig aus. Allein ein Vers wie „Gehorcht Euren Führern und fügt euch ihnen“ läßt sich in diesem Demokratiemodell kaum mehr unterbringen. Zur Not muss er umgebogen oder „interpretiert“ oder eben ignoriert werden... Stattdessen aber verweist man als Begründung auf das „Allgemeine Priestertum“ und die „Geistbegabung“ aller Gemeindemitglieder. Nur: besagt die biblische Erkenntnis vom „allgemeinen Priestertum der Gläubigen“, dass jeder in der Gemeinde Führungsaufgaben hat? Oder besagt die Geistbegabung aller Gotteskinder, dass nun „alle gleich“ sind und Gemeindeführung nur noch kollektiv durch die Summe der Geistbegabten erfolgen kann? Macht uns nicht gerade die paulinische Charismenlehre deutlich, dass es sehr verschiedene Geistesgaben gibt, und dass eben nur einige die in 1Kor 12 erwähnten Gaben der Leitung und des Lehrens haben (1Kor 12,28f)! Paulus macht es auch in Römer 12 noch ganz deutlich, dass „nicht alle Glieder dieselbe Tätigkeit haben“ (V.4) und dass es eben die einzelnen Gliedern verliehenen Gaben des Lehrens, des Ermahnens und des Vorstehens gibt (V.7f). Gerade die Charismenlehre führt nicht zu einem Modell kollektiver Gemeindeleitung durch die Mitgliederversammlung. Und wenn in der urchristlichen Gemeinde durch einzelne Gemeindemitglieder „Prophetien“ geäußert wurden – die im Einzelfall ja durchaus göttliche Führungen beinhalten konnten –, war es doch die Aufgabe derer, die die Lehr- und Leitungsverantwortung hatten, zu prüfen und zu entscheiden, ob diese Äußerung wirklich von Gott her kam und daher befolgt werden sollte oder ob man sie auf Grund der Prüfung ablehnen musste. Die mögliche Geistesleitung der Vielen hob die Führung durch Einzelne nicht auf.

– Ich meine, es müsste bei genauem Hören auf das Neue Testament deutlich werden, dass nicht dass kongregationalistische Gemeindedemokratie-Modell der biblischen Gemeindepraxis entspricht, sondern jenes dritte Modell, das sich in der Kirchengeschichte bis heute erhalten hat: Nämlich das PRESBYTERIALE MODELL.

Dieses presbyteriale Modell meint, dass die Leitung der Gemeinde durch ein Kollegium geistlich qualifizierter „Presbyter“, d. h. „ Ältester“, erfolgen soll. Und auch unser Ausgangstext in Hebr 13 bestätigt eindrücklich dieses Modell der Ältestenverantwortung für die Gemeinde: „Gehorcht euren Führern und fügt euch ihnen, denn sie wachen über eure Seelen als solche, die Rechenschaft geben sollen...!“ (V. 17 ). Diese „Führer“ oder „Ältesten“ kommen in der neutestamentlichen örtlichen Gemeinde immer nur in der Mehrzahl vor. So auch in unserem Text: „Gehorcht euren Führern...“ (Mehrzahl!). Eine Ein–Mann–Leitung der Gemeinde gibt es im Neuen Testament nicht. Diesem Ältestenkollegium wird in der neutestamentlichen Offenbarung eine Reihe von Verantwortungen übertragen. Nach Apostelgeschichte 20, 28 ff sollen sie auf die Gemeinde achten, sie vor Irrlehren schützen und sich der Schwachen annehmen. Nach 1Thess 5,12 stehen sie der Gemeinde vor im Herrn und treiben Seelsorge. Nach Titus 1,19 überführen sie die Widersprechenden mit gesunder Lehre (usw.). Und umgekehrt gilt ihnen Anerkennung (1Thess 5, 12), ein besonderer Schutz gegenüber voreiligen Anschuldigungen und Vorwürfen (1Tim 5,17ff), und eben – nach Hebr 13,17 – Gehorsam und Unterordnung. Angesichts dieser gewichtigen Stellung der Ältesten in der Gemeinde verwundert es nicht, dass das Neue Testament (etwa in 1Tim 3 oder Titus 1) lange Listen von geistlichen, persönlichen und lehrmäßigen Eignungskriterien aufstellt, die unumstößliche Maßstäbe für jeden sind, der in diese verantwortungsvolle Ältestenaufgabe gewählt werden soll.

