Was ist eine Brüdergemeinde?

Ein Beitrag zum Selbstverständnis der Brüdergemeinden

von Hartwig Schnurr [ 1 ]


0. Aus der Geschichte

Die Brüderbewegung fand ihren Anfang im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, und zwar in England und Irland. In Deutschland entstand sie wenig später, nämlich um 1850. Das Anliegen der Brüderbewegung war es, angesichts der verschiedenen staats- und freikirchlichen Gemeinden, die aus dem reformatorischen Durchbruch im 16. Jahrhundert entstanden waren, die Zusammengehörigkeit der Gläubigen neu ins Bewußtsein zu rufen. Aus der Suche nach der sichtbaren Einheit der Gemeinde von Jesus Christus erwuchs dann die Brüderbewegung, deren Ziel es war, die Einheit der Kirche Christi zu bezeugen.

Man wollte also nicht eine neue freikirchliche Gruppe bilden, sondern das Einsein der wahren Gläubigen sichtbar werden lassen. Deshalb wollte man im Blick auf Gemeinschaft, besonders beim Abendmahl, offen sein für jeden wahren Christen. Aus diesem Anliegen heraus ist dann u.a. die Bewegung der sogenannten "Offenen Brüder" entstanden.

Heute gibt es Brüdergemeinden über das ganze Bundesgebiet verteilt und in vielen anderen Ländern der Erde. In einigen Ländern sind die Brüdergemeinden eine starke, teilweise sogar die stärkste evangelikale, ja evangelische Gemeindegruppe überhaupt, wie z.B. in Spanien, Italien, Rumänien, in Argentinien, Neuseeland und in Teilen Westafrikas und Südindiens. Hier wachsen sie und breiten sich bis heute weiter aus. Geistliche Impulse der Brüderbewegung und praktische Mitarbeit von "Brüdern" in vielen christlichen Werken sind weit über die Grenzen der Brüdergemeinden hinaus gegangen, wenn auch im angelsächsischen Raum stärker als im kontinental-europäischen.

Worin besteht nun das Profil der Brüdergemeinden? Was macht ihre Eigenart aus und worauf legen sie wert? Dies sei in dieser Übersicht kurz dargestellt.


1. Der Name - "einfach Brüder"

Brüdergemeinden - der Name läßt für manche heute sofort den Verdacht aufkommen, hier sei eine Gemeinschaft beschrieben, in der nur Männer einen Platz haben. Ganz anders ist der Begriff gemeint: "Einer ist euer Meister, ihr alle seid Brüder" (Mt.23,8.10), sagt der Herr und macht damit unmißverständlich klar, daß es in der Gemeinde Jesu keine geistliche Hierarchie geben darf. "Einfach als Brüder" zusammenkommen - das war der Wunsch zu Beginn der Bewegung. Also ohne Abgrenzung von oben nach unten, aber auch nicht zur Seite hin. Denn ein Name, eine Denomination oder Benennung bedeuten ja immer auch Abgrenzung von anderen Kindern Gottes, und die wollte man überwinden. Nach der Einheit des Leibes zu suchen, das war der aufrichtige Wunsch der Brüderbewegung.

Auch heute gilt noch, daß Brüdergemeinden Wert legen auf einen brüderlichen Ton in der Annahme aller wahrhaft Gläubigen, aber auch, daß der Name "Brüdergemeinden" nicht als konfessionelle Abgrenzung verstanden wird. Natürlich ist heute klar, daß jede Bezeichnung, und sei sie noch so wenig als Abgrenzung gemeint, irgendwann zu einer solchen wird. Aber Brüdergemeinden wollen den "konfessionellen Zaun" so niedrig wie möglich halten.


2. Die Grundlage - die Schrift

Ganz nah am Neuen Testament wollen unsere Gemeinden sein, und zwar nicht nur in ihrer grundsätzlichen Berufung, sondern auch in der Gestaltung ihrer Strukturen und des ganz praktischen Gemeindelebens.

