Autorität und Führung in der christlichen Gemeinde

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Ein Exkurs zur Lektion Nr. 13 im Heft 1/1993 der "Gemeindebibelschule" des BEFG

(Manuskriptunterlagen)


Thema der Sonderlektion: Die Ältesten der Gemeinde; Bibeltexte: Apg. 20,28-32 u.a.m.



 

Der zeitgeschichtliche Hintergrund zu Apg 20

 

Paulus hält sich gegen Ende seiner dritten Missionsreise kurz in Milet auf (siehe englische Karte der 3. MR):

- Er läßt die Ältesten von Ephesus zu sich rufen.

- Er ermutigt sie zum verantwortlichen Hirtendienst.

- Er betet mit ihnen.

 

Paulus zieht dann mit dem Schiff weiter nach Jerusalem.

 

 

Bibeltext



Unser Text spricht von Ältesten (griechisch: "presbyteros" = der ältere Mann) in v.17

 

"Von Milet aber sandte er nach Ephesus und rief die Ältesten der Gemeinde herüber."

 

und Aufsehern (griechisch: "episkopos" = Bischof) in v.28.

 

"... in welche der heilige Geist euch als Aufseher gesetzt hat..."

 

 

I. Begriffsklärung: Ältester



Grundbedeutung des Hebräischen "zaqen"

 

* alt

* alter Mann

* Ältester: er hat Autorität über andere

 

 

Grundbedeutung des griechischen "presbyteros"

 

1) eine Bezeichnung des Alters:

 

* der ältere von zwei Menschen

("presbyteros" ist der Kom­parativ von "presbys")

* der in Jahren vorgerückte, der Senior

 

2) eine Bezeichnung des Position:

 

* Judentum:

Das Mitglied eines großen Rates. Die Leiter wurden aus einer Gruppe von älteren Männer gewählt.

 

* im antiken Griechenland:

Die Ältesten, die auf Grund ihres Ansehen und ihrer Würde den ersten Platz einnahmen.

 

 

Grundbedeutung des Griechischen "episkopos"

 

abgeleitet von  "epi" = über, "skopein" = sehen

 

* Ein Mann, der die Aufgabe hat, darüber zu wachen, daß Dinge, die von anderen getan werden müssen, gewis­senhaft getan werden.

 

 

II. Bezeugung der Ältestenschaft

Im Alten Testament

5. Mose 1:13 ff

Israel hat in seiner Mitte Männer, die den Dienst der Ältesten­schaft ausüben: sie führen die Sippenverbände.

 

- Sie sind die Führer und Richter im Volk.

* sie kennen sich im Gesetz aus

* sie sind weise,

           verständig,        

           anerkannt im Volk,

 

Die Ältesten im Volk haben sich bereits als solche bewährt Sie praktizieren die Aufgabe eines Ältesten: sind unter dem Volk bekannt.

 

 

4. Mose 11:16-30

Mose wird von Gott beauftragt Älteste zu benennen, die mit ihm die Last des Volkes tragen sollen. Gott wird ihnen von seinem Geist geben und sie sollen dann einen anerkannten und verant­wortungsvollen Dienst im Volke übernehmen.

 

Mose spricht zu dem Volk:

 

"Bringt weise und verständige und anerkannte Männer für eure Stämme, daß ich sie als Ober­häupter über euch einsetze"

 

- Älteste werden wegen ihrer Gabe erkannt:

 

- Älteste haben ein geistliches Anliegen:

* sie führen das Volk zu Gott hin

* sie sollen die Herzen des Volkes zu Gott hinwenden.

 

- Älteste sind demütige Vorbilder und Leiter des Volkes.

 

 

Lies auch Stellen wie: 5.Mose 31:9ff und 2. Chronika 19:8

 

5. Mose 31:9ff "Und Mose schrieb dieses Gesetz auf und gab es den Priestern, den Söhnen Levis, ... und allen Ältesten von Israel. Und Mose befahl ihnen und sagte: "Versammle das Volk ... damit sie hören und damit sie lernen und den HERRN, euren Gott, fürchten lernen alle Tage..."

 

2.Chronika 19:8 "Auch in Jerusalem bestellt Joschaphat Leviten, Priester und Familienoberhäupter (=Älteste) Israels für das Gericht des HERRN und für Rechtsstreitigkeiten ..."