Vielleicht wundert es den einen oder anderen, dass ich – nachdem es nun die ganze Zeit um „Gemeindeleitung“ ging – bisher noch gar nicht die „Diakone“ erwähnt habe. Für uns Baptisten ist es doch ganz klar: „Gemeindeleitung“ – das sind einige wenige Älteste plus eine Schar von Diakonen, die gemeinsam die Leitung der Gemeinde wahrnehmen. Als einer, der als „Diakon“ selbst viele Jahre zur „Gemeindeleitung“ gehörte, möchte ich sagen, dass ich über diese Sache viel anhand des Neuen Testaments nachgedacht habe. Hat in unserer baptistischen Gemeindeleitungspraxis nicht wieder mehr das politisch-demokratische Modell unserer Umwelt Pate gestanden, als die Weisungen des Neuen Testament? Ich habe im Neuen Testament bisher nicht finden können, dass Diakone zur Aufgabe der „Leitung der Gemeinde“ vorgesehen sind. Die Leitungsverantwortung – die Aufgabe, die „Herde zu weiden“ (d.h., ihr Führung, Nahrung und Schutz zu geben), liegt dort in der Hand der Ältesten. In unseren Baptistengemeinden wird aber praktisch jede Entscheidung – soweit sie nicht in der Gemeindestunde fällt – durch das Gemeindeleitungskollektiv getroffen, in dem die Diakone um ein Vielfaches die Stimmenmehrheit haben. Aber wenn dann für die Diakone die Maßstäbe geistlicher, persönlicher und lehrmäßiger Eignungskriterien nicht ganz so hoch angesetzt werden, wie es bei der Wahl eines Ältesten sein würde – ja, wenn mancherorts das Problem dazu kommt, dass Diakone als Interessenvertreter bestimmter Gemeindegruppen gewählt werden –, fragt sich, ob durch solch ein gemischtes Gremium noch Gemeindeleitung im Sinn der geistlichen Qualität erfolgen kann, die das Neue Testament von einer Zahl entsprechen qualifizierter Ältester erwartet.

Wenn ich das biblische Wort richtig verstehe, haben die Diakone nicht eine gemeindeleitende, sondern im speziellen Sinn „dienende“ Funktion. Unter der Führungsautorität der Ältesten haben sie eine Funktion in verschiedenen Bereichen des Gemeindelebens. D.h., ihnen werden von den Ältesten gewisse Aufgaben zugewiesen, die sie in Verantwortung gegenüber ihren Leitern in Treue wahrnehmen. Auch das ist ein Stück Verwirklichung der biblischen Anweisung: „Gehorcht euren Führern und fügt euch ihnen...“ Wir haben nun versucht zu zeigen, was es heißt, dass die Führungsautorität der Ältesten von der Gemeinde anerkannt werden soll. Hier fallen Grundsatzentscheidungen. Und jeder ist persönlich gefragt, ob für ihn die biblische Gemeindestruktur mit Anerkennung der Ältestenautorität gelten soll – auch wenn wir von unserer Zeit her ganz anders geprägt werden. Immerhin: „Gehorcht euren Führern und fügt euch ihnen...“ ist ein Gebot Gottes, der Herr seiner Gemeinde ist. Und diese Gebot beiseite zu setzen, ist nicht nur ein Beiseite-Setzen einiger mit Leitungsaufgaben betrauter Menschen, sondern ein Beiseite-Setzen des Wortes Gottes.