Mit dieser Betonung auf der Schrift ist ein Mehrfaches gesagt: Zum einen sollen unsere Gemeinden sich immer wieder neu an der Schrift messen und sich durch sie korrigieren lassen. Das ist in der Vergangenheit nicht immer leicht gewesen, gerade weil wir uns eines wertvollen Erbes aus unserer Geschichte bewußt waren. Aber den katholischen Weg "Schrift und Tradition" dürfen Brüdergemeinden nie gehen, und deswegen müssen Formen und Inhalte des Gemeindelebens immer an der Schrift geprüft werden. Was kann uns schon passieren, wenn wir uns eng an die Schrift halten?

Zum anderen setzt diese Betonung der Schrift voraus, daß in unseren Gemeinden eine tiefe Bibelkenntnis vorhanden ist, und zwar bei möglichst vielen Gemeindegliedern und nicht nur von den Verantwortlichen. Biblische Lehre muß tief verwurzelt sein, schon in den Familien. Die früher sprichwörtliche Bibelkenntnis in den Brüdergemeinden steht heute in Gefahr. Wie steht es mit dem persönlichen Bibelstudium, mit dem Platz der Bibel in den Familien, wie mit den Bibelstunden der Gemeinden? Die Brüdergemeinden werden nur dann geistlich gesund bleiben, wenn heute auf allen Ebenen eine Vertiefung der Arbeit an der Bibel geschieht. Systematisches Bibelstudium ist wichtiger denn je für unsere Gemeinden. Es gibt immer bessere Hilfsmittel dazu heute, aber sie werden weniger denn je genutzt.

Die intensive Beschäftigung mit der Schrift hat in den Brüdergemeinden zu einer heilsgeschichtlichen Betrachtungsweise geführt. Dadurch wird die innere Gewichtung und Zielrichtung der Schrift deutlich; wer Gottes Handeln in der Geschichte erkennt, dem gelingt es auch heute leichter, Strömungen zu durchschauen, die aus einer unnüchternen Sicht entstanden sind. Vor allem aber lenkt die heilsgeschichtliche Sicht auf das Ziel der Gemeinde Jesu hin: ihre Gewißheit, einmal ganz mit ihrem Herrn vereinigt zu sein und ihn zu sehen, wie er ist! In unseren Gemeinden hat diese Sicht einen wichtigen Platz gehabt und ihre wesentliche Antriebskraft ausgemacht. Dies läßt sich besonders am Liedgut erkennen. Wie kann diese Ausrichtung heute wieder gewonnen werden?


3. Das Herzstück - die Mahlfeier

Von Anfang an herrschte in den Brüdergemeinden die Überzeugung und Praxis, daß die Anbetung Gottes das entscheidende Merkmal und wichtiger sei als die eigene geistliche Erbauung. Die Gemeinde versammelt sich zur Anbetung Gottes und findet darin ihren eigentlichen Sinn. Aus diesem Grund ist die Mahlfeier auch immer das Herzstück der gemeindlichen Zusammenkünfte gewesen. Die sonntägliche Verkündigung des Todes unseres Herrn in der Mahlfeier führt zum Zentrum unseres Glaubens und macht uns immer wieder deutlich, was wir alles in Christus haben. Die Freude über seine lebendige Gegenwart unter uns und unsere herrliche Zukunft bei Ihm drückt sich aus in Lob und Dank. So bewahrt die Anbetung Gottes uns vor einem Drehen um uns selbst und gleichzeitig vor manchem falschen Akzent, der auf menschlicher Leistung liegt. Wir sind zuallererst Beschenkte!