 

Im Neuen Testament

Das NT bezeugt uns die Tradition des AT. In den Evangelien be­gegnen uns die Ältesten und Priester an vielen Stellen:

Mt 21,23    26,3.47     27,1.3.12.20    28,11f  u.a.

 

Die jüdische Tradition darf mit Recht als das Vorbild für die Leitungsstruktur in der Gemeinde angesehen werden.

 

Die Apostelgeschichte zeigt uns zuerst die Apostel und vor al­lem Petrus als die Verantwortlichen für die Leitung der Ge­meinde. Aber schon bald werden Älteste an der Leitung der Ge­meinde beteiligt:

 

Apg 11:30 "... das taten sie auch, indem sie es (die materielle Hilfeleistung) durch die Hand des Barnabas und Saulus an die Ältesten sandten."

 

Apg 15:2  "Als nun ein Zwiespalt entstand ... ordneten sie an, daß Paulus und Barnabas und einige andere von ihnen zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem hinaufgehen sollten wegen dieser Streitfrage."

 

Paulus hat diese Leitungsstruktur in Jerusalem kennengelernt und sie dann auf die Gemeinde übertragen.[1]

 


 

III. Verschiedene neutestamentliche Begriff

 

Für die Verantwortlichen und Leiter der Gemeinde kennt das Neue Testament folgende Begriffe. Jeder Begriff betont dabei einen anderen Aspekt des Dienstes.

 

* Ältester: das Wesen ist angesprochen:

- er ist geistlich gereift

- er ist reich an Erfahrung

- er ist reich an Weisheit und Urteilsfähigkeit

- er ist zur Führung begabt

 

 

* Bischof: der Dienst ist angesprochen:

- er dient den ihm anvertrauten Menschen

- er lehrt und ermahnt sie

- er sorgt für ein gesundes geistliches Wachstum

- er bewahrt vor ungesunder Lehre

- er wehrt der Verführung durch verkehrte Men­schen

 

 

* Vorsteher: die Verantwortung ist angesprochen:

- er steht der Gemeinde vor

- er trägt Verantwortung

- seine Autorität wird anerkannt

- er weist den Weg und das Ziel

- er trägt Sorge um jeden einzelnen

- er müht sich um die Einheit der Gemeinde

 

 

IV. Qualifikationen für den Dienst

 

Die Ältesten sollen für ihren Dienst qualifiziert sein:

 

Die Ältestenspiegel von 1. Tim 3:1-7, Titus 1:5-7, 1.Petrus 5:1-4, zählen einige Bedingungen auf, die Brüder für den Dienst eines Ältesten erfüllen sollen:

 

1. Tim 3:1-7

Das ist gewißlich wahr: Wenn jemand ein Bischofsamt begehrt, der begehrt eine hohe Aufgabe. Ein Bischof aber soll untadelig sein, Mann einer einzigen Frau, nüchtern, maßvoll, würdig, gastfrei, geschickt im Lehren, kein Säufer, nicht gewalttätig, sondern gütig, nicht streitsüchtig, nicht geldgierig, einer, der seinem eigenen Haus gut vorsteht und gehorsame Kinder hat in aller Ehrbar­keit. Denn wenn jemand seinem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie soll er für die Gemeinde Gottes sorgen? Er soll kein Neugetaufter sein, damit er sich nicht aufblase und dem Urteil des Teufels verfalle. Er muß aber auch einen guten Ruf haben bei denen, die draußen sind, damit er nicht geschmäht werde und sich nicht fange in der Schlinge des Teufels.

 

Titus 1:5-7

Deswegen ließ ich dich in Kreta, daß du vollends ausrichten solltest, was noch fehlt, und überall in den Städten Älteste einsetzen, wie ich dir befohlen habe: wenn einer untadelig ist, Mann einer einzigen Frau, der gläubige Kinder hat, die nicht im Ruf stehen, liederlich oder ungehorsam zu sein. Denn ein Bischof soll untadelig sein als ein Haushalter Gottes, nicht eigensinnig, nicht jähzornig, kein Säufer, nicht streitsüchtig, nicht schändlichen Gewinn suchen; sondern gastfrei, gütig, besonnen, gerecht, fromm, enthaltsam; er halte sich an das Wort der Lehre, das gewiß ist, damit er die Kraft habe, zu ermahnen mit der heilsamen Lehre und zurechtzuweisen, die widerspre­chen.