Nun müssen wir aber fragen: Wie kommt es, dass die Bibel von uns die Anerkennung der Führungsautorität der Gemeindeältesten fordert? Das führt uns zu unserem zweiten Punkt:

 

2. Die Führungsautorität der Ältesten liegt in ihrer gottgegebenen Dienstanweisung begründet

Der Vers 17 b begründet die Aufforderung zum Gehorsam gegenüber den Ältesten mit den Worten: „...denn sie wachen über eure Seelen als solche, die (Gott gegenüber) Rechenschaft geben sollen (für die Gemeinde) Die Ältesten haben von Gott her die Aufgabe, über „die Seelen der Gemeindemitglieder zu wachen“. D.h., ihnen ist eine seelsorgerliche und lehrmäßige Aufgabe gestellt: sie haben die Verantwortung dafür, dass die ihnen anvertrauten Seelen geistlich nicht verkümmern und nicht durch falsche Einflüsse – wie es damals bei den Hebräerchristen ja der Fall war bzw. zu geschehen drohte – innerlich Schaden nehmen. Und Gott wird von ihnen einmal Rechenschaft dafür fordern, wie es geistlich mit ihrer Gemeinde gegangen ist. Wahrhaftig keine leichte Aufgabe! Wie viel einfacher ist es doch, schlicht hier und da einmal mitreden zu wollen – ohne vor Gott die Verantwortung fürs Ganze tragen zu müssen. Aber Gott denkt hier in klaren Verantwortungsstrukturen: So wie er uns Männer als „Haupt“ unserer Familien einmal fragen wird, wie es mit unseren Familien gegangen ist, so wird er seine Ältesten einmal fragen, ob sie in seinem Sinn über die Seelen der ihnen in der Gemeinde Anvertrauten gewacht haben. Allerdings ist hierbei eines tröstlich: Gott fordert nicht einfach, dass die „Führer“ der Gemeinde über ihnen anvertrauten Seelen wachen. Vielmehr können wir vom Neuen Testament her davon ausgehen, dass Gott sich seine Ältesten für solche Aufgaben ausgewählt und zugerüstet hat – vorausgesetzt, es sind wirklich solche Männer in das Ältestenamt berufen, die von Gott die entsprechende Hirten- und Lehrgabe erhalten haben, einschließlich all der anderen Qualifikationen, die zu einem Ältesten nach biblischen Maßstäben gehören und die Gott allein verleihen kann.

Ich muss in diesem Zusammenhang nochmals auf das kongregatinoalistisch-demokratische Gemeindeleitungsdenken zurückkommen. Wo dieses Denken herrscht, wird – irdisch gesehen – die Gemeindeversammlung als oberster Souverän ihrer selbst angesehen. Gewiss, sie hat dann u. a. auch „Älteste“, aber diese sind einfach für eine bestimmte Zeit und für eine bestimmte Funktion gewählt und können dann ja auch wieder abgewählt werden. Die Ältesten sind dann demokratische Repräsentanten, die – wenn man das einmal überspitzt ausdrücken darf – von der Gnade der Gemeinde leben. Bei solchem Denken müsste ich aber entschieden protestieren. Die Gemeinde ist keine Demokratie – sondern letztlich eine Theokratie, d. h. ein Bereich, in dem Gott seine Herrschaft ausübt. Gott ist oberster Souverän seiner Gemeinde! Und er erwählt sich bestimmte Menschen, die er für den einen oder anderen Dienst zurüstet und begabt.