Kein Zweifel - an dieser Stelle bedarf es heute einer Neu- oder Wiederentdeckung. In einer Zeit, in der eigene menschliche Befindlichkeiten mehr kultiviert werden als das, was Gott wichtig ist, gerät die Mahlfeier an manchen Orten an den Rand des Gemeindelebens. Die Anbetung Gottes, die lange Zeit unserer Gemeindebewegung die Dynamik gab, muß neu in den Mittelpunkt kommen und wieder besonders mit der Mahlfeier verbunden werden. Wo Kinder Gottes sich aus dankbarem Herzen um ihren Herrn sammeln, bleibt auch der Segen für sie selbst nicht aus. Wo dieses Grundanliegen gewahrt bleibt, muß die Gestaltung der Mahlfeier nicht in jeder Generation nach dem gleichen Muster verlaufen oder in eine Verengung geraten. Sie ist aber ein gutes Indiz dafür, wie der Einzelne und die ganze Gemeinde in der Liebe zu ihrem Herrn steht.


4. Die Triebfeder - der Geist Gottes

Die Betonung der Geistesleitung hat die Brüdergemeinden entscheidend geprägt. Dabei geht es um weit mehr als um die Gestaltung der Zusammenkünfte. Der Herr soll die Gemeinde leiten, nicht Menschen. Von Menschen errichtete Strukturen sind sekundär und dürfen nicht zu Krücken des geistlichen Lebens werden, die mehr hindern als fördern. Der Geist soll alle Freiheit unter uns haben.

Dieser Gedanke muß auch heute betont werden, aber er bedarf einer Präzisierung. Gott will durch seinen Geist leiten, aber er tut sein Werk durch geistgeleitete Menschen. Geistesleitung ist mehr als Verzicht auf Strukturen. Geordnete Strukturen, wenn sie sich an das Neue Testament halten, können als als Hilfen zum Leben angesehen werden. Es gibt fördernde, aber auch hemmende Strukturen, die wir erkennen müssen. Daß Brüdergemeinden einem Übermaß an festgelegter Struktur und Organisation gegenüber wachsam sind, ist nur gut und hilfreich.

Geistesleitung ist auch mehr als Spontaneität. Eine in der Stille vor Gott erbetene Verkündigung an die Gemeinde ist nicht weniger geistgeleitet als ein spontanes Wort - im Gegenteil, manch ein spontaner Beitrag trägt die Spuren des Eigenen nicht Geistgewirkten an sich, ist oft nicht mehr als eine leere Gedankenkette.


5. Die Dienste - das allgemeine Priestertum

Unsere Gemeinden leben von der Mitverantwortung aller ihrer Glieder. Diese Tatsache liegt im "Allgemeinen Priestertum aller Gläubigen" begründet. So wie jeder Gläubige einen direkten Zugang durch Jesus Christus zum Vater im Himmel hat, so hat auch jeder Gaben anvertraut bekommen, mit denen er Gott und seinen Geschwistern dient. Das macht den ganzen Reichtum einer Gemeinde aus, und jede Gabe ist wichtig.

Vielleicht wurden zu manchen Zeiten in unseren Gemeinden die Wortgaben zu sehr betont. Der praktische Dienst der Nächstenliebe, der Dienst der Seelsorge und des ermutigenden Ermahnens blieben oft im Hintergrund. Hier haben wir vieles nachzuholen!

Heute ist, bedingt durch gesellschaftliche Einflüsse, das Konsumdenken eine Gefahr - auch in Brüdergemeinden!

Die Leitung der Gemeinden geschieht durch Älteste, die in einer bruderschaftlichen Weise der Gemeinde vorstehen und durch ihr Vorbild zur Einheit der Geschwister und zu einem geheiligten Leben ermutigen. Entscheidend ist nicht, wie diese Ältesten von der Gemeinde erkannt werden, sondern daß sie sich vom Herrn in diesen Dienst rufen lassen. Nicht immer ist die Notwendigkeit einer biblischen Ältestenschaft in unserer Geschichte so klar gesehen worden, wie es heute weitgehend der Fall ist. Unumstritten war aber immer ein Ältestendienst, der von verantwortlichen Brüdern geschah.