 

1.Petrus 5:1-4

Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: Weidet die Herde Gottes, die euch anbe­fohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

 

Aus den verschiedenen Texten ergeben sich folgende Bedingungs-Kategorien:[2]

 

1 - Geistliche Eigenschaften

2 - Persönliche Eigenschaften

3 - Familieneigenschaften

4 - Dem Dienst zugeordnete Qualifikationen




Positiv ausgedrückte Bedingungen [3]

 

1) untadelig (l.Tim.3,2, Tit.1,6+7)

2) redlich, wahrhaftig, ehrenwert, ehrbar, geachtet, Würde und Respekt einflößend (l.Tim.2,2)

3) nüchtern, wachsam, klares Denken in allen Situationen (1.Tim 3,2)

4) besonnen,vorsichtig, nicht übereilend, gesunde Selbstein­schätzung, ausgeglichen (1.Tim 3,2)

5) sittsam, anständig im Reden und Benehmen, bescheiden (1.Tim 3,2)

6) das Gute liebend, ein Freund des Guten (Tit 1,8)

7) gerecht (Tit 1,8)

8) sich selbst beherrschend, enthaltsam (Tit 1,8)

9) zu jedem guten Werk bereit (Tit 3,1)

10) sich den staatlichen Gewalten und Mächten unterordnend (Tit 3,1)

11) milde (Tit 3,2)

12) sanftmütig (Tit 3,2)

13) demütig (1.Petr 5.5)

14) freundlich (Gal 5,22

15) langmütig (Gal 5,22)

16) liebevoll (Gal 5,22)



Negativ ausgedrückte Bedingungen:

1) kein Trinker, nicht dem Weingenuß ergeben (1.Tim 3,3+8; Tit 1,7)

2) nicht geldliebend, nicht schändlichem Gewinn nachgehend (1.Tim 3,3+8; Tit 1,7,10-11; 1.Petr. 5,2)

3) nicht jähzornig (Tit 1,7)

4) nicht gewalttätig, nicht zur Gewalt greifend, kein Schläger (1.Tim.3,3; Tit.1,7)

5) nicht doppelzüngig (1.Tim 3,8)

6) nicht selbstgefällig, nicht eigenmächtig handelnd (1.Tim 1,7)

7) nicht streitsüchtig (1.Tim 3,3; 2.Tim 2,24; Tit.3,2)

8) nicht lästerlich redend (Tit 3,2)

9) nicht verleumderisch (1.Tim 3,11)

10) nicht beherrschend (1.Petr 5,3)



Geistliche Eigenschaften

1) heilig, fromm (Tit 1,8)

2) sich an das Wort Gottes haltend, gesunder Lehre anhängend (Tit 1,9)

3) das Wort des Glaubens in reinem Gewissen bewahren, (l.Tim.3,9)

4) kein Neubekehrter (1.Tim 3,6)

5) treu im Gebet (Apg 6,4)

 

 

Beziehung zu anderen

1) mit Milde zurechtweisen können (2.Tim.2,24+25)

2) friedfertig, "haltet Frieden untereinander" (1.Thess.5,13)

3) ein gutes Zeugnis von den Außenstehenden haben, einen guten Ruf bei den Ungläubigen geniessen (1.Tim.3,7)

4) gastfreundlich (1.Tim 3,2; Tit 1,8)

 

 

Familienleben

 

1) Mann einer Frau: (1.Tim 3,2; Tit. 1,6)

    * Ehelosigkeit oder Witwerschaft ist auch eine Option.

    * Wenn aber verheiratet, dann nicht vormals geschieden und nach einer Scheidung wiederverheiratet.

    * Als Ehemann treu zu seiner Ehefrau stehend (keine heimliche Geliebte nebenher; keusch im Verhalten anderen Frauen gegenüber).

2) seinem Haus wohl vorstehen (1.Tim 3,4a)

3) seine Kinder in Zucht und Ehrbarkeit erziehen (1.Tim 3,4b)

    * gläubige Kinder = treue Kinder; sie müssen nicht unbedingt wiedergeboren sein
    * den Eltern sich unterordnende Kinder, zumindest bis zur Volljährigkeit



Diensteigenschaften

 

1) lehrfähig (1.Tim 3,2; 2.Tim 2,24)

2) fähig zur Ermahnung (Tit 1,9; 2.Tim 2,25)

3) fähig zur Überführung der Widersprechenden, zurechtweisen der Unordentlichen (Tit 1,9; 1.Thess.5,12)

 

 

Dienstaufgaben

1) die Gemeinde Gottes hüten, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, Gott gemäß, nicht beherrschend (Apg.20,28; 1.Petr.5,2)