Was ist dann die Aufgabe der Gemeinde – etwa bei einer Ältestenwahl? Die Gemeinde hat die bescheidene, aber verantwortungsvolle Aufgabe, die von Gott getroffene Wahl zu erkennen und in ihrer Mitte sichtbare Wirklichkeit werden zu lassen. Ist erkannt, wen Gott zum Ältestendienst berufen und begabt hat, stellt sich die Gemeinde im Symbol der Handauflegung hinter diese Entscheidung Gottes und unterzieht sich entsprechend dem göttlichen Willen. Älteste leben also nicht von der „Gemeinde Gnaden“, sondern von „Gottes Gnaden“. Und so wird in unserem Text die Aufforderung: „Gehorcht euren Führern und fügt euch ihnen ... „auch begründet mit dem Hinweis: „denn sie wachen über eure Seelen als solche, die Rechenschaft zu geben haben“. D.h., weil die Ältesten von Gott ganz bestimmte Aufgaben in Verantwortung für die ganze Gemeinde zugewiesen bekommen haben – und dafür Gott einmal Rechenschaft geben müssen –, soll die Gemeinde in Anerkenntnis dieses Auftrags Gehorsam und Folge leisten.

Wir wollen allerdings noch eine Ausnahmesituation bedenken, die das Neue Testament auch anspricht. Was geschieht, wenn ein Ältester sich an seinem Auftrag versündigt oder persönlich in Sünde lebt, so dass er die biblischen Voraussetzungen für den Ältestendienst nicht mehr erfüllt? Der 1. Timotheusbrief, Kapitel 5, Vers 19ff gibt dazu Auskunft. Zunächst wird der Älteste gegen vorschnelle Beschuldigung in besonderen Schutz genommen. Dem Timotheus wird dort gesagt: „Gegen einen Ältesten nimm keine Klage an, außer bei zwei oder drei Zeugen“ (V. 19). Dann aber wird in ganzem Ernst auch folgendes verfügt: „Die da sündigen, weise vor allen zurecht, damit auch die übrigen Frucht haben. Ich bezeuge es euch vor Gott und Christus Jesus und den auserwählten Engeln, dass du diese Dinge ohne Vorurteil befolgen und nichts nach Gunst tun sollst“ (V.20 ff). Im 3. Johannesbrief haben wir ein Beispiel für den apostolischen Umgang mit einem sündigen Ältesten, nämlich dem machtsüchtigen und egoistischen Ältesten Diotrephes. Dies ist also die Ausnahmeregelung für den Fall, dass der Älteste seiner Berufung nicht nachkommt. Im Übrigen aber anerkennt die Gemeinde die Beauftragung ihrer Ältesten durch Gott – und leistet ihnen Folge und Gehorsam aus Überzeugung.

Das bringt uns zu unserem letzten Punkt. Bisher sahen wir erstens, dass die Führungsautorität der Ältesten von der Gemeinde anerkannt werden soll, und zweitens, dass die Führungsautorität der Ältesten in ihrer gottgegebenen Dienstanweisung begründet liegt. Drittens zeigt uns unser Bibelwort nun noch folgendes:

 