Die Leitung der Gemeinde durch die Ältestenschaft ist nach dem Neuen Testament Brüdern anvertraut. Sie sind in eine besondere Verantwortung gestellt. Wenn Brüder diese Verantwortung nicht mehr wahrnehmen und sich zurückziehen, wird eine Feminisierung in der Gemeinde Jesu Einzug halten, wie sie in den großen Kirchen bereits stattgefunden hat.

Aber der Dienst der Schwestern ist in seiner Bedeutung neu zu entdecken. Oft haben wir durch Mangel an Information und Anteilgeben am geistlichen Geschehen in der Gemeinde auf das Mittragen der Schwestern verzichtet. Hier haben wir noch zu lernen! Welch eine herausragende Rolle die Schwestern einer Gemeinde gerade bei missionarischen Kontakten heute spielen, wird uns immer deutlicher. Gott hat ihnen wie den Brüdern eine Fülle von Gaben anvertraut, die man nicht sieht, wenn man den Dienst in einer Gemeinde weitgehend auf den Dienst am Wort beschränkt.

Entgegen mancher Vorstellung und Praxis in anderen Gemeindeformen ist die Gemeinde Jesu aus der Sicht der Brüdergemeinden auch ohne hauptberufliche "Amtsträger" voll funktionsfähig. Der hauptberufliche Dienst ist eine hilfreiche Ergänzung, aber kein Wesensmerkmal einer neutestamentlichen Gemeinde. Hauptberuflicher Dienst ist vom Neuen Testament her begründet, hat aber keinen Anspruch auf einen eigenen, besonderen Status. Wenn er im Segen geschieht, dann wird er dazu beitragen, daß Gaben in der Gemeinde gefördert und nicht gehindert werden.


6. Der Auftrag - Mission

Gemeinde Jesu hat einen Auftrag: Mission, bis der Herr wiederkommt. Von Anfang an waren Mission und Evangelisation im Leben der Brüdergemeinden fest verankert, wie dies etwa im Dienst von Anthony Norris Groves und Georg Müller deutlich wird. Bibelverbreitung und persönliche Evangelisation hatten einen festen Platz. Auch in unserem Jahrhundert hat Gott Aufbrüche zur Mission geschenkt. Wo stehen wir heute? Ist der Eifer erlahmt?

Wenn Gemeinden nicht mehr missionieren, hat das Rückwirkungen auf ihr inneres Leben. Wenn Menschen in ihrer Mitte nicht mehr zum Glauben kommen und frisches geistliches Leben entsteht, dann gibt es Verkrustungen und interne Schwierigkeiten. Gewiß ändern sich die Wege, die wir heute zu den Menschen beschreiten müssen, aber die Liebe zu den verlorenen Menschen muß die gleiche bleiben ebenso wie der Gehorsam zum Herrn der Mission.

Heute ist Mission in vielerlei Hinsicht angefochten: Der Zeitgeist relativiert die Notwendigkeit des einen Erlösungsweges zu Gott, Konsum und Bequemlichkeit rauben die Kräfte, hinzugehen in ein anderes Land oder auch unterscheidbar zu werden für eine Welt im eigenen Land, die nichts mehr von Jesus und seiner rettenden Botschaft weiß. Und dennoch: Mission, weil Jesus kommt - das ist ein großes und schönes Ziel, das unsere Gemeinden auch heute neu beflügeln muß.


[ 1 ]    Hartwig Schnurr hat Romanistik, Slawistik und Theologie in Gießen, Marburg und Göttingen studiert. Von 1979 - 2002 war er Dozent für Altes Testament, Dogmatik und Ethik an der »Biblisch Theologischen Akademie Wiedenest« (Forum Wiedenest).

Dieser Artikel erschien erstmalig in der Zeitschrift der Brüdergemeinden "Die Botschaft" Nr. 1/1996



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Ins Netz gesetzt am 26.06.2001; letzte Änderung: 23.05.2013
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