2) Vorbild der Herde werden (1.Petr.5,3)

3) der Gemeinde vorstehen, unter den Geschwistern arbeiten, sie zurechtweisen (1.Thess.5,12)

4) Verwalter sein (Lukas 12)

5) die Ältesten werden vor Gott Rechenschaft ablegen (Heb 13,17)






V. Erkennung der Ältesten

 

Der HERR selbst gibt seiner Gemeinde die Gabe der Ältesten­schaft und ER befähigt Brüder zu diesem Dienst (Epheser 4,11). Deshalb darf die Gemeinde in ihrer Mitte Älteste erkennen und anerkennen.

 

Die Gemeinde soll nicht willkürlich Älteste aus ihrer Mitte heraus wählen und ihnen dann Autorität verleihen, vielmehr soll sie in geistlicher Weise diejenigen "erkennen" und benennen, die der HERR Jesus als Hirten seiner Gemeinde gegeben hat.

 

Für die Berufung zum Ältestendienst ist nicht die einfache Mehrheit ausschlaggebend, sondern die Einmütigkeit der Ge­meinde.

 

Wer sich für den Ältestendienst als erprobt und bewährt er­wiesen hat, der darf in der Gemeinde mit Anerkennung und Unter­stützung rechnen. Die Gemeinde wird sich solch einer Ältesten­schaft willig und liebevoll anvertrauen.

 

Wie das Erkennen der Ältesten im konkreten Fall geschieht, kann auf unterschiedliche Weise erfolgen.

 

1) Die Berufung kann der Selbsteinschätzung der Brüder überlassen werden, oder

 

2) der Ältestenkreis kann Brüder vorschlagen und dann der Gemeinde zur Bestätigung vorstellen oder

 

3) die ganze Gemeinde kann an dem Erkennungsvorgang betei­ligt werden.[3]

 

Die Anerkennung der Ältesten durch die Gemeinde kann gerade in schweren Zeiten eine wertvolle Stütze für alle sein, damit im Auftrag des HERRN Dienste und Aufgaben wahrgenommen werden kann.



VI. Anerkennung der Ältesten

 

Weil der Ältestendienst im Auftrag und in der Abhängigkeit des Herrn geschieht, soll die Gemeinde ihre Ältesten anerkennen und  sie in ganz besonderer Liebe achten.

 

Vor allem diejenigen, die durch die Verkündigung und in der Un­terweisung der Gemeinde dienen, sollen doppelter Ehre geachtet werden. Das kann auch mit einem finanziellen Ausgleich verbun­den sein, wenn Älteste darauf angewiesen wären. Der vollzeitli­che Dienst eines Ältesten hat somit seine biblische Berechti­gung.

 

Älteste dürfen nicht schutzlos dem Gerede der Gemeinde ausge­setzt werden. Wer Klagen vorzubringen hat, der darf das nur in Verbindung mit Zeugen tun.

 

Sind die Klagen berechtigt und ist ein Ältester seiner Sünde überführt, soll die Ermahnung vor der ganzen Gemeinde gesche­hen.

 



Literatur:



Oswalds Sanders, Verantwortung - Leitung - Dienst, Brockhaus-Verlag 19772, vgl. einen Auszug aus obigen Buch "Die Suche nach Leitern" in "Die Botschaft" Nr. 2 /1977, S.45



Gerhard Jordy, Die Ältesten der Gemeinde, Brockhaus-Verlag 1988



Alfred Kuen, "Die Dienste in der Gemeinde" in FUNDAMENTUM FETA Basel, Artikelserie 4/1981 bis 1/1983 und die stark gekürzte Wiedergabe dieser Serie in "Die Botschaft" 11/1984 bis 3/1985



Alexander Strauch, Biblische Ältestenschaft - Ein Aufruf zu schriftgemäßer Gemeindeleitung, Verein zur Förderung des christlichen Glaubens, A-4910 Ried im Innkreis, 1998






[1] R.T.Beckwith, "Ältester", in Das große Bibellexikon I, Brockhaus-Verlag 1987

[2] Alfred Kuen, "Die Dienste in der Gemeinde", in FUNDAMENTUM 1/1982

[3] Nach einem Manuskript von Dr. Klaus Hofsommer; weitere Eigenschaften wurden ergänzt

[4] Gerhard Jordy, Die Ältesten in der Gemeinde, Brockhaus-Verlag 1988, S.40




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