3. Die Führungsautorität der Ältesten kann nicht ohne Schaden für die Gemeinde vernachlässigt werden

Der dritte Teil unseres Verses – also V.17c – macht deutlich, welchen Zweck die vorangehende Mahnung zum Gehorsam gegenüber der von Gott in eine bestimmte Verantwortung gestellten Führer verfolgt, nämlich: „... damit sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen, denn das wäre schädlich für euch!“ Ein doppelter Schaden wird hier aufgezeigt für den Fall, dass die Gemeinde den Ältesten die Gefolgschaft und den Gehorsam verweigert. Zunächst einmal wird der Schaden im Blick auf die Ältesten deutlich: sie würden dann ihren Dienst nicht mehr mit Freuden, sondern mit Seufzen tun. Und das soll nicht sein! Darf ich mich einmal mit einer Frage an die Gemeindeältesten unter den Lesern wenden: „Liebe Brüder, macht euch der Ältestendienst in unserer Gemeinde Freude – oder müsst Ihr Euren Dienst auch manchmal mit Seufzen tun?“ – Und an alle Gemeindeglieder unter den Lesern gewendet: „Verhalten wir Einzelnen uns so, dass unsere Ältesten ihren Dienst mit Freuden – und ohne Seufzen – tun können? Ist uns als Einzelne hier etwas bewusst, was in Ordnung gebracht werden sollte? Sollten wir vielleicht nach der Lektüre dieses Artikels noch ein Gespräch mit unserem himmlischen Herrn haben, in dem wir das eine und andere zu bekennen haben und vielleicht um eine ganz neue Haltung bitten müssen?“ Es wäre nicht gut, wenn wir als Gemeindeglieder so leben, dass unsere jeweiligen Ältesten Schaden nehmen und zum Seufzen kommen, statt zur Freude über ihren Dienst. Denn unser Bibelwort erwähnt noch einen anderen Schaden – den Schaden nämlich, den wir als Gemeinde nehmen, wenn unsere Haltung gegenüber den Ältesten nicht geistlich ist und sie ihren verantwortungsvollen Dienst entsprechend seufzend tun müssten. Die Bibel sagt dazu: „...denn das wäre schädlich (andere übersetzen: nicht nützlich) für euch“ (V. 17c). Wo der Ältestendienst durch persönliche Verweigerung, Unbotmäßigkeit und innere Opposition erschwert und verdunkelt wird, droht der Gemeinde Schaden. Es geht dann leicht einmal wie in Israel zur Richterzeit: „Es war kein König in Israel, und ein jeder tat, was ihm Recht erschien in seien Augen.“ Die Gemeinde zerfällt dann in Interessengruppen, die Einfluss zu gewinnen suchen. In Gemeindezusammenkünften geht es bald zu wie im Parlament. Durch kontroverse Diskussionen an den Ältesten vorbei sollen Anhängerschaften gewonnen werden, und Fraktionen werden mobilisiert. Kurzum: Gemeindedemokratie in ihrer zeitgeistgeprägten Form! Den Ältesten wird Opposition entgegengebracht, und sie verlieren die Freude an der geistlichen Leitung. Und so wird geistliche Führung, die eine Gemeinde dringend braucht, eher gehindert als gefördert. Ja, „es wäre für euch schädlich“, sagt der Hebräerbrief, wenn wir den gottgewollten Ältesten Gehorsam und Gefolgschaft schuldig blieben, so dass sie nur noch unter Seufzen ihren seelsorgerlichen Dienst wahrnehmen würden. Es wäre uns schädlich!

Die Gemeinde leitet sich nicht selbst; auch nicht ein breiter zusammen gesetzter Gemeinderat ist „die Gemeindeleitung“, sondern der Ältestenkreis leitet die Gemeinde. Allerdings darf die Gemeinde nicht zu einer „Presbyterokratie“ werden – sie muß unbedingt Theokratie bleiben. Und auch die Ältesten üben ihre Gabe nicht gegen den Leib Christi aus, sondern dienen im Leib Christi in Ergänzung zu den Gaben und Aufträgen anderer. Insofern gehören „Leitungsverantwortung der Ältesten“ und „Allgemeines Priestertum“ komplementär zusammen. Letztere Seite darf nicht untergehen, sonst wird die Sache ebenso falsch (Alleinherrschaft von Ältesten), wie bei einem entgleisten Kongregationalismus (Gemeindedemokratie). Lassen wir dieses Wort aus dem Hebräerbrief mit uns gehen und unsere eigene Einstellung und unser Gemeindeleben gründlich prägen: „Gehorcht (mit Überzeugung) euren Führern und fügt euch ihnen, denn sie wachen über eure Seelen als solche, die Rechenschaft geben sollen, damit sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen, denn das wäre schädlich für euch!“

 

 

[ 1 ] Der Autor, Professor Dr. Helge Stadelmann ist Dekan der Freien Theologischen Akademie in Giessen.  